Sami und Tobias retten Prinzessin Lija/5

Sami zwängte sich aus dem Bilderbuch.
„Hallo, Tobias!“, rief er, „kannst du mir helfen? Ich bin zu groß und zu dick geworden! Bald muss ich eure Haustüre benutzen!“
Was unternehmen wir heute?“ fragte Tobias gespannt.
„Wenn du Lust hast, erkunden wir die alte Burg auf dem Eulenberg.“
„Hurra!“ freute Tobias sich und machte einen Luftsprung. "Ich liebe alte Burgen. Die sind so schön gruselig und geheimnisvoll!“
Sofort machten sie sich auf den Weg. Nach einer halben Stunde Fußmarsch sahen sie die Burg hoch oben auf dem Berg. Stolz ragte das alte Gemäuer in den Himmel. Fröhlich schwatzend machten sie sich an den Aufstieg.
Auf dem Weg begegnete ihnen ein altes Mütterchen. Es ging leicht gebückt und trug eine Kiepe Holz auf dem Rücken.
„Guten Tag!" grüßte Tobias freundlich. Die alte Frau blieb stehen. Sie setzte ihre Last ab und blickte die beiden aus kleinen, wässrigen Augen an.
„Guten Tag, Tobias! Guten Tag, Sami!“ grüßte sie freundlich zurück.
„Sag, Mütterchen, woher kennst du unsere Namen?“, wunderten sich die beiden.
Die Alte kicherte leise vor sich hin.
„Es gehört zu meinen Aufgaben, viele Dinge zu wissen. Ich habe auf euch gewartet! Ihr wollt doch zur alten Burg, oder nicht?“
„Stimmt! Und wieso hast du auf uns gewartet?" fragten sie erstaunt.
Wer war die Frau? Sie wurde ihnen unheimlich.
"Oh, ich habe von euren Abenteuern und guten Taten gehört“, murmelte sie. "Jemand braucht eure Hilfe! Es ist Prinzessin Lija, oben in der Burg. Chalun, die böse Hexe, hält sie oben im Turm in einem kleinen Zimmer gefangen.
Die arme Prinzessin steht oft am Fenster, dann hört man sie laut weinen.“
Tobias und Sami schauten sich an. Wild purzelten die Gedanken in ihren Köpfen durcheinander und abenteuerliche Pläne wuchsen, wie sie die Prinzessin befreien könnten!
Die alte Greisin lächelte wissend.
"Ich lese eure Gedanken", flüsterte sie und sah sich nach allen Seiten um.
„Stellt es euch nicht zu leicht vor. Wenn ihr es wagen wollt, braucht ihr vier Dinge: einen Nagel, einen Knopf, einen Apfel und ein Taschentuch.“ Eindringlich sah sie Tobias an: „Junge, leer mal deine Hosentaschen aus!“
"Und warum?" begehrte Tobias auf.
"Mach schon und frage nicht so viel. Wer viel fragt, tut weniger."
Tobias stülpte seine Taschen von innen nach außen.
Was plumpste da zu seinem Erstaunen auf die Erde? Ein rostiger Nagel, ein kleiner, runder Stein, ein angeknabberter Apfel und ein nicht ganz sauberes Taschentuch. War das etwa Zauberei? Tobias war ganz sicher, diese vier Dinge vorher nicht besessen zu haben. Das alte Mütterchen rieb sich vergnügt die Hände. Ihre verhutzelte Haut raschelte dabei wie Papier.
„Was du alles in deinen Taschen hast!“, neckte ihn Sami und wedelte erwartungsvoll mit seinen Ohren. Tobias verbarg sein Erstaunen und blickte die alte Frau fest an:
„Sag uns, was soll Prinzessin Lija mit dem Krimskram aus meinen Taschen machen? Das gehört doch eigentlich in den Müllsack."
„Nun ganz einfach, nach der Hexe werfen, wenn sie ihr auf der Flucht zu nahe kommt“, entgegnete die Alte. Sami hob den Rüssel und fragte neugierig:
"Ja, aber was geschieht dann?"
"Sei nicht so ungeduldig. Das werdet ihr sehen, wenn es soweit ist! Wenn es dunkel wird und sich die ersten Sterne am Himmel zeigen, fliegt Chalun auf ihrem Hexenbesen zum Hexenball. Dann sind nur die scharfen Hunde im Haus.
Doch seid vorsichtig, wenn ihr euch ihrem Fenster nähert, damit sie euch nicht bemerken. Klopft an und lasst sie schnell aufsitzen. Ihr habt keine Zeit zu verlieren. Das ist mein Rat. Nicht mehr und nicht weniger. Viel Glück euch beiden!"
Sie hievte ihre Kiepe auf den Rücken und wackelte davon. Als Tobias und Sami sich noch einmal nach ihr umdrehten, war die geheimnisvolle Alte wie durch Zauberei verschwunden.
Die Sonne ging leuchtend hinter dem Eulenberg unter, als die Freunde endlich vor der Burg standen. Die alte Greisin hatte sie viel zu lange aufgehalten.
„Was hältst du davon? Ich vertraue ihr nicht!“ sagte Tobias.
Sami schwang seinen Rüssel.
„Klingt zu kompliziert! Komm, das machen wir viel einfacher. Sitz auf!“
Gerade in diesem Moment kam die Hexe auf ihrem Besen um die Ecke geflogen. Krächzend stritt sie mit ihrem hässlichen, schwarzen Kater, der auf ihrer Schulter hockte.
"Du Katzenvieh bereitest mir nichts als Ärger. Wenn du so weiter machst, brate ich dich und fresse dich mit Haut und Haaren."
Der schwarze Kater fauchte und sein Schwanz schwoll an und glitt über die Augen von Chalun.
Dadurch war sie abgelenkt und achtete nicht auf Sami und Tobias, die sich schnell in eine Mauernische drückten. Als die Hexe außer Sicht war, nahm Sami drei Schritte Anlauf, breitete seine Flügel aus und erhob sich nach oben zum Turmzimmer der Prinzessin Lija. Mit seinem Rüssel klopfte er an ihr Fenster.
Als Prinzessin Lija einen flügelschwingenden Elefanten vor sich sah, wich sie verängstigt zurück.
„Hab` keine Angst, Prinzessin Lija", rief Sami ihr aufmunternd zu.
„Öffne rasch das Fenster. Ich bringe Dich zurück in das Schloss Deines Vaters. Spute Dich, wir müssen uns beeilen!“
Als Prinzessin Lija Tobias auf dem Elefanten sitzen sah, öffnete sie beherzt das kleine Fenster und kletterte auf das Sims. Sofort reichte Tobias ihr beide Hände und schwupps, saß sie auf Samis Rücken.
Auf dem Weg zum Hexenball stritten sich Chalun und ihr Kater noch immer, deshalb drehte sie um und wollte ihn in die Burg zurückbringen.
Da hörte sie die Hunde in der Halle bellen und bemerkte die Flucht. Sofort nahm sie die Verfolgung auf.
Prinzessin Lija begann vor Angst zu weinen, denn Chalun schien schon nach ihr zu greifen. Da fiel Tobias der Rat des alten Mütterchens ein. Er griff in seine Hosentasche und reichte der Prinzessin den Nagel.
„Wirf den Nagel auf die Hexe“, schrie er. Lija tat, was er sagte, obwohl sie es komisch fand. Im gleichen Augenblick öffnete der Himmel weit seine Schleusen und es fing hinter ihnen an, wie aus Eimern, zu schütten. Der Regen prasselte auf die Hexe nieder, sodass sie nur langsam vorankam.
Chalun zitterte und schäumte vor Wut, denn der Vorsprung der Flüchtenden wurde immer größer. Doch sie spornte ihren Besen an und es dauerte nicht lange, da hatte sie die Fliehenden eingeholt. Tobias reichte der Prinzessin den Apfel, und als Lija ihn nach der Hexe warf, wuchs in Sekundenschnelle ein riesiger, dichter Wald, mit Bäumen, die hoch in den Himmel ragten, sodass die Hexe ihn erst einmal überfliegen musste. Wieder hatte die Gruppe einen Vorsprung bekommen, doch auch dieses Hindernis überwand die Hexe spielend. Sie streckte bereits ihre Krallen nach der Prinzessin aus, da holte Tobias den kleinen Stein hervor. Als Lija ihn nach der Hexe warf, wuchsen augenblicklich hinter ihnen riesige Berge in den Himmel.
Chalun rief ihnen Zaubersprüche nach, doch sie hatten keine Wirkung. Sami flog ruhig und gleichmäßig weiter, aber er wurde immer müder. Auch die großen Berge bezwang die Hexe, und als sie bereits nach dem Rock der Prinzessin griff, gab Tobias der Lija das Taschentuch.
Als Lija es der Hexe entgegen warf, geschah etwa Seltsames. Ein gewaltiges Meer toste hinter ihnen. Der Sturm türmte haushohe Wellen und trieb die Hexe zurück.
Sami indessen erreichte mit letzter Kraft das Königschloss. Danach lag er erschöpft auf dem Bauch und streckte alle viere von sich. Der König war so glücklich über die Rettung seiner Tochter, dass er die beiden reichlich beschenken wollte. Doch sie lehnten dankend ab. Nur den Dankeskuss von der hübschen Prinzessin nahmen sie gern in Empfang.

Was Sami, der kleine Elefant und Tobias nie erfahren werden, die Hexe reitet auf ihrem Hexenbesen noch immer über das Meer und das wird sie wohl ein Leben lang tun müssen, wenn nicht ein Wunder geschieht.