Piks der Fakir, der sein Lachen verlor

 

 Es war an einem Nachmittag, vor langer, langer Zeit in einem Land, in

dem immer die Sonne schien. In der Nähe des Ufers eines großen

Meeres saß Else, eine junge Möwe, in ihrem Nest auf einer hohen

Palme. Ihre Eltern sah sie weit draußen auf dem Meer als winzige

Punkte. Sie begleiteten ein Segelschiff, schaukelten sich im Wind oder

saßen auf dem Mast des Schiffes. Sie fanden auf solchen Schiffen die

ungewöhnlichsten Leckerbissen, die Else so sehr liebte. Else langweilte

sich, wollte einfach bei ihnen sein und die Entfernung bis zum Schiff

erschien ihr gar nicht mal so weit. "Mama und Papa werden staunen",

dachte sie stolz, "wenn ich plötzlich bei ihnen auftauche." Sie setzte

sich mutig auf den Nestrand, breitete ihre Flügel aus und flog eine

Kurve, dann hin zum Meer. Doch gegen den stark pustenden

Gegenwind kam sie einfach nicht an. Sie flatterte mit ihren winzigen

Flügeln und letztendlich stürzte sie völlig entkräftet ab. Dabei fiel Else

unglücklicherweise hart auf einen Felsstein und brach sich den linken

Flügel. "Hätte ich doch nur auf meine Eltern gehört! Aaaach, hätte ich

doch nur auf meine Eltern gehört!", jammerte sie unablässig und lag

hilflos am Ufer.

An jenem Nachmittag schlurfte der Fakir Piks ans Meer, um seinem

müden Körper und seinen wunden Füßen eine Erholung zu gönnen,

denn jeden Tag trat er im Zirkus auf. Er war nicht mehr der Jüngste; er

fühlte sich schwach. Jeden Abend lief er über spitze Nägel, legte sich

mit nacktem Oberkörper auf ein Nagelbrett und andere turnten auf ihm

herum. Lachen konnte Piks schon lange nicht mehr. Neulich hatte der

Prinzipal sogar gesagt: "Piks, deine Zeit scheint wohl abgelaufen zu

sein. Dir fehlt so langsam die Spannung in deinem Körper. Hast

Schmerzen, stimmt's? Die Menschen wollen aber ein lachendes

Gesicht sehen, nicht so ein griesgrämiges. Finde dich damit ab, ich

werde mich nach Ersatz für dich umsehen."

Piks war tief traurig. All die Jahre war er gut genug und nun sah er sich

schon fortgejagt wie ein räudiger Hund. Mit leerem Blick schlurfte er

durch den Sand und wäre fast auf Else getreten. Sie gab jedoch

rechtzeitig einen lauten Piepston von sich und beschwerte sich: "Hast

du keine Augen im Kopf? Siehst du nicht, dass ich verletzt bin?"

"Du bist verletzt? Verzeih! Ich war so in Gedanken. Kann ich dir helfen?

Hast du Schmerzen?", wollte Piks wissen.

"Natürlich hat man Schmerzen, wenn man sich einen Flügel bricht",

nuschelte sie, besann sich aber und fragte mit bittenden Augen: "Sag

mal, kannst du mich nicht ganz schnell wieder gesund machen, bevor

meine Eltern zurückkommen?"

"So schnell geht das nicht", gab der Fakir zu bedenken. "Dein Flügel

muss geschient werden. Viele Male wird die Sonne aufgehen, ehe du

wieder fliegen kannst. Ich nehme dich mit. Wenn du wieder gesund bist,

kannst du zurückfliegen."

Else dachte nach: "Was werden wohl meine Eltern denken, wenn ich

nicht mehr da bin? Sie werden umkommen vor lauter Sorge."

Piks wollte sie schon vorsichtig in seine Hände nehmen und nach

Hause tragen, als plötzlich wie von Zauberhand ein junger Mann in

einen weiten, schwarzen Umhang gehüllt, neben ihnen stand.

"Warte!", sagte der Fremde zum Fakir. "Ich bin Fitzliblitz, der schlaueste

und größte Zauberlehrling, immer auf der Suche nach jemandem, an

dem ich meine Zaubersprüche ausprobieren kann. Lass mich

versuchen, der kleinen Möwe zu helfen!"

Piks war zwar recht verwundert, doch Else drängelte, wollte sie doch so

schnell wie möglich wieder fliegen können. "Ja, lass es ihn versuchen!",

piepste sie kläglich, denn der gebrochene Flügel schmerzte bei jedem

Atemzug. Fitzliblitz zog seinen Zauberstab unter dem Umhang hervor

und murmelte unverständliche Worte. Dann ließ er den Zauberstab

dreimal über Else kreisen und siehe da: Der gebrochene Flügel war

wieder heil. Aber oh Schreck, nun hatte Else drei Flügel. Entsetzt erhob

sie sich und versuchte zu fliegen, doch der dritte Flügel hinderte sie

daran.

"Du scheinst noch nicht viel Erfahrung mit deinen Zauberkünsten zu

haben", schimpfte sie. "Befrei mich sofort von diesem ... diesem Ding

da oben! Oder soll ich in Zukunft zum Gespött aller Möwen werden?"

Fitzliblitz überlegte, was er wohl verkehrt gemacht hatte und kratzte

sich am Kinn. Doch plötzlich erhellte sich sein Gesicht. "Ah ja! Jetzt hab

ich's!" Wieder schwang er seinen Zauberstab über Else und plötzlich

war sie völlig verschwunden, dafür raste ein rosa Schweinchen

quiekend dem Wasser zu.

"Fang es ein", schrie der Zauberer entsetzt, "das ist Else!"

"Hab ich mir schon gedacht!", grollte Piks, rannte dem Schwein

hinterher, packte es an einem Hinterbein und stürzte sich dann mit

ganzem Körper auf das zappelnde Tier. "Jetzt streng dich endlich mal

an und beeil dich", schimpfte der Fakir und keuchte vor Anstrengung.

Einen Augenblick lang überlegte der Zauberlehrling, dann schien ihm

die richtige Formel eingefallen zu sein. Ein drittes Mal schwang er den

Zauberstab über das Schweinchen und endlich erhob sich Else, vor

Freude laut kreischend, in den blauen Himmel. Piks freute sich, dass

Else wieder Else war und obendrein auch gesund. Er wollte dem

Zauberlehrling nun auch sein Leid klagen und ihn bitten, eine Lösung

für sein Problem zu finden, aber er war nicht mehr da. Es war gerade

so, als hätte die Erde ihn verschluckt.

Der Fakir setzte sich nun endlich ins kühlende Wasser, dazu war er ja

überhaupt ans Meer gekommen. Else setzte sich auf seine Schulter

und hörte Piks zu, der von seinem Kummer erzählte, den Schmerzen,

die er täglich ertragen muss und dass er bald nicht mehr gebraucht

werde. "Wie soll man da sein Lachen nicht verlieren?", seufzte er.

"Wir hätten den Zauberlehrling um Hilfe bitten sollen", sagte Else

nachdenklich. "Der hätte bestimmt einen Ausweg gewusst!"

Piks machte ein trauriges, mutloses Gesicht. Sein Anblick tat Else in

der Seele weh. Der Fakir verabschiedete sich und versprach am

nächsten Tag wiederzukommen. Jetzt hatte er seinen Auftritt hinter sich

zu bringen. Else flog auf die Palme und suchte den Himmel nach ihren

Eltern ab. Sie war müde und langsam auch hungrig. Schläfrig steckte

sie ihren Kopf unter den linken Flügel, doch bei jedem Geschrei einer

Möwe schreckte sie hoch. Nach kurzer Zeit aber schlief sie tief und fest.

Der Zauberlehrling tauchte plötzlich wieder am Ufer auf. Irgendwie hatte

er das Gefühl, dass er noch gebraucht würde. Da sah er eine Möwe auf

der Palme sitzen und schlafen. "Ob das Else ist?", frage er sich. "Hallo,

kleine Möwe! Was macht dein Flügel?", rief er. Else war augenblicklich

wach. Sofort erkannte sie den Zauberlehrling. "Du kommst wie

gerufen!", freute sie sich. Schnell erzählte sie ihm das Leid von Piks.

"Wusste ich doch, dass er mir noch etwas sagen wollte, doch ich wurde

zu meinem Meister gerufen. Weißt du zufällig, wo wir den Fakir finden

können?"

Else schaute ihn ungläubig von der Seite her an, sie hatte keinen

Meister rufen hören, aber das war jetzt nicht wichtig. Jetzt ging es um

Piks.

"Ja, ich weiß, wo der Zirkus steht. Jetzt wirst du beweisen, was du

wirklich kannst, du schlauester und größter Zauberlehrling!", spöttelte

sie belustigt.

Schnell waren sie im Zirkus angekommen und versteckten sich hinter

einer Plane, dort konnten sie alles gut verfolgen. Dann wurde Piks

angekündigt. Alles war für ihn vorbereitet. Er machte ein trauriges

Gesicht, bevor er sich auf sein Brett legte und eine Schönheit ihre

Turnübungen auf seinem Körper vollführte. Else bohrte ihren spitzen

Schnabel in die Seite von Fitzliblitz. "Tu endlich was!"

Der Zauberstab wurde geschwungen, eine Zauberformel gemurmelt.

Und dann wurden sie entdeckt. Ein Aufseher kam angerannt und

verjagte sie.

Als sie wieder am Meer angekommen waren, fragte Else außer Atem:

"Meinst du ... dein Spruch ... war der rechte?"

Fitzliblitz hob die Schultern, verbeugte sich galant und war wieder

einmal verschwunden.

"Eigenartiger Knabe", dachte die Möwe und grinste, "hat ihn wohl

wieder mal sein Meister gerufen!"

Schon am nächsten Morgen kam Piks freudestrahlend angerannt und

schrie von weitem: "Else, die Nägel piksen nicht mehr. Die Vorstellung

war ein großer Erfolg. Ich hatte solche Angst, doch plötzlich waren die

scharfen Nägel wie durch ein Wunder weich wie Wattebällchen. Ich

habe mein Lachen wieder. Ach, das Leben kann so schön sein!"

"Es war der rechte Spruch, freute sich Else. "Er hat den rechten

Zauberspruch gewusst!" Sie breitete ihre Flügel aus, klapperte mit

ihrem Schnäbelchen und hüpfte vor Vergnügen auf ihren dünnen

Stelzen umher.

"Ja, und stell dir nur vor. Der Prinzipal wollte nicht glauben, was er sah

und hat nach der Vorstellung seinen Zeigefinger auf einen Nagel

gedrückt. Was glaubst du, was passiert ist? Er hat geblutet! Nur bei mir

sind die Nägel weich, allen anderen zeigen sie sich in all ihrer Schärfe.

Ist das nicht großartig? Oh, ich bin dem Zauberlehrling und dir so

dankbar, kleine Else!"

"Hab ich doch gern getan", freute sich die kleine Möwe.

"Ich freu mich, dass mein Zauberspruch gleich beim ersten Male der

rechte war", lachte es herzlich über ihren Köpfen, ohne dass

irgendjemand zu sehen war. Doch Piks und Else wussten, dass es nur

Fitzliblitz' Stimme gewesen sein konnte.

Über dem Meer kamen nun zwei winzige Punkte angeflogen, die

schnell größer wurden. Es waren Elses Eltern mit feinen Leckerbissen.

Sie begrüßten ihr Kind und auch den Fakir. Beide erzählten, was sie

alles erlebt hatten und am Appetit von Else bemerkten die

Möweneltern, dass sie ihr Töchterchen wohl diesmal zu lange allein

gelassen hatten. Da Else nun richtig fliegen konnte, gaben die Möwen

ihr Nest in der Palme auf. Sie verabschiedeten sich von Piks und flogen

auf ein am Horizont auftauchendes Segelschiff zu, mit dem sie

gedachten, ein Stück weit in die Welt zu kommen.

Der Fakir blickte den Dreien traurig nach. Er hatte Else lieb gewonnen.

"Wer weiß, ob ich sie jemals wiedersehe?", dachte er, schließlich zieht

auch ein Zirkus in der Welt umher und winkte, so lange, bis die drei

Punkte seinen Augen entschwunden waren.