Sami und der Waldschrat 4

Tobias ging hinauf in sein Zimmer. Neben dem Märchenbuch entdeckte er eine Nachricht von Sami. Er musste wohl in der Zwischenzeit da gewesen sein!
„Ich warte auf dich in der Nähe der verhexten Mühle, bei den hohlen Weiden“, las Tobias.
„Ich weiß, was du vorhast“, dachte er. „Du willst den Waldschrat suchen! Aber ohne mich!“, sagte Tobias laut und stampfte mit den Füßen auf. Doch seine Neugierde wuchs von Minute zu Minute und schließlich machte er sich doch auf den Weg zur alten Mühle.
Als Sami Tobias sah, umschlang er ihn vor Freude mit seinem Rüssel.
„Willst du wirklich den Walschrat suchen?“, wollte Tobias wissen. „Du hast mir doch selbst erzählt, wie gefährlich er ist!“
„Ach komm! Dem Mutigen gehört die Welt! Wie wollen wir Abenteuer erleben, wenn wir nichts wagen?“, grinste Sami und zog Tobias einfach mit.
Am Rande des dunklen Waldes klapperten die Windräder der Mühle. Dort hatten sie die Mühle vom Hexenzauber befreit. Ohne Mut hätten sie das nicht geschafft. Wenige Schritte weiter, lag dunkel und geheimnisvoll der Wald vor ihnen. Mit klopfendem Herzen betraten sie ihn. Ein wenig fürchteten sie sich schon. Aber galt es nicht die Furcht zu überwinden, wenn man mutig sein wollte?
Sie waren bereits ein Stück des Weges gegangen, als ein Brausen durch die Tannen ging und vom Mühlbach her ein feuchtkalter Wind herüberwehte. Plötzlich grollte der Donner. Der Schreck fuhr ihnen in alle Glieder. Aus dem Gebüsch neben ihnen drang lautes Knacken und der Himmel über ihnen verdunkelte sich. Durch die Äste einer hohen Tanne schaute ein Gesicht hervor. Es war schrecklich anzusehen, so bleich und finster.
Sami und Tobias schrien aus Leibeskräften. Der Schreck saß so tief, dass sie Hals über Kopf tiefer in den Wald stürmten.
Sie rannten, bis ihnen die Luft wegblieb und sie auf einer grünen Wiese standen. Vor ihnen schimmerte ein riesiger See. Hier war kein Weiterkommen. Aus den Wolken zuckten helle Blitze und der Regen floss in Strömen, als würde er nie wieder aufhören. Tobias schmiegte sich an Sami. Ratlos sahen sich die beiden an.
„Was sollen wir bloß tun?“, stöhnte Tobias. Sami ließ seinen Rüssel hängen. Auch ihm fiel nichts ein. Wie sie so dastanden und überlegten, kam aus dem Wald ein kleines Wildschwein gerannt und verwandelte sich vor ihren Augen in die Gestalt des unheimlichen Mannes, der ihnen so große Furcht eingeflößt hatte. Ängstlich betrachteten sie sein Äußeres, als er sich vor ihnen aufbaute. Aber seltsam, sie sahen nichts Schreckliches mehr in seinem Gesicht. Seine Augen blickten freundlich und ein breites Lächeln lag auf seinen Lippen.
„Euch kenne ich doch!“, murmelte er. „Seid ihr nicht die Zwei, die neulich die Hexe Chalun überlistet haben und die Mühle vom Zauber befreiten?“
Sami und Tobias nickten, während ihre Herzen vor Aufregung laut pochten.
„Habt keine Angst! Ich tue euch nichts. Auch wenn ich als Waldschrat einen schlechten Ruf habe. Ich kann nicht gut zaubern und meine Verwandlungen und meine Kräfte sind begrenzt. Ihr kommt mir wie gerufen! Ein Riese hat sich in meinem Wald verirrt. Mein Haus und meine Ställe hat er in den Boden getrampelt, alle meine Tiere getötet. Nur meinen geliebten Cosimo, meinen Riesenvogel, hat er am Leben gelassen. Aber nur, weil er so große Eier legt, dass ein ganzes Haus hineinpassen würde! Er köpft die Eier unten am See und schlürft den Inhalt genüsslich in sich hinein. Schaut euch nur um. Überall liegen die Eierschalen herum. Danach löscht er im See seinen Durst und legt sich hin und schläft. Aber ein Auge bleibt immer offen. Egal, in welcher Gestalt ich mich verwandle, ich komme nicht an ihm vorbei, um am See zu trinken. Ich habe große Angst vor ihm. Gestern hätte er mich fast erwischt. Ich wollte meinen geliebten Cosimo befreien, aber er hat den Stall so verrammelt, alleine schaffe ich es nicht. Sami, bitte hilf mir meinen Riesenvogel zu befreien, denn wenn der Riese keine Eier mehr vorfindet, verlässt er die Gegend und zieht weiter.“
"Wie soll ich dir da helfen?", fragte Sami erstaunt.
"Ich weiß um dein Geheimnis, ich habe dich beobachtet. Lasst uns hinfliegen und meinen Cosimo befreien. Ich kann mich in einen kleinen Vogel verwandeln und dir den Weg dorthin zeigen!“
"Dann will ich dir helfen", versprach Sami. Wenn wir uns zusammentun, schaffen wir es bestimmt."
Während der Waldschrat ihnen das erzählte, verdunkelte sich der Himmel. Der Boden unter ihren Füßen bebte und ein nie gekannter Regenguss peitschte auf sie hernieder.
Schnell versteckten sie sich unter dem einzigen Busch, der auf der Wiese stand. Angstvoll rückten sie dicht zusammen. Es war der Riese, der mit schweren Schritten den Boden erzittern ließ. Noch hatte er sie nicht entdeckt. Er köpfte seelenruhig sein Ei, trank es leer und legte sich schlafen. Der Regen schien ihm nichts auszumachen!
Sami flüsterte: „Das ist die Gelegenheit! Der Riese erwacht nicht so schnell. Tobias, du bleibst, wo du bist, und rührst dich nicht von der Stelle. Wir sind bald zurück!" Der Waldschrat verwandelte sich in einen kleinen Vogel und Sami öffnete seine Flügel und schon waren sie hinter dem Wald verschwunden.
Tobias saß zusammengekauert im Gebüsch und ließ den Riesen nicht aus den Augen. Er wagte vor Angst, kaum zu atmen. Wenn der Riese nun erwachen würde und ihn entdeckte? Was dann?
Doch er sorgte sich umsonst. Kurz darauf waren Sami und der Waldschrat zurück.
„Cosimo, mein geliebter Riesenvogel ist frei. Er ist auf und davon und versteckt sich“, flüsterte der Waldschrat. „Sami hat alles kurz und klein getrampelt. Wenn der Riese kein Ei mehr findet, wird er woanders sein Glück suchen!“ Sie kauerten sich zusammen und warteten ab.
Mittlerweile erwachte der Riese. Er stand auf und reckte seine Glieder.
Dann machte er sich auf den Weg, ein neues Ei bei Cosimo zu holen.
Als er bemerkte, dass der Vogel verschwunden war, brüllte er vor Wut laut auf, sodass der See hohe Wellen schlug. Dann kam er zurück und entdeckte die drei Gefährten unter dem Busch. Kurzerhand griff er eine Ecke der grünen Wiese und rollte sie samt Inhalt darin ein. Alles ging blitzschnell. Danach packte er das grüne Paket in ein großes, leeres Ei und warf es weit hinaus auf den See. Das Ei schaukelte auf dem Wasser wie ein Schifflein und ging zum Glück nicht unter. Tobias weinte. Was wäre, wenn er seine Mama nicht wiedersah? Sami versuchte, ihn zu beruhigen und der Waldschrat begann, durch heftiges Schaukeln, das Ei ans Ufer zu lenken.
Der Riese jedoch blies es immer wieder hinaus auf den See. Sie waren zu seinem Spielzeug geworden. Inzwischen hatte sich der Waldschrat in eine Ratte verwandelt und die Wiese, in der sie eingewickelt waren durch geknabbert. Es dauerte nicht lange, da verlor der Riese die Lust am Spiel und trabte davon. Dabei zertrampelte er alles, was ihm unter die Füße kam. Jetzt galt es, sich so schnell wie möglich zu retten. Einer nach dem anderen zog sich auf den Eirand. Nun packte Sami Tobias mit seinem Rüssel, der Waldschrat, in Gestalt einer Ratte, klammerte sich an den Schwanz des kleinen Elefanten fest. Sami nahm drei Schritte Anlauf, öffnete seine Flügel und flog so lange, bis sie in Sicherheit waren.
„Das war knapp“, sagte der Waldschrat erleichtert. „Als Erstes werde ich Cosimo suchen.“ Er verwandelte sich augenblicklich in einen Raben, bedankte sich bei Sami und erhob sich in den Himmel.
Tobias fiel seinem kleinen Freund vor Freude in den Rüssel und wurde von ihm zärtlich gedrückt.
„Tut mir leid, Tobias! Das hätte böse enden können! Ich wollte doch nur wissen, ob der Waldschrat wirklich so gefährlich ist, wie die Menschen immer erzählen!“
„Gut!", antwortete Tobias, „jetzt wissen wir es. “Der Schreck saß ihnen noch immer im Nacken. Diesmal verabschiedeten sie sich in der Nähe des Elternhauses von Tobias. Es war bereits ziemlich dunkel, als seine Mutter nach ihm Ausschau hielt. Als sie ihn erblickte, rief sie lachend:
„Komm schnell ins Haus, sonst ergreift dich noch der Waldschrat!“
Es war gut, dass es dunkel war, so konnte sie das Grinsen in seinem Gesicht nicht erkennen.