Langohr und König Löffel zu Löffelburg

 

Im Hasenland regierte König Lampe zu Löffelburg, doch sein

Hasenvolk bekam ihn nur selten zu Gesicht. Sein Interesse

galt mehr dem guten Essen, dem Trinken und Feste feiern.

Eine Königin an seiner Seite, die seine Fresssucht gezügelt

hätte, gab es nicht. So wurde er immer dicker und verließ nur

noch selten sein Schloss. Außerdem war er für seine Faulheit

über alle Grenzen hinweg bekannt. Seine Dienerschaft, die

weder Freizeit noch Urlaub kannten, waren sich darüber im

Klaren: Wenn der König seine Lebensweise nicht ändere,

gäbe es mit ihm ein schlimmes Ende!

Seine Köche bereiteten ihm Speisen zu, die kein vernünftiger

Hase essen würde: Karottencremetorte, Salat mit Speckwürfel

und Sahnesoße, Maiskolben mit Butter und vieles mehr.

Hauptsache, ordentlich fetthaltig. Ständig benötigte er größere

Kleider, weitere Gürtel und stärkere Pferde, die in der Lage

waren, ihn zu tragen. Seine Dienerschaft lief ihm einer nach

dem anderen davon. Bald schon saß König Löffel allein auf

seinem Thron. Keiner war mehr da, der ihn bediente und

bekochte. Sein Magen begann zu knurren und als er es nicht

mehr aushielt, verließ er in seinen Hauskleidern das Schloss,

schlich sich unerkannt in ein Hasenrestaurant und schlug sich

den Magen so voll, bis ihm übel wurde.

Langohr, ein älterer Hase, wollte an diesem Sonntag einen

ruhigen Tag verleben. Er hatte sich zum Abendbrot eine

Schüssel Salat vorbereitet, doch vorher wollte er noch eine

Fahrradtour unternehmen. Als er in den Schuppen kam, um

sein Rad zu holen, sah er im Leiterwagen einen dicken,

schlafenden Hasen liegen. Langohr weckte ihn und fragte:

„Fremder, was tust du in meinem Schuppen?“ Der dicke Hase

antwortete forsch: „Ich habe geschlafen. Siehst du das nicht?“

„Hast du kein eigenes Bett?“, wollte Langohr wissen.

„Nun bleib mal schön ruhig“, brummelte der Fremde in seinen

Bart. Jetzt werde ich dir Unterernährtem mal was erzählen.

Ich habe sogar ein Bett aus purem Gold!“

Langohr lachte:

„Du hast ein Schloss? Ich lach mich krumm. Du besitzt

vielleicht ein Märchenschloss, du Träumer! Wenn du ein

Schloss besitzt, dann bin ich der König vom Hasenland!“

„Ach ja, König bin ich auch“, erwiderte der dicke Hase und

versuchte sich durch die Sprossen zu zwängen. Dabei blieb er

stecken und Langohr musste ihm behilflich sein.

„So, Fremder“, sagte Langohr, „nun geh zurück in dein

Schloss, leg dich in dein goldenes Bett und schlaf weiter. Ich

würde gerne den Schuppen abschließen!“

„Das kann ich nicht. Ich habe vergessen, den Schlüssel vom

Schloss mitzunehmen. Nun sitze ich auf der Straße“, erklärte

der dicke Hase und wollte sich wieder setzen.

Langohr ereiferte sich:

„Pfui, wo hast du so gut lügen gelernt?“

„Aber ich lüge nicht!“, widersprach der dicke Hase. Er zog aus

seinen Hauskleidern den Königspass und übergab ihn

Langohr zum lesen, dann sprach er weiter:

„Ich bin wirklich König Löffel von Löffelburg. Mein Schloss liegt

in den Löffelbergen und ich regiere das Hasenland. Meine

Dienerschaft und alle Köche haben mich verlassen, weil ich

sie schlecht behandelt habe. Mein Volk lacht mich aus, weil

ich so dick bin und die schönen Hasenfrauen machen um

mich einen großen Bogen. Mein Reichtum lockt sie nicht.

Wenn du mir hilfst abzuspecken, werde ich dich reichlich

belohnen und dir jeden Wunsch erfüllen!“

Langohr war nun überzeugt, seinen König vor sich zu haben.

„Ich habe keine materiellen Wünsche“, sagte er, „nur gesund

möchte ich bleiben. Wenn ich dir helfen soll, musst du eine

Weile bei mir bleiben, damit du nicht in Versuchung gerätst

noch dicker zu werden!“

König Löffel war damit sofort einverstanden. Einen Wunsch

jedoch hatte er noch: Keiner sollte je erfahren, dass er der

König vom Hasenland war.

Langohr versprach es.

„Als erstes werden wir den Speiseplan ändern“, begann er,

„außerdem ist viel Bewegung angesagt. Morgen fangen wir

damit an!“

Am nächsten Morgen schon wollte König Löffel nicht aus dem

Bett.

„Raus aus den Federn“, rief Langohr und zog ihm die

Bettdecke fort. „Frühsport ist angesagt. Danach gibt es ein

feines Diätfrühstück. Wenn du nicht mitmachst, können wir

das alles vergessen!“

„Sei nicht so streng zu deinem König“, maulte er und rollte

sich aus dem Bett.

„Zur Zeit sehe ich in dir keinen König, sondern einen

Hasenmann, der unbedingt abspecken muss, damit er endlich

eine Königin findet“, schimpfte Langohr.

Kaum hatte König Löffel die Küche betreten, fragte er:

„Wo ist mein Frühstück?“

„Erst wird gelaufen“, antwortete Langohr, „dann gibt es Tee

und eine Scheibe hartes Brot. Hinterher, aber nur vielleicht,

eine halbe Möhre.“

„Warum hartes Brot?“, wollte der König wissen.

„Damit unsere Zähne nicht zu lang werden und wir gesund

bleiben“, klärte Langohr ihn auf.

Sie gingen zum Schuppen und Langohr holte das Fahrrad.

Lustlos trottete König Löffel hinterher.

„Warum sagst du nicht gleich, dass ich Radfahren soll?“,

freute sich der Dicke.

„Von wegen Radfahren! Ich fahre und du läufst nebenher. Du

musst abnehmen, nicht ich!“

„Das ist nicht fair“, schimpfte der König, doch laufen musste er

trotzdem. Obwohl Langohr langsam fuhr, hörte er ihn hinter

sich prusten, schnaufen und stöhnen.

Der Dicke tat ihm leid, doch er zeigte es nicht.

„So kaputt war ich noch nie“, jammerte König Löffel, „vor allem

aber hungrig und müde.“

„Müde ist sehr gut“, sagte Langohr. „Wer schläft, braucht nicht

zu essen!“

Nachdem der König sein Schläfchen beendet hatte, ging es

ab in den Garten.

„Ich habe noch nie für mein Essen gearbeitet“, begann der

König. „Hast du keine Bank, auf der ich mich ausruhen kann?“

Langohr wurde wütend:

„Du jammerst und nörgelst nur. Wenn dir alles zu viel ist,

versuch in dein Schloss zu gelangen. Setzt dich auf deinen

Thron und futter so lange, bis du platzt!“

Das half. Weil Langohr nicht nachgab, aß König Löffel vor

Hunger alles, was auf den Tisch kam.

So vergingen Tage und Wochen. Der Hasenkönig wurde

schlanker, sportlicher und zufriedener. Jeden Morgen drehte

er freiwillig mit dem Fahrrad seine Runden. Der Garten wurde

sein ein und alles. Das Gemüse und der Salat gediehen

prächtig unter seinen Händen. Er sprühte nur so vor Energie

und Lebensfreude.

Eines Tages sagte König Löffel zu Löffelburg:

„Langohr, hast du Briefpapier im Haus? Ich würde mich gerne

bei meinem Personal entschuldigen und sie bitten, wieder in

meine Dienste zu treten!“

Langohr nickte und legte ihm alles bereit. Der König schrieb

viele Briefe, aber eine Antwort bekam er nicht. Fast weinerlich

sagte König Löffel:

„Mir bleibt nichts anderes übrig, als durchs Fenster in mein

Schloss zu gelangen!“

Leichten Fußes, rank und schlank, verabschiedete er sich von

Langohr und machte sich auf den Weg zu den Löffelbergen.

Schon von weitem sah er das schwere Schlosstor offen

stehen. „Habe ich vergessen das Tor zu schließen?“, fragte er

sich. Langsam stieg er die Treppen hoch. Seine gesamte

Dienerschaft kam ihm entgegen. Sie begrüßten ihn freundlich.

„Majestät!“, riefen alle durcheinander. „Wir freuen uns, dass

es ihnen so gut geht!“

König Löffel strahlte über das ganze Gesicht. „Euch wird es in

Zukunft auch gut gehen. Jeder bekommt in Zukunft seinen

Urlaub und seine verdiente Freizeit. Zu den Köchen sagte er:

„Der Speiseplan wird in Zukunft mit mir abgesprochen,

verstanden?“

Für König Löffel zu Löffelburg begann ein neues Leben. Nach

einigen Monaten war in der Hasenzeitung zu lesen:

„Das Hasenland bekommt endlich seine Königin!“