Sami und der Schlafstein des Mondes 7

Sommer, Sonne, Badewetter.
Als Tobias sein Zimmer betrat, fuhr er erschreckt zusammen. Sami war schon da und trötete ihm vor Freude laut ins Ohr.
„Sami“, schimpfte Tobias und verabreichte ihm einen Klaps hinter seine großen Ohren. „Du sollst mich nicht immer so erschrecken! Und frag nicht gleich wieder, was machen wir heute? „Prompt fragte Sami: „Was unternehmen wir heute?“
Tobias überlegte einen kurzen Moment: „Tja, wenn ich keinen Elefanten zum Freund hätte, würde ich sagen, ab ins Schwimmbad!“
Sami freute sich. „Prima Idee! Aber ich besitze keine Badehose“.
„Du brauchst auch keine“, meinte Tobias, „die lassen uns sowieso nicht rein!“
Der kleine Elefant fächelte sich mit seinen großen Ohren frische Luft zu.
„Schade“, sagte er und ließ seinen Rüssel hängen. „Dann gehen wir an einen Baggersee“.
Tobias schüttelte seinen Kopf. „Da jagen sie uns auch davon!“
Aber er überlegte.
„Kennst du den Spiegelbach? Der ist nicht weit von hier. Er führt kristallklares Wasser und auf dem Grund liegen schneeweiße Kieselsteine. Da können wir nach Herzenslust herumtoben und uns abkühlen. Und sehen tut uns auch keiner!“
Gesagt, getan! Tobias schnappte sich seine Badehose und nach einem Fußmarsch von einer halben Stunde, lag vor ihnen ein breiter Bach, dessen Wasser lustig über Stock und Steine plätscherte. An seinen Ufern standen alte Weiden und haufenweise roter Klatschmohn.
Sami saß als Erster im Wasser, während Tobias sich umzog und in die Badehose schlüpfte.
„Wieso heißt der Bach eigentlich Spiegelbach?“, wollte Sami wissen.
„Die Leute erzählen sich darüber sonderbare Geschichten“, begann Tobias zu erzählen. Manche sagen, der Bach gehöre dem Mond. Wenn der sein Gesicht von Nahem sehen möchte, schaue er hinunter in den Spiegelbach. Die anderen meinen, der Mond hätte vor Millionen von Jahren seinen Schlafstein hier im Bach verloren. Seitdem muss er jede Nacht am Himmel stehen und leuchten. Sein größter Wunsch wäre es, einmal seine Lampe auszuknipsen zu dürfen, um zu schlafen! Solange er aber den Stein nicht gefunden hat, muss er weiter des Nachts Wache halten. Aber an solche Märchen glaube ich nicht!“
Tobias sprang ins Wasser. Die beiden planschten übermütig, sie bespritzten sich gegenseitig, lachten und scherzten. Tobias rutschte auf Samis Rücken und so marschierten sie den Bach mal hinauf und mal hinunter. Als sie wieder im Wasser saßen, wühlte Sami mit seinem Rüssel im weißen Kiesbett. Er hatte einen Kieselstein entdeckt, der anders aussah als die Übrigen. Er war pechschwarz mit kleinen weißen, stecknadelgroßen Tupfen.
„Tobias, schau mal, wie schön der ist!“, strahlte Sami. „Das ist bestimmt der Schlafstein des Mondes oder ein Zauberstein!“
„Glaubst du? Dann versuch doch mal zu zaubern“, lachte Tobias und planschte vergnügt weiter.
Sami überlegte nicht lange und sprach:
Spiegelbach und roter Mohn,
zauber den Tobi auf und davon.
Ganz plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Sami hörte ein unheimlich, schepperndes Lachen, das ihm in alle Glieder fuhr. Der Bach verwandelte sich augenblicklich in ein reißendes Gewässer. Starker Wind kam auf und trug Tobias augenblicklich auf und davon. Sami wurde vom Wasser mitgerissen. Er schlidderte mit seinem Körper über die Kieselsteine, dabei verlor er das seltsame Fundstück. Als er endlich Halt fand und zurück marschierte, lagen am Ufer nur noch Tobias seine Hose und Hemd. Sein kleiner Freund war verschwunden. Sami trompetete so laut er konnte, doch Tobias hörte es nicht, und tauchte auch nicht wieder auf. Traurig strich er mit dem Rüssel über die Sachen, dabei rollten dicke Tränen in das Gras. Er trabte in den Bach zurück und suchte verzweifelt nach dem Stein, doch er fand ihn nicht.
„Was habe ich nur getan?“, weinte der kleine Elefant. Und sein Schluchzen wurde immer lauter.
Da hörte er aus dem Bach eine gedämpfte Stimme.
„Wer weint denn da so bitterlich? Bist du es, kleiner Elefant?“
Aus dem Wasser tauchte ein dicker Fisch auf. Seine Schuppen schimmerten golden, sein Mund war breit und rot.
Sami nickte bejahend und schon wieder flossen unaufhaltbar die Tränen.
Da erzählte er dem Fisch haargenau die ganze Geschichte und bat ihn, den Stein zu suchen. Vielleicht konnte er dann mit einem neuen Zauberspruch Tobias zurückholen!
„Oh, nein, mein kleiner Elefant“, sagte der Fisch. „Ich bin schon zu alt und habe ganz schlechte Augen. Den Stein, den du gefunden hast, das war kein Zauberstein. Es war der Schlafstein des Mondes, den er vor vielen, vielen Jahren hier verloren hat. Wer deinen Freund weggezaubert hat, war die Hexe Chalun. Sicher hat sie gesehen, dass ihr den Stein gefunden habt. Sie sucht schon lange danach, denn sie will nicht, dass der Mond seine Laterne abends löscht, um zu schlafen“.
Sami riss seine Augen auf.
"Sagtest Du die Hexe Chalun? Treibt die auch hier ihr Unwesen?"
Der dicke Fisch tauchte für einen Moment unter Wasser und kam wieder hoch.
"So, ihr hattet schon euer Vergnügen mit ihr. Na, dann viel Spaß!"
Ach", sagte Sami, "Chalun ist nicht wirklich böse. Sie hat mir einmal geholfen, als ich abzustürzen drohte.
Aber was will sie mit dem Schlafstein des Mondes? Der nützt ihr doch nichts!"
„Das glaubst du! Im Dunkeln kann sie nicht mit ihrem Hexenbesen umherfliegen und die Menschen erschrecken!“
In diesem Augenblick blitzte ein heller Strahl neben dem Fisch auf. Erschreckt schwamm er zur Seite. Auf dem Wasser erschien das Gesicht des Mondes und dicht daneben, das seines Freundes Tobias.
„Finde den Stein, Sami“, hörte er ihn sagen. Der Mond hat mir von der Hexe Chalun erzählt, die ist auch hinter ihm her. Wenn du ihn gefunden hast, komm so schnell du kannst! Wie du jetzt weißt, bin ich oben bei unserem guten, alten Mond". Und schon waren die Gesichter im Wasser verlaufen.
Der dicke Fisch hatte sich blubbernd verzogen. Sami begann sofort seine Suche. Es dauerte auch nicht lange, da hatte er ihn gefunden. Der Schlafstein des Mondes hatte sich in den Ästen einer Weide verfangen, die im Wasser schaukelten. Als er danach greifen wollte, tauchte Chalun, die Hexe auf und schnappte mit ihren dünnen Spinnenfingern danach. Doch Sami war schneller. Er saugte ihn blitzschnell in seinen Rüssel und steckte ihn sich in den Mund.
"Das sollst du mir büßen, kleiner Elefant!“, schrie sie rot vor Zorn. Wütend schickte sie ihm böse Zaubersprüche hinterher, doch Sami hatte schon seine Flügel ausgebreitet und hob ab, schnurstracks in den Himmel zum Mond. Keiner ihrer Zaubersprüche traf ihn. Nur einmal musste er ein Sternenkind nach dem richtigen Weg fragen.
Der Mond und Tobias erwarteten ihn schon sehnsuchtsvoll, denn es war dort sehr kalt und Tobias trug noch immer seine Badehose.
"Endlich habe ich meinen Schlafstein wieder!" freute sich der Mond und versprach, sich heute Abend erst schlafen zu legen, wenn die beiden wieder sicher zu Hause waren gelandet waren. Und wirklich, kaum waren sie im Zimmer von Tobias, wurde es draußen stockdunkel. Nicht einmal die Sterne waren zu sehen. Sami, der kleine Elefant, umarmte überglücklich seinen Freund Tobias und beide sagten:

„Gute Nacht, lieber Mond!“