Sami und Tobias auf dem Weihnachtsmarkt/ 14

Tobias war traurig. Jetzt, wo der Winter endlich da war, ließ Sami, der kleine Elefant, sich nur noch selten blicken. Dabei hatte er versprochen, mit ihm einen Schneemann zu bauen.

Dicke Schneeflocken fielen lautlos vom Himmel. Für einen Moment streckte Tobias den Flocken seine Zunge entgegen. Dann begann er, eine dicke Kugel für den Schneemann zu rollen, aber allein machte es keinen Spaß.

„Mist!“, sagte er laut und stieß mit dem Fuß in den dicken Klumpen. Er klopfte sich den Schnee von den Schuhen und ging zurück ins Haus.

„Heute beginnt der Weihnachtsmarkt“, sagte die Mutter. „Willst du dich dort nicht ein bisschen umsehen?“

„Oh! Das hatte ich ganz vergessen“, rief Tobias. Und er machte sich sofort auf den Weg dorthin.

Er liebte Weihnachtsmärkte. Ach, war das schön! Es gab so viel zu sehen. Die kleinen Buden, die Lichter, die Gerüche von Lebkuchen und gebrannten Mandeln.

Schon von Weitem hörte der Junge die Weihnachtsmelodien des Leierkasten-Spielers. Langsam schlenderte er von einem Stand zum anderen und für eine Weile vergaß er sogar seinen Freund Sami.

Am Ende des Marktes stieß Tobias auf eine Gruppe Menschen, die sich um etwas scharrten. Neugierig lugte er den anderen über die Schulter.

Ein kleiner Elefant stand auf einer verschlissenen Wolldecke und schwenkte seinen Rüssel mal nach links, mal nach rechts. Um den Hals hing ihm ein Pappschild. Darauf stand: „Ich bitte um eine Spende für notleidende Tiere. Energisch drängelte sich Tobias nach vorn.

„Hier bist du also!“, rief er. „Da kann ich lange auf dich warten!“ Er stürzte auf den kleinen Elefanten zu und umschlang ihn freudig.

Die Menschen hielten den Atem an. Würde das Tier dem Jungen etwas antun? Die beiden kümmerten sich nicht um die Zuschauer.

„Wer hat dich denn hier aufgestellt?“, fragte Tobias erstaunt.

„Na, wer wohl! Der Zirkus braucht Geld für Futter. Bald ist Weihnachten, da spenden die Leute wegen der Vorfreude auch schon mal ein bisschen mehr“, flüsterte Sami.

„Wenn du nur so herumstehst, wirst du nicht viel kriegen“, meinte Tobias nachdenklich. „Wie wär’s, wenn du ein paar Kunststückchen vorführst? Ich hänge mir derweil das Schild um und gehe am Schluss deiner Vorstellung mit der Sammelbüchse herum.“

Die Idee gefiel dem kleinen Elefanten. Tobias nahm ihm die Pappe ab, wandte sich an die Umstehenden und rief wie ein Marktschreier:

„Sie erleben jetzt den unvergleichlichen, einmaligen, zauberhaften Saaaamiiii!“

Der kleine Elefant machte nun Vorderfußstand und Hinterfußstand, sogar ein Einfußstand gelang ihm prächtig.

Er trompete ein Kinderlied. Und obwohl der eine oder andere Ton mal etwas danebenging, war zu hören, dass es ’Hänschen klein’ sein sollte.

Die Zuschauer klatschten begeistert Beifall. Tobias musste gar nicht sammeln gehen. Am Ende drängten alle nach vorn, um ihre Spende loszuwerden.

„Mehr geht nicht hinein!“, sagte Tobias und hängte Sami die Büchse an den Rüssel. „Jetzt suchen wir die Krapfenbude und trinken heißen Zitronentee.“

Die Nachricht vom trompetenden Elefanten und seinem kleinen Menschenfreund hatte sich schnell auf dem Weihnachtsmarkt herumgesprochen. Jeder Budenbesitzer, jeder Karussellbesitzer wollte den beiden etwas Gutes tun.

Sie verdrückten eine Menge Krapfen, kandierte Äpfel und Zuckerwatte und tranken dazu Zitronentee.

Nun saßen beide auf dem Kettenkarussell und drehten eine Runde nach der anderen. Der freundliche Besitzer hatte für Samis dicken Hintern schnell einen Doppelsitz montiert.

„Mir ist so sonderbar zumute“, klagte der kleine Elefant, als die zehnte Runde zu Ende ging.

„Mir auch“, gab Tobias zu. „Vielleicht sollten wir aussteigen.“

Als Sami seine Füße, auf denen er sonst so fest stand, auf den Boden setzte, machte es platsch! und er lag der Länge nach auf der Seite. Die Schnur riss und die volle Büchse rollte scheppernd unters Karussell.

Tobias schrie auf: „Das viele schöne Geld!“

Aber Sami kniff die Augen zusammen und wünschte sich, dank der Feder des Pfau`s, die Büchse zurück. Wie von Zauberhand geführt rollte sie brav unter dem Bretterboden hervor.

Tobias half seinem Freund auf die immer noch wackligen Beine. „Gehen wir gemeinsam heim?“, fragte er.

Sami schüttelte den Kopf. „Ich muss erst das Geld im Zirkus abliefern. Aber ich besuche dich heute Abend noch mal.“

Als Tobias schon im Bett lag, stieg Sami tatsächlich aus den Seiten des Märchenbuches heraus.

„Ich habe auch eine Idee“, trötete er leise. „Zieh dich warm an, wir bauen jetzt den versprochenen Schneemann.“

Ordentlich eingemummelt schlich Tobias mit dem Freund leise, leise die Treppe hinunter hinters Haus. Sami verstand sich wunderbar aufs Schneerollen und im Handumdrehen war der Schneemann fertig.

„Ich habe keine Mohrrübe“, seufzte Tobias.

„Macht nichts! Er kriegt ein Rüsselchen“, erklärte Sami.

Das war nun wirklich der lustigste Schneemann, den man sich denken konnte. Kaum war er fertig, da rauschte es über ihren Köpfen. Etwas flog an ihnen vorbei und krachte gegen den Holzschuppen.

„Heute geht aber auch alles schief!“, brummte eine tiefe Stimme und eine Laterne schwankte auf die beiden Freunde zu.

„Ich glaube, das ist der Weihnachtsmann“, flüsterte Tobias. „Der ist doch viel zu früh da!“

Der alte weißbärtige Mann mit der roten Mütze betrachtete erheitert den Rüssel-Schneemann und wandte sich dann an Sami. „Hilf mir mal in den Himmel zurück, Kleiner. Ich weiß, dass du das kannst. Ich bin auf der Weihnachtsprobefahrt und eben ist mir ein Wolkenband gerissen. Deshalb hat es mich vom Himmel gezerrt. Ich brauche nur einen Anschub.“

Sami stampfte zum Holzschuppen hinüber, wo sein großer Schlitten stand. Zu dritt brachten sie ihn in die richtige Stellung. Der Weihnachtsmann nahm darauf Platz, der kleine Elefant griff an sein Ohr, berührte die Zauberfeder und stellte sich das Gefährt hoch oben am Himmel vor. Ein scharfer Luftzug fegte an Tobias vorbei, als der Schlitten davon schoss.

„Ich werd’s euch am Heiligabend lohnen“, hörten die Freunde eine Stimme, die schon sehr weit weg war.

„Na, wenn das kein aufregender Tag war, dann weiß ich nicht, was abenteuerlich ist“, sagte Tobias. „An die Zauberfeder könnte ich mich gewöhnen!“, dachte Sami. Leise schlichen sie ins Zimmer zurück. Tobias schlüpfte ins Bett und Sami verschwand im Märchenbuch.