Emma, die Weihnachtsgans
 

Der ganze Reichtum der Familie Betke waren ihre drei Kinder, eine Handvoll Hühner und zwei Gänse, eine davon mit Namen Emma. Sie hatte Narrenfreiheit, lebte schon lange bei ihnen und gehörte den Kindern. Die Namenlose, war zum schlachten bestimmt.
Am ersten Weihnachtsfeiertag gab es, wie jedes Jahr, Gänsebraten, Rotkraut und Klöße.
Tibor Betke, der Zehnjährige, war draußen hinterm Haus und baute einen Schneemann. Da hörte er plötzlich das laute, empörte Geschnatter von Emma. Er drehte sich um und sah, wie sein Vater das Beil hob und schon flog Emmas Kopf vom Hackklotz. Vor Schreck fiel ihm die Kohle aus der Hand, die er dem Schneemann als Augen hatte einsetzten wollen. Schreiend rannte er ins Kinderzimmer und erzählte Claudia und Jana, seinen kleineren Geschwistern, dass Emma ohne Kopf sei und wahrscheinlich gleich mit Kastanien gefüllt im Ofen schmoren würde! Augenblicklich begann so ein lautes Geheule, dass ihre Mutter ins Kinderzimmer gestürzt kam.
„Papa hat Emma geköpft, er hat die Falsche geschlachtet!" ,schrie Tibor immer wieder und wischte sich mit seinen kohlschwarzen Händen die rollenden Tränen ab.
Die sechsjährige Claudia und Jana, die Vierjährige, weinten still vor sich hin. Frau Betke strich ihren Kindern über die Köpfe, als sie hörte, was passiert war. Sie versprach ihnen alles Mögliche, aber die Kinder wollten nichts haben. Sie waren auch nicht zu beruhigen.
Herrn Betke war diese Trauer unverständlich. Herrgott, ja, er hatte die beiden Gänse verwechselt. Was war daran so schlimm?
"Gans ist Gans", sagte er zu den Kindern.
Aber die dachten anders darüber. Für sie war es ein Verbrechen, eine Gemeinheit, dem ihr Liebling, dieses schutzlose Geschöpf, zum Opfer gefallen war.
Gestern noch, war Emma stolz durch ihre Zimmer gewatschelt, war gestreichelt worden und hatte ihnen eine unverständliche Geschichte vorgeschnattert. Für die Kinder war die Gans ein Familienmitglied, und die Vorstellung, sie läge mit Kastanien gefüllt in der Bratröhre, erweckte in ihren kleinen Kinderseelen das Gefühl, es wäre ein Mord geschehen.
Frau Betke wusch den Dreien das verweinte Gesicht und bat sie, ihren Vater bei Tisch mit weiteren Klagen und Weinen nicht zu verärgern. Aber es gelang ihnen nicht, die Traurigkeit zu überwinden.
Mittags saßen sie auf ihren Stühlen, wie auf einer Beerdigung. Ihre Mutter servierte Emma auf einer Platte aus Silber. Ein Tranchierbesteck steckte in ihrem Körper. Ihre abgehackten Watschelfüße ragten steif und gebräunt in den Himmel. Als die Kinder das sahen, plärrten sie gleichzeitig los.
Die verweinten Augen seiner drei Lieblinge, ließen den Vater nicht kalt. Hätte er doch bloß besser hingesehen!
„Ach was“, dachte er, „wozu hat man die Tiere? Kindern muss man nicht immer nachgeben!“ Er nahm das Besteck in die Hände und sagte: „Herrlich, so ein knuspriger Weihnachtsbraten!“
Tibor sprang auf: „ Du … du … willst doch nicht Emma essen?“
„Du Menschenfresser“, wollte er noch sagen, aber er hielt sich zurück.
Das war Herrn Betke zu viel. Er sprang auf, der Stuhl kippte nach hinten gegen die Wand, und er verließ den reich gedeckten Tisch.
Die Mutter trug die gebratene Emma stillschweigend in die Küche zurück.
„Was machen wir jetzt mit ihr?“, wollte sie wissen.
„Wir bringen sie zu Gohlkes, die haben nie genug zum essen!“, war Janas Idee und ihre Mutter war damit einverstanden.
Tibor trug den Korb mit der Weihnachtsgans und seine beiden Geschwister liefen hinterher.
Draußen herrschte völlige Stille. Die Straße und der Stall, in dem am Morgen Emma noch lustig geschnattert hatte, waren mit frisch gefallenem Schnee bedeckt.
In den Bäumen und Ästen blitzte es silbern wie tausend Sterne.
Frau Gohlke öffnete ihnen die Türe. Hinter ihr standen fünf hungrige Mäuler.
„Frohe Weihnachten, Frau Gohlke“, sagte Tibor. „Meine Mutter schickt Ihnen ein Geschenk, und sie wünscht Ihnen guten Appetit!“
Verdutzt nahm Frau Gohlke die Bescherung entgegen und bedankte sich. Die Freude stand ihr im Gesicht geschrieben.

Im Gänsemarsch trotteten die Kinder nach Hause. Traurig dachten sie an ihre Freundin Emma, die wie ein Mensch gewesen war und nicht verdient hatte, im Backofen zu enden!
Gut, sie hatten noch eine Gans, aber es war eben nicht Emma!
Und schon wieder flossen die Tränen.