Sami und die Rettung der Fledermäuse 6
 

Im Zirkus war die Nachmittagsvorstellung zu Ende. Die Kinder hatten vor Aufregung glänzende Augen und rote Bäckchen bekommen. Der Dompteur lobte Sami und kraulte ihm zärtlich die großen Ohren. Auch versprach er ihm eine extra Portion Obst für seine heutige Leistung. Mit vor stolzgeschwellter Brust marschierte Sami Richtung Elefantenhaus, als ihm etwas auf seinem Rüssel kitzelte. Eine kleine Fledermaus hatte dort Platz genommen.
Sami schwang seinen Rüssel hin und her, doch die Fledermaus ließ sich nicht abschütteln.
„Such dir gefälligst einen anderen Landeplatz“, maulte er. „Müsstest du um diese Zeit nicht noch schlafen?“
„Würde ich gerne“, antwortete sie, “aber ich kann nicht!“
Die Fledermaus war höflich und stellte sich vor.
„Ich bin Lotte und ich brauche dringend deine Hilfe. „Kennst du die weißen Berge? Dort ist vor zwei Tagen ein Steinschlag niedergegangen und hat den einzigen Zugang zu unserer Höhle verschüttet. Hunderte von Fledermäusen leben dort. Sie finden keinen Ausgang mehr. Meine lieben, kleinen Kinder sind auch unter ihnen. Verdursten werden sie nicht, in der Höhle ist ein See. Aber sie werden verhungern, wenn sie abends nicht ausschwärmen können! Ich war zum Glück auf Futtersuche, dadurch bin ich davon gekommen. „Bitte, Sami, hilf uns“, bettelte Lotte.
„Wie kann ich euch denn helfen? So stark bin ich auch nicht! Ich kann doch keine großen Felsbrocken beiseite räumen", gab Sami zu bedenken.
Lottes kleine Knopfaugen schauten ihn verzweifelt an.
„Kennst du denn niemanden, der einen Spaten oder Ähnliches hat? Ein kleines Löchlein würde uns schon genügen. Wir sind ja nicht sehr groß.“
„Wie kamst du ausgerechnet auf mich?“, wollte Sami wissen.
„Auf der Suche nach Hilfe bin ich in das Zirkuszelt geraten und habe gesehen, dass du fliegen kannst. Das ist sehr gut, denn das Einstiegsloch ist weit oben am Berg. Hinaufsteigen kannst du dort nicht. Aber du könntest hinauffliegen, meinte Lotte, die Fledermaus.
Sami blickte in Lottes traurige Augen. Sein mitleidiges Herz schmolz dahin.
„Bleib sitzen und halte dich fest“, sagte Sami. „Ich habe eine Idee!“

Tobias saß gelangweilt in seinem Zimmer. Es war ein warmer, sonniger Tag, der leider schon langsam zu Ende ging. Er hatte Sehnsucht nach seinem Freund, dem kleinen Elefanten. Das Märchenbuch lag griffbereit auf seinem Schreibtisch. Als er es aufschlagen wollte, kroch Sami mit der kleinen Fledermaus heraus.
„Oh, Sami! Soeben habe ich an dich gedacht“, freute sich Tobias. „Wen hast du denn da mitgebracht?“
„Das ist Lotte“, antwortete er. "Sie braucht unsere Hilfe! Hast du einen Spaten?“
„Wozu?“, wollte Tobias wissen.
„Das erzähle ich dir alles auf dem Weg in die weißen Berge!“, erklärte ihm Sami.
 „Mach schnell, Tobias!“, sagte Sami und schubste ihn und die kleine Fledermaus in das Buch hinein.
Die weißen Berge rückten näher und näher. Vor ihnen schäumte ein Wildbach. Lotte zeigte in die Höhe. Samis Blicke sahen ein Bild wüster Zerstörungen. Ein wirres Durcheinander von Gesteinsbrocken war aufgetürmt und umgeknickte Bäume reckten sich wie Gespenster in den Himmel. Sami schnappte sich mit dem Rüssel seinen Freund und setzte ihn auf seinen Rücken. Dann öffnete er die Flügel und schon waren sie oben am Berg. Die Fledermaus flatterte hinterher. Sie zeigte ihnen genau die Stelle, wo vorher das Einflugloch zur Höhle war. Tobias und er begannen sofort, die großen Steine beiseite zu räumen. Lotte war zu klein und zu schwach zum Helfen, aber sie gab gezielte Kommandos:
"Höher, tiefer, mehr rechts, mehr links". Die Freunde waren in Schweiß gebadet und der Staub verkrustete ihre Augen. Sami packte mit seinem Rüssel den Spaten. Er schippte und schippte, drehte den Spaten um und stieß mit dem Holzstiel in das Gestein, bis endlich ein kleines Loch sichtbar wurde. Neugierig steckte er seinen Rüssel hinein, um zu fühlen, ob das Loch für die Fledermäuse schon groß genug sei. Es war groß genug, denn in dem Moment drängten sich schon die ersten Fledermäuse an seinem Rüssel vorbei ins Freie. Tobias sprang rechtzeitig zur Seite. Auch Sami wollte den Rüssel zurückziehen, doch plötzlich hing er aus unerkennbaren Gründen fest. „Was nun?“, schoss es ihm durch den Kopf. Die Fledermäuse sind frei und ich hänge fest!“ Neben ihm gähnte ein tiefer Abgrund und über sich machten Hunderte von Fledermäusen einen ohrenbetäubenden Lärm.

Tobias bemerkte mit Entsetzen, dass sein kleiner Freund seinen Rüssel nicht mehr freibekam. Sofort kletterte er auf allen Vieren hinauf, um ihm zu helfen.
„Bleib, wo du bist“, rief Sami ihm zu. “Hier ist kein Platz für dich!“

Doch Tobias ließ sich nicht abhalten.
„Hast du dich verletzt? Wie konnte das nur passieren?“, wollte er von Sami wissen.
„Was kann ich nur tun?“, fragte Tobias.
„Nichts! Nur überlegen, wie ich wieder freikomme! Irgendwie hänge ich da drinnen fest und zaubern kann ich nicht. Mit Gewalt geht auch nichts, ohne mir wehzutun! Außerdem wird es bald dunkel!“, seufzte Sami.
Die Freunde starrten sich verzweifelt an. Wie sie auch überlegten, sie sahen keinen Ausweg. Es begann schon zu dämmern, als Tobias plötzlich an Chalun dachte.
„Die Hexe muss uns helfen!“, rief er aufgeregt.
"Warum sollte sie das tun?“, wollte der kleine Elefant wissen, „nach dem wir Prinzessin Lija aus ihrer Gewalt befreit haben!“
Tobias rief gegen den Willen von Sami nach Lotte, der Fledermaus.
Die kleine Fledermaus saß derweil mit ihren Kinderchen auf einem Stein und freute sich über die geglückte Rettung. Schnell kam sie angeflogen.
„Hör zu“, sagte Tobias zu ihr. „Flieg schnell zur alten Mühle und suche Chalun, die Hexe. Wenn sie da nicht ist, flieg zur Burg auf dem Eulenberg. Erzähl ihr, was passiert ist und bitte sie um Hilfe!"
„Mach ich!“, sagte Lotte und flog eilends davon.

 Plötzlich erklang ein Rauschen in der Luft. Und da kam sie auch schon auf ihrem Hexenbesen angeflogen.
„Die Fledermaus hat mir erzählt, ihr braucht Hilfe“, rief sie.
„Wieso denkt ihr eigentlich, dass ich euch helfen werde?“, wollte sie wissen.
„Weil wir an das Gute in dir glauben“, gestand Sami kleinlaut.
Bissig antwortete die Hexe: „Was ist, wenn ich euch einfach in den Abgrund stoße?"
„Das kannst du nicht tun. Ich hänge mit dem Rüssel fest und bin etwas verletzt!“
Tobias stand starr vor Schreck und er spürte Angst in sich hochkriechen. Chalun stieg genüsslich von ihrem alten Hexenbesen. Sie ließ sich Zeit.
„Was ist nun? Hilfst du mir?“, wollte Sami von ihr wissen.
„Nicht so ungeduldig, mein Freund! Die Hexerei braucht ihre Zeit!“, mahnte die Hexe.
Tobias fasste wieder Mut. Chalun hatte mein Freund gesagt, das war ein gutes Zeichen.
Aufmerksam verfolgte er nun, was die Hexe tat. Chalun nahm aus ihrer Tasche ihr Zauberbüchlein, blätterte vor und zurück, dann endlich murmelte sie einen Zauberspruch und spuckte dreimal auf die Erde. Plötzlich konnte Sami mühelos seinen eingeklemmten Rüssel aus der Öffnung befreien.
„Steigt auf, ich bringe euch nach Hause!“, sagte Chalun. Wie auf Befehl kam der Besen angeflogen und baute sich vor ihnen auf.
„Muss das sein? Ich steige doch nicht auf deinen altersschwachen Besen!“, empörte sich Sami. Außerdem ist er viel zu klein für uns alle.“
Chalun zauberte den Besen dreimal so groß, wie er vorher war, und machte sich zum Abflug bereit.

"Halt! Warte, bitte!“, riefen Sami und Tobias wie aus einem Munde.
Als sie aufsaßen, kamen Hunderte von Fledermäusen und begleiteten sie. Hoch ging es durch die Lüfte, über Berge, Hügel und Wälder, bis sie den ersten Kirchturm der Stadt erblickten. Zu Hause angekommen flatterten die Fledermäuse wie eine schwarze Wolke davon. Auch Chalun folgte ihnen auf ihren Hexenbesen. Was Sami und Tobias nicht sehen konnten, waren die strahlenden Augen der Hexe. Sie wirkte richtig fröhlich. Sie hatte zum ersten Male etwas Gutes getan. Das war ein schönes Gefühl. Und tatsächlich, sie summte ein Lied, als der Besen sie durch die Lüfte nach Hause führte.
Bevor Sami wieder im Märchenbuch verschwand, fragte Tobias.
Bist du in Ordnung, Sami?“

“Mir geht es gut!“, antwortete der kleine Elefant, „mich ärgert nur, dass Chalun so viel Freude daran hatte, uns auf ihrem Besen sitzen zu sehen! Diese hinterlistige, alte … liebe Hexe. „Du hättest ja auch fliegen können!“, meinte Tobias.

„Ach, weißt du“, lächelte Sami, „ich wollte nicht unhöflich sein!“