Sami nimmt Abschied 16

Tobias saß in seinem Zimmer und wartete auf Sami. Heute hieß es Abschied nehmen von all denen, die er im Märchenbuch lieb gewonnen hatte. Er hatte sich zwar vorgenommen, nicht zu weinen, aber wenn er an den kleinen Elefanten dachte, schwammen seine Augen in Tränen. Sie hatten so viel Schönes und Aufregendes miteinander erlebt, doch jetzt war er ein Schulkind und musste viel lernen und außerdem, schloss der Zirkus seine Pforten und Sami wollte nach Afrika zurück.

Er hatte aber versprochen, zum Abschied ein Fest zu veranstalten.

„Wo bleibt er nur?“, fragte sich Tobias und starrte angespannt auf das Märchenbuch. Er wusste ja nicht, wie viel Arbeit so eine Festvorbereitung machte. Der kleine Elefant hatte im Märchenbuch eine wunderschöne Sommerwiese entdeckt, auf der es sich herrlich toben ließ. Die Sonne schien, die bunten Blumen dufteten, Bienen summten und unzählige Vögel sangen ihre Lieder. Selbst für Essen und Trinken hatte der kleine Elefant gesorgt und Gäste eingeladen. Damit würde er Tobias überraschen. Keiner sollte an diesem Tage traurig sein! Endlich war er mit allem fertig und stieg aus dem Märchenbuch.

Er hatte sich einen mit Blumen verzierten Strohhut aufgesetzt, auf dem ein künstliches Vögelchen saß und bei jedem Schritt wippte.

„Du siehst lustig aus!“, empfing Tobias seinen Freund lächelnd, aber im Herzen war ihm zum Weinen zumute.

„Bist du bereit?“, erkundigte sich Sami. „Dann komm!“

Er legte den Rüssel um Tobias und sie stiegen gemeinsam ins Buch.

Auf der Sommerwiese wurden sie von einem Grillenorchester empfangen, das lustig auf winzigen Geigen fiedelte. Tobias staunte: Da waren ja auch seine Freunde und Bekannten! Was er nicht ahnte – Sami hatte auch eine richtige Vorstellung für ihn vorbereitet.

Nachdem sich alle begrüßt hatten, schleckten erst einmal alle ein großes Eis. Dann begann die Vorstellung.

Zuerst trat Pako, der Bär, auf. Er bedankte sich für die glückliche Befreiung aus dem Gitterverlies und zeigte jene Tanzkünste, die er dem Bärenführer verweigert hatte.

Der Waldschrat verwandelte sich vor aller Augen noch einmal in ein Schwein. Den wild umhertorkelnden, kreischenden Vogel Cosimo auf dem Rücken rannte er im Schweinsgalopp quiekend über die Wiese, worüber alle in lautes Lachen ausbrachen.

Prinzessin Lija machte vor Tobias einen zierlichen Hofknicks und überreichte ihm als Talisman ein Goldstück. Dabei behielt sie Chalun misstrauisch im Auge, denn sie dachte noch immer mit Schaudern an die Zeit, als sie von der Hexe auf der Burg gefangen gehalten wurde. „Wundere dich nicht, wenn der Taler sich in ein Stückchen Goldpapier verwandelt“, flüsterte sie. „In deiner Welt sieht manches anders aus als hier.“

Auch das Mütterchen mit der Kiepe auf dem Rücken war gekommen.

Sie hatte Sami und Tobias damals von Prinzessin Lija erzählt und ihnen den Weg zur Burg gezeigt. „Höre darauf, wenn jemand dir einen guten Rat gibt“, sagte die Alte. „Oft kommt man nur mithilfe der anderen weiter.“

Die Hexe Chalun war kaum wiederzuerkennen. Sie hatte sich besonders sauber angezogen, die wirren Zotteln gekämmt und roch, als habe sie sich in einem Veilchenfeld gewälzt. Sie schlug Tobias vor, auf ihren Hexenbesen gemeinsam schnell noch einen Flug auf den Mond zu machen. Doch das wollte er nicht.

„Sei mir bitte nicht böse“, bat er, „aber mir ist heute nicht danach zumute.“

„Na gut!“, seufzte sie. „Kriegst du eben nur einen Zauberspruch geschenkt!“

Tobias traute seinen Ohren nicht. Chalun verriet ihre geheimen Künste?

Die Alte flüsterte ihm ins Ohr: „Wenn dir etwas Unangenehmes bevorsteht, wenn du dich fürchtest oder etwas tun musst, wozu du keine Lust hast, dann denk einfach ’Augen zu und durch!’ Aber verrat’s keinem weiter!“

Sie schwang sich auf den Besen und sauste in irrsinnig schneller Spirale nach oben und wieder herunter. „Das nennt man Hexentanz“, kicherte sie verschämt. Tobias fiel Chalun dankbar um den Hals. Das tat er heute gern, denn sie war ja gewaschen!

Der Pfau, den Sami vor dem Verdursten gerettet hatte, schlug ein prächtig schillerndes Rad und stolzierte vor Tobias auf und ab. Dann riss er sich eine seiner schönsten Federn aus und übergab sie ihm als Andenken. Nun hatte er zwei von der Sorte.

„Und was wird aus der Feder, wenn ich wieder in meinem Zimmer bin?“, fragte der Junge vorsichtig.

„Abwarten!“, krächzte der Pfau.

Vom Weihnachtszwerg erhielt Tobias ein Glitzerfünkchen von dessen Mütze.

„Es wird nachts in deinem Zimmer flimmern“, versprach der Kleine.

Dann traten der Mann im Mond und sein Sohn Neres vor.

Sie hatten für Tobias einen kleinen Elefanten geschnitzt, an dessen Rüssel eine Gießkanne hing. Darüber freute sich Tobias besonders. „Ob ich den aber durch die Märchenbuchseiten kriege?“, dachte er entmutigt.

Lotte, die kleine Fledermaus, hatte vor Freude über die Einladung nur Unsinn im Kopf. Sie huschte von einem zum anderen, biss jeden als Abschiedsgeschenk ein klein wenig in die Nase und behauptete:

„Von nun an könnt ihr alle viel besser riechen!“

Zuletzt trabte Sami heran und trompetete ein richtiges Lied für seinen Freund.

„Ach Sami“, sagte Tobias traurig. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns nie mehr sehen.“

„Keine Sorge“, tröstete der kleine Elefant. „Ich habe mir etwas ganz Schlaues ausgedacht! Sobald du bei einer Zirkusvorstellung oder im Zoo einem Elefanten begegnest, werde ich mich in ihn hinein zaubern und dir den Rüssel liebevoll entgegenstrecken. Du weißt, ich muss nur die Feder des Pfaus` berühren, dann geschieht es.“

Tobias nickte und blickte dann suchend in die Runde.

Der kleine Elefant bemerkte es. „Fast hätte ich es vergessen“, sagte er. „Ich soll dich vom Mond grüßen. Leider kann er am Tage nicht zu dir kommen, aber heute Abend schickt er seine Strahlen in dein Zimmer, um zu sehen, ob es dir auch gut geht!“

Da liefen bei Tobias nun doch die Tränen, die er bislang so tapfer zurückgehalten hatte. Als Sami das sah, setzte er seinen Freund auf den Rücken und flog mit ihm in Tobias` Zimmer zurück. Dort schlang er den Rüssel um seinen Freund, schmatzte ihm einen dicken Kuss auf die Wange, schlüpfte ins Buch und war verschwunden.

Tobias stand eine Weile nur da und dachte an nichts. Dann klappte er das Märchenbuch zu und nahm es mit nach draußen. Der Wind wehte ihm ein Stückchen Goldpapier und eine bunte Pfauenfeder entgegen. Er hob beides auf und sein Gesicht überzog ein erstauntes Lächeln.

In einer Seitenstraße entdeckte er unter einem Baum eine Bank. Und darauf stand tatsächlich ein kleiner Holzelefant, an dessen Rüssel eine Gießkanne hing. Tobias lachte fröhlich auf und zog plötzlich prüfend die Luft ein. Warum roch es hier so durchdringend nach Veilchen?

Er nahm das Schnitzwerk an sich und legte dafür das Märchenbuch auf die Bank.

Dabei wünschte er sich, dass es ein kleiner Junge fände und mitnähme, der sich – wie er vor langer Zeit – einen kleinen Elefanten als Freund gewünscht hatte.