gem. v. Jutta Schröder

 

 

Hoppel, Hinkebein und die Kohlköpfe

 

Der Winter hatte im Zwergenland Einzug gehalten.

Mit seinem frostigen Atem zog er durch das kleine Land und

alles, was er anhauchte, verlor das Leben. Er spaltete die

Bäume im Wald, auf den Feldern ließ er das Winterkorn

erfrieren und die Krähen fielen tot von den Bäumen. Die

Bächlein erstarrten unter einer dicken Eisschicht und wenn die

Tiere ihren Durst stillen wollten, blieb ihnen keine Wahl, als am

Eis zu lecken.

Karlyn, der Zwerg, fuhr täglich mit seinem Schlitten umher und

brachte den Rehen und den Hirschen Heu, das er im Herbst

getrocknet hatte. Den Vöglein streute er Sonnenblumenkerne.

Eines Tages, als er wieder einmal unterwegs war, begegnete

ihm Hoppel, der Osterhase. Der starrte traurig vor sich hin und

ließ seine langen Löffel hängen.

„Guten Tag, Hoppel! Was machst du für ein trauriges Gesicht?“,

fragte Karlyn. Hoppel wackelte mit seinen langen Ohren und

sagte: „Ach, lieber Karlyn, ich mag es fast nicht sagen. Ich habe

nichts zu fressen! Die Felder sind leer und alle Gräser sind

erfroren! Heu und Sonnenblumenkerne schmecken mir nicht!

Ich habe großen Hunger! Auch meine Frau und die vielen

kleinen Osterhäschen, die daheim auf mich warten, hungern.

Ich könnte auf der Stelle einen großen, festen Kohlkopf

verspeisen."

Karlyn schüttelte seinen Kopf. „Kohl habe ich leider nicht! Aber

du kennst doch das Häuschen von der Hexe Hinkebein, die hat

noch genug Kohlköpfe im Keller liegen!“

„Stimmt das auch?“, wollte Hoppel wissen.

„Habe ich dich jemals belogen?“, erwiderte Karlyn und zog mit

seinem Schlitten davon.

Hoppel freute sich über diese Nachricht und machte sich sofort

auf den Weg zum Haus der Hexe Hinkebein.

"Aber warum sollte sie mir helfen?", dachte er

niedergeschlagen. "Sie ist doch im ganzen Zwergenland als

Geizkragen verschrien."

Nein, er musste einen anderen Weg suchen, um seine Familie

und sich vor dem Verhungern zu bewahren. Und weil Hunger

weh tat, dachte Hoppel an etwas, was er noch nie in seinem

Leben getan hatte. Er wollte sich bei der Hexe einen Kohlkopf

stehlen.

Aber, oh weh! Alle Kellerfenster waren mit Stroh verstopft und

Hoppel wusste nicht, wie er hinein kommen sollte!

Plötzlich nahte der eisige Wintersmann. Er hauchte die Fenster

des Hexenhauses an und augenblicklich bildeten sich dicke

Eisblumen. Auch die Regentonne bekam eine dicke Eischicht.

Er entdeckte Hoppel, der sich aus Angst vor dem grimmigen

Gesellen unter einem Strauch versteckt hatte.

„Lieber Winter“, flehte der Hase ängstlich, „hauch mich bitte

nicht an, sonst muss ich sterben und kann den Kindern keine

Ostereier mehr bringen!“

„Hab keine Angst“, klirrte der Winter. „Warum bist du nicht

daheim in deinem Bau bei Frau und Kindern geblieben? Was

treibst du dich hier draußen herum?"

„Wir haben nichts mehr zu fressen! Karlyn, der Zwerg, hat mir

aber verraten, dass Hinkebein, die alte Hexe, noch genug

Kohlköpfe in ihrem Keller hat. Und Hoppel bettelte: "Kannst du

mir nicht einen herausholen? Du hast doch so lange Arme."

Der Winter schüttelte den Kopf und aus seinen Haaren flogen

dicke Schneeflocken.

„Geht nicht“, sagte er, „ich habe Angst vor der Hexe. Man hört

nichts Gutes von ihr. Wenn ich jetzt das Stroh aus den Fenstern

blase und die Scheiben berste, hört sie mich. Ich warte lieber,

bis sie fest eingeschlafen ist. Dann suche ich den schönsten

und größten Kohlkopf aus und bringe ihn dir. Nun lauf zurück in

deinen Bau und warte dort auf mich."

Hoppel atmete erleichtert auf. Er eilte schnell in seinen Bau

zurück und wartete sehnsüchtig auf den versprochenen

Kohlkopf. Sobald es dunkel geworden war, kam der Winter

herbei und warf ihm einen wunderschönen Kohlkopf in den

Bau. Der Osterhase und seine Familie freuten sich anfangs

sehr darüber. Groß aber war ihre Enttäuschung, als sie sich

darüber hermachten. Der Kohl war steinhart gefroren, weil der

eisige Geselle ihn in seinen Händen getragen hatte. Mit

knurrigen Mägen legten sie sich zur Ruhe. Als es hell wurde,

machte Hoppel sich erneut auf den Weg, um Nahrung zu

suchen. Wieder schlich er zum Haus der Hexe Hinkebein. Er

fror erbärmlich und sein Magen knurrte so laut, dass er Angst

bekam, die Hexe würde es hören.

Während er noch hin und her überlegte, wie er an die

Kohlköpfe käme, fuhr der Zwerg Karlyn mit seinem Schlitten

vorbei. Erstaunt betrachtete er Hoppel, der sich in eine

Bodenkuhle geduckt hatte, um das Haus im Auge zu behalten.

„Bist du noch immer hier oder etwa schon wieder?“, fragte er

den Osterhasen.

Da klagte er dem Zwerg sein Leid über den vom Winter

gestohlenen, gefrorenen Kohlkopf, den nun niemand essen

konnte.

„Was bist du doch für ein dummer Osterhase!“, rief Karlyn.

„Warum willst du denn überhaupt stehlen? Sag doch der Hexe

ehrlich, dass du nichts zu fressen hast und bitte sie um einen

Kohlkopf!“

Hoppel nahm allen Mut zusammen und klopfte an die Haustür

der Alten.

Als die Hexe Hinkebein Hoppel erkannte, fragte sie freundlich:

"Was führt dich zu mir? Willst du mir sagen, dass bald Ostern

ist? Zieht der Winter nun endlich von dannen?"

„Ach, nein“, bibberte Hoppel. "Ostern ist noch weit! Wir haben

nichts zu beißen und schrecklichen Hunger. Gib mir doch bitte

einen Kohl, sonst müssen wir sterben und können den Kindern

Ostern keine Ostereier bemalen und schenken!“

Das musste er nicht zweimal sagen. Die Hexe humpelte sofort

in den Keller und schleppte alle Kohlköpfe nach oben. Hoppel

fraß sich satt und schämte sich sehr dafür, den Winter zum

Stehlen angestiftet zu haben.

Offensichtlich war die Hexe doch nicht so geizig, wie alle

dachten. Drei dicke Kohlköpfe schleppte Hinkebein dem Hasen

eigenhändig in dessen Bau, damit sich auch seine Familie

sattfressen konnte. Das war eine Freude!

Als das Osterfest heranrückte, brachten die Hasen der Hexe

Hinkebein aus Dankbarkeit ihre allerschönsten Ostereier. Bei

dieser Gelegenheit entschuldigte sich Hoppel bei ihr, den

Winter in seiner Not zum Stehlen gebracht zu haben. Hinkebein

verzieh ihm großherzig.

Auch die vielen Kinder im Zwergenland wurden reichlich mit

Eiern beschenkt. Seitdem hat Hoppel nie wieder einen Kohlkopf

gestohlen, außer, er stand auf freiem Feld.