Im Tal der blauen 

Schmetterlinge /7
 

"Nein, Sami!“, sagte Tobias. Heute können wir nirgends mehr hin. Es ist schon zu spät!“
„Ach, bitte!“ bettelte Sami, „dann machen wir eben nur einen kleinen Spazierflug und schauen uns die Welt von oben an!“
Tobias ließ sich überreden. Kaum saß er auf dem Rücken von Sami, trompetete sein kleiner Freund recht laut vor Übermut. Hui, war das schön! Leichter Wind fegte Tobias durchs Haar und ihm wurde angenehm kühl. Vögel flogen vorüber oder machten eine kleine Zwischenlandung auf Samis breitem Rücken. Hier ließ es sich gut ausruhen und ein Schwätzchen halten.
Ein kleines Vögelchen zwitscherte ihnen von einem Tal, in dem blaue Riesenschmetterlinge leben würden. Sie säßen scharenweise auf Bäumen und Sträuchern. Doch das Wundersamste an ihnen war ihr lieblicher Gesang. Sami witterte ein weiteres Abenteuer und blickte Tobias zustimmend an.
„Nein, Sami, nein!“, rief Tobias entsetzt.
„Du willst doch wohl nicht…!“ Zu spät. Unter ihnen lag bereits das Tal der Schmetterlinge. Beim Landeanflug blickten sie auf ein blaues Gewusel, was ständig seine Form veränderte. Kaum waren sie unter einem schattigen Baum gelandet, umschwirrten sie Tausende von blauen Schmetterlingen, die einen Duft verströmten, der so berauschend war, dass sie nach kurzer Zeit ihre Augen nicht mehr aufhalten konnten und in einen tiefen Schlaf versanken.
Über ihnen in der Baumkrone saß das kleine Vögelchen, das sie ein Stück begleitet hatte. Es plusterte sich auf und verwandelte sich in die Hexe Chalun.
„Endlich habe ich euch“, sagte sie. „Ihr kommt mir nicht mehr in die Quere. Das ist die Rache für den gestohlenen Schlafstein des Mondes. Seit er ihn wieder besitzt, löscht er immer öfter seine Lampe und die Sterne machen es ihm nach. Mir wird es zu Hause zu langweilig. Nirgends komme ich mehr hin. Heute hole ich mir den Stein zurück.“ Dabei rieb sie hämisch grinsend ihre Hände aneinander.
"Ja, dann muss der Mond wieder nachts leuchten und ich fliege mit meinem Besen nicht mehr im Dunkeln.
Wehe euch, ich bekomme den Stein nicht zurück, dann verwandle ich mich in ein großes Ungeheuer und werde allen das Fürchten lernen.
Sie wartete noch ein Weilchen, bis die Sonne hinter dem Tal verschwand und es anfing zu dunkeln. Dann schwang sie sich auf ihren Besen und machte sich auf den Weg zum Mond. Als sie oben ankam, war es stockdunkel. Der gute, alte Mond hatte sich zur Ruhe begeben. Er fühlte sich schwach und wollte, bevor er sein helles Licht auf die Erde schickte, wenigstens zwei Stunden schlafen. Vorsichtshalber hatte er sich den Wecker gestellt.
Langsam pirschte sich die Hexe Chalun an sein Bett heran. Schon griff sie unter sein Kopfkissen, doch bevor sie den Schlafstein stehlen konnte, klingelte der Wecker. Ring! Ring! Ring! Der Mond erwachte. Kaum erblickte er die Hexe, wusste er,  was sie vorhatte. Sofort erleuchtete er und die Hexe fühlte sich erwischt. Da packte sie die Wut und sie verwandelte sich in ein riesiges Ungeheuer.
Der Kopf glich einer riesigen Schlange. Der Schwanz war kahl und kräftig, wie von einem Löwen mit einem wuscheligen Ende.
"Gib mir sofort den Schlafstein", kreischte sie laut, sonst...!"
"Was sonst? Willst du mich vernichten?", antwortete der Mond in einem ruhigen Ton. "Dann wirst du für immer im Dunkeln sitzen. Möchtest du das?"
Chalun wusste, die Gelegenheit war vertan, deshalb versuchte sie nach einem kleinen Stern zu greifen um ihn zu vertilgen. Doch sie kam nicht dazu. Schützend stellte sich der Mond vor seine kleinen Lieblinge. Er riet ihnen, sich zu verstecken. Was sollte er auch anders tun? Er kam gegen dieses Ungeheuer nicht an. Da, wo die Sternlein vorher geruht hatten, klaffte nun ein schwarzes Loch, aus denen jetzt Regen auf die Erde fiel.
Unten, im Tal der Schmetterlinge, wurden Sami und Tobias vom prasselnden Regen pitschnass und erwachten. Verwundert rieben sie sich ihre Augen. Was war nur mit ihnen geschehen! Von den duftenden, blauen Schmetterlingen war nichts mehr zu sehen. Der Mond oben am Himmel leuchtete zwar, aber sein Licht huschte unruhig von einem Flecken zum Anderen. Sami bemerkte es zuerst.
„Mit dem Mond stimmt etwas nicht!“, sagte er und zeigte mit dem Rüssel nach oben.
„Komisch, er ist doch sonst die Ruhe selbst“, antwortete Tobias!
Sami schüttelte sich den Regen von seiner Haut.
„Komm schon! Steig auf! Ich will wissen, was da oben los ist!“
Noch nie hatte Sami es so eilig auf den Mond zu kommen. Außer Puste landete er, genau zum richtigen Zeitpunkt, um noch Schlimmeres zu verhindern. Ein schreckliches Ungeheuer biss dem guten, alten Mond gerade in seine rechte Mondbacke. Als der Mond den kleinen Elefanten kommen sah, schlupfte er schnell hinter eine graue Wolke, denn er kannte Sami und wusste, er würde nicht kampflos zusehen! Darüber lachte das Ungeheuer laut auf und an dem Lachen erkannte Sami und Tobias, wen sie vor sich hatten. Sami hob seinen Rüssel und trötete so laut und so böse, wie es nur ging. Dann stampfte er mit seinen starken Beinen kräftig auf und raste, mit einer ungeahnten Schnelligkeit, auf das Ungeheuer zu.
Chalun war über das plötzliche Erscheinen von Sami so erschrocken und voller Angst, dass sie keine Zeit mehr fand, sich zu verwandeln. Sie vergaß ihren Besenstiel und plumpste durch eines der schwarzen Löcher. Sami und Tobias erkannten nun, dass Chalun sie mit dem Tal der blauen Schmetterlinge in eine Falle gelockt hatte. Nach diesem Abenteuer wanderte der Mond ruhig wie immer, über den dunklen Nachthimmel.
Chalun, die Hexe, hatte Glück. Sie fiel in einen See und musste lange schwimmen, um ans Ufer zu gelangen.
Wenn Sami, der kleine Elefant und Tobias zum Mond hinauf schauen, können sie noch immer die Narbe erkennen, die Chalun, ihm als Ungeheuer hinterlassen hat.