Sami im Zwergenland/4
 

Schon längst war Sami, der kleine Elefant, zum Liebling aller Kinder geworden. Sie warteten täglich im Zoo vor dem Elefantenhaus auf seine Vorstellungen. Mit großen Augen verfolgten sie dann seine Kunststücke. Der Höhepunkt war immer der Moment, in dem er die Augen schloss, seine Flügel öffnete und eine Runde durch die Lüfte flog. Dann wurde es mucksmäuschenstill und die Kinder staunten mit offenen Mündern.
Landete er wieder auf dem Boden, klatschten die Zuschauer Beifall und riefen laut seinen Namen. Sami war in diesem Moment der glücklichste Elefant, den es nur gab. Oft schenkte er ihnen noch eine Zugabe, denn es freute ihn, wenn er in die strahlenden Kinderaugen blickte.
Zum Abschied hob er dann seinen Rüssel, stellte sich auf die Hinterbeine und trompetete laut.
Kaum hatte Sami das Elefantenhaus betreten, um sich auszuruhen, flog Knorks, Chaluns hässlicher, großer Rabe herbei. Auf seinem Rücken saß ein winziges Zwergenkind.
„Hast du die Hexe Chalun gesehen?“, krächzte Knorks sofort los. „Seit gestern Abend ist sie spurlos verschwunden.“
„Bei mir ist sie nicht und ich habe sie, seit ich zurück bin, nur einmal  gesehen“, antwortete Sami wahrheitsgetreu.
„Wen hast du denn da mitgebracht?“, wollte er von Knorks wissen und betrachtete den schluchzenden, kleinen Zwerg.

„Warum weint er denn so?“

„Weil er nicht weiß, wo seine Eltern geblieben sind. Als ich im Land der Zwerge nach Chalun, der Hexe suchte, fand ich den Kleinen weinend hinter einem Strauch. Er hatte sich dort versteckt. Im Zwergenland stimmt etwas nicht! Alle Zwerge sind verschwunden. Ich mache mir große Sorgen. Ich vermute, die Hexe steckt dahinter. Sami kannst du mir nicht suchen helfen?“
„Seltsam!“, meinte der kleine Elefant und zog seine Stirn in Falten, „ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Chalun mit dem Verschwinden der Zwerge etwas zu tun hat! Warte einen Moment“, bat er. „Ich helfe dir gern, aber zuerst muss ich Tobias holen. Dann kannst du vorausfliegen und uns den Weg zeigen.“
Tobias hatte schon auf seinen Freund gewartet. Als er von Sami hörte, was der Rabe von den Zwergen erzählt hatte, drängte er seinen Freund, sofort loszufliegen.

 

Während bei Tobias der Winter regierte, war im Zwergenland eigentlich Sommer.

Sami, Tobias und Knorks, mit dem Zwergenkind auf seinem Rücken, hatten nun das Zwergenland erreicht. Sie suchten in den Häusern nach den Bewohnern, riefen so laut sie konnten, doch niemand gab ihnen Antwort. Verzweifelt fragten sie sich, wo die Zwerge wohl alle sein mochten!
„Fliegt zum See!“, rief der Zwergenwinzling. Vielleicht sind sie nur schwimmen gegangen und haben mich einfach vergessen, mitzunehmen!“
„Wo ist denn der See?“, wollte Sami wissen.
Der kleine Zwerg zeigte in die Richtung der Berge.

„Dort hinten“, sagte er.

Je näher sie aber dem See kamen, je kälter wurde allen. Sie begannen, schrecklich zu frieren. Schlimmer als im Garten bei Mama Lisa.
„Sagt mal, ist euch auch so kalt wie mir?“, rief Sami seinen Begleitern zu.

„Ja!“ Wir sind schon zu Eis erstarrt!“, bekam er zur Antwort.
Als sie den See erreicht hatten, erblickten sie vor sich eine zugefrorene Eisfläche. Mitten im Sommer!?
Auf dem Eis tummelten sich unzählige Katzen, die hinter fliehenden Mäusen herjagten. Die Mäuschen suchten verzweifelt nach einem Ausweg, um sich zu verstecken, aber das glatte Eis bot ihnen keinen Schutz. Durch die Eisfläche glotzten verwundert die Fische und sahen vergnügt den flitzenden Mäusen zu.

Sami setzte vorsichtig ein Bein auf das Eis. Sofort versteckte sich ein Mäuschen hinter seinen großen Fuß, rang nach Luft und quietschte:
„Bitte, hilf uns, kleiner Elefant!", bat es. „Wir sind weder Mäuse noch Katzen. Wir sind die Zwerge aus dem Zwergenland. Die Hexe dort oben auf ihrem Besen hat uns verzaubert!“
Sami und seine Freunde hoben erstaunt ihren Kopf. Über ihnen kreiste der Hexenbesen mit der schlafenden Chalun. In der letzten Nacht hatte sie auf dem Hexenball zu viel getanzt und mehr Hexenwein getrunken, als sie vertragen konnte. Nun lag sie auf ihrem Besen und schlief, tief und fest. Der Besen, der nicht wusste, in welche Richtung er zu fliegen hatte, weil niemand ihm einen Befehl gab, drehte derweil seine Runden. Es machte ihm einen Riesenspaß endlich mal fliegen zu dürfen, wie er es wollte. Doch ganz plötzlich erwachte die Hexe. Sie wühlte in ihrer blauen Tasche nach ihrem Zauberbuch, murmelte etwas im Halbschlaf und schlief sofort wieder ein.

„Zum Donnerwetter“, schimpfte Sami, „was hat sich Chalun, die Hexe, nur dabei gedacht? Wir müssen sie unbedingt wecken, damit nicht noch Schlimmeres geschieht".  Zustimmend nickten die anderen.
Sami trompetet laut und rief nach oben:

„Chalun, wach auf und schau dir an, was du angerichtet hast!“
Doch die Hexe reagierte nicht. Der Besen flog unbeirrt weiter seine Runden.
Sami trompetete noch lauter und rief:
„Wenn du nicht sofort herunterkommst, komme ich nach oben und mache aus deinem Besen Kleinholz!“
Chalun hatte taube Ohren. Sie reagierte nicht.
Da holte Sami tief Luft, öffnete seine Flügel und schoss nach oben, dabei gab er einen gewaltigen Trompetenstoß von sich. Ringsum erzitterten die Bäume, wie bei einem Sturm.
Doch selbst das konnte Chalun nicht aufwecken. Sie schmatzte im Schlaf, leckte sich ihre Lippen und begann laut zu schnarchen.
Vor Zorn ergriff Sami mit dem Rüssel ihren Besen, rüttelte so kräftig daran, dass die Hexe fast von ihrem Fluggerät kippte.
Endlich erwachte sie. Sie schaute Sami verwundert an und sagte schlaftrunken:
„Was willst du von mir, kleiner Elefant? Wo kommst du überhaupt so plötzlich wieder her? Lass mich doch einfach weiter schlafen!“
„Nichts da! Hast du überhaupt eine Ahnung, was du den Zwergen angetan hast?“, fragte Sami wütend. „Schau sofort nach unten!“
Erschrocken blickte die Hexe hinunter auf den zugefrorenen See und die umherwuselnden Katzen und Mäuse. Sofort ergriff sie ihr Zauberbuch. Dann murmelte sie hastig einen Spruch. Augenblicklich verwandelten sich die Katzen und Mäuse in Zwergenmänner und Zwergenfrauen. Sie begannen auf der Eisfläche zu tanzen und ihre Zwergenkinder schlidderten glücklich dazwischen.

Aber, oh weh! Das Eis begann zu knistern, und zu schmelzen. Es wurde wieder Sommer. Schleunigst verließen die Zwerge das Eis und brachten sich in Sicherheit. Nur der kleine Winzling schaffte es nicht mehr rechtzeitig. Er tauchte unter, kam wieder hoch, ruderte mit den Armen, spuckte Wasser und rief verzweifelt nach Sami. Der erkannte sofort die Gefahr für das Zwergenkind. Er flog noch einmal zurück und fischte den Kleinen mit dem Rüssel aus dem See.
Die Zwerge klatschten Beifall. Knorks flog erleichtert auf die Schulter seiner sichtlich geknickten Hexe und der Besen war nun nicht mehr steuerlos und musste wieder Chaluns Befehlen gehorchen.
Als Sami und Tobias das warme Land der Zwerge verließen, winkten ihnen unzählige Zwerge dankbar hinterher. Der kleine Winzling saß beruhigt auf den Schultern seines Vaters und freute sich, nicht mehr allein zu sein.