Sami und die Regenbogenrutsche/ 2

Tobias stieg hinauf in sein Zimmer. Auf halber Treppe blieb er stehen und überlegte, ob er auch alles ausgeführt hatte, was ihm von seiner Mutter aufgetragen wurde. In Gedanken ging er noch einmal alles durch: Mülleimer geleert, das Geschirr in die Spülmaschine gestapelt, Schulaufgaben gemacht und den Ranzen aufgeräumt. Nein, er hatte nichts vergessen. Endlich hatte er Zeit in sein Märchenbuch zu schauen, ob es Sami, dem kleinen Elefanten noch gut ging! Als er das Buch aufklappte, kitzelte ihn der Rüssel von Sami im Gesicht und gleich darauf zwängte sich der kleine Elefant aus dem Buch und trompetete laut vor Freude.
„Sami“, rief Tobias, „du sollst mich nicht so erschrecken! Bist du schon wieder weggelaufen?“
Sami kitzelte ihn erneut.
„Nein, ich habe heute frei und hatte Sehnsucht nach dir. Wollen wir etwas unternehmen?“
„Nur wenn hinterher mein Zimmer nicht wieder schwimmt wie beim letzten Mal, als wir mit dem Schiff in Afrika waren. Meine Mutter hat ganz schön mit mir geschimpft!“
„Diesmal wird sie nicht mit dir schimpfen“, meinte Sami.

„Ich weiß auch schon, was wir machen. Wir klettern auf den Regenbogen, und wenn wir in der Mitte angekommen sind, rutschen wir auf der anderen Seite wieder hinunter.“
Tobias machte ein ungläubiges Gesicht.
„Und was ist auf der anderen Seite?“
„Keine Ahnung“, lachte Sami, „wir lassen uns überraschen! Was ist? Hast du Lust?“
„Klar habe ich Lust. Aber wo bekommen wir einen Regenbogen her?“
„Mensch, Tobias, der Mai ist da. Vorhin hat es geregnet, jetzt scheint die Sonne. Das bedeutet, wir bekommen einen schönen Regenbogen.“
Tobias schnappte sich seine Jacke und bald danach, hatten sie den Regenbogen gefunden.

„Hab` ich zu viel versprochen?“, wollte Sami wissen und lutschte vor Freude wieder einmal an seinem Rüssel. Stolz zeigte er mit dem Rüssel in die Höhe.

„Hier beginnt unsere Reise und irgendwo hinterm Horizont hört sie wieder auf!“
Tobias staunte mit offenem Mund. Er sah Farben, so bunt, wie er sie noch nie gesehen hatte: Rot, grün, gelb, blau, sogar golden und silbern schimmerte es dazwischen.
Mutig kletterten die beiden bis zur Mitte des Regenbogens. Die Welt unter ihnen wurde kleiner und kleiner. Die Straßen waren nur noch dünne Striche und die Häuser so winzig wie Streichholzschächtelchen.
Tobias rutschte auf seinen Hosenboden und Sami auf seinen plumpen Elefantenbeinen. Die Fahrt wurde schneller und immer schneller. Der kleine Elefant schwang vor Freude seinen Rüssel hin und her. Tobias musste mit seinen Armen rudern, um das Gleichgewicht zu halten. Lautes Lachen und Trompetengetöse schallten durch das Himmelszelt. Leider ging die Fahrt schneller zu Ende, als sie dachten. Die Erde kam ihnen wieder näher. Aber oh` Schreck, wo waren sie bloß gelandet?
Stumm vor Angst, blickten sie sich an.
Vor ihnen türmten sich riesige Eisschollen, die im Meer trieben und laut aneinander krachten. Bitterkalter Polarwind fegte über endlose Eisflächen.
Nirgends standen blühende Bäume, nur Felsen und Eis, Eis, Eis, soweit das Auge reichte!
„Sami“, die Stimme von Tobias zitterte, „ich will nach Hause. Mir ist so furchtbar kalt.“

Er suchte am Himmel den Regenbogen, aber auch der war verschwunden.
„Komm, schlupf unter mein rechtes Ohr, dort ist Platz genug und es ist schön warm. Weinst du etwa, Tobias?“, wollte Sami nach einer Weile wissen.
„Nein, ich habe nur Angst! Weil der Regenbogen fort ist! Wie kommen wir denn bloß wieder nach Hause?”
„Na und? Mach dir keine Sorgen, du kennst doch mein Geheimnis. Wir müssen nicht über den Regenbogen zurück.“
Tobias hatte vor Schreck ganz vergessen, dass sein Freund ja fliegen konnte! Er beruhige sich auch sofort wieder.
„Schau mal!“ Sami zeigte mit seinem Rüssel auf einen großen Eisbären. Der Bär humpelte am Rande des Eismeeres hin und her und brüllte gar fürchterlich.
„Warum ist er so aufgeregt?“, wollte Tobias wissen.
„Ich glaube, ich weiß es“, antwortete ihm sein großer Freund. Weit entfernt, nur noch als winziger Punkt erkennbar, saß ein Eisbärbaby auf einer Eisscholle und jammerte nach seiner Mutter. Es wurde von den dahin treibenden Eisbergen immer weiter mitgerissen. Tobias blinzelte hinter Samis Ohr hervor.
„Warum geht er nicht ins Wasser und hilft seinem Kind?“
„Weil er verletzt ist. Er blutet aus einer offenen Wunde.“
„Kannst du ihm denn nicht helfen?“, wollte Tobias wissen.
„Ja, daran habe ich auch schon gedacht!“
„Los, Sami“, rief Tobias, „zeig, was du kannst! Du bist doch nicht umsonst der berühmte, fliegende … !“

 Sami ließ ihn nicht aussprechen.
„Krall dich fest“, rief er und nahm einen kleinen Anlauf. Er entfaltete seine Flügel, die er hinter den Ohren verborgen hatte und flog in Richtung der Eisscholle, auf welcher der kleine Eisbär saß und nach seiner Mutter rief. Schnell hatte Sami die Scholle erreicht. Das kleine Eisbärbaby hielt ganz still, als Sami es im Vorbeiflug mit dem Rüssel ergriff und zurück zu seiner Mutter flog, die ihr Baby sofort in eine geschützte Höhle brachte.
„Was bist du für ein Vogel und wer ist dieser kleine Zwerg da hinter deinem Ohr?“, wollte die Bärin wissen. Sie ließ Sami keine Zeit zu antworten und redete weiter.
„Habt ihr euch verirrt? – Aber danke, ihr seid im richtigen Augenblick aufgetaucht. Wisst ihr, ab einem bestimmten Alter bringen wir unsere Jungen nach draußen, damit sie sich an die Kälte gewöhnen. Mein Baby hat so schön gespielt. In der Zwischenzeit habe ich Futter gefangen und plötzlich war es weg. Es ging alles so schnell. Ich konnte nicht nach, weil ich mich an einer scharfen Kannte verletzt habe. Kann ich euch als Dankeschön etwas Robbenfleisch anbieten? Sicher seid ihr hungrig!”
„Robbenfleisch?“, riefen die beiden entsetzt, wie aus einem Munde.
„Nein, danke! Wir brauchen andere Kost!“, beantwortete Sami die Frage der Eisbärin.
„Wenn ihr möchtet, könnt ihr euch in meiner Höhle etwas aufwärmen, bevor ihr weiter fliegt. Tobias zwickte seinem Freund kräftig ins Ohr.
„Aua“, warum beißt du mich, Tobias?“, wollte Sami wissen.
„Weil wir zurück müssen. Ich bekomme sonst mächtigen Ärger!“
„Also, mach`s gut und pass` in Zukunft besser auf dein Baby auf!“, rief er der Bärin zu und flog mit Tobias davon.
Die Eisbärin blickte dem komischen großen Vogel nach und dachte bei sich: „Was gibt es doch für sonderbare Geschöpfe auf dieser Welt!“
Sami und Tobias waren überglücklich wieder in ihrer gewohnten Umgebung zu sein. Mit Grausen dachten sie an die ewige Eiswüste und den eisigen Polarwind, doch gleichzeitig freuten sie sich über die Rettung des kleinen Eisbärbabys.
Schnell schlüpfte Sami in sein Märchenbuch zurück, denn schon hörten sie die Mutter von Tobias die Treppe herauf kommen. Als sie ihren Sohn sah, rief sie entsetzt aus:
„Um Gotteswillen, Tobias! Wo hast Du dich schon wieder herumgetrieben? Du bist ja total durchgefroren und kalt wie Eis. Dich kann man wirklich nicht alleine lassen! Du nimmst sofort ein heißes Bad und danach geht es ab ins Bett!“
„Ja, Mama“, sagte Tobias brav und zum ersten Mal in seinem Leben konnte er nicht schnell genug in sein Bett kommen.