Der Engel mit dem goldenen Bändchen

Es war Heiligabend. Leichte Schneeflocken tanzten vom Himmel. Die Kälte stieg und stieg und malte an den Stubenfenstern märchenhafte Zauberblumen.
Draußen, hinter den Fenstern, strahlten im blauweißen Schimmer die Dächer eines Gutshofes.
Hanna und ihre Eltern wohnten nicht weit entfernt in einer Wohnung, die zum Gut gehörte. Früher arbeitete auch ihr Vater dort, bevor er von einem Pferd zum Krüppel getreten worden war. Jetzt ging nur noch die Mutter täglich hinüber. Zur Tradition gehörte es, am Heiligabend die Kinder der Familien einzuladen und zu beschenken, deren Eltern auf dem Gutshof die Arbeit verrichteten.
Hanna musste heute alleine zur Bescherung gehen. Ihr Vater konnte nicht mehr richtig laufen und ihre Mutter war zu müde vom Putzen im Gutshaus, dem vielen Backen und den anstrengenden Vorbereitungen für das Fest.

„Heiligabend hin oder her“, meinte Hannas Mutter, "ich gehe heute früh ins Bett!“
Ihr Vater sagte: „Ich warte auf dich“, und drückte hinter ihr die Türe ins Schloss.
In der Vorhalle des Gutshauses standen die Angestellten mit einem Glas Sekt. Die Kinder lärmten, denn sie waren aufgeregt und warteten auf das Glöckchen, das immer erklang, bevor die großen Flügeltüren des Saales sich öffneten. Die Glocke erklang und augenblicklich kehrte Ruhe ein. Fast andächtig betrat Hanna mit den anderen den Saal. Sie hatte die Zeremonie schon einige Male erlebt, aber so feierlich wie heute, mit ihren acht Jahren, hatte sie es noch nie vorher empfunden.
Sie hielt den Atem an. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die große, herrlich geschmückte Tanne, die mitten im Saal stand. Langsam umrundete sie den Weihnachtsbaum. Nicht nur einmal, nein drei Mal und dann sah sie ihn.
Auf einem der Äste hing ein aus Wachs gefertigter Engel an einem Goldbändchen. Seine Flügel waren durchsichtig und zitterten leicht durch die Wärme der brennenden Kerzen. Er sah wie lebendig aus, als würde er gleich davon schweben. Sie starrte ihn voller Verwunderung an und hatte nur noch den einen Wunsch, ihn zu besitzen. Hanna wusste, nach der Bescherung durfte sich jedes der Kinder etwas vom Baum abhängen und mit nach Hause nehmen. Sie wollte nur diesen Engel, deshalb blieb sie in seiner Nähe, damit ihr niemand zuvor kam. Nach einem gemeinsamen Weihnachtslied, bekam sie ihre Tüte mit Süßigkeiten und dann war es soweit.
Keines der Kinder interessierte sich für ihren Engel.

Behutsam nahm sie ihn vom Zweig und Tränen blitzten in ihren Augen, als sie ihn in ihren Händen hielt. Sie holte ihren Mantel und lief heim.
In der Küche brannte noch Licht. Ihr Vater hatte wie versprochen, auf sie gewartet.
„Ist er nicht wunderschön, dieser Engel?", sagte sie voller Freude.
„Ja“, entgegnete ihr Vater, „er hat etwas Besonderes an sich. Pass auf, dass er uns nicht davon fliegt!“
„Aber Papa, ein Wachsengel kann doch nicht fliegen“, lachte sie und starrte den Engel unverwandt an.
Unter ihrem Blick wurde er größer, leuchtender, seine Flügel bebten noch stärker - und alles, die verrauchte Tapete, der einfache Holztisch, ja, die ganze erbärmliche Einrichtung des Zimmers verschwand. Dem Vater schien es, als hätte das Engelchen einen Lichtstrahl in sein graues, eintöniges Leben gebracht. Und neben ihm saß Hanna mit leuchtenden Augen. Für beiden war Vergangenheit und Gegenwart verschwunden. In einem Halbtraum versunken, war Hanna nach einer Weile unbemerkt eingeschlafen. Auch der Vater legte sich zur Ruhe.
Aber das Engelchen fühlte sich nicht wohl in der Nähe des heißen Ofens, wo ihn Hanna vor dem Einschlafen hingehängt hatte. Es begann zu schmelzen. Dicke Wachstropfen flossen über seine Füßchen und tropften auf den Fußboden.
Hannas Mutter konnte sich am Weihnachtsmorgen nicht erklären, wo der Klumpen Wachs herkam. Sie kratzte ihn vom Boden ab und warf ihn mit einem Stück Holz in den Ofen. Als Hanna nach ihrem Engelchen sehen wollte, hing nur noch das Goldbändchen am Nagel. Sie war traurig und glücklich zugleich, denn jetzt wusste sie, dass auch Wachsengel fliegen können.