Fred, der Frosch und der stumme Gesang - 1


Fred, der Frosch, lebte einsam und alleine in einem Wassertümpel am Waldesrand. Zu futtern hatte er genug, denn es wimmelte nur so von Mücken und anderem Getier. Eines Tages aber flog eine Libelle an seinem Wasserloch vorbei. Er war so geblendet von der Schönheit ihrer schillernden, zarten Flügel, dass er sich sofort auf den Weg machte, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. So weite und schnelle Sprünge hatte er noch nie gemacht und plötzlich, lag vor ihm ein stiller, romantischer Waldsee, bedeckt mit riesigen Seerosenblättern. Etwas Schöneres hatte der Frosch noch nie gesehen. Flugs tauchte er kopfüber ins Wasser, um sich abzukühlen, denn er war doch arg ins Schwitzen geraten bei seinen großen Sprüngen. Als er wieder auftauchte, sah er die hübsche Libelle auf einem Seerosenblatt sitzen. Sie sah schrecklich traurig aus!
„Was ist denn mit dir geschehen?“, fragte der Frosch.
„Ach“, sagte die Libelle, „alle schreien, wenn sie mich sehen und schlagen nach mir, dabei tue ich keinem etwas. Niemand sieht meine Schönheit!“
Sie faltete ihre glitzernden Flügel auseinander und klappte sie wieder zusammen.
„Das glaube ich nicht“, sagte der Frosch. „Als ich dich zum ersten Mal sah, fand ich dich sofort bezaubernd schön!“
„Wirklich?“, fragte die Libelle und zitterte vor Freude mit den Flügeln.
"Na, ja, was bedeutet schon Schönheit?“, antwortete sie, „es geht mehr um meinen Gesang. Den bewundert keiner.“
„Wie bitte, du kannst singen?“, fragte Fred erstaunt. „Ich habe noch nie eine Libelle singen hören.“
„Das ist ja das Problem! Alle sagen, dass sie meinen Gesang nicht hören können. Aber ich weiß genau, dass ich singen kann. Meine Stimme ist zart und klingt wunderbar. Übrigens, ich bin Moni.“
„Und ich bin Fred, der Frosch“, stellte er sich vor.
„Möchtest du, dass ich dir etwas vorsinge?“, fragte sie leise.
Fred nickte.
Moni breitete ihre Flügel aus und öffnete ihren kleinen Mund. Er bestaunte ihre prächtigen Flügel, die er noch nie so nahe gesehen hatte. Von ihrem Gesang vernahm er jedoch keinen einzigen Ton. Das würde er ihr aber niemals sagen.
„Schön“, sagte Fred, als Moni ihren Gesang beendet hatte, aber er meinte ihre schillernden Flügel. Die Libelle lächelte glücklich. Endlich hörte ihr jemand zu.
Abends, als der Mond dick und rund am Himmel stand und den See mit seinem Licht erhellte, kamen immer mehr Libellen hinzu, die alle in den stummen Gesang einstimmten. Das war ein Sirren und Flirren, ein Summen und Brummen, doch ein Gesang, war es nicht.
Fred lag glücklich auf einem großen Seerosenblatt und quakte lautstark mit, dabei bewunderte er nur die bunten Flügel der Libellen, die im Mondschein leuchteten, wie die Farben des Regenbogens. Hier am See war alles so friedlich. Doch manchmal glaubte er, im Wasser ein schreckliches Wesen zu erkennen, das ihn beobachtete.
„Ach was!“, sagte Fred, „du siehst Gespenster!“ Seine Eltern hatten ihn immer nur vor Störchen gewarnt und einen Storch, sah er weit und breit nicht. "Sicher habe ich mich nur getäuscht!“, redete er sich ein. Schnell beruhigte er sich wieder.
So vergingen die Tage. Doch eines Abends schlossen sich vor Schreck die kleinen Mäulchen der Libellen und Fred, kippte kopfüber in den See.
Glitsch, ein dicker Karpfen, schoss wütend aus dem Wasser.
„Das ist ja nicht zum aushalten“, schimpfte er, „kaum ist man aus dem Urlaub zurück, da muss man allabendlich so ein Gequake ertragen. Scher dich gefälligst woanders hin. Ich brauche meine Ruhe!“
Der Fisch machte "schnapp, schnapp", fraß nacheinander ein paar Libellen und tauchte hinunter in seine Behausung, unter den Seerosenblättern.
„Du Grobian!“, quakte Fred ihm hinterher und hopste zurück auf sein Blatt. Das machte Glitsch, der Fisch, einige Male hintereinander und der Frosch sah fassungslos zu, wie seine Lieblinge immer weniger wurden, weil der verfressene Karpfen nicht satt wurde. Die restlichen Libellen flohen und versteckten sich. Als Fred sich umsah, war kein  funkelndes Flügelchen mehr zu bewundern und auch der grässliche Karpfen war untergetaucht. Für heute war er wohl satt. Der Schreck saß dem Frosch noch in den Froschschenkeln und er begann zu jammern. Da ertönte ein Blubbern aus der Tiefe des Sees.
„Was jammerst du zum Steinerweichen?", war zu hören.
Aus dem See tauchte das Gesicht von Pako, dem Wassergeist auf. Er war übersät mit Seegras und Wasserschlingen und dicker, brauner Modder tropfte aus seinen Ohren. Dem Frosch quollen vor Angst die Augen aus dem Kopf. Er hatte sich also doch nicht getäuscht! Hier im See lebte ein Ungeheuer. Absprungbereit saß er da und dachte: "Das ist mein Ende!"
Der Wassergeist sah die Angst in Freds Augen.
"Hab keine Angst, du kleiner Happen. Auf so einen Winzling wie dich, habe ich heute überhaupt keinen Appetit", beruhigte er ihn.
„Aber Morgen kann das schon ganz anders sein!"
Bis zum nächsten Tag, bis Pako auch ihn fraß, wollte Fred jedoch nicht warten. Absprungbereit bereit setzte er sich hin.
Da tauchte der Karpfen wieder auf, weil er anscheinend immer noch nicht satt genug war und rief: „Und übrigens, was ich dir kleinen Hopser noch sagen wollte…!“
Da öffnete Pako, der Wassergeist, seinen Mund und Happs, war der Fisch verschluckt. Das war zu viel für Fred. Er sprang mit großen, weiten Sprüngen zurück in seinen kleinen Wassertümpel am Waldesrand.

 Dort sitzt er noch immer und quakt laut, dabei träumt er von Monis bunt schillernden Flügeln und ihrem stummen Gesang.