Sami  begegnet Tobias`  Mutter (2)

 

Am andern Tag hatte es Tobias sehr eilig die Schule zu verlassen. Immerzu musste er an Sami denken. Er machte sich große Sorgen um seinen Freund. Wo hatte er geschlafen? Hatte er zu essen? Lebte Pako, der Bär, überhaupt noch?

„Mist!“, sagte er laut und stieß wütend in einen dicken Schneeklumpen. Vor dem Haus klopfte er sich den Schnee von den Schuhen und stürmte in die Küche,

Seine Mutti saß kreidebleich auf einem Stuhl und zitterte am ganzen Körper.

„Mutti, was ist mit dir? Bist du krank?“, erkundigte er sich sorgenvoll.

Sie nickte. „Ja, ich glaube! – Stell dir vor, in deinem Zimmer war ein Elefant. Ich hörte ein Geräusch und lief nach oben. Da stand er und war genau so erschrocken wie ich. Vor Schreck fiel ich fast die Treppe hinunter. Nach einer Weile schlich ich mich leise wieder nach oben, da war er weg. Sie blickte auf Tobias, der ein verlegenes Gesicht machte.

„Schau nicht so ungläubig“, fuhr sie ihn an. „Ich weiß genau, es war ein Elefant, mit auffallend, großen Ohren. Du kannst es glauben oder auch nicht.

Tobias umarmte heftig seine Mutti und strich ihr übers Haar.

„Mutti, beruhige dich! Du bist nicht krank. Du hast richtig gesehen. Es war ein Elefant und er heißt Sami und ist mein Freund. Schon sehr, sehr lange. Und ich bin froh, dass die Heimlichtuerei endlich vorbei ist. Und nun sprudelte alles, aber auch alles, wie ein Wasserfall, aus ihm heraus. Er beichtete jedes Abenteuer, auch wenn es noch so gefährlich gewesen war. Danach war ihm wohler. Seine Mutter hörte staunend zu. Ihre Wangen bekamen langsam wieder Farbe. Sie kannte den kleinen Elefanten noch nicht richtig, hatte ihn nur einmal gesehen, aber eine Welle von Zärtlichkeit machte sich in ihrem Herzen breit.

„Und du sagst, er kommt heute noch einmal!“, wollte sie wissen. „Ich habe nichts dagegen! Du sagst, er kann fliegen! Junge, was redest du da für einen Unsinn! Den Elefanten glaube ich dir, aber das mit dem Fliegen, hast du bestimmt erfunden! Das ist unvorstellbar!“

„Du wirst es erleben, Mutti. Ich lüge nicht!“

Tobias gab ihr einen Kuss.

„Du bist die liebste Mutti der Welt!“

„Und du der schlimmste Racker, den ich kenne!“, lachte sie und verabreichte ihm einen Klaps auf den Po.

Plötzlich sprang sie auf. „Tobias, wir müssen einkaufen gehen. Ich habe für deinen kleinen Freund nichts im Haus. Wir können ihn doch nicht hungern lassen, oder?“

Damit war Tobias einverstanden. Sie kauften für Sami eine Unmenge an Äpfeln und noch mehr Bananen. Beide waren furchtbar aufgeregt. Ein Nachmittag mit einem Elefanten! Wie würde das wohl sein?

 

Und dann stieg Sami aus dem Märchenbuch. Er hatte sich im Zoo von Pako extra abspritzen lassen, damit er auch gut roch. Artig gab er der Mutter von Tobias den Rüssel und bedankte sich für die liebevolle Aufnahme. Sami futterte sich satt und zwischendurch erzählte er noch einmal den Beginn und den traurigen Abschied ihrer Freundschaft. Aufmerksam hörte Tobias` Mutter zu. Er erzählte von seinem Leben in Afrika und seiner Sehnsucht nach Tobias und dabei hatte er Tränen in seinen kleinen Augen.

Plötzlich fragte er: „Darf ich dich Mama Lisa nennen?“

„Aber ja!“, sagte sie.

„Aber was wird jetzt aus dir, mein kleiner Elefant?“, fragte Mama Lisa.

„Ich bleibe im Zoo bei Pako“, sagte Sami. Es ist schon alles geregelt.“

„Ist das wahr?“, freute sich Tobias. Sami schwang seinen Rüssel und trötete laut. Das sollte wohl ein „Ja!“ bedeuten. „Das ist schön“, sagte Tobias` Mutter.

„Das beruhigt mich ein wenig.“

Der kleine Elefant blickte zum Fenster, sah die fallenden Flocken und fragte ganz plötzlich:

„Mama Lisa, dürfen wir in den Garten gehen und eine Schneeballschlacht machen?“

Als Tobias hörte, wie Sami seine Mutter nannte, krümmte er sich vor Lachen. Es hörte sich aber auch gar zu lustig an!

Mama Lisa nickte. Sie hatte nichts dagegen.

Im Garten, hinterm Haus, begann Tobias schöne, feste Schneebälle zu formen und legte sie vor sich auf einen Haufen. Auch Sami versuche es, doch es gelang ihm nicht.

„Pech!“, kicherte Tobias und fing an, seinen Freund damit zu bewerfen.

„Pech!“, lachte Sami und wehrte mit seinem Rüssel jeden Schneeball ab. Sie hatten dabei so viel Spaß, dass sie den Nachbarn nicht bemerkten, der die beiden sah und vor Schreck, sofort ans Telefon rannte.

Es dauerte auch nicht lange, da kam ein Polizeiauto mit Blaulicht angefahren und hielt vor ihrem Haus.

„Wart ` ma!“, rief Tobias seinem Freund zu. „Ich will wissen, was das zu bedeuten hat!“

Er flitzte hinauf in sein Zimmer und lauschte, bei geöffneter Tür. Er hörte, wie seine Mutter einem Polizisten die Haustüre öffnete.

„Entschuldigen Sie bitte die Störung. Wir bekamen einen Anruf, dem wir nachgehen müssen. In ihrem Garten soll sich ein Elefant aufhalten!“, behauptete der Polizist.

„Ein Elefant?“, fragte seine Mutter erstaunt. Das kann nicht sein!“

Tobias überlegte nicht lange. Es riss das Märchenbuch an sich, öffnete das Fenster und in hohem Bogen landete es vor Samis Füßen.

„Frag nicht und mach schnell“, rief er ihm zu. „Es gibt Ärger!

Mit klopfenden Herzen öffnete seine Mutter die hintere Türe zum Garten und atmete erleichtert auf. Von Sami und Tobias war nichts zu sehen, nur das Märchenbuch lag aufgeschlagen im Schnee.

„Dann entschuldigen Sie bitte! Aber Sie müssen verstehen …!“

„Ist schon gut!“, antwortete die Mutter und begleitete den Polizisten durch den Flur zur Haustüre. Sie lief noch einmal zurück in den Garten, holte das Buch und dabei fragte sie sich, wie die beiden das bloß wieder so schnell geschafft hatten!“

Nach einer Weile tauchte Sami aus dem Buch wieder auf. Tobias hatte ihm signalisiert, dass die Luft wieder rein war.

„Ich gönne euch ja die Freuden des Winters, auch eure unerschütterliche Freundschaft“, sagte Mama Lisa, „aber in Zukunft müsst ihr besser aufpassen, sonst steht jeden Tag die Polizei vor unserem Haus!“

Dann gehen wir eben Schlittenfahren“, beschlossen die beiden Freunde und holten den großen Schlitten aus dem Schuppen.

„Den braucht ihr heute nicht mehr“, zwitscherte ein kleiner Piepmatz. Das graue Vögelchen mit knallrotem Köpfchen war auf dem Rücken von Sami gelandet.

„Chalun, die Hexe schickt mich“, piepste es. „Ihr sollt schnell zum See kommen. Dort, wo der Komet eingeschlagen war. Ihr wüsstet schon wo!“ Der Vogel erhob sich und flatterte davon. „Nicht schon wieder Chalun“, ereiferte sich Tobias. Sami beruhigte ihn. „Sie ruft uns nicht umsonst. Vergiss nicht, sie hat uns auch immer geholfen, wenn wir in Not waren. – Komm, Tobias! Steig auf!“

Die Hexe saß am Ufer des Sees. Sie starrte in das dunkle, tiefe Wasser, aus dem Sami die Sonne vor dem Erlöschen gerettet hatte.

„Was ist passiert Chalun?“, fragte Sami. Das Gesicht der Hexe färbte sich rot vor Zorn. „Dieser Teufel! Dieser Satan! Dieses krummbeinige Ungeheuer hat meinen Hexenbesen samt Hexenbuch in den See geworfen, nur weil ich vorgestern auf dem Hexenball nicht mit ihm getanzt habe! Ich brauche beides sehr dringend, Sami.

Ohne diese zwei Dinge, bin ich keine Hexe“, jammerte Chalun.

„Warum steigst du nicht selbst ins Wasser und suchst danach?“

„Warum, warum“, geiferte sie, „weil Hexen zu leicht sind und nicht untergehen. Aber du bist schwer genug und rechtzeitig zu uns zurückgekehrt. Ich möchte, dass du auf den Grund des Sees tauchst und ihn suchst. Zum Glück ist er noch nicht zugefroren.“ Tobias wollte seinen Freund zurückhalten, doch Sami ging sofort ins Wasser und blieb eine Viertelstunde verschwunden. Schließlich tauchte er wieder auf.

„Tut mir leid, Chalun! Ich war ziemlich weit unten, aber den Grund des Sees habe ich nicht erreicht“, bedauerte der kleine Elefant.

„Papperlapapp! Jedes Gewässer hat einen Grund, Sami“, fauchte sie ihn an. „Versuch`s noch mal!“

Sami stieg erneut ins Wasser. Diesmal blieb er eine halbe Stunde im tiefen Wasser.

Und wieder tauchte er auf.

„Den Grund des Sees habe ich immer noch nicht gefunden. Es ist zu dunkel und kalt, wie in einem Grab. Die Hexe neigte ihren Kopf nach hinten und knurrte wie ein zahnloser Hund. Eine Taschenlampe kam angeflogen. Sie ergriff sie und überreichte sie Sami.

„Los“, feuerte sie ihn an, „sieh noch mal nach!“ Sami verschwand noch einmal in dem trüben Wasser. Die Dämmerung brach schon herein, da tauchte er wieder auf. Er hatte den Hexenbesen und das, vor Nässe triefende, Hexenbuch endlich gefunden.

Chalun wollte danach greifen, aber Sami hielt beides mit dem Rüssel fest.

„Bekomme ich eine Belohnung Chalun?“, wollte er wissen.

„Die bekommst du, Sami. Schon sehr bald wirst du meine Hilfe brauchen! Dann rufe dreinmal meinen Namen!“, versprach sie.

„Was ist das für eine Antwort“, dachte beunruhigt Sami und übergab ihr den geliebten Besen und das Buch, ohne diese beiden Dinge sie keine richtige Hexe war.