Der vom Himmel gefallene Weihnachtszwerg /16

Über Nacht war viel Schnee gefallen. Tobias saß in seinem Zimmer und blickte hinaus, in den tief verschneiten Garten. Es waren noch einige Stunden bis zum Heiligabend. Er war gespannt, was für ein Geschenk der Weihnachtsmann ihm bringen würde! Unten in der Küche hörte er seine Mutter mit den Töpfen klappern. Er beschloss, ein wenig in den Garten zu gehen. Seine Gedanken waren bei Sami. Was mochte sein kleiner Freund wohl heute Abend machen? Gab es im Märchenbuch auch einen Heiligabend oder ein Weihnachtsfest?

Mit einmal kroch Sami aus dem Märchenbuch. Seine kleinen Augen schwammen in einen Tränensee und schwappten gleich über die Ufer.

„Was ist mit Dir? Ist etwas passiert? Bist du krank?, wollte Tobias wissen. „Nein, ich bin nicht krank. Ich bekam heute nur eine traurige Nachricht.“

„Willst du darüber reden?“ Sami nickte. „Du wirst es sowieso bald erfahren. Der Zirkus schließt für immer seine Tore.“

Tobias war entsetzt. „Und was geschieht mit dir und den anderen Tieren. Was wird aus Pako, dem tanzenden Bär?

„Wir werden alle an einen Zoo verkauft. Das bedeutet, wieder an Ketten gelegt zu werden. Das überlebe ich nicht! Ich gehe nach Afrika zurück. Wo soll ich auch sonst hin!“

„Aber dann sehen wir uns ja nie mehr“, schniefte Tobias und ließ seinen Tränen freien Lauf. Sami umschlang seinen Menschenfreund mit dem Rüssel und streichelte ihn. Danach putzen sie sich gegenseitig die Tränen ab und versuchten nicht mehr daran zu denken.

„Weiß du was“, munterte Sami seinen Freund auf, „ich habe einen dunklen Wald entdeckt. Dort könnten wir ein bisschen spielen gehen. Tobias hatte nichts dagegen.

Er zog sich die Mütze tief über die Ohren, wickelte dem Freund und sich selbst den Schal fester um den Hals und Sami, öffnete seine Flügel. Im Wald empfing sie dichtes Schneegestöber. Sie bewarfen sich mit Schneebällen, spielten Fangen und Blindekuh und achteten nicht auf die Zeit. Sie sahen immer weniger, schließlich nicht einmal mehr die nächsten Bäume.

„Mir ist kalt“, sagte Tobias, „und dunkel ist es auch schon. Ich glaube, es wird Zeit heimzukehren, mein Freund.“

„Schon? Lass uns noch ein Weilchen durch den Wald laufen. Es ist so romantisch hier“, bettelte Sami. Tobias stieg auf den Rücken des Elefanten. Während die beiden durch den Wald trabten, trötete Sami laut bei jedem Schritt. Tobias ahnte, dass Sami innerlich Abschied nahm, von allem, was ihm lieb und vertraut geworden war.

Währenddessen packten der Weihnachtsmann und seine Helfer, die Weihnachtszwerge, im Himmel den Schlitten voll Geschenke, um die Menschenkinder auf Erden zu beschenken. Max, einer der jüngsten Zwerge, nahm seinen Platz hinten auf dem Schlitten ein. In der Nacht zuvor hatte er die Erlaubnis erhalten, dem Weihnachtsmann und den anderen Zwergen beim Austeilen der Geschenke zu helfen. Darauf freute er sich, denn es war schon lange sein Wunsch, einmal auf Erden sein zu dürfen. Kaum hatte er seine Weihnachtsmütze mit dem blinkenden Sternenstaub über die Ohren gezogen, setzte sich der Schlitten auch schon in Bewegung. Krampfhaft hielt Max sich an den Paketen fest. Der Weihnachtsmann freute sich genau wie seine Helfer auf den Erdenbesuch und stimmte lautstark das Lied an: „Vom Himmel hoch da komm ich her.“

Da machte der Schlitten eine scharfe Rechtskurve, Max flog in hohem Bogen durch die Luft und stürzte dann in die Tiefe. Die anderen Zwerge hatten davon nichts bemerkt, sie sangen mit dem Weihnachtsmann fröhlich weiter. Max fiel und fiel, brach durch die Baumwipfel eines dunklen Waldes und blieb in einer Schneewehe liegen. Als er nach oben blickte, sah er gerade noch den Schlitten hinter einer dichten Wolke verschwinden.

„Was nun?“, dachte der kleine Zwerg und hätte am liebsten geweint. Plötzlich hörte er einen lauten, unbekannten Ton. Ängstlich zuckte er zusammen und sprang hinter einen Baum. Im Schneegestöber konnte er nicht viel erkennen, aber etwas sehr Großes, Dunkles trabte genau auf ihn zu. Der Weihnachtszwerg wischte sich den Schnee aus den Augen, um besser sehen zu können. Und da erkannte er einen Elefanten, auf dessen Rücken ein Menschenkind saß. Mutig stellte er sich dem Langrüssel in den Weg und machte mit der blinkenden Sternenstaubzipfelmütze auf sich aufmerksam.

„Bitte, könnt ihr mich mitnehmen? Ich bin Max, ein Weihnachtszwerg, und aus dem Schlitten des Weihnachtsmannes gefallen. Ich weiß nicht, wo ich bin und wie ich wieder zurück in den Himmel komme. Und mir ist so schrecklich kalt!“

Sami blieb sofort stehen. Der kleine Kerl tat ihm leid.

„So, so!“, grummelte er. „Wenn du keine Angst vor mir hast, steig auf.“

Er umschlang den Weihnachtszwerg und setzte ihn zu Tobias auf seinen Rücken dazu.

„Wir nehmen dich erst mal mit und überlegen in der warmen Stube, wie wir dir helfen können.“ Dann hob er ab und kurz darauf waren sie in Tobias` Zimmer. Dort überlegten sie, wie man Max wieder in den Himmel zurückbringen könnte.

„Kannst du ihn nicht mit der Zauberfeder hinauf wünschen?“, erkundigte sich Tobias.

Sami schüttelte den Kopf.

„Ach, mein Freund, so einfach ist das nicht. Der Schlitten des Weihnachtsmannes saust schneller über den Himmel als der Blitz. Ich würde ihn beim Wünschen glatt verfehlen.

„Und wie ist es mit hinauffliegen?“, bettelte Tobias.

„Bei diesem Schneegestöber? Unmöglich! Da landen wir eher in der Hölle als im Himmel. Es muss einen anderen Ausweg geben!“, beteuerte er. Auf dem Fensterbrett saß der kleine Zwerg und starrte unentwegt in das dichte Schneetreiben. Hin und wieder hatte jeder von ihnen mal eine Idee, aber sie ließ sich nicht umsetzen.

Endlich fragte Sami, ob rote Farbe im Haus sei. Ich fliege aufs Dach und sprühe mit dem Rüssel die Nachricht in den Schnee: MAX IST BEI UNS. Tobias war eher dafür, mit den gleichen Worten ein weißes Bettlaken im Garten zwischen die Bäume zu hängen.

„Weiß auf Weiß? Wie soll der Weihnachtsmann das aus seiner Höhe erkennen?, widersprach der Weihnachtszwerg. Und dann fiel ihm selbst etwas Gutes ein: Er riss sich die funkelnde Zipfelmütze vom Kopf und bat Tobias, sie ins Fenster zu hängen.

„Deshalb tragen wir doch das flimmernde Ding, damit wir schnell zu bemerken sind.“

Jetzt hieß es abwarten!

Schon zweimal hatte die Mutter nach Tobias gerufen. Jedes mal rief er zurück: “Gleich Mama, gleich!“, und hoffte, dass sie nicht ins Zimmer hereinplatzte.

Sami war inzwischen nahe daran, die Hexe Chalun herbeizuwünschen, um sie zu bitten, Max auf dem Besen in den Himmel zu bringen.

Plötzlich blitzte draußen ein funkelnder Sternenhimmel auf und kleine Hände klopften vorsichtig an die Fensterscheibe.

„Hurra!“, rief das Zwerglein, „Sie sind da!“

Der Weihnachtsmann hatte einen Suchtrupp ausgeschickt. Dank der blinkenden Mütze, die wie ein winziger Christbaum im Fenster hing, fand dieser den verloren gegangenen Zipfelbruder endlich wieder. Tobias öffnete das Fenster einen Spaltbreit. Max, der Weihnachtszwerg, schlüpfte hinaus, kletterte in den kleinen Suchschlitten seiner Kameraden und – husch – verschwand dieser im Schneegestöber.

Sami kroch schnell ins Märchenbuch, weil der Freund zum dritten Mal von seiner Mutter gerufen wurde.

Tobias lief nach unten, um endlich mit seiner Mutter Weihnachten zu feiern.

Aber so richtige Stimmung wollte nicht aufkommen, weil er immer an Samis Abschied denken musste.