Glockenklang zur Weihnachtszeit

 

Der Heiligabend war kalt und klar. Draußen, hinter dem Fenster der winzigen Stube,

strahlten im blauweißen Schimmer die Dächer der kleinen Stadt. Aus einigen Kaminen

stieg der Rauch kerzengerade zum sternbesäten Himmel empor, durchsichtig und leicht.

Die alte Frau saß am Fenster und starrte gedankenverloren hinaus. Sie wartete auf ihren

Sohn. Die letzte Weihnachtskarte war viele Jahre alt, abgegriffen und vergilbt. Sie hielt

sie fest in ihren Händen. Auf dem Tisch flackerte die heruntergebrannte Kerze und

spiegelte sich im Fensterglas.

Durch die Wand der Nachbarswohnung drangen die Weihnachtslieder ihrer Kindheit. Es

duftet nach Tannennadeln und Äpfeln.

Siebzig Jahre waren gelebt! Wo waren sie hin? Was war ihr geblieben? Ihr Sohn hatte die

Mutter vergessen. Ein schmerzlicher Zug lag um ihre Lippen. Von ferne läuteten die

Glocken. Sie riefen die Menschen zum Gottesdienst um die frohe Botschaft zu verkünden.

Froh? Welche Botschaft?

Still saß sie da, während die Dunkelheit wuchs.

Plötzlich pochte es leise an ihre Zimmertüre.

„Komm nur herein", sagte sie erfreut, „ich habe schon lange auf dich gewartet!“

Sie stellte ihm einen Stuhl zurecht.

„Trink noch ein Glas Tee mit mir“, bat sie. „Es ist so eine kalte Nacht!“

Bedächtig holte sie ein zweites Glas aus dem Schrank.

Beide tranken stumm ihren Tee. Nur der langsame Schlag ihres Herzens war zu hören.

Tock-tock-tock-tock.

Er stellte sein leeres Glas neben dem ihren.

„Du weißt, dass ich dich heute mitnehmen werde“, sagte er und hielt ihr die Hand

entgegen.

Die alte Frau nickt wehmütig. "Mir ist kalt."

Ihr Fortgehen blieb von den Nachbarn unbemerkt. Als die Hausbewohner die Tür

aufbrachen, standen auf dem Tisch zwei verstaubte Teegläser, dazwischen etwas

Kerzenwachs. Auf dem Boden lag der letzte Gruß ihres Sohnes, als wäre er gerade ihren

Händen entglitten. Der Winter war längst vergangen und hatte dem Frühling Platz

gemacht.©