Die Losverkäuferin
 

Pünktlich zur Weihnachtszeit hatte es geschneit. Marie blickte versonnen auf die weiße Pracht. Sie liebte den Winter, doch unter den gegebenen Umständen konnte sie sich nicht damit anfreunden. Was hatte ihre Mutter sich nur dabei gedacht, in diese Einöde zu ziehen?
Agnes, ihre Mutter, stand in der spärlich eingerichteten Küche und machte das Abendbrot. Plötzlich erfasste Marie eine unbändige Wut. Alle ihre Träume waren bisher geplatzt. Auf der Oberrealschule in der Stadt hatte sie die Aufnahmeprüfung spielend geschafft. In kurzer Zeit war sie eine der Besten in ihrer Klasse. Nie hatte sie Frühstück oder ein Vesperbrot mit. Wenn sie nach Hause kam, gab es kein Mittag. Aber das Schlimmste war, ihre Mutter hatte kein Geld für eine Monatskarte für die Zugfahrt. Oft fuhr sie per Anhalter zur Schule oder überhaupt nicht. Marie konnte nicht mehr. Mit leerem Magen kann man nicht lernen. Sie ging zur Hauptschule zurück, absolvierte das letzte halbe Jahr und verließ mit vierzehn Jahren die Schule, um arbeiten zu gehen. Das alles stieß ihr so bitter auf, als sie in die Winterlandschaft blickte.  
"Mama, kannst du mir sagen, wie ich von hier aus zur Arbeit kommen soll?" Ihre Mutter schwieg, als hätte sie diese Frage nicht gehört. "Und wie kommt der Kleine in den nächsten Ort zur Schule?"
Wieder keine Antwort.
"Aber du musst dir doch darüber Gedanken gemacht haben? - Es fährt kein Bus, es gibt keine Bahn. Wir besitzen weder ein Auto noch ein Fahrrad. Was nützt uns eine größere Wohnung, wenn wir dafür keine Möbel haben und in leeren Zimmern hausen! Außerdem brauchen wir zum Leben meinen Verdienst!" Marie arbeitete inzwischen in einer Glasbläserei in der Stadt und es machte ihr Spaß. Sie blies wunderschöne Weihnachtskugeln und Spitzen. Heinz, ihr Bruder, war in den Kohlenpott gegangen und arbeitete unter Tage. In seinem Pass hatte er sich älter gemacht, sonst hätte man ihn nicht genommen. Irmi, ihre Schwester, war nicht mehr mitgezogen. Sie hatte sich ein Zimmer genommen und arbeitete in einer Uhrenfabrik. 

„Ich hab` das Hungern so satt“, hatte sie zu Marie gesagt, als sie wieder einmal ein paar gekochte Kartoffeln mit Muckefuck anbriet, statt mit Fett.

„Was ist nur aus unserer Mutter geworden?“

 

Im Nebenzimmer krähte ein Dreijähriger. Obwohl Marie den Kleinen von Herzen liebte, sagte sie boshaft: „Bei all unserem Elend, war der auch nicht mehr nötig!“

Agnes blieb stumm. Sie blickte nicht einmal auf. Marie konnte sich nicht mehr beherrschen.
"Wie konntest du nur mit uns in dieses Nest ziehen? Die Miete ist zu hoch, wir  hungern noch immer und eines Tages werden wir auf der Straße sitzen! Außerdem - immer wenn wir uns irgendwo eingelebt haben und uns wohlfühlen, ziehen wir wieder weg. Du bist wie eine Zigeunerin. Nirgends fühlst du dich mehr wohl. Weißt du überhaupt, was du uns damit antust? Dann geh`doch zurück in unsere Heimat, die von Polen besetzt ist. Ihre Sprache beherrscht du ja perfekt.“ Marie erschrak vor sich selber, so zornig war sie. „Ich mach das nicht mehr mit. Überall geht es aufwärts, nur bei uns geht es bergab! Bitte Mama, sag doch etwas", bettelte sie.
Marie zuckte zusammen, als ihre Mutter plötzlich losschrie:
"Wenn es dir hier nicht gefällt, dann verschwinde! Du weißt ja, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat!"
So hatte ihre Mutter noch nie mit ihr gesprochen. Blind vor Tränen stopfte sie  einige Sachen in einen kleinen Pappkoffer und lief hinaus in die eiskalte Nacht.

 

 

Nach vielen Stunden Fahrt bedankte sich Maria bei dem netten Lastwagenfahrer für die freundliche Mitnahme. "Halt die Ohren steif, Mädchen", sagte er und reichte ihr den kleinen Koffer. "Fröhliche Weihnachten", rief er ihr hinterher, bevor er davon fuhr.
Weihnachten! Ach ja - heute war Heiligabend! Marie hatte es vor lauter Kummer total vergessen. Als Erstes musste sie ihren Koffer loswerden, er war zwar leicht, aber lästig. Als sie am Hauptbahnhof vorbei kam, deponierte sie in kurzerhand in einem Schließfach.
Es fing an zu schneien, Marie achtete nicht darauf. Sie hatte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, ihre blonden Haare unter ein Kopftuch versteckt. Verdammt war das kalt! Sie fror erbärmlich in ihrem dünnen Mantel.
Die laute Stadt, die hastenden Menschen, die riesigen Häuser, alles machte ihr  plötzlich Angst. Wie anders war es dort, wo sie jetzt wohnten. Alles war klein und bescheiden. Was sollte sie jetzt bloß machen? Wo sollte sie hin? Vor jedem Schaufenster blieb sie stehen, drückte ihre winzige Stupsnase gegen die Scheibe und betrachtete die bunten Pappteller, vollgestopft mit Süßigkeiten.
Ein Weihnachtsmann aus Pappe nickte ihr zu. Seine Hand mit der Rute drohte ihr, immer im gleichen Rhythmus. Sie blickte in den Himmel. In dicken Flocken fiel der Schnee zur Erde. Menschen gingen vorüber, sie freuten sich auf den Heiligen Abend, die letzten Besorgungen unter dem Arm.
Von irgendwoher erklang Weihnachtsmusik, Marie ging ihr nach.
Es war Weihnachtsmarkt!
Auf einem Platz stand eine riesige Tanne, der gefallene Schnee glitzerte in den Zweigen. Vor den Buden roch es nach Lebkuchen, Glühwein und gebrannten Mandeln. Kinder lachten, Losverkäufer riefen, bunte Karussels drehten sich im Kreise. Ein Leierkastenmann spielte: "Fröhliche Weihnacht überall!" Marie stand und staunte.
Eine dunkle Stimme riss sie jäh aus ihrer Versunkenheit.
"Du siehst aus, als hättest du Zeit! Hast du Lust, Lose zu verkaufen? Du bekommst ein warmes Essen und Lohn natürlich auch. Mir scheint, du könntest beides gebrauchen!" Marie blickte auf einen Mann vor einem Wohnwagen. Er stand auf einem Bein, das Andere ersetzte ein Krückstock. Sein Gesicht bestand nur aus Bart. Er sah zum Fürchten aus. Schnell eilte sie weiter.
"Na, hast du es dir überlegt?", brummte der Bärtige wenig später, als Marie zurückfand. Sie nickte ergeben.
In seinem Wohnwagen war es warm und gemütlich.
"Du musst laut rufen", sagte er freundlich und schob ihr einen Teller Suppe über den Tisch zu.
"Mach es wie die Anderen!" Marie nickte. "Nenn mich Alfred", sagte er und drückte ihr einen kleinen Plastikeimer mit bunten Losen in die Hand, dann schob er sie hinaus ins Freie. Ratlos blickt sich Marie um. „Ich muss laut rufen“, dachte sie. „Alfred wird mich bestimmt beobachten.“

Der Schnee fiel ihr ins Gesicht, schmolz, vermischte sich mit den dummen Tränen, die jetzt ungewollt liefen. Alfred stand vor seinem Wohnwagen und nickte ihr aufmunternd zu.
"Wer probiert es?“, rief Marie zaghaft und viel zu leise. Alfred nickte wieder.

"Na, wer macht hier noch mal mit? Wer riskiert es? Wer möchte noch einmal?"
Sie rief und rief und bemerkte nicht, wie die Zeit verging. Im Nu war es dunkel geworden, die Lichter erloschen, der Weihnachtsmarkt war zu Ende. Die Menschen zerstreuten sich, sie gingen heim, wo es warm war, wo Kerzen brannten und Geschenke auf sie warteten. Alfred machte ein zufriedenes Gesicht.
"Du kannst jetzt auch gehen“, sagte er, "deine Eltern werden sicher schon auf dich warten!" Er entlohnte Marie und begann seelenruhig den Inhalt seiner Bude einzupacken.
Was nun? Sollte sie sich Alfred anvertrauen? Doch sie getraute sich nicht. Langsam schlenderte Marie über den jetzt fast dunklen Platz. Gedankenverloren setzte sie einen Fuß vor den andern. Die Straßen wurden leerer, die Gegend immer einsamer. Ein Schneemann im Vorgarten einer Villa reckte keck seine Mohrrübennase in den schneebeladenen Himmel. In einem verfallenen Fabrikgebäude suchte sie Schutz. Vorsichtig tastete sie sich hinein. „Wie dumm von mir“, dachte sie, „im tiefsten Winter davonzulaufen! Und noch dazu an Weihnachten.“ Draußen tobte jetzt ein richtiger Schneesturm. Hier konnte sie unmöglich bleiben, wenn sie nicht erfrieren wollte.
Kurz darauf klopfte sie an den kleinen Fensterladen von Alfreds Wohnwagen.
"Alfred!", rief sie leise. Sie zitterte vor Kälte, schnell klopfte sie noch einmal.
"Wer ist da? Was gibt es?" Ein Spalt des Fensters wurde geöffnet.
"Ich bin es, Marie!"
Welche Marie? Ich kenne keine!"
"Die Marie von heute Nachmittag. Die Losverkäuferin!"
"Geh zur Tür! Ich öffne!"
Wortlos zog er die zitternde Marie in den Wohnwagen, half ihr aus dem nassen Mantel und stellte ihr heißen Tee hin. Dann erst fing er an zu fragen.
"Warum kommst du zu mir?
"Ich wusste nicht wohin. Ein Polizist hat mich aufgegriffen", schwindelte sie, "ich habe ihm erzählt, ich sei Ihre Tochter!"
"Ist dir nichts Besseres eingefallen?" Ich habe keine Tochter. Ich habe niemanden!", sagte er und hantierte mit Geschirr.
"Hier, iss! Es ist Suppe von heute Mittag. Ich wusste doch sofort, als ich dich sah, dass mit dir etwas nicht stimmt", wetterte er. Nach einer Weile jedoch war er wie umgewandelt. "So, du bist also meine Tochter! Wie alt bist du?"
"Sechzehn, warum fragen Sie?"
"Nur so. Wenn meine Tochter noch leben würde, wäre sie heute ...! Er schwieg.
"Erst starb meine Frau", begann er zu erzählen, "später lief meine Tochter davon. Sie konnte das Vagabundenleben, das ständige Herumziehen nicht mehr ertragen. Sie geriet in schlechte Gesellschaft, Alkohol, Drogen ..., naja. Irgendwann kam dann die Todesnachricht." Alfred hatte feuchte Augen. Nachdenklich blickte er auf Marie.
Warum bist du weggelaufen? Du bist doch ..., oder? Hast du keine Angst vor mir?"
"Ein bisschen schon", gestand Marie ehrlich. Alfred verschluckte sich am Zigarettenqualm. Er hustete lange.
Marie sah sich um.
"Heute ist doch Weihnachten. Haben Sie keinen Baum?"
"Weihnachten ist etwas für Kinder. Konnte ich denn wissen, dass ich heute noch eine Tochter bekomme? Außerdem siezt eine Tochter ihren Vater nicht." Marie bohrte weiter.
"Hast du wirklich keinen Baum?"
Kopfschüttelnd ging er in die dunkelste Ecke seines Wohnwagens. Sie hörte ihn in Kartons kramen und mit Papier rascheln. Als er zurückkam, trug er ein kleines grünes Kunstbäumchen in der Hand, mit Kugeln daran, nicht größer als Murmeln.
"Frohe Weihnachten", sagte er und stellte das Bäumchen auf den Tisch. "Bist du nun zufrieden, Tochter? - Erzähle! Warum bist du ausgerissen?"
Doch bevor Marie beginnen konnte, fiel ihr Blick auf ein paar Bilder, die an der Wand seines Wohnwagens hingen. Sie stand auf und ging näher, um sie zu betrachten. Auf einem Bild war wohl seine Frau und Tochter zu sehen! Auch Alfred war aufgestanden und hinter sie getreten. Er wollte ihr erklären, wer auf dem zweiten Bild zu sehen war, als Marie ihn unterbrach. "Dieses Bild kenne ich, ob du es glaubst, oder nicht! Der Eine bist du und der Andere, ist mein Vater, Herbert, nicht wahr?" Alfred wühlte nervös in seinem Bart und musste sich vor Schreck setzten. Das Bild zeigte zwei junge Männer in Uniform.
„Was passiert hier eigentlich heute?“, fragte er sich. Erst bekomme ich eine Tochter ins Haus geschneit, und nun ist sie auch noch das Kind meines besten Kameraden, der von meiner Seite gerissen wurde und als vermisst galt. War es Bestimmung, war es Schicksal, dass sie sich trafen! Keiner wusste es. Sie schwiegen lange.
Endlich lösten sich ihre Zungen. Marie erzählte von ihrem Vater, der doch noch heimgekommen war, sehr krank und vor zwei Jahren starb. Sie redete sich den ganzen Kummer von ihrer jungen Seele und Alfred hörte ihr ruhig zu. Gegen Morgen, als ihr die Augen fast zufielen, sagte Alfred:

"Weihnachten darf man sich etwas wünschen!"
"Wünschen?", fragte Marie schläfrig.
Sie dachte an die große Not zu Hause und die Löcher, die gestopft werden wollten!
"Ach, Alfred! Den Wunsch, den ich habe, den kannst du mir nicht erfüllen, auch nicht der Weihnachtsmann!"
"Dann schlaf jetzt, Tochter! Morgen fährst du zurück, aber diesmal mit dem Zug!"


In dem kleinen Nest war es zum dritten Mal Winter geworden. Marie haderte nicht mehr mit ihrem Schicksal.
Sie arbeitete bei einem Bauern im Ort und hatte sich gerade den Schemel zurecht gerückt, um zu melken, als die Stalltüre aufgerissen wurde und eine Fuhre Schnee samt Bruder herein gewirbelt wurden.
"Marie, du sollst mal schnell heimkommen", rief er außer Atem. "Der Postbote ist da, er hat einen wichtigen Brief für dich. Du musst persönlich unterschreiben!"
Der Postbote war extra mit seinem Fahrrad aus dem Nachbarort gekommen. Er fror entsetzlich. Wenn er wenigstens einen Schnaps bekommen würde, aber bei denen hier war nichts zu holen!
Ganz feierlich klang seine Stimme, als Marie die Wohnung betrat.
"Sind Sie Marie W... ?" Sie nickte.
"Dann unterschreiben Sie hier!"
Der Brief kam von einem Rechtsanwalt und ihre Augen wurden immer größer, während sie las.
"Mama!", ihre Stimme zitterte, "Alfred ist gestorben. Er hat mir den Erlös aus dem Verkauf seines gesamten Vermögens vermacht! Hier, lies selbst!"
Sie drückte den Brief ihrer Mutter in die Hand und rannte zur Tür.
"Herrje. Ich muss ja noch fertig melken.“ Auf dem Weg zum Stall war ihr Kopf voller guter Pläne, ihr Herz voller Dankbarkeit.
„Danke, Alfred! Du warst ein anständiger Mann. Was hätte mir alles passieren können, hätte ich nicht dich getroffen!“
Und ihr war, als hörte sie Alfred mit brummiger Stimme sagen: „Weihnachten darf man sich etwas wünschen, Tochter!“
(Und manchmal gehen auch unausgesprochene Wünsche in Erfüllung!)