Pako, der tanzende Bär/9

Kaum war Sami aus dem Märchenbuch gestiegen, da rief er schon: „Tobias, wo warst du? Ich war schon mal hier und habe vergeblich auf dich gewartet, deshalb bin ich wieder gegangen.

„Sami, du weißt doch, dass ich nicht mehr so viel Zeit für dich habe, seit ich zur Schule gehe. Ich muss viel lernen!“

Daran hatte der kleine Elefant nicht gedacht.

„Im Märchenbuch ist heute Jahrmarkt“, lockte er. „So einen hast du noch nie gesehen! Komm mit, du wirst staunen!“

Tobias wurde neugierig.

„Wirklich? Hört sich gut an!“

Sie stiegen beide ins Buch und Tobias schien es, als seien sie in einer anderen Welt. So etwas hatte er noch nie gesehen! Ihm war, als unternehme er eine Reise in die Vergangenheit, hinein in die Geschichten, die ihm die Mutter manchmal vorlas.

Sie befanden sich auf einem Marktplatz mit einem Brunnen, an dem sich Ochsen, Pferde und Esel satt tranken.

Dicht gedrängt stand Bude an Bude, in denen Waren feilgeboten wurden. Ein Händler schrie lauter als der andere.

„Wo sind wir?“, staunte Tobias mit offenem Mund. "Na, auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt“, lachte Sami. „Habe ich dir zu viel versprochen? Komm weiter! Es gibt noch viel mehr zu sehen.“

Er trötete so laut er konnte und trabte los. Tobias erschrak bei diesem unerwarteten Getöse, aber niemand sonst achtete darauf. Die vielen Menschen machten selbst gehörigen Krach.

Da gab es Handwerker, die wortreich ihre Waren anboten, einen Hufschmied, der ein Pferd mit neuen Hufeisen beschlug. Das Tier hielt geduldig still, denn es spürte die Nägel nicht, die in seinen Huf getrieben wurden. Gaukler führten ihre Zauberkünste vor. Sie zogen den umstehenden Münzen aus Nase und Ohren, machten aus einem Blumenstrauß bunte Tücher und ließen aus einer hochgeworfenen Kappe Tauben fliegen. Seiltänzer liefen über ein dickes Seil, das zwischen zwei Dachgiebeln quer über den Markt gespannt war und Akrobaten verrenkten sich, als hätten sie keine Knochen im Leib.

Tobias und Sami staunten über Mädchen in kurzen, bauschigen Spitzenröcken, die zu den Klängen von Flöten und Geigen tanzten. Kleine Menschen, die wie die Zwerge im Märchenbuch des Jungen aussahen, brachten mit allerlei Späßen die Leute zum Lachen.

Ein Mann trug ein Brett wie einen Tisch vor den Bauch geschnallt, auf dem er seine Ware ausgebreitet hatte.

„Das ist ein Bauchladen“, wusste Sami zu berichten. „Mit solch einem Ding geht unser Clown während der Pause im Zirkus auch umher und verkauft Süßes.“

Der Bauchladen-Händler war über Samis Anblick nicht im Geringsten erstaunt. Er lächelte freundlich, nahm zwei Brezeln von seinem Bauch-Tisch, reichte die eine Tobias und hängte die andere dem kleinen Elefanten an den Rüssel.

„Lasst es euch schmecken“, sagte er und ging weiter.

Auch ein altertümliches Karussell war zu sehen. Es glich einem großen Wagenrad. An seiner äußeren Seite waren kleine Sitze befestigt. Seitlich von diesem sonderbaren Gerät stand ein Mann, der das Rad mit einer Handkurbel in Bewegung setzte „Sami, möchtest du auch eine Runde drehen?“, scherzte Tobias und wies auf die winzigen Sitze.

„Ich weiß selber, dass mein Hintern zu dick ist“, trötete Sami. „Aber du könntest ja …“

Lautes Brummen und Peitschenknallen erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit.

„Den Ton kenne ich!“, rief der kleine Elefant. „Ich lebe ja schließlich schon lange im Zirkus.“

Er bahnte sich eilig einen Weg durch die Menge, Tobias kam kaum hinterher. An einem Ende des Marktplatzes stand vor einer Mauer ein großer Käfig. Daran hing ein Schild mit der Aufschrift:

Pako, der tanzende Bär.

Das Tier stand außerhalb der Vergitterung hoch aufgerichtet vor seinem Führer, der auffordernd an einer Kette zerrte, die mit dem Nasenring des Bären verbunden war. Der unwillig brummende Geselle war jedoch nicht zu bewegen, seine Tanzkünste vorzuführen. Da stieß der Mann wüste Beschimpfungen aus, zog dem Bären mit der Peitsche eins über und trieb ihn in den Käfig zurück. Danach drehte er den Schlüssel im großen Vorhängeschloss dreimal herum und befestigte ihn anschließend an seinem Gürtel.

Missmutig stapfte er darauf in den Gasthof `Zum Ochsen`.

Sami und Tobias näherten sich dem Käfig. Der Bär tat den beiden leid.

„Ich möchte nicht so eingesperrt sein“, sagte der kleine Elefant leise.

Der braune Geselle blickte ihn mit traurigen Augen an und antworte zu Samis Überraschung: „Das wollte ich auch nicht! Aber nun bin ich es. Könnt ihr beiden mich nicht befreien?“

“Wie stellst du dir das vor?“, fragte Tobias. „Und was geschieht danach mit Dir? Willst du davonlaufen und in den Wäldern verhungern oder gejagt und getötet werden?“

„Das ist mir egal!“, brummte der Bär. „Ich bin zu alt, um zu tanzen. Der Nasenring tut mir weh. Und immer nur von einem Jahrmarkt zum anderen ziehen macht auch keinen Spaß.“

Sami und Tobias sahen sich an und beide hatten den gleichen Gedanken.

„Pako, so heißt du doch?“, erkundigte sich der kleine Elefant.

Der Bär nickte.

„Also hör gut zu, Pako“, fuhr Sami fort. „Du musst dich noch ein wenig gedulden. Tobias bleibt in deiner Nähe. Ich werde versuchen, dem Bärenführer den Schlüssel zu stibitzen. Wenn es mir gelingt, nehmen wir dich mit in meinen Zirkus.“

„Und was dann?“, wollte Pako wissen.

„Noch keine Ahnung!“, antwortete Sami ehrlich und trabte hinüber in den Gasthof, ‘Zum Ochsen.’ Er lugte durch ein offen stehendes Fenster und überlegte: „Wie komme ich nur an den Schlüssel?“

Da bemerkte er, dass der Bärenführer direkt unter dem Fenster saß, den Kopf auf den Tisch gelegt hatte und schlief.

Vorsichtig tastete er sich mit dem Rüssel an den Gürtel des Mannes heran, wo der Schlüssel an einem Haken hing.

Zweimal musste er sein Vorhaben abbrechen, weil er sich beobachtet fühlte, beim dritten Mal gelang es ihm jedoch, den Schlüssel vorsichtig vom Haken zu lösen.

Nun musste alles sehr schnell gehen!

Sami rannte im Elefantengalopp zum Käfig zurück und steckte den Schlüssel ins Schloss. Herumdrehen musste ihn Tobias, denn das gelang mit dem Rüssel nicht.

Hurtig trabte der Bär aus seinem Gefängnis. Die beiden Freunde nahmen ihn in die Mitte und schlenderten, um kein Aufsehen zu erregen, langsam dahin, bis sie außerhalb des Marktplatzes waren. Dort öffnete Sami seine Flügel, Tobias saß auf, Sami packte mit seinen kräftigen Vorderfüßen den Bären und flog mit ihnen bis vor dem Zirkus.

Tobias kroch aus dem Märchenbuch in sein Zimmer und verfolgte von dort aus, was weiter geschah.

Erst einmal brachte der kleine Elefant den Bären unbemerkt in der eigenen Behausung unter. Pako schlief dort sofort ein.

Während dieser Zeit verschwand Sami.

Tobias war gespannt, was der Freund vorhatte. Er beobachtete ihn genau.

Endlich war Sami wieder in seiner Behausung zurück. Im eingerollten Rüssel trug er ein Paket. Der Bär wurde wach und fragte Sami mit Angst in den Augen:

„Wenn der Bärenführer mich nun hier findet?“,

„Das wird er nicht“, beruhigte ihn der kleine Elefant. „Ich habe hier einen Blümchenhut und ein buntes Röckchen.“

„Du willst mich verkleiden?“, fragte Pako erstaunt.

Sami trötete vergnügt und Tobias ahnte, hinter Hut und Röckchen steckte etwas Besonderes.

„Und wenn Verkleiden nicht hilft?“, bohrte Pako beunruhigt weiter.

„Glaub’ mir, es hilft!“, versicherte Sami. „Ich habe eine Freundin, die versteht sich aufs Zaubern. Sobald du Hut und Röckchen trägst, bist du unsichtbar. Nur ich und mein Freund Tobias können dich sehen.“

Umständlich stieg der Bär in den Rock und Sami setzte ihm den Hut auf. Tobias schüttelte ungläubig den Kopf. Das sollte eine Tarnung sein? Pako sah nun aus wie eine dicke, alte Marktfrau und war auffälliger als zuvor.

Aber siehe da! Als der kleine Elefant mit ihm nach draußen trat, blickte sich niemand nach dem Bären um. Dabei war der Platz vor dem Zirkuszelt voll von Menschen!

„Gut gemacht, Sami!“, rief Tobias ins Märchenbuch hinein und klappte es schnell zu, denn die Mutter trat ins Zimmer.