Die goldene Türklinke/13

Es war Winter geworden. Der kleine Elefant Sami und Tobias standen am Fenster und blickten erwartungsvoll nach draußen. Täglich schauten sie zum Himmel empor und hofften darauf, dass es endlich zu schneien begann.
Tobias hatte Weihnachtsferien. Er wollte mit Sami Schlitten fahren und einen Schneemann bauen, doch kein einziges Schneeflöckchen taumelte zur Erde.
„Wo bleibt nur der Schnee“, seufzte der kleine Elefant bekümmert. „Da stimmt doch etwas nicht! Wir sollten den Winter suchen gehen! Bestimmt hat er die rechte Zeit verschlafen.“
„Weißt du denn überhaupt, wo er wohnt?“, wollte Tobias wissen.
Sami überlegte und lutschte dabei an seinem Rüssel.
„Nicht genau. Aber wir werden ihn schon finden. Er soll in den Wolken ein Eisschloss besitzen.
Tobias blickte seinen Freund ungläubig an. „Woher weißt du das alles?“
„Im Zirkus hört man so allerhand. – Was ist?“, fragte er, weil Tobias lange schwieg. "Wollen wir, oder nicht?“
„Klar, wollen wir“, lachte Tobias. Schnell schlüpfte er in seinen warmen Anorak, zog die gefütterten Stiefel an und stülpte sich die Pudelmütze über die Ohren.
Sami hob ihn auf seinen Rücken, und – hast du nicht gesehen – befanden sie sich direkt vor dem Eispallast.
Er stand inmitten watteweicher Schneewolken. Auf der breiten Treppe zum Eingang lag der Winter und schlief. Sein Schnarchen war weithin zu hören. Dicke Eiszapfen zitterten in seinem schneeweißen Bart. Nur mit Mühe gelang es Sami, ihn zu wecken.
„Wer seid ihr denn?“, brummte der Winter schläfrig und blinzelte ein wenig. Dann gähnte er herzhaft, schloss die Augen wieder und begann erneut zu schnarchen.
Sami stieß ihn mit dem Rüssel an.
„Bitte, Winter, wach auf! Wir müssen mit dir reden!“
„Dann rede“, sagte der weißhaarige Alte und drehte sich zur anderen Seite.
Da trompetete ihm der kleine Elefant laut ins Ohr. Erschrocken fuhr der Winter auf und war nun hellwach. Verdutzt blickte er auf die unerwarteten Gäste.
„Du hast es zwar kalt werden lassen, aber wo bleibt der Schnee?“, beschwerte sich Sami. „Wir wollen endlich Schlitten fahren und einen Schneemann bauen und du liegst hier faul vor deinem Palast auf der Treppe und schnarchst!“
Der Winter fuhr sich verlegen über den Eiszapfenbart.
„Du hast ja recht, kleiner Elefant“, grummelte er. „Wie es aussieht, müsst ihr in diesem Jahr aber ohne Schnee auskommen. Es ist etwas Furchtbares geschehen. Die goldene Türklinke vom Eispalast ist spurlos verschwunden. Ich kann nicht einmal meinen eigenen Wohnsitz öffnen, um in den Saal zu gelangen, wo der Schnee lagert.“
„Wurde die Klinke vielleicht von jemandem gestohlen?“, fragte Tobias vorsichtig. „Ich meine, hattest du Besuch?“

Der Winter überlegte und nickte schließlich bedächtig. „Ja, vor einiger Zeit war eine Hexe auf ihrem Besen hier. Sie hatte sich verflogen und fragte nach dem richtigen Weg. Seitdem ist die Klinke verschwunden.“
„Chalun!“, riefen Sami und Tobias wie aus einem Mund. Nur sie konnte es gewesen sein.
„Das bringen wir ganz schnell in Ordnung“, versprach Tobias.
„Schlaf derweil noch ein wenig“, riet Sami dem eisigen Alten, "denn wenn wir zurück sind, brauchst du viel Kraft, um den Schneesaal zu leeren.“
Dann befahl er Tobias auf seinen Rücken zu steigen und kündigte an:
„Der Hexe werde ich was tröten! „Sie wussten ja, wo sie Chalun zu suchen hatten!

Eins, zwei drei standen sie vor der Hütte unter den drei knorrigen Eichen.
„Chalun“, rief der kleine Elefant, so laut er konnte. “Chaluuun…!“Es kam keine Antwort. Da stemmte er sich einfach gegen die morsche Tür.
Die Hexe war nicht da, nur Knork, ihr schrecklicher Rabe, saß auf seiner Stange und zeterte laut beim Anblick der Eindringlinge.
Es stank furchtbar verbrannt und alles war blau verräuchert.
Auf dem Tisch befanden sich Tiegel und Töpfchen, Kräuter und Salben. Das Hexenbuch lag aufgeschlagen daneben und in der Ecke stand der Hexenbesen. „Seltsam“, sagte Sami, „hier ist sie nicht, fortgeflogen ist sie auch nicht, sonst wäre der Besen nicht hier.“
„Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen?“, vermutete Tobias. „Komm, wir müssen sie suchen. Kann sein, vielleicht ist sie in Not.“
Ganz in der Nähe der drei Eichen lag ein unwegsames Gelände, welches mit dornigem Gestrüpp bewachsen war. Als die beiden dort vorbeikamen, hörten sie lautes Rufen. War das nicht die Stimme der Hexe?
Sami machte sich bemerkbar, indem er aus Leibeskräften trompetete.
„In Dreiteufelsnamen! So helft mir doch hier heraus“, rief die Hexe bei diesem bekannten Ton.
„Wie bist du da überhaupt hineingeraten?“, rief Sami.
„Das geht euch einen schimmeligen Käse an“, fauchte Chalun ärgerlich.
Sami wackelte verschwörerisch mit den großen Ohren und schüttelte sacht den Rüssel. Tobias verstand: Der kleine Elefant wollte die Hexe ein bisschen zappeln lassen. „Wenn du es nicht sagen willst, dann gehen wir eben wieder", trötete er.
„Bitte nicht“, schrie Chalun sofort aus Leibeskräften. „Das könnt ihr doch nicht machen. Ich gebe euch alles, was ich besitze, nur holt mich hier ’raus.“ Und kleinlaut fügte sie hinzu: „Ich habe etwas Neues ausprobiert und den falschen Zauberspruch benutzt. Wie ich hier gelandet bin, weiß ich auch nicht! Nun sitze ich fest.“
„Wir wollen nicht alles, was du hast“, sagte Sami ernst, „nur …“, die goldene Klinke vom Eispalast, die du dem Winter gestohlen hast“, fiel Tobias ihm ins Wort.
Im Dickicht herrschte Schweigen.
„Die habe ich nicht mehr“, gestand Chalun schließlich. „Jolka, die Elster, hat sie mir stibitzt."
„Und wo finden wir Jolka?“ Samis Stimme klang nun wirklich ärgerlich.
„Auf der großen Linde hinter der alten Mühle“, rief die Hexe aus dem Dickicht.
„Befrei sie endlich“, flüsterte Tobias. „sie hat alles gesagt, was sie weiß.“
Sami lief einige Elefantenschritte rückwärts und stürmte dann wie eine Ramme durch das dichte Gestrüpp. Er landete direkt vor der Hexe.

Chalun hing wie eine verschrumpelte Birne inmitten der Dornen.
Tobias, der Sami auf der breiten Schneise gefolgt war, löste vorsichtig jedes Haar der Hexe aus dem stachligen Gewirr.
Vor Freude über die Rettung küsste sie erst den kleinen Elefanten zwischen die Augen und dann den Jungen auf die Wange.
„Ich muss ganz schnell nach Hause, sonst verkohlt meine Suppe“, krächzte sie und schoss davon.
„Ist schon passiert“, trompetete Sami hinterher.
Dann machten sie sich auf den Weg zum Baum der Elster.

Das Nest befand sich ziemlich hoch im Geäst. Aufgeplustert wie eine Henne über ihren Küken, saß Jolka dort auf ihren gestohlenen Schätzen.
„Was wollt ihr?“, schnarrte sie, sobald sie den kleinen Elefanten und Tobias erblickte.
„Nur die goldene Klinke vom Palast des Winters, die du der Hexe Chalun gestohlen hast“, gab Sami freundlich zur Antwort.
„Waaas? Kommt nicht infrage! Alles anständig gesucht und gesammelt“, krächzte Jolka laut und breitete die Flügel schützend über dem Nest aus.
Sami wurde ungeduldig. Er kniff die Augen zusammen und wünschte sich einen Giraffenhals. Mit der Feder hinterm Ohr gelang das spielend. Nun hatte er das Nest direkt vor dem Rüssel. Mit seinen großen Ohren hielt er Jolka die böse funkelnden Knopfaugen zu.
„Rück endlich zur Seite und lass mich in deine Schatztruhe sehen“, forderte er.
„Nein!“ schnarrte die Krähe und hackte blind nach Samis Rüssel.
„Dann lege ich den Baum um und puste dein Nest in alle Himmelsrichtungen. Wie gefällt dir das?“, drohte der kleine Elefant.
„Bist du übergeschnappt?“, schimpfte Jolka. „Wo soll ich dann meine Schätze verstecken? Außerdem, wie soll ich nachsehen, ob ich eine Klinke habe, wenn du mir die Augen zuhältst?“
Sami nahm die Ohren von den Knopfaugen der Elster, sie fuhr mit dem Schnabel unter ihr Gefieder und rückte Sami widerwillig die goldene Klinke heraus.
Er warf sie Tobias zu und wünschte sich seinen kurzen, stämmigen Hals zurück.
„Das war mein schönstes Fundstück“, jammerte die Krähe von hoch oben, aber das kümmerte die Freunde nicht mehr.

Schnell waren sie wieder beim Eispalast angekommen, wo der Winter noch immer auf der vereisten Treppe lag und schlief.
„Wach auf! Wach auf! Wir haben das gute Stück“, schrie Sami.
So schnell war der eisige Alte noch nie auf den Beinen! Er stürmte mit der Klinke los, hatte im Nu Palast und Schneesaal geöffnet und schippte die weißen Flocken in Hülle und Fülle auf die Erde.
Weiß wie Schneemänner kamen Sami und Tobias unten auf der Erde an.
„Warum muss der Winter immer gleich übertreiben?“, lachten sie und begannen sofort eine lustige Schneeballschlacht.