Sami und Tobias auf Wolke sieben 8  

Tobias saß in seinem Zimmer. Die Sonne strahlte vom Himmel und im Baum vor seinem Fenster zwitscherten vergnügt die Vögelchen. Versonnen hörte der Junge ihnen zu. Dann fiel sein Blick auf das Märchenbuch. Was mochte Sami, der kleine Elefant, wohl gerade machen? Er hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört.
Plötzlich öffnete sich das Buch und Sami kroch heraus.
„Hallo, Tobias! Da bin ich“, grüßte er fröhlich.
„Schön, dich zu sehen“, antwortete der Junge. „Ich dachte gerade an dich!“
„Hast du heute schon etwas vor?“, wollte Sami wissen und schwenkte seinen Rüssel.
„Nee“, meinte Tobias. "Nicht wirklich, aber wenn du nicht gekommen wärst, wäre ich vielleicht auf den Bolzplatz gegangen.“
„Ich weiß etwas viel Besseres!“ lockte der kleine Elefant „Heute ist auf ’Wolke Sieben’ Sommerfest. Der Mond und seine Sternenkinder sind auch da. Wir können mit den Elfen tanzen und Mondwein trinken. Ich freue mich sehr, unseren guten, alten Mond wiederzusehen. Kannst du dich noch erinnern, wie ich den Schlafstein des Mondes vor der Hexe Chalun gerettet habe? Tobias lachte. „Wie könnte ich das vergessen. Aber wie finden wir denn die richtige Wolke? Es gibt doch so viele dort oben.“
Der kleine Elefant stupste seinen Freund in die Seite. „Schon vergessen? Ich kann fliegen. Und nun beeil dich, steig auf, damit wir nicht zu spät kommen!“
Das Zimmerfenster stand weit offen. Sami entfaltete seine Flügel und ab ging es in den Himmel.
Diesmal schien es mit dem Suchen nicht so richtig zu klappen. Ringsum erblickte Tobias nichts als watteweiche, kichernde Wolken, die Sami mal hierhin, mal dorthin schoben.
Die mögen uns nicht“, flüsterte er seinem Freund ins Ohr, aber der kleine Elefant hob den Rüssel. Das hieß: Hab ein bisschen Geduld!
Und wirklich – plötzlich hörten sie lieblichen Gesang. Zwei Wolken schoben sich auseinander und da saß der Mond auf einer Wolkenbank, umgeben von seinen Sternenkindern, und nippte an einem Glas Mondwein. Elfen in weißen Gewändern, mit goldenen Krönlein auf den Köpfen plauderten fröhlich miteinander oder tanzten in lustigem Reigen. Es war eine sehr muntere Gesellschaft.
Der gute, alte Mond freute sich, Sami und Tobias zu sehen. Die beiden mussten mit allen Besuchern auf Wolke Sieben tanzen. Sami führte stolz die Kunststücke vor, die er im Zirkus gelernt hatte. Sternenkinder und Elfen waren begeistert. Tobias trank ein großes Glas Mondwein und fühlte sich bald selbst wie eine Wolke, während Sami nach dem Weingenuss behauptete, gleich wüchsen ihm Flügel. Aber damit lag er weit daneben!
Sie feierten, bis der Mond und die Sternenkinder sich verabschieden mussten. Die Welt unter ihnen war dunkel geworden und die Menschenkinder warteten sehnsüchtig auf das helle Licht des Mondes und der Sterne.
Allmählich leerte sich die Wolke Sieben und da erst merkte Tobias, dass er Sami verloren hatte. Ihm wurde ein wenig bange. Sein Freund hatte ihn doch wohl nicht hier oben zurückgelassen? Endlich sah er ihn allein auf einer Wolkenbank umherrutschen. Sami versuchte aufzustehen, doch er fiel immer wieder auf die Bank zurück. Schnell eilte Tobias zu ihm.
„He, was ist mit dir?“, erkundigte er sich besorgt.
Der kleine Elefant schielte Tobias aus glasigen Augen an.
„Ich weiß es nicht. Aber mir druselt es so im Kopf und meine Beine wollen mich nicht mehr tragen.“
Tobias ahnte Schreckliches: „Hast du etwa zu viel von dem Mondwein getrunken?“
„Klar. Ich war so durstig“, rechtfertigte sich der kleine Elefant.
„Oh, Sami, Sami! Was machen wir nun? Der Mond hatte dir nur ein einziges Glas erlaubt.“ Tobias’ Stimme klang vorwurfsvoll.
„Was ist schon ein Glas?“, beschwerte sich der kleine Elefant. „Ich brauchte zweimal einen Rüssel voll!“
Bekümmert schüttelte der Junge den Kopf. „Wir müssen nach Hause, Sami. Ganz gleich wie! Flieg zurück, bitte!“
Der kleine Elefant öffnete gehorsam die Flügel, klappte sie aber sofort wieder zusammen.
„Der Himmel dreht sich“, jammerte er. „Das vergeht doch wieder, oder?“
Tobias nickte. „Bestimmt! Aber das dauert!“
Sami überwand seine Furcht vor dem Karussell-Himmel und schloss die Augen erneut. Aber auch die Gedanken dümpelten träge durch seinen großen Kopf.
„Es klappt nicht“, gestand er leise.
Das hatte Tobias längst geahnt. „Meine Mutter wird sich Sorgen machen, wenn ich so lange wegbleibe“, seufzte er.
Ratlos blickten sich die Freunde an. Und da meldete sich zu allem Unglück noch die Wolke Sieben: „Das Sommerfest ist zu Ende. Heute wurde genug auf mir herumgetrampelt. Ihr seid die Letzten. Ich kann euretwegen nicht auf einem Fleck stehen bleiben. Ich muss weiterziehen. Also …!“„Bitte, warte noch ein wenig“, bettelte Tobias.
„Unmöglich“, antwortete die Wolke Sieben. Hinter mir kommt schon der große Wind angebraust. Schau selbst, wie er seine Backen aufbläst. Wenn ihr auf mir hocken bleibt, werdet ihr weit von daheim abgetrieben.“
Unversehens formte sie sich zu einer Kugel, Tobias und Sami verloren den Halt und glitten ab in die Dunkelheit. Im Fallen konnte sich Tobias gerade noch an Samis Rüssel festhalten.
Sie landeten auf einer Wolke darunter.
„He, was soll das?“, rief sie ungehalten. „Ich kann euch nicht gebrauchen.“
Sie wurde zu einer Rutschbahn und die Zwei schlidderten hinunter zur nächsten Wolke, und so weiter und so weiter …
„Was für ein hübsches Spielzeug!“, freute sich die letzte Wolke, knapp über der guten, alten Erde. Sie warf die beiden hoch und fing sie wieder auf. Das wiederholte sie einige Male und nun kam nicht nur Sami der Himmel wie ein Karussell vor.
„Hör bitte auf!“, bettelte Sami. „Meinem Freund geht es nicht besonders gut! Setz uns irgendwo da unten ab und such dir ein anderes Spielzeug.“
„Schade“, bedauerte die Wolke. „Es hat mir so richtig Spaß gemacht!“
Sie senkte sich langsam zur Erde hinunter und setzte die beiden auf einem kleinen Hügel ab. Von da aus war es nicht weit nach Hause. Sie mussten ihre Beine benutzen.
Ungesehen gelangten sie in Tobias’ Zimmer. Sami war nicht einmal mehr fähig, ins Buch zu steigen. Er legte sich auf den Fußboden und schlief ein.
Tobias dachte an seine Mutter. Was würde sie wohl sagen, wenn sie ihn morgen früh weckte und einem kleinen Elefanten gegenüberstand?
Aber er sorgte sich umsonst. Als er am nächsten Tag erwachte, war sein kleiner Freund verschwunden.