Sami und die Eisfee /6

 

Draußen tanzten dicke Schneeflocken vom Himmel, als der kleine Elefant, bei seinem

Freund Tobias, aus dem Märchenbuch stieg.

„Hallo, mein Freund!“, glaubst du an Träume?“.

„Nein!“. Tobias schüttelte den Kopf. „Mama sagt, Träume sind Schäume. Außerdem

habe ich die morgens schon wieder vergessen."

„Aber ich nicht. Letzte Nacht träumte ich von einer wunderschönen Eisfee, einem

Bächlein und einem Stein.“

Tobias lachte. „Ich verstehe. Und nun willst du deinen Traum suchen gehen.

Stimmt`s?“

Sami nickte.

„Komm doch mit!“, bettelte er. Tobias ergriff Samis Rüssel und streichelte ihn.

„Ich kann dich doch nicht alleine gehen lassen. Ohne mich, machst du doch nur

Dummheiten.“

Sami wackelte freudig mit seinen großen Ohren und rief aufgeregt.

„Genau das wollte ich von dir hören. Dann lass uns keine Zeit verlieren!“

„Laufen oder fliegen wir?“, wollte Tobias wissen.

„Fliegen“, bestimmte Sami.

Eine ganze Weile flogen sie ziellos umher, bis sie plötzlich einen Wald unter sich

erblickten, durch den ein munterer Bach plätscherte. Lustig sprang das Wasser über

die beschneiten Steine und zog ihnen die weißen Häubchen von den Köpfen.

Genau wie in meinem Traum!“, rief Sami überrascht. Er landete und tauchte sofort

seinen Rüssel in das kühle Wasser, um zu trinken.

„Puh, ist das kalt!“ Er schüttelte sich.

Plötzlich glaubte er ein feines Stimmchen zu hören. Im Blubbern und Glucksen des

Wassers war es kaum zu verstehen. Deshalb hielt Sami sein großes Elefantenohr ganz

nahe ans Wasser. Da! Jetzt verstand er die Worte.

„Wenn du den dritten Stein von links zur Seite schiebst, gelangst du in das Reich der

Eisfee.

Der kleine Elefant rutschte vor Schreck am vereisten Ufer aus und saß mit seinem

Hintern im kalten Wasser.

„Wer spricht denn zu mir?“, fragte er überrascht und vergaß, aus den Bach zu klettern.

„Woher weißt du, dass ich auf der Suche nach der Eisfee bin?“

Prompt antwortete das Stimmchen.

„Was glaubst du denn, wer dir den Traum geschickt hat? Ich war es, das

Schneemännchen. Siehst du mich denn nicht? Ich brauche dringend deine Hilfe.“

Tobias half Sami aus dem kalten Wasser. Auch er hatte verstanden, was die feine

Stimme sagte. Beide blickten sich suchend um. Sami sah das fingergroße Männlein

zuerst. Es hatte eine blütenweiße Jacke an, eine Zipfelmütze auf dem Köpfchen und

goldene Schuhe. In seinem Gesicht leuchtete eine feuerrote Nase. Wenn die nicht

gewesen wäre, hätte man es auf dem Schnee gar nicht bemerkt.

Schwupps, sprang das kleine Kerlchen auf seinen Rüssel.

„Mein Name ist Würmli und ich bin ein Schneemännchen. Aber das sagte ich ja schon.“

Tobias betrachtete das winzige Männlein neugierig.

„Das ist mein Freund Tobias“,stellte Sami ihn vor.

„Freut mich“, antwortete Würmli. Und dann schilderte er sein Anliegen.

„Bevor wir gemeinsam in das Reich der Eisfee eindringen, sollt ihr wissen, dass die

Fee, die dort regiert, nicht die echte ist. Selina ist die rechtsmäßige Herrscherin. Helft

mir, sie zu befreien. Zuerst jedoch müssen wir ein großes Hindernis wegräumen.“

Und was ist das?“, wollte Sami wissen.

„Hi, hi, hi“, lachte das Männchen verschmitzt, „es ist ein Stück von diesem Bach.“

„Meinst du etwa, das bisschen Wasser?“, trompetete Sami. „Das werden wir gleich

haben!“ Er wies Tobias an, aus Ästen und kleinen Felssteinen einen Damm zu bauen

und wühlte selbst mit den stämmigen Vorderbeinen eine Umleitung. Den Rest des

Wassers saugte Sami mit seinem Rüssel aus dem Bachbett und verspritzte es ans

Ufer. Nun lagen die drei Steine vor ihnen. Gemeinsam mit Tobias rollte er den dritten

Stein von rechts beiseite und vor ihnen befand sich eine spiegelglatte Rutschbahn, auf

der sie blitzschnell abwärts glitten. Nur wenige Schritte vom Ende der Rutsche entfernt

erstrahlte das Schloss der Eisfee. Verwundert blieben sie stehen. Mit offenen Mündern

bestaunten Sami und Tobias das Bild, dass sich ihnen bot. Wohin sie auch blickten,

überall sahen sie zu Eis erstarrte Tiere. Vom Dach des Palastes hingen erstarrte

Vöglein herab und auf dem vereisten Boden standen bewegungslos, dürre Männchen,

die Würmli aufs Haar glichen. Das Schneemännchen räusperte sich.

„Seht ihr, was für ein Unglück uns getroffen hat? Die falsche Eisfee hat mein Volk und

alle Tiere zu Eis erstarren lassen. Und sie hat auch den eigentlichen Eingang zum

Reich mit dickem Eis verschlossen. Niemand sollte mehr hinaus – oder hereinkommen.

Die verborgene Rutschbahn unter dem großen Stein kennt sie nicht. Ich war an jenem

Unglückstag zufällig nicht hier. Ein Eisvogel, der sich retten konnte, überbrachte mir die

Botschaft. Nun sitzt die falsche Eisfee auf dem Thron und hält Selina, die echte

Herrscherin gefangen. Wenn ihr nicht acht gebt, ergeht es euch ebenso. Vielleicht ist

es sogar besser, wenn Tobias und ich hier warten, während du alleine zu ihr gehst.

Sollte sie dir etwas antun, können wir dir zu Hilfe eilen.

„Hast du etwa Angst?“, fragte Sami.

„Ein bisschen“, erwiderte das kleine Schneemännchen und senkte beschämt sein

Köpfchen.

Sami nahm Anlauf. Er stemmte mit seinem harten Schädel die riesengroße Eistüre auf.

Beinahe hätte ihn ein spitzer Eiszapfen getroffen, der sich vom Torsims löste.

Tobias und Würmli schlichen hinter Sami her und versteckten sich in einer Nische.

Sami aber stapfte schnurstracks auf zwei riesige Vorhänge aus Eiszapfen zu, die sich

knirschend öffneten.

Und da stand er vor dem Thron der Eisfee! Wie groß war seine Enttäuschung! Sie sah

gar nicht so schön aus, wie in seinem Traum! Sie war hässlich!

Die falsche Eisfee betrachtete ihn geringschätzig.

„Was fällt dir ein, unerlaubt in mein Reich einzudringen?“ Ihre Stimme klang wie

klirrendes Eis und ihr frostiger Atem drang Sami direkt ins Herz. Ein Frostschauer

überfiel ihn. Er war nicht in der Lage zu antworten.

„Was willst du von mir? Hast du keine Stimme?“ Der Hauch der Eisfee ließ winzige

Eiskörnchen auf ihn niederrieseln. Sami spürte kaum noch seinen Rüssel, so schwer

fiel ihm das Atmen. Mühsam räusperte er sich.

„Ich habe eine Bitte …“

„Einen Bitte? Die Eisfee lachte kalt.

„Sehe ich aus, als würde ich Wünsche erfüllen?“

Sie erhob sich und griff nach einem goldenen Ring, der neben ihr auf einem silbernen

Tellerchen lag. Langsam streifte sie ihn über ihren Mittelfinger und begann ihn zu

drehen. Sami spürte, wie ihm die Kälte durch die Knochen kroch und bis zum Herzen

vordrang. Er erstarrte zu Eis.

„Ha! Ein Prachtstück wie du, hat mir in meiner Sammlung noch gefehlt“, war das

Letzte, was er hörte. Und noch etwas schoss ihm den Kopf. Die Bewegungen der

Eisfee erinnerten ihn an die Hexe Chalun. Dann spürte er nichts mehr.

Tobias und das kleine Schneemännchen warteten derweil in ihrer Nische auf Sami.

Weil es ihnen zu lange dauerte, lugten sie um die Ecke. Als sie ihn nirgends sahen,

schlichen sie vorsichtig weiter, um ihn zu suchen. Der Eiszapfenvorhang, der den

Thron abschirmte, war wieder geschlossen. Tobias hauchte ein Guckloch hinein, um

durchschauen zu können.

Sami stand zu Eis erstarrt vor dem Thron. Tobias begann leis zu weinen.

„Das ist ein böses Abenteuer!“, schluchzte er. Das Schneemännchen zupfte Tobias

warnend an der Hose und verschwand hinter einer Säule. Der Junge folgte ihm.

„Du darfst kein Geräusch machen“, flüsterte Würmli. „Was hast du gesehen?“

„Sami ist zu Eis erstarrt“, murmelte Tobias traurig.

„War die falsche Eisfee da?“ Tobias nickte. „Sie schläft und neben ihr liegt ein Ring.“

„Den brauchen wir“, sagte Würmli leise. Sie überlegten angestrengt, wer ihnen helfen

könnte, an den Ring zu gelangen.“ Das Schneemännchen hatte eine Idee.

Er glitt an der Säule aufwärts und angelte ein gefrorenes Vögelchen von der Decke.

Tobias schob es in seine warme Jacke, dann warteten sie, was geschehen würde.

Es dauerte auch nicht lange, da piepste und bewegte sich etwas. Das aufgetaute

Vögelchen kroch aus der Jacke und zwitscherte.

„Ihr habt mir das Leben neu geschenkt. Oh, wie schön!“ Es wollte anfangen zu

tirilieren, aber das Schneemännchen hielt ihm den Schnabel zu.

„Nicht jetzt! Du musst uns helfen!“ Das Vögelchen legte den Kopf schief und blickte auf

Tobias.

„Flieg zum Eisvorhang“, sagte er. „Dort ist ein kleines Guckloch. Das kannst du mit

deinem Schnabelleicht vergrößern. Schlüpf hindurch, schnapp dir den goldenen Ring,

der dort auf einem silbernen Tellerchen liegt und bring ihn uns.

„Oh, das tue ich gerne“, piepste das Vögelchen und verschwand. Während es den

Auftrag ausführte, sagte Tobias zu Würmli.

„Wenn wir den Ring haben, suchen wir Selinas Gefängnis.“ Würmli versicherte, das die

richtige Eisfee mit dem Ring alle Schneemännchen, die Tiere und auch den Elefanten 

aus der Erstarrung befreien könnte. Kurz darauf kam der Vogel mit dem Ring im

Schnabel zurück.

Die falsche Eisfee schläft tief und fest“, piepste es und ließ den Ring in die Hand von

Tobias fallen.

Ich weiß auch, wo wir Selina finden!“ Tobias folgte dem Vögelchen. Es flog voran, mit

dem Schneemännlein auf dem Rücken. Vor einer dicken Tür aus Eis flatterte es

aufgeregt hin und her. Das musste die Kammer sein, in der Selina gefangen gehalten

wurde. Tobias schob den Riegel zurück … und da stand die echte Eisfee, strahlend 

und wunderschön, so, wie Sami sie beschrieben hatte. Er überreichte ihr den Ring, den

sie sofort an ihren Finger steckte.

„Kommt, wir müssen uns beeilen!“, sagte sie hastig. Tobias, Würmli und das

Vögelchen folgten ihr. Bald standen sie im Thronsaal. Der Eiszapfenvorhang glitt zur

Seite. Ihr Blick ging von der schlafenden Thronräuberin zu Sami, den zu Eis erstarrten

Elefanten. Die falsche Eisfee öffnete die Augen, erblickte Selina und erschrak. Sofort

begann sie zu schreien, denn sie wusste, was nun geschehen würde. Und wirklich:

Selina drehte den Ring und die falsche Eisfee erstarrte mit offenem Mund zu Eis. Im

gleichen Moment trompetete Sami glücklich und umschlang mit dem Rüssel seinen

Freund Tobias. Ein unbeschreibliches Gewusel begann im Reich. Es krachte und

lärmte, als schmelze das Eis auf den Bergen, die das Schloss umgaben.  Aber es war

nur das Eis vor dem Eingang zum Reich. Die befreiten Vögelchen begannen zu

zwitschern, die aus der Erstarrung erwachten Schneemännchen rannten

durcheinander und fielen sich vor Freude in die Arme. Sami sah nun endlich die

richtige Eisfee, wie sie ihm im Traum erschienen war. Mit Vergnügen schob er die

vereiste Gestalt der der falschen Eisfee hinaus vor das Schlosstor, wo sie zur

Mahnung stehen bleiben sollte. Selina bedankte sich für ihre Rettung und die ihres

Volkes und sagte: „Ihr dürft gern wieder vorbei kommen.“

Auf dem Heimweg wollte Sami von Tobias wissen, warum er bei der Rettung der

Eisfee nicht dabei gewesen sei! Tobias merkte, dass sein Freund von der eigenen

Verwandlung nichts wusste, deshalb antwortete er:

„Die Temperaturen im Eisschloss waren wohl nichts für dich. Du bist eingeschlafen und

ich habe dich nicht geweckt. Sami ließ traurig die Ohren hängen. Als sie heimwärts

flogen, schoss Chalun auf ihrem Besen an ihnen vorbei. Sie würdigte sie keines

Blickes, aber ein eiskalter Hauch wehte zu ihnen herüber.