Sami findet einen Freund/1

 

Tobias saß in seinem gemütlichen, warmen Zimmer und langweilte sich. Draußen prasselte unaufhörlich der Regen ans Fenster. Der launische April trieb mal wieder sein Unwesen. Regen, Schnee und Hagel wechselten sich ab.
Da fiel sein Blick auf das neue Märchenbuch. Er holte es aus dem Regal und suchte die Geschichte, die er am liebsten mochte. Es war eine Zirkusgeschichte über einen kleinen Elefanten, der in der Manege seine Kunststücke vorführte und dabei sehr geknickt drein schaute. Wenn er nicht parierte, schlug ihn der Dompteur mit der Peitsche.
Der kleine Elefant war nicht sehr schön und er dachte, dass es wohl daran läge. Zu dem lutschte er an seinem Rüssel, wie ein Baby am Daumen und wurde darum von allen ausgelacht. Niemand nahm ihn richtig ernst. Tobias fühlte Mitleid mit dem kleinen Elefanten. Nein, heute wollte er nicht mehr weiter lesen.
Mit einem Schwung klappte er das Buch zu.
„Aua!“, rief da plötzlich eine Stimme, „nicht so grob bitte! Du klemmst mir ja meinen Rüssel ein!“
Tobias erschrak. Sofort öffnete er wieder das Buch. Der kleine, traurige Elefant zwängte sich aus den Seiten der Geschichte, schüttelte sich kräftig, wackelte mit seinen großen Ohren und trompetete laut.
„Hallo, Tobias!”, sagte er, „schön, dass ich dich endlich gefunden habe! Auf Dauer war es doch sehr eng da drinnen. Du bist doch Tobias, oder nicht?“
Tobias glaubte, zu träumen und nickte nur.
„Du kannst nicht hier bleiben, das geht nicht!“, stotterte er. „Geh` bitte wieder ins Buch zurück!“
„Nein, niemals mehr“, antwortete der Elefant. Ich war schon viel zu lange eingesperrt. Nun gehe ich auf eine große Reise und dich nehme ich mit.“
„Und wohin reisen wir?", fragte Tobias erstaunt.

„Wir segeln mit dem Schiff nach Afrika und suchen meine Eltern. Weist Du, die habe ich schon so lange nicht mehr gesehen. Außerdem verlange ich von ihnen eine Erklärung, warum sie mich damals alleine zurückließen! Sie sagten zu mir, ich sei anders als meine Geschwister. Kurz darauf fing man mich ein und so landete ich im Zirkus. Sei bitte ehrlich, sehe ich anders aus als meine Artgenossen. Oder umgibt mich ein Geheimnis, von dem ich nichts weiß?”, wollte er wissen.
„Ich sehe nichts“, sagte Tobias, „du siehst aus wie ein richtiger Elefant. Vielleicht ein wenig kleiner als alle anderen, die ich kenne. Fahren wir mit einem Schiff?”

"Jawohl, mit einem Schiff“, wiederholte Sami.
„Und wo soll unsere Reise beginnen?“

Schau mal zum Fenster hinaus, es wartet schon auf uns."

Tobias bekam teetassengroße Augen. Das Wasser stand bis an die Fensterbank und ein prächtiges Schiff ankerte dicht am Hause. Einladend schaukelte es auf dem Wasser. Bevor Tobias sich versah, standen sie an Bord und sofort schien die Sonne. Sie segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche und fuhren hinaus auf die offene See.
„Weißt du denn überhaupt, wo deine Eltern im Augenblick sind?“, wollte Tobias wissen. "Und sag mal: Bin ich auch bis zum Abend wieder zurück?“
„Bestimmt!“, sagte der kleine Ausreißer. Er saugte seinen Rüssel voll Wasser und prustete es dem Jungen übermütig ins Gesicht.
"He, du machst mich ja ganz nass!“ Tobias schüttelte
sich, denn das Wasser triefte an ihm herab.
Im Zirkus herrschte unterdessen Aufruhr wegen des Verschwindens von Sami, dem kleinen Elefanten. Der Direktor gab dem Dompteur die alleinige Schuld dafür und der versprach, sollte Sami jemals wieder auftauchen, ihn in Zukunft ordentlich zu behandeln.
Je näher die beiden Afrika kamen, desto wärmer wurde es.
Die Luft flirrte vor Hitze, im Nu war Tobias trocken.
„Wie willst du denn deine Eltern finden?“, fragte er.
„Keine Ahnung!“, sagte Sami. „Aber ich erinnere mich an ein Wasserloch mit herrlichem Schlamm hier in der Nähe. Wenn überhaupt, dann finden wir sie dort.“
An der Wasserstelle stand eine Elefantengruppe, um ihren Durst zu löschen. Doch bevor Sami nach seinen Eltern fragen konnte, kamen sie drohend auf die beiden zu und trompeteten wütend. Sami packte Tobias mit dem Rüssel und schwang ihn auf seinen Rücken.
Bedrückt ergriffen sie die Flucht zurück aufs Schiff.
Währenddessen rannen dicke Tränen über Samis runzeliges Gesicht. Tobias versuchte, ihn zu trösten.
„Ach, lass nur“, meinte Sami, „sie wollen mich nicht mehr kennen. Ich war zu lange weg. Nun muss ich doch wieder in den Zirkus zurück. Wo soll ich auch sonst hin?“
Sie wendeten das Schiff und ab ging es nach Hause. Kaum waren sie eine Weile unterwegs, als sie in einen schrecklichen Sturm gerieten. Die Wellen stiegen bis zum Hauptmast und das Segelboot tanzte auf dem Wasser, wie ein Korken auf der Gischt. Einmal wurde es von einer riesigen Welle emporgehoben und im nächsten Augenblick stürzte es ins Wellental hinab. Die Wassermassen stiegen immer höher und verdunkelten die Sonne. Schon krachte eine riesige Woge über das Boot und es begann zu sinken.
Sami, der kleine Elefant hielt Tobias mit seinem Rüssel fest umschlungen. Beide zitterten um ihr Leben. Als die nächste Welle kam, ließ Sami sich von ihr in die Lüfte heben. Wie von Zauberhand entfalteten sich zwei riesige Flügel, die bisher hinter seinen Ohren geschlummert und vielleicht nur auf diesen Tag gewartet hatten, sich zu zeigen. Hoch flog der kleine Elefant mit Tobias über das tobende Meer bis in sein Zimmer zurück. Beide waren nass bis auf die Haut, aber froh, über die glückliche Landung.
„Jetzt kenne ich mein Geheimnis“, sagte Sami. „Ich bin wirklich anders als die Anderen“. Er schlug schnell das Märchenbuch auf und schlüpfte hinein.
„Besuch mich mal wieder“, flüsterte Tobias ihm zu. Dann war er verschwunden.
Plötzlich stand seine Mutter im Zimmer.
„Wer soll dich wieder mal besuchen?“, wollte sie von ihm wissen. Da sah sie, dass ihr Sohn pitschenass war und in einer Pfütze stand. Selbst das Bilderbuch auf dem Schreibtisch lag in einer Wasserlache.
„Dich kann man wirklich nicht alleine lassen!“, schimpfte sie. „Wie hast du das bloß wieder angestellt?“
Tobias schwieg. Von diesem Tag an schlug er täglich sein    Lieblingsmärchenbuch auf und schaute zu, wie Sami im Zirkus seine Kunststücke vorführte. Dabei bemerkte Tobias, dass der kleine Elefant glücklich und zufrieden aussah. Vieles hatte sich für ihn zum Guten verändert. Und immer wenn Sami Tobias bemerkte, entfaltete er seine Flügel, flog bis unter die Kuppel des Zeltes und winkte ihm zu. Die Menschen lachten ihn nie mehr aus, denn sie kamen aus dem Staunen nicht heraus, über Sami, den fliegenden Elefanten.