Sami und das versunkene  Schloss 11

„Hallo, Tobias! Da bin ich!“, rief Sami, der kleine Elefant. Er kroch aus den Seiten des Märchenbuches und machte es sich auf dem Teppich bequem. „Weißt du schon das Neueste?“, fragte er lachend, „die Hexe Chalun wohnt jetzt in einem Schloss.“

„Und was ist daran so lustig?“, wunderte sich Tobias. „Mal wohnt sie in einer Hütte im Wald, mal in einer Mühle. Eine Höhle und eine Burg waren auch schon ihre Behausung und nun ist es eben ein Schloss.“

Sami verdrehte seine kleinen Äuglein und kicherte.

„Du weißt ja noch nicht alles. Sie sammelt jetzt Sternschnuppen. Stell dir vor, sie reitet auf dem Besen durch die Dunkelheit und fängt die Glitzerchen ein.“ Tobias machte ein ungläubiges Gesicht.

„Meinst du die Sternschnuppen, die durchs Weltall flitzen und Wünsche erfüllen, wenn man sie sieht?“

„Genau die!“ Sami nickte.

„Aber das sind doch in Wirklichkeit nur glitzernde Steine von anderen Welten“, klärte Tobias seinen Freund auf, „obgleich manche behaupten, sie hätten eine Seele. Hat sie denn schon viele davon?“

„Oh, ja!“, lachte Sami wieder. „So viele, dass ihr Schloss immer schwerer wird und langsam im Erdboden versinkt. Nur die oberen Fenster und ein kleines Türmchen sind noch zu sehen.“

„Das muss ich mir anschauen“, rief Tobias begeistert. Sami öffnete das Märchenbuch.

„Steig ein, ich zeige es dir!“

Als sie dort angekommen waren, wo das Schloss hätte stehen sollen, war da nur eine kahle Fläche zu sehen. Tobias machte ein enttäuschtes Gesicht.

„Sami sei ehrlich, du hast mich angeschwindelt!“

Sami schwenkte beteuernd den Rüssel.

„Nein, bestimmt nicht. Genau hier hat es gestern noch gestanden. Das kannst du mir glauben! Mir scheint, das Schloss ist jetzt endgültig versunken.“

„Aber wo ist dann Chalun? Sie wird doch nicht …?“Weiter mochte Tobias gar nicht denken. Sami trampelte mit seinen schweren Elefantenbeinen wild auf der Stelle herum, an der das Schloss gestanden hatte. Dabei rief er immer wieder den Namen der Hexe. Endlich hörten die beiden ein gedämpftes Geräusch. Wie es schien, war das die Stimme von Chalun, sehr weit weg, nicht besonders laut und jedenfalls unter der Erde.

Tobias legte das Ohr auf den Boden.

„Holt … raus. Hiiiilfe! …. mir!“, verstand er.

„Was ist?“, fragte Sami ungeduldig.

„Ich kann Chalun schlecht verstehen. Aber eins ist sicher, wir sollen ihr helfen“, erwiderte Tobias.

„Frag sie, wie das gehen soll und warum sie sich nicht einfach nach oben zaubert“, riet der kleine Elefant.

„Zaubere dich hoch!“, schrie Tobias in die Erde vor sich und legte sogleich das Ohr wieder auf den Boden.

„Neee … nicht!“, hörte er.

„Dann sag uns, was wir tun sollen?“, brüllte Tobias zurück. Eine endlose Kette wirrer Laute drang zu ihm herauf.

„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr“, klagte der Junge. Er blickte Sami an. „Du hast doch die größeren Lauscher! Los versuch du es mal!“

Der kleine Elefant plumpste zu Boden, trompetete lautstark in die Erde hinein und siehe da – er verstand Chalun.

Die Hexe rief: „Es gibt nur einen einzigen Weg hier heraus. Wünsch dich auf die Insel Nagabu. Dort findest du in den Sümpfen einen großen Baum mit Ästen, die fast bis in den Himmel ragen. Daran hängen feuerrote Früchte, die wie Kastanien aussehen. Neben dem Baum fließt ein Bach. Er führt rotes, magisches Wasser. Der Junge soll eine Frucht pflücken und vom Wasser schöpfen. Gebt Acht, das Wandern im Sumpf könnte für euch sehr gefährlich werden! Wenn ihr zurück seid, grabt die Frucht über dem Schloss ein und begießt die Stelle stündlich mit dem roten Wasser. Mit etwas Glück bin ich in drei Tagen frei und ich schwöre bei meinem Hexenbesen: Ich werde nie wieder Sternschnuppen sammeln!“

Der kleine Elefant berichtete, was Chalun gesagt hatte.

Tobias stieg eilends auf den Rücken des Freundes. Bevor sie losflogen, besorgten sie sich noch eine Gießkanne aus dem Zoo, die sich Sami über den Rüssel hing. Danach hoben sie ab.

Die Insel war ein einziger Sumpf! Bei ihrem Anblick verließ Sami der Mut. Überall stand braunes, stinkendes Wasser. Dazwischen wehten auf winzigen festen Stellen Grasbüschel im Wind und zitternde Schlammbuckel schickten trübe Blasen in die Luft. Große, schwarze Baumstümpfe krümmten sich wie Gespenster. Tobias schlotterte vor Furcht, aber Sami fasste sich ein Herz und tastete sich von Grasbüschel zu Grasbüschel. Dicht daneben gurgelten die Wasserlöcher. Als der kleine Elefant einem schwarzen Tümpel zu nahe kam, glitt er aus und rutschte beinahe hinein.

„Uff!“, trötete er erschrocken, „das ist gerade noch einmal gut gegangen!“

„Lass uns umkehren“, bettelte Tobias. „Ich habe schreckliche Angst!“

„Ich auch“, erwiderte Sami. „Aber schau nur, da vorn steht der himmelhohe Baum. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben und Chalun im Stich lassen!“

Mit viel Mühe erreichten sie den Baum. Seine Früchte leuchteten wie rote Laternen, aber sie hingen sehr hoch.

„Wie kommen wir da ran?“, Tobias Stimme klang mutlos.

„Das schaffen wir schon“, meinte Sami. „Du steigst auf meine Rüsselspitze, ich hebe dich nach oben und dann greifst du nach der erstbesten Frucht.“

Gesagt, getan. Tobias erwischte tatsächlich so ein leuchtendes Ding. Nun brauchten sie noch das rote, magische Wasser aus dem Bach, der sich neben dem Baum durch den Sumpf schlängelte.

Sami war unachtsam. Die Kanne rutschte ihm vom Rüssel. Es schepperte ein bisschen, als sie durch die Wurzeln des Baumes auf die Erde fiel. Nun blieb Tobias nichts weiter übrig: Er musste vom sicheren Platz auf dem Rücken seines Freundes heruntersteigen. Wasser konnte nur er schöpfen.

Der Junge füllte die Kanne randvoll, hängte sie Sami über den Rüssel und kroch schnell wieder auf seinen sicheren Platz zurück. Der kleine Elefant schielte wegen der großen Last vor Anstrengung. Dennoch gelang es ihm, einige Schritte Anlauf zu nehmen und abzuheben. Schwupps! Standen sie wieder am Ort des versunkenen Schlosses. Sami hob mit dem Rüssel ein Loch aus, Tobias legte die rote Frucht hinein, schob Erde darüber und begoss die Stelle von da an stündlich mit ein wenig magischem Wasser.

„Ich kann hier aber nicht ständig bleiben“, seufzte der kleine Elefant. „Ich habe morgen eine Vorführung im Zirkus.“

Und ich muss nachts in meinem Bett liegen, sonst sorgt sich meine Mutter“, fiel Tobias ein.

Sie machten also einen Zauberwasser - Begießungsplan – der Junge begoss die Frucht, wenn Sami Vorstellung hatte und der kleine Elefant übernahm die Nachtwache.

Tagsüber saßen sie auch für einige Stunden zusammen vor der Grube und hofften, dass endlich etwas aus dem Boden wuchs. Aber nichts dergleichen geschah! Was hatte sich Chalun nur von diesem Zauberwasser erhofft?

„Du siehst so traurig aus“, stellte Sami am dritten Tag ihrer scheinbar erfolglosen Beschäftigung fest. „Woran denkst Du?“

Ach, an nichts“, antwortete Tobias ausweichend. Der kleine Elefant blickte besorgt in das Gesicht seines Freundes.

„Das glaube ich dir nicht! Komm, sag mir, was dich bedrückt.“

Es dauerte noch eine Weile, ehe Tobias mit seinem Kummer herausrückte. „Weißt du, Sami, bald beginnt der Herbst und dann komme ich in die Schule. Nachmittags muss ich Hausaufgaben machen und habe keine Zeit mehr für dich oder nur sehr wenig. Verstehst du? Deshalb bin ich traurig.“

Und das wurde der kleine Elefant auch! Daran hatte er noch nie gedacht. Er legte seinen Rüssel um Tobias und so saßen sie und grübelten.
Am Abend des dritten Tages war das Zauberwasser alle. Sami legte das Ohr auf den Boden und rief nach Chalun. Aber wie an den Tagen zuvor meldete sie sich nicht.

„Ich bringe dich erst mal nach Hause“, entschied der kleine Elefant. „Du legst dich ins Bett, und sobald deine Mutter nach dir gesehen hat, hole ich dich wieder. Passiert heute Nacht nichts, dann müssen wir das Schlimmste befürchten.“

Kurz vor Mitternacht erschien Sami wie versprochen, zog Tobias ins Märchenbuch und dann saßen die Freunde stumm vor der kleinen Grube.

Plötzlich tat es einen Knall, die Erde bebte und ein Baum schoss vor ihren Augen in die Höhe. Deutlich vernahmen sie Chaluns Stimme aus der Tiefe.

„Saaami!“, rief sie, „reiß den Baum aus. Aber vorsichtig! Ganz vorsichtig!“

Der kleine Elefant packte den großen Baum mit seinem Rüssel und zog ihn ohne Mühe aus der Erde.

Und was kam zwischen seinen Wurzeln zum Vorschein? Eine quietschvergnügte Hexe! Lachend krabbelte sie aus dem Wirrwarr. Die Wurzeln des Baumes waren ins Schloss eingedrungen. Chalun war zwischen sie gekrochen und hatte sich nun mit ihnen wie durch eine Röhre nach oben ziehen lassen. Dankbar wollte sie die beiden Freunde küssen, doch Sami und Tobias wichen schnell zurück, denn an der Hexe klebte schwarzer Modder, sie war mit Wurzeln behängt und roch übel. In dem tiefen Loch, das der Baum zurückgelassen hatte, wurde es plötzlich gleißend hell: Abertausende Sternschnuppen drängten aus ihrem dunklen Gefängnis und suchten schnell das Weite. Nur die Letzte ließ sich auf Samis Rücken nieder und wisperte: „Wir danken euch für die Rettung, deshalb dürft ihr zwei euch etwas wünschen.“

Sami und Tobias blickten sich fragend an. Hatten sie Wünsche? Und ob! Nur, der Wunsch, der ihnen sofort einfiel, ließ sich nicht verwirklichen. Schule musste nun einmal sein!

Aber sollte man immer nur für sich selbst etwas erbitten?

Sami zwinkerte Tobias zu und schielte dann zu der stinkenden, schmuddeligen Alten hinüber.

„Wir wünschen uns, dass Chalun wieder in ihrem Schloss wohnen kann. Dafür verspricht sie, nie wieder Sternschnuppen einzufangen.“

Die Hexe nickte zustimmend mit dem wurzelgeschmückten Schädel. „Aber etwas würden wir gerne noch wissen“, sagte Sami. „Hast du das Unheil bei der Eisfee angerichtet und wie konntest du dich aus der Eisstarre befreien?“

Jetzt wo sie aus dem versunkenen Schloss befreit war, war sie wieder ganz die Alte „Da geht euch einen feuchten Kehricht an!“

„Also doch“, nickten sich die Freunde zu. Das Rätsel war auch gelöst. Nur Chalun konnte auf so eine Idee kommen!

Da blitzte die Sternschnuppe auf und augenblicklich hob sich das Schloss aus der Erde. Aber wohnen wollte sie dort doch nicht mehr. Die Angst erneut in der Erde zu versinken, war zu groß. Lieber zog sie in ihre baufällige Hütte zurück.