Sami, in Seenot 10 

Der kleine Elefant hatte sich schon eine Weile nicht mehr blicken lassen. So oft Tobias auch das Märchenbuch aufschlug, das große Zirkuszelt blieb geschlossen, kein Sami trabte rüsselschwenkend zwischen den Wagen heran. Gab es denn keine Vorstellung mehr?

„Was ist nur los?“, murmelte Tobias beunruhigt.

Während er sehnsüchtig auf seinen kleinen Freund wartete, war Sami auf eine Insel geflogen, weil der großmaulige Pelikan behauptet hatte, dort wachse ein Riesenbaum, auf dem Abertausende blauer Schmetterlinge säßen, die wie die Lerchen sängen. Das wollte er sehen und hören. Als er dort ankam, fand er nur eine öde, vertrocknete Insel. Zwei Tage lang suchte er und stopfte nur vertrocknetes Gras in sich hinein. Dazu trank er salziges Wasser. Die brennende Sonne vertrug er auch nicht. Am dritten Tag hatte er den Rüssel gestrichen voll und flog zum Zirkus zurück. Doch während er sonst schnell an sein Ziel war, geschah diesmal anfangs nichts. Er war zu schwach geworden.

„Das kommt sicherlich von dem dürren Gras und dem Salzwasser“, vermutete er. Er versuchte es wieder und wieder. Endlich wurde er emporgehoben und davongetragen. Ihm gefiel das ungewohnte Schweben, doch als sich der Abend näherte und er sich noch immer über dem Meer befand, bekam er Angst. Plötzlich fiel er rasend schnell abwärts. Er schwang seinen Flügel, so schnell es ging, er konnte gerade noch einen Rüssel voll Luft saugen, ehe ihn die Wellen verschlangen.

Das ist das Ende“, dachte er verzweifelt. Mit einmal spürte er etwas Festes unter den Füßen. Wie von Zauberhand hob ihn etwas an die Oberfläche. Er rang nach Luft und keuchte erleichtert:

„Wer hat mich da wohl gerettet?“ Ein massiger Körper hob sich aus dem Wasser.

„Ich habe deinen Hilferuf vernommen und dich aufgefangen“, sagte eine tiefe, raue Stimme neben ihm.

Wer bist du?“, wollte Sami wissen.

„Ich bin ein Wal und man nennt mich Nasenbein“, sagte der riesige, glatte Kerl. „Halt dich einfach an mir fest“, riet ihm der Wal. „Ich bringe dich zu einer winzigen Insel im Meer. Dort kannst du dich erst einmal ausruhen.

„Gibt es noch mehr von deiner Sorte mit Flügeln?“, wollte er von Sami wissen, während sie zu der Insel schwammen.

Sami lachte ein wenig. „Ich glaube nicht! Ich bin ein wenig aus der Art geschlagen, wenn du verstehst, was ich meine!“, antwortete er. „Ich bin ein Elefant.“

„Elefant? Kenne ich nicht“, brummte Nasenbein und schüttelte seine riesige Schwanzflosse. Sami gab ihm zu verstehen, dass er einen, wie ihn auch noch nicht zu Gesicht bekommen hätte. Der Wal brachte ihn auf die Insel.

„Mehr kann ich leider nicht für dich tun“, schnaubte Nasenbein und prustete eine Wasserfontäne in die Luft, ehe er untertauchte. Sami rief ihm noch ein Dankeschön hinterher und watete aus dem seichten Wasser an Land. Doch zum Ausruhen kam er nicht. In der Nähe hörte er jammervolles Klagen. Sofort machte er sich auf die Suche und stieß auf einen Pfau, der sich das Bein verletzt hatte und so schwach war, dass er sich kaum aufrecht halten konnte.
„Oh je“, sagte Sami, „das sieht nicht gut aus. Kann ich dir helfen?“
„Das wird schon wieder“, krächzte der Vogel erschöpft. „Nur wenige Schritte von hier findest du eine Quelle. Bring mir bitte etwas frisches Wasser zum Trinken!“

Sami machte sich auf den Weg, fand den Ort und trank selbst erst einmal. Danach sog er das köstliche Nass ein, lief zurück zu dem verletzten Vogel und ließ das mitgebrachte Wasser in ein hohles Stück Treibholz rinnen. Dankbar trank der Pfau.
„Du hast mich vor dem Verdursten gerettet“, sagte er. „Das vergesse ich dir nie.“

Er riss sich eine der schönsten Federn aus und übergab sie Sami als Geschenk.
„Sie soll dich an deine gute Tat erinnern. Wenn du einmal in Not gerätst, berühre sie und sprich deinen Wunsch aus. Es ist eine Zauberfeder. Dann wird alles gut.“

Sami dachte: „Da bin ich nun einem Zauberpfau begegnet, der sich selbst nicht helfen kann und ich bin ein fliegender Elefant, dem es ebenso ergeht. Das ist schon seltsam.“ Er nahm die Feder und klemmte sie hinters linke Ohr. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er sie bald brauchen würde!

„Kann ich dich denn alleine lassen, mit dem verletzten Bein?“, wollte er von dem Pfau wissen.

Der Pfau antwortete: „Aber ja. Mir geht es schon viel besser!“

Sami öffnete erneut seine Flügel, stellte sich den Zirkus vor und trötete sich Mut zu. Tatsächlich riss es ihn diesmal senkrecht aufwärts, aber dann geschah das Gleiche wie am Tag zuvor. Er glitt langsamer und langsamer durch die Luft … Unter ihm lag das Meer wie ein Spiegel so glatt. Land war weit und breit nicht in Sicht. Entsetzt spürte er, dass er tiefer und tiefer sank. Diesmal würde ihn kein Nasenbein vor dem Ertrinken retten … Da fiel ihm glücklicherweise die Zauberfeder und die Hexe Chalun ein! Schnell tastete er mit dem Rüssel hinter das linke Ohr und berührte das Geschenk des Pfaus. Dabei rief er laut: „Chalun! Chalun! Hilf mir!“

Augenblicklich erschien eine dunkle Wolke am Himmel und er vernahm das krächzende Lachen der Hexe:

Hihi! Hähä! Elefant in Seenot!“

Das blöde Gelächter kam ihm vor wie Sternengesang.

„Schön dich wieder zu sehen, kleiner Elefant! Greif zu und halte dich fest!“ Die Wolke senkte sich und Sami griff zu und ließ sich von ihr mitziehen.

„Leider kann ich dir mit meinem Besen heute nicht dienen. Was sollen die Menschen von mir denken! Eine Hexe reitet doch nicht am helllichten Tag auf einem Besen übers Meer. Ich habe ihn einfach in eine Wolke verwandelt. Anders ging es nicht, mein Freund! Was ist passiert?“, bohrte sie. „Haben dich deine Flügel verlassen?“

Sami log ihr was von vertrockneten Blättern, dem Salzwasser und dem verdorbenen Magen vor, da waren sie auch schon über dem Zirkus angelangt.

Tobias wollte eben das Buch schließen, da entdeckte er, dass sich auf der Buchseite eine Wolke näherte, an der sein Freund hing und sich vergnügt ziehen ließ. Mit angehaltenem Atem verfolgte Tobias den Flug. Kurz darauf brach er durch die Buchseite und fiel seinem Freund fröhlich trompetend in die Arme.

„Ich bin wieder zurück!“

„Was heißt, du bist wieder zurück?“, beschwerte sich Tobias. „Wo warst du denn?“

Statt einer Antwort schwenkte Sami suchend den Rüssel. „Ich brauche erst mal einen großen Eimer frisches, kühles Wasser!“, trötete er. Eilends erfüllte ihm Tobias diesen Wunsch. Sami trank und ließ sich danach glücklich und zufrieden auf dem Boden nieder und begann zu erzählen.

„Nun weißt du alles. „Warum hast du mich nicht mitgenommen?“, wollte Tobias wissen.

„Du hast ja nicht mehr viel Zeit für mich, seit du zur Schule gehst! Ich wollte das erst einmal alleine erkunden und dich später damit überraschen. Aber er versprach, seinem Freud, noch einmal mit ihm hinzufliegen. Aber du wirst enttäuscht sein!“

Was sollte Tobias dazu sagen, Sami hatte ja recht! Viel Zeit hatte er nicht mehr für Abenteuer.

„Und ich gehe jetzt und mache dem großmäuligen Pelikan die Hölle heiß. Abertausende singende blaue Schmetterlinge! Ha, ha, von wegen!“

Grummelnd kroch Sami ins Märchenbuch und war verschwunden.

 

Das Märchen vom Holzfäller/13

Es waren Herbstferien, und es regnete wie aus Gießkannen. Sami und Tobias standen am Fenster und staunten, wie viel Wasser auf der Erde Platz hatte.

„Ich hätte Lust, mich mal richtig beregnen zu lassen“, sagte der kleine Elefant, aber Tobias schüttelte den Kopf.

„Ich mag es nicht, wenn meine Sachen nass werden. Du hast es gut, du brauchst keine Hose und kein Hemd.

“Was machen wir dann? Der Nachmittag hat gerade erst angefangen.“

Sami rollte nachdenklich den Rüssel ein.

„Kannst du lesen, Sami?“, erkundigte sich Tobias.

„Klar! Das habe ich im Zirkus gelernt.“

Der kleine Elefant schwenkte vergnügt den Rüssel und fegte dabei fast das Märchenbuch vom Tisch. Es schlug sich wie von selbst auf und Sami las: „Das Märchen vom Holzfäller.“

„Das kenne ich noch gar nicht“, stellte Tobias fest.

„Na, dann lesen wir es doch gleich“, entschied Sami. „

Oder möchtest du vorlesen, Tobias?“

„Ich? Oh, nein“, wehrte er ab.“ Bei mir geht das noch zu langsam, da sind wir morgen noch nicht fertig. Mach du das mal lieber.“ Die beiden Freunde setzten sich bequem hin und der kleine Elefant begann zu lesen:

Inmitten eines dunklen Waldes lebte einst ein armer Holzfäller mit seinem Sohn Neres. Der Mann hatte das ganze Jahr über für andere Leute Holz gefällt, zersägt, gehackt und gespaltet. Vor lauter Arbeit aber hatte er versäumt, für seinen eigenen Wintervorrat zu sorgen. Viel zu früh hatte der eisige Frost sein Eisfenster über das Land geklappt, deshalb hatte der Holzfäller kein Holz um seinen eigene Ofen zu heizen.

An einem Sonntag nahm der Holzfäller in aller Frühe das Werkzeug, um für sich ein paar Bäume zu fällen.

„Wenn Neres erwacht, soll er eine warme Stube vorfinden“, dachte er. Am richtigen Ort angekommen, begann der Mann Holz zu schlagen, sodass es laut durch den Wald schallte. Wer konnte ahnen, dass er sich dadurch in große Gefahr brachte?

Der Mond hatte eine anstrengende Nacht hinter sich. Während seiner Wanderschaft hatte er mit Hagel – und Schneewolken kämpfen müssen, immer auf der Suche nach einer Lücke, um seinen Schein auf die Erde zu werfen. Ihm war kalt und er freute sich auf sein warmes Bett. Kaum hatte er sich zur Ruhe gelegt, hörte er nun das Schlagen des Holzfällers, das bis zu ihm herauf schallte. Ruhelos wälzte er sich von einer Seite zur anderen. Doch der Lärm störte ihn gewaltig, sodass er sich wieder erhob und durch ein Wolkenfenster hinunter auf Erde blickte. Da entdeckte er den Störenfried.

„Nicht einmal am heiligen Sonntag hat man seine Ruhe!“, schimpfte er laut.

„Das soll dieser rücksichtslose Mensch mir büßen!“

Da erfasste den Holzfäller ein Lichtstrahl, der ihn blitzartig davon trug und oben vor dem grollenden Mond absetzte.

„Weil du meinen Schlaf und die Sonntagsruhe gestört hast, sollst du für immer der Mann im Mond sein und die Erde nie mehr betreten!“, schimpfte der Mond.

Der kleine Neres suchte indessen verzweifelt im Wald nach seinem Vater, aber er fand ihn nicht, nur seine Axt lag auf der verlassenen Lichtung. Sami stockte.

„Was ist? Lies weiter!“, bettelte Tobias.

„Die Geschichte hat kein Ende“, sagte der kleine Elefant betrübt.

„Quatsch! So was gibt es nicht. Jede Geschichte endet irgendwie.“

Tobias griff nach dem Buch und stellte fest, dass einige Seiten fehlten. Sie waren einfach nicht da. Verärgert kaute er an der Unterlippe.

„Ich hätte da eine Idee“, meinte Sami. „Wir könnten versuchen, selbst herauszubekommen, wie es weitergeht.“

Der Vorschlag gefiel Tobias, aber …!

„In der Geschichte ist eisiger Winter“, wir sollten uns etwas Warmes anziehen“. Er eilte zur Garderobe, nahm für sich eine gefütterte Jacke, Mütze, Handschuhe und Schal und noch einen längeren Schal für Sami. Schnell hatten sie sich angezogen. Sami fand, er sähe mit dem Schal albern aus, aber Tobias bestand darauf, dass er ihn trug.

„Du willst doch nicht krank werden und hustend in deinem Elefantenhaus herumliegen?“, ermahnte er ihn. Das wollte Sami natürlich nicht. Tobias öffnete das Fenster, schwang sich auf den Rücken des kleinen Elefanten, der sofort seine Flügel öffnete und im Nu waren sie dort, wo der kleine Neres allein zu Hause war. Es war tatsächlich sehr kalt, dort wo der Holzfäller mit seinem Sohn lebte. Schon nach kurzer Zeit froren die beiden Freunde erbärmlich. Tobias klapperte mit den Zähnen und Sami war froh über den Schal, der seine Ohren schützte. Der Weg im dichten Wald führte immer geradeaus und bald entdeckten sie eine seltsame Hütte. Sie stand weder auf der Erde noch auf Stützen – sie schwebte! Das weckt die Neugier der beiden. Sami stellte sich auf die Hinterbeine, erfasste mit dem Rüssel eine Ecke der Hütte und zog sie herunter auf den Waldboden. Dann blickte er Tobias an und öffnete langsam die alte, quietschende Tür. Plötzlich hörten sie einen freudigen Aufschrei. Eine Kinderstimme rief: „Papa, bist du es?“

Ein kleiner Junge erschien an der Tür. Als er einen Elefanten erblickte, wich er erschrocken zurück.

„Keine Angst, kleiner Mann!“, beruhigte Sami den Jungen sanft. „Wir tun dir nichts zuleide. Dürfen wir reinkommen?“ Der Junge nickte.

„Bist du Neres?“, fragte Tobias mitfühlend.

„Ja“, antwortete das Kind. „Aber ich lebe hier nicht allein. Ich warte auf meinen Vater. Er ist vor einiger Zeit in den Wald gegangen um Holz zu besorgen und nicht zurückgekehrt. Seitdem versorgt mich eine alte Frau. Sie heißt Chalun. Sie kommt jeden Tag, macht mir Feuer und bringt mir etwas zu essen. Zum Schutz vor wilden Tieren lässt sie die Hütte zwischen Himmel und Erde schweben. Kaum hatte Neres das gesagt, wurde die Tür aufgerissen und die Hexe Chalun stürmte herein. Als sie Sami und Tobias erkannte, funkelten ihre grünen Augen vor Vergnügen.

„Ihr kommt wie gerufen“, krächzte Chalun und stellte dem Jungen Essen auf den Tisch. „Neres hat euch sicher schon von seinem Unglück erzählt?“

„Wir wissen sogar, wo der Vater des Jungen ist“, sagte Sami leise.

„Das weiß ich auch“, knurrte Chalun. „Aber der Kleine muss es nicht erfahren. Zufällig war ich in der Nähe, als der Mond einen kräftigen Strahl zur Erde schickte, der den armen Mann erfasste und mitnahm. Seitdem kümmere ich mich um den Jungen.

„Wir sollten mit dem Mond reden, dass er den Holzfäller freigibt“, nuschelte der kleine Elefant leise unter seinem Rüssel. Chalun nickte und krächzte so sanft wie möglich: „Ich habe einen Plan, wie wir den Mond dazu bewegen können. Erinnerst du dich an den Schlafstein?“

„Der, auf den du so scharf warst?“, fragte Sami spöttisch.

„Papperlapapp!“ Chalun winkte ärgerlich ab.“Hexenkram von gestern!“

Sie zog Samis großes Ohr dich vor ihr Gesicht und murmelte: „Du und ich werden den Schlafstein stehlen. Ohne ihn kann der Mond nicht schlafen! Also wird er alles tun, nur damit wir ihm den Stein anschleppen. Und wir verlangen den Holzfäller als Preis.“ Der Plan war gut. Tobias erhielt die Aufgabe, auf den kleinen Neres aufzupassen und mit im zu spielen. In der Hütte prasselte ein warmes Hexenfeuer, denn mit Holzsammeln gab sich die Hexe nicht ab. Chalon und Sami warteten ab, bis der Mond am Himmel aufgegangen war.

„Marsch auf meinen Besen“, befahl Chalun, aber der Elefant sträubte sich standhaft.

Er öffnete seine Flügel, trompetete laut und schon war er weg.

„Angeber!“, schimpfte die Hexe und sauste auf ihrem Besen hinterher.

„Wie will das großohrige Vierbein denn den Stein finden?“ Sami landete auf der Schlafwolke des Mondes und auch er überlegte:

„Wo soll ich nur den Schlafstein des Mondes finden?“

Aber da tauchte auch schon Chalun auf ihrem Besen auf. Sie verkündete grinsend:

„Ich habe den Stein. Wenn du mich ausstechen willst, musst du früher aufstehen!“

„Warum hast du mich dann überhaupt mitgenommen?“, maulte Sami beleidigt.

„Weil du mit dem alten Mond, diesem Griesgram, reden musst. Er kann mich nicht leiden.“

Hinter Wolken gut versteckt, warteten dir Hexe und der Elefant darauf, dass der Morgen graute. Tatsächlich erschien der Mond pünktlich, blass und übernächtigt und ließ sich ganz in der Nähe auf sein Wolkenbett fallen. Doch sogleich fuhr er wieder in die Höhe und schlug das Wolkenkopfkissen zurück.

„Wo ist der Stein?“, murmelte er. „Ich brauche meinen Stein … meinen Schlafstein … ich will schlaaaafen …“

Chalun gab Sami einen Stoß. „Du bist dran!“ Sie steckte ihm den Stein ins Ohr und Sami trampelte los.

„Und mach ein bisschen schnell!“, rief sie ihm noch nach.“Mir ist kalt!“

Mit kleinen, müden Augen saß der Mond auf seinem Bett und grübelte. „Wo mag mein Schlafstein nur sein?“ Es war das zweite Mal in seinem Leben, dass er ihn verbummelt hatte. Beim ersten Mal hatte ihn der kleine Elefant aus dem Mondbach gefischt und ihn zurückgebracht. Währen er so da saß und überlegte, tauchte Sami auf.

“Guten Morgen, lieber Mond“, wurde er von Sami begrüßt. „Ich weiß, du bist sehr müde.“ Der Mond horchte auf und Sami sprach weiter. „Du möchtest schlafen und kannst nicht. Ich habe etwas, das dir gehört. Du bekommst es zurück, wenn du den armen Holzfäller freilässt. Was hat er dir getan, dass du ihn hier oben festhältst? Unten auf der Erde wartet ein kleiner Sohn auf seinen Vater und weint sich die Augen aus.“ Der Mond knurrte gereizt: „Er hat die Sonntagsruhe nicht eingehalten und mich mit seinem Holzschlagen gestört.“ Verlegen setzte er nach einer Pause hinzu.

„Wenn ich gewusst hätte, dass er einen Sohn hat, dann … Es tut mir leid! Du kannst ihn mitnehmen. Und was wolltest du mir für meine Gutwilligkeit zurückgeben?“

Vorsichtig zog Sami mit dem Rüssel den Schlafstein aus seinem Ohr und reichte ihn dem Mond.

„Chalon hat ihn stibitzt“, gestand er ehrlich. „Es war für einen guten Zweck, wir wollten …“ Sami beendete den Satz nicht, denn der Mond begann bereits, zu schnarchen. Zwischen den Wolken tauchte ein Mann auf, beladen mit einem Bündel Holz.

„Wo bin ich hier eigentlich hingeraten“, fragte er ängstlich. „Es ist mir, als ginge ich auf Wolken. Das kann doch nur ein Traum sein.“

„Beinahe hättest du ewig geträumt, mein Lieber“, krächzte die Hexe. „Mit dem Mond ist nicht zu spaßen!“ Chalun stieg auf ihren Besen und weg war sie. Sami bat den Holzfäller auf seinen Rücken zu steigen, dann öffnete er seine Flügel und kurz darauf landeten sie vor der Waldhütte. Glücklich schloss der Holzfäller seinen kleinen Sohn in die Arme. Sich gegenseitig ins Wort fallend, berichteten Sami und die Hexe dann, wie sie dem Mond ein Schnippchen geschlagen hatten.

„Wir sind schon viel zu lange hier“, flüsterte Tobias seinem Freund schließlich ins Ohr. „Mama wird mich wohl inzwischen suchen.“ Unbemerkt verließen sie die Hütte. Tobias stieg auf Samis Rücken, der öffnete wie immer seine Flügel und schon waren sie zurück im warmen Zimmer.

Dort schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Es war noch immer Nachmittag und der Regen rauscht wie vor dem Flug vom Himmel. Und noch etwas war anders – im Märchenbuch fehlte nicht eine einzige Seite!

„Sami“, rief Tobias überrascht, „jetzt ist die Geschichte vollständig und sie ist genau so abgelaufen, wie wir sie erlebt haben.“

„Schön!“, freute sich der kleine Elefant, „aber nun nimm mir endlich den albernen Schal ab, ich will zurück ins Märchenbuch.

Kaum war Sami verschwunden, erschien die Mutter von Tobias.

„Ich habe dir doch gleich gesagt, dass du heute nicht nach draußen kannst.“ Kopfschüttelnd räumte sie die warme Jacke und die Schals weg.

„Morgen scheint gewiss wieder die Sonne.“