Josef und Maurus, der kleine Drachen 

 

Johann und Josef waren zwei Brüder, wie sie unterschiedlicher

nicht sein konnten. Johann, der Ältere, war böse und ein Geizhals.

Klopfte ein Bettler an seine Türe und bat um ein Stück Brot, so

jagte er ihn davon oder hetzte seinen Hund hinter ihm her.

Josef dagegen teilte sein letztes Stück Brot mit seiner Frau, den

Kindern und dem Bettler. Er selbst verzichtete darauf.

Eines Tages, ging Josef in den Wald um einen Baum zu fällen. Es

war in der Umgebung der Eulamer Grotten, in deren Nähe sich so

recht keiner getraute. Wenn die Abenddämmerung begann hielt

man sich lieber fern. Dann hörte man es in den Grotten rumoren.

Früher, so erzählten sich die Menschen, hätten dort Räuber und

Diebe gehaust. Von einem großen Schatz sprachen sie, der noch

irgendwo verborgen lag. Niemand getraute sich danach zu suchen,

denn seit Urzeiten lebte dort eine gefährliche Drachenfamilie.

Josef war mit dem Fällen des Baumes beschäftigt, da hörte er

plötzlich Weinen, wie von einem Kind. Sofort machte er sich auf

die Suche. Nun begann es auch noch zu regnen und Wind kam auf.

Da sah er ihn; einen kleinen Drachen. Er saß auf einem Stein und

der Regen prasselte in dicken Tropfen auf ihn herab, dabei weinte

er zum Steinerweichen. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken,

näherte sich Josef. Es war ein ganz junges Tier, das ihm arglos

entgegen blickte. Josef zog seine Jacke aus und legte sie dem

Kleinen um.

„Warum weinst du? Kann ich dir helfen? Soll ich dich nach Hause

tragen?“ Josef sah, dass der kleine Drachen am Bein blutete.

„Das ist nicht schlimm mit dem Bein, aber ich habe mich verlaufen

und finde den richtigen Weg nicht mehr! Du kannst mich nicht

heimbringen“, sagte der kleine Drachen. „Mein Vater heißt Raak

und ist fünfzigmal so groß wie du. Er kann dich mit einem Happs

verschlingen. Möchtest du das?“

„Natürlich nicht“, sagte Josef. „Aber wie willst du nach Hause

kommen? Hast du auch einen Namen?“

„Ich heiße Maurus!“

„Und ich bin der Josef!" Er lächelte, denn Maurus hielt ihm

wohlerzogen die Pfote hin.

„Also Maurus! Du bist noch zu klein, um hier alleine zu bleiben!

Komm! Den Weg werden wir schon finden!“

„Hast du denn keine Angst vor meinem Vater?“, wollte er wissen.

„Nein! Ich bringe ihm seinen Sohn zurück. Er wird mich schon

nicht fressen!“ Josef nahm den kleinen Drachen an die Hand und

sie marschierten los. Die Berge wurden höher und die Wege sahen

alle gleich und beschwerlich aus. Plötzlich hörte Josef ein

Geräusch. Es klang wie ein Wetzstein. Vorsichtig blickte er hinter

einen Felsen. Dort saß ein Drachen. Der war tatsächlich fünfzigmal

größer als ein Mensch. Zwischen seinen Klauen hielt er einen Stein

und schärfte seine Zähne. Als der Drache Josef erblickte, stellten

sich die Stacheln auf seinem Rücken und aus seinen Nasenlöchern

schlugen Flammen.

Maurus stellte sich vor Josef und schrie:

„Nein, Papa, nein! Josef hat mich gefunden und zurück gebracht.

Ich hatte mich verlaufen!“

Als der große Drachen seinen Sohn erblickte, wurde er wieder

friedlich. Sofort brachte er den Kleinen in die Grotte. Josef wollte

schon gehen, da kam Raak, der Drache, wieder zurück. Er

bedankte sich bei ihm und überreichte ihm eine Handvoll

Silbertaler. Es waren sehr viele, denn die Hand des Drachen war

groß. Josef wusste nicht, wie er das viele Geld tragen sollte,

deshalb band er mit einer Schnur, die er immer bei sich trug, seine

Hosenbeine unten zusammen und ließ die Taler hinein plumpsen.

Ausgestopft wie ein Teddybär und langsam wie eine Schildkröte,

machte er sich auf den Weg nach Hause. Jetzt war er reich. Frau

und Kinder litten keine Not mehr und vielen Anderen konnte er

auch noch helfen.

Seinem geizigen Bruder Jakob fielen vor Neid die Augen aus dem

Kopf. Er fragte sich insgeheim, wo kommt plötzlich der ganze

Reichtum her? Tagelang konnte er vor Eifersucht nicht schlafen,

bis er es nicht mehr aushielt und er sich auf den Weg zu seinem

Bruder machte.

„Guten Tag, mein lieber Bruder“, säuselte er schmeichelnd.

„Wie ich sehe, geht es dir sehr gut! Wo hast du plötzlich so viel

Geld her?“

Josef, der die Hinterhältigkeit seines Bruders nicht erkannte,

erzählte ihm von dem kleinen Drachen, der sich in den Bergen

verlaufen hatte, und den Silbertalern, die er als Belohnung

bekommen hatte. Josef schenkte auch seinem Bruder etwas von

den Talern, obwohl er nie, selbst in der größten Not, etwas von

ihm bekommen hatte. Auf dem Heimweg reifte in Jakob ein Plan,

den er schon am nächsten Tag versuchte auszuführen. Drei Tage

lang suchte und wartete Jakob vergeblich auf den kleinen Drachen

Maurus. Heute finde ich dich, sagte er und machte sich am vierten

Tag auf den Weg zu den Grotten. Einen großen Sack hatte er

gleich mitgenommen.

Maurus kam ihm direkt entgegen. Leichtfüßig hüpfte er von Stein

zu Stein, grabschte nach den Schmetterlingen und achtete nicht

auf seine Umgebung, so vertieft war er in seinem Spiel. Jakob

versteckte sich hinter einem Geröllhaufen. Als Maurus sich

hinsetzte, um auszuruhen, warf Jakob ihm den Sack über und er

saß in der Falle. Da half kein Zappeln und kein um sich beißen, es

war umsonst.

„Halt still, mein kleiner Maurus“, sagte Jakob, „jetzt bringe ich dich

zu deinem Vater Raak und kassiere eine dicke Belohnung für dich!“

Josef hatte ihm ja genau den Weg beschrieben und so stand er

schon bald vor Raak, dem Drachenvater. Zwar klapperte Jakob vor

Angst mit den Zähnen, aber die Aussicht reich wie Josef zu

werden, machte ihm Mut.

„Raak, ich bringe dir deinen Sohn Maurus“, rief er.“ Er hat sich in

den Bergen verlaufen. Rein zufällig habe ich ihn gefunden. Und

nun möchte ich meine Belohnung haben!“

Gib ihm nichts“, rief Maurus aus dem Sack. „Ich habe mich nicht

verlaufen. Er hat mich eingefangen, weil ich unachtsam war!“

„Du sollst deine Belohnung haben“, sagte Raak. „Aber erst bringe

ich meinen Sohn in die Grotte“.

Jakob öffnete den Sack und der große Drachen brachte seinen

Sohn in Sicherheit.

Nun stand Jakob mit dem geöffneten Sack da und freute sich auf

eine reichliche Belohnung. In Gedanken hörte er schon die

Silbertaler klimpern. Da kam Raak zurück. Er holte tief Luft und

Jakob ahnte, was passieren würde! Als er sich umdrehte um davon

zu laufen, traf ihn ein Feuerstrahl von hinten und verbrannte seine

Hose samt Haut. So schnell war Jakob in seinem ganzen Leben

noch nicht gerannt. Es dauerte vier Wochen, bis er einigermaßen

wieder sitzen konnte. Um die Grotten in den Eulamer Bergen

machte er danach immer einen großen Bogen.