Sami und die verhexte Mühle/3
 

Kaum war die Mama von Tobias am anderen Tag zur Arbeit gegangen, da schepperte es laut in seinem Zimmer.
Tobias flitzte sofort die Treppe hoch.
Sami, der kleine Elefant, hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und der war nur noch Kleinholz.
„Oh, Sami, was machst du nur für Sachen! Wie erkläre ich das bloß wieder meiner Mutter!“
„Tut mir leid, Tobias, das wollte ich nicht!“, antwortete Sami schuldbewusst.
„Waren wir denn heute verabredet?“, fragte Tobias und half Sami auf die Beine.
„Nein! Aber ich habe etwas sehr Interessantes erfahren. – Ganz in der Nähe vom Zirkuszelt steht eine alte Mühle. Stell dir vor, die soll verhext sein! Wollen wir uns die einmal anschauen?“
„Eine Mühle!", fragte Tobias gedehnt. Kein schippern auf dem Meer? Keinen Rutsch über den Regenbogen ins ewige Eis? Und was soll an einer verhexten Mühle interessant sein?“
„Lass dich überraschen!", antwortete sein Freund und zog ihn zur Tür.
"Fliegen oder laufen wir?", wollte Tobias wissen.
"Laufen", antwortete Sami. "Du weißt doch, dass ich nur fliege, wenn ich in Not bin oder im Zirkus auftrete,“ – und wenn du zu faul zum Laufen bist!“, vollendete Tobias den Satz.
„Was willst du denn dort? – Etwa mit der Hexe reden?“
„Ja!“, antwortete der kleine Elefant.
„Worüber denn?“
„Lass dir erzählen!“

„Die Hexe Chalun hat die Mühle ganz in ihrer Gewalt. Das hat mir jemand verraten, der es weiß. Sie hat den Mühlbach versickern lassen, nun stehen die Mühlräder still. Der Müller hockt trübsinnig auf seinen Säcken voll Korn, denn er kann kein Mehl mehr mahlen. Deshalb können die Bäckereien kein Brot mehr backen. Die Menschen beschimpfen den Müller und glauben ihm nicht, dass Chalun die Mühle verzaubert hat. Nun hat sich die Hexe auch noch direkt unter den Mühlrädern häuslich niedergelassen. Das kann sie doch nicht machen! Dagegen müssen wir etwas unternehmen!”
„Glaubst du, sie wird mit dir reden?“, fragte Tobias.
„Wenn wir Glück haben und sie finden!“, gab Sami zur Antwort. Je näher sie der Mühle kamen, desto mulmiger wurde es Tobias. Schon der alte, holprige Weg mit den hohlen Weiden, löste Furcht in ihm aus. Ängstlich drückte er sich an seinen Freund.

„Sami darf ich auf deinen Rücken?“
„Sitz auf!“ Schwupps saß Tobias oben und fühlte sich sofort sicherer.
„Tobias, ich habe dir nicht alles erzählt, um dich nicht zu erschrecken“, begann Sami. “Hinter der Mühle ist ein dunkler Wald, dort lebt ein Waldschrat, dem sollten wir lieber nicht begegnen!“
Tobias zupfte an Samis großen Ohren.
„Ein Waldschrat! Was ist das denn?“, fragte er.
„So eine Art Geist, der den Wald beschützt und seine Gestalt ändern kann. Er kann alles sein. Ein Tier, ein Ast, ein Baum oder auch ein alter Mann. Sehr oft lauert er im Geäst der Bäume und springt blitzschnell auf seine Opfer herunter und verspeist sie.“
„Saaami!“, schrie Tobias, „lass uns sofort umkehren. Mir genügt schon die Hexe!“
„Kommt nicht infrage!“, rief Sami zurück und schritt ruhig weiter.
Die Mühle stand still. Kein Flügel drehte sich lustig im Wind. Rings umher war alles wie ausgestorben. Ein älterer Mann mit schwarzem Schnurrbart saß in der Nähe des Mühlbaches und rauchte seine Pfeife.
„Ist das der Müller?“, fragte Tobias.
Sami stellte seinen Rüssel steil nach oben und zog die Luft ein.
„Beachte ihn nicht, es ist der Waldschrat. Ich kann ihn riechen!“
Vom Mühlenhof ging eine hölzerne Treppe hinauf zur Rampe. Eine offenstehende Türe führte ins Innere der Mühle.
„Chalun, wo bist du", rief Sami, „ich habe mit dir zu reden."
Tobias stand ängstlich daneben. Er wagte kaum, sich zu rühren. Sein kleiner Freund, der Elefant, überraschte ihn immer mehr. Er konnte nicht nur fliegen, sondern auch einen Waldschrat riechen!
Im Halbdunkel konnte Tobias nichts erkennen, doch Sami hatte gute Augen und erkannte sofort die Hexe, die am Boden hockte. Sie war schmutzig und roch übel. Aus ihren roten Augen starrte sie Sami unfreundlich an.
"Was hat ein Elefant mit mir zu reden? Sage mir, was du zu sagen hast und dann verschwindet“, antwortete sie böse.
Sami richtete sich in seiner ganzen Größe auf.
"Verlass sofort diese Mühle und nimm Deinen Hexenzauber gleich mit. Das ist Unrecht, was Du hier tust!"
Heftiges Flügelschlagen erklang und Staub wurde aufgewirbelt.
Chalun hatte sich in einen Uhu verwandelt und wollte hinaus ins Freie flüchten. Da hob Sami seinen Rüssel und versuchte, einen Flügel zu ergreifen, um sie festzuhalten. Augenblicklich, wurde dem kleinen Elefanten seltsam zumute, und er begann sich, zu verwandeln. Sein Rüssel schrumpfte, bis er aussah wie das Ringelschwänzchen eines kleinen Schweinchens. Tobias und Sami waren entsetzt. Nach dem ersten Schrecken stürzten sie voller Wut dem Uhu hinterher.
Doch der ließ sich hoch oben auf einem Baum am Rande des dunklen Waldes nieder und lachte sie aus.
"Hohoho", prustete er, „der Versuch, mich zu fangen, war gut. Deshalb werde ich deinen Mut belohnen, kleiner Elefant. Hör zu! Weil ich heute gut gelaunt bin, mache ich dir ein Angebot. Wenn es dir gelingt, mich hier oben zu ergreifen, bekommst du deinen langen Rüssel wieder und ich befreie die Mühle von dem Hexenzauber. Also, lass dir etwas einfallen!“
Genüsslich schloss der Uhu seine Augen, wie es Uhus manchmal tun, weil sie sich oben auf einem Baum sicher wähnen.
Sami nahm einen kleinen Anlauf, öffnete seine Flügel, und ehe Chalun, in Gestalt des Uhus begriff, was geschah, hatte Sami ihn mit seinen Elefantenfüßen gepackt.
„Nun, Chalun, wie gefällt dir das?”, lachte Sami. „Löst du dein Versprechen ein oder soll ich dich zerquetschen?“, grinste er fröhlich.
Die Hexe erschrak. Dass ein Elefant fliegen konnte, war ihr bisher unbekannt. Welche Zauberkraft steckte wohl dahinter? Ängstlich versprach sie ihm, seinen Rüssel zurückzugeben und den Hexenzauber von der Mühle zu nehmen. Kaum hatte Sami seine Füße wieder auf der Erde, verschwand das Ringelschwänzchen aus seinem Gesicht und wuchs wieder zu einem herrlichen Elefantenrüssel. Der Mühlbach füllte sich mit Wasser, die Räder begannen sich zu drehen und der ältere Mann mit dem schwarzen Schnurrbart, war kein anderer als der Müllermeister selbst, der seine Freude nicht verbergen konnte.
„Du hast mich mit dem Waldschrat belogen und mir große Angst gemacht“, schimpfte Tobias auf dem Heimweg.
„Das stimmt! Aber demnächst werden wir ihn im dunklen Wald suchen gehen.“
„Nein!“, sagte Tobias.
„Doch!“, antwortete Sami.
So stritten sie eine Weile, bis sie zu Hause waren und der kleine Elefant im Märchenbuch verschwunden war.
"Ach Sami", seufzte Tobias vor sich hin, "wie soll ich meiner Mutter nur den kaputten Stuhl erklären?"