Sophias Freund, der Schneemann

Sophia liebte den Winter wie keine andere Jahreszeit. Sie war acht Jahre alt und sammelte Schneemänner. Eine ganze Sammlung besaß sie schon von ihnen; in allen Variationen und in verschiedenen Materialien.
Jedes Jahr wartete sie sehnsüchtig auf die ersten Schneeflocken, die dann zärtlich vom Himmel schwebten, als hätten sie Angst, der Erde wehzutun.

Jeden Morgen, in der kalten Jahreszeit, drückte sie als Erstes ihre Stupsnase gegen die Fensterscheibe, um zu schauen, ob der Winter endlich Einzug gehalten hatte.

Es wurde zwar kalt, aber kein Schnee wollte fallen. Sophias Enttäuschung wuchs täglich.
Doch eines Morgens traute sie ihren Augen nicht. Ihr Herz klopfte vor Freude so stark, dass sie Angst hatte, es könnte aus ihrer Brust hüpfen. In der Nacht hatte es zu schneien begonnen und es schneite drei Tage lang. Genug Schnee, um endlich im Garten einen Schneemann zu bauen. So schnell hatte Sophia noch nie ihre Schulaufgaben fertig und dann ging es los. Sie rollte und rollte und stöhnte vor Anstrengung, bis ihr Werk einem Schneemann glich. Sie war so aufgeregt, als sie zwei Steine für die Augen besorgen ging,  eine Möhre für die Nase, ein Stöckchen für den Mund und einen Handfeger aus der Küche. Sie formte ihm auch noch zwei Stummelarme und konnte sich an seiner Schönheit nicht sattsehen. Er war in ihren Augen der schönste Schneemann, den sie je gebaut hatte.

Am nächsten Morgen, als sie frühstücken wollte, hörte sie lautes Husten. Ihre Mutter konnte es nicht sein, die war schon zur Arbeit gegangen und einen Vater gab es nicht. Der Husten kam von draußen; es war der Schneemann. Er hustete sich die Seele aus dem Leib, dabei flog jedes Mal seine Mohrrübennase aus dem Gesicht.
Sophia rannte nach draußen und drückte ihm die Nase immer wieder dahin, wo sie hingehörte. Kaum war sie damit fertig, kam ein neuer Hustenanfall und schon flog die Nase wieder durch die Luft.
„Hör auf damit“, schimpfte Sophia, „ich muss zur Schule, sonst komme ich zu spät!“
„Zu spät! Zu spät!“, maulte der Schneemann. „Kannst du mir nicht einen Schal umbinden, bevor du zur Schule gehst. Ich habe schon den Husten, nur weil du ihn gestern vergessen hast!“
Sophia glaubte nicht, was sie da gehörte hatte! Lag sie etwa noch im Bett und träumte? Hatte der Schneemann mit ihr gesprochen? Ungläubig band sie ihm ihren Schal um seinen Hals.
"Schneemänner können doch nicht sprechen", dachte sie verwundert und rannte zur Schule.

Als die Schule aus war, trödelte sie und trat vor Wut in jede Schneewehe. Sie hatte in Mathe eine Fünf geschrieben und hörte in Gedanken schon das Donnerwetter ihrer Mutter.
„Hei, Sophia“,  rief der Schneemann, als sie in den Garten kam.
"Was machst du für ein Gesicht?"
Sie kontrollierte seine Nase ob sie noch richtig saß.
„Seit wann kannst du sprechen?“, wollte sie als erstes wissen.
„Seit du mich erschaffen hast“, lachte er.
“Und was macht dein Husten?“,  erkundigte sich Sophia.
„Oh, mir geht es gut, seit ich den Schal umhabe.“
„Mir geht es leider nicht so gut“, rückte sie mit der Sprache heraus. „Ich habe in Mathe eine Fünf geschrieben. Die blöde Rechnerei geht mir einfach nicht in den Kopf!“
„Soll ich dir helfen?“ , bot der Schneemann sich an.
„Ja, kannst du das denn?“, staunte Sophia.
„Natürlich! Schneemänner können alles, leider leben sie nicht all zu lange. Deshalb hol schnell dein Heft, bevor deine Mutter von der Arbeit kommt. Ich erklär dir alles!“
Von nun an lernte Sophia täglich mit dem Schneemann und ihre Mutter und der Lehrer kamen aus dem Staunen, über die guten Noten, nicht mehr heraus.
Sophia bat den lieben Gott jeden Abend um viel Frost und viel Schnee, damit ihr Freund, der Schneemann, ihr noch lange helfen konnte.
Der Winter verzog sich trotzdem. Der Frühling drängte mit aller Macht. Schneeglöckchen und Krokusse blinzelten aus der Erde und der Schneemann bekam arge Schieflage, als wäre er betrunken.
Traurig musste Sophia mit anhören, wie er täglich jammerte, mit ansehen, wie er immer kleiner wurde, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Nun spielte sie wieder mit ihren gesammelten Schneemännern und wartete sehnsüchtig auf den nächsten Winter, um ihren Freund wieder zum Leben zu erwecken.