Elli, die Schnecke und Karl, der Frosch

 

Elli hatte den ganzen Tag auf ihrem Lieblingsplatz, einer dicken Wurzel, gesessen und

geschlafen. Gegen Abend wurde sie von einem schrecklichen Gewitter mit

Hagelschauern überrascht. „Was ist das denn? Das ist ja furchtbar!“, rief sie laut, weil

sie das Geklapper der Hagelkörner, die heftig auf ihr Häuschen prasselten, noch nicht

kannte. Vorsichtig streckte sie die Fühler nach draußen, zog sie aber gleich darauf

zurück.

„Au! Das tut ja weh!“, rief sie.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte: Sitzen bleiben oder irgendwo Schutz suchen? Das

Klappern auf ihrem Haus wurde immer stärker und unerträglicher. Sie hatte Angst, die

seltsamen Körner könnten ihr Häuschen zertrümmern.

Hilflos begann sie zu weinen.

Im Baumhaus über ihr hatte sich der Frosch Karl verkrochen. Er hatte das Unwetter

vorausgeahnt und es Hops für Hops auf der Leiter nach oben geschafft. Abwartend

saß er nun in einer Ecke im Trockenen und ruhte sich aus.

Obwohl die Hagelkörner laut auf das Dach des Baumhauses trommelten, hörte er das

laute Weinen unter sich.

Neugierig hüpfte er bis zur Treppe und blickte vorsichtig nach unten. Da sah er auf

einer Wurzel ein Schneckenhäuschen. Es war nur klein und daran erkannte Karl, dass

dessen Bewohnerin noch sehr jung war.

„So ein Dummchen!“, quakte er im Stillen. „Warum hat sich die Kleine nicht vor dem

Gewitter irgendwohin verkrochen? Aber was geht`s mich an!“

Damit wollte er in seine trockene Ecke zurück hüpfen, doch das Weinen wurde immer

lauter. Also stieg Karl trotz der Hagelkörner Stufe um Stufe wieder nach unten. 

Elli spürte in ihrem Haus, dass etwas auf sie zugesprungen war. Neugierig schielte sie

mit einem Auge nach draußen und erschrak, als sie ein grün-graues Ungeheuer vor

ihrem Haus bemerkte. Es war mit den harten weißen Körnern bedeckt. Sie hörte auf zu

weinen und verhielt sich abwartend still.

Das grüne Ungeheuer klopfte und fragte: „Bist du es, die so laut jammert?“

„Ja … ha!“ gab Elli zu. „Ich habe solche Angst vor den weißen Körnern. Davon geht

mein Häuschen kaputt.“ Und sie fragte hoffnungsvoll: „Kannst du nicht machen, dass

sie aufhören, auf mir herum zu klappern?“

„Wie sollte das denn gehen?“ Karl schüttelte die weißen Körner ab. „Du könntest

höchstens zu mir ins Baumhaus kommen. Aber du kannst nicht hüpfen und bist auch

viel zu langsam!“

„Kannst du mich nicht Huckepack nehmen?“, bettelte Elli.

„Also gut!“, quakte Karl. „Aber beeil dich!“

Er drehte sich um und Elli kroch langsam auf seinen breiten Rücken. Stufe um Stufe

mühte sich der Frosch nun mit seiner Last auf der steilen Leiter ins trockene

Baumhaus hinauf.

Erschöpft hockte er dort der kleinen Schnecke gegenüber, die mutig aus ihrem

Gehäuse gekrochen war. Beide beäugten sich gründlich. So nahe war Elli einem

Frosch noch nie gekommen. Sie bedankte sich bei Karl für die Hilfe. „Schon gut!“,

wehrte der Frosch ab. „Das habe ich gern getan. Karl hilft, wenn er kann!“

Dann saßen sie schweigend eine ganze Weile, bis ein greller Blitz und schwerer

Donnerschlag das Baumhaus erzittern ließ und von neuem ein dichter Hagelschauer

niederging. Schnell zog sich die kleine Schnecke in ihr Haus zurück.

Plötzlich herrschte Ruhe. Das Unwetter hatte sich ausgetobt.

Karl äugte nach draußen und rief: „Komm ’raus aus dem Haus, Kleine! Das musst du

dir ansehen! Es brennt!“

Und wirklich! Ganz in der Nähe qualmte ein Dachstuhl. Grauer Rauch stieg in den

Himmel.

„Sitz auf, wir müssen die Leute warnen, die dort wohnen“, quakte Karl aufgeregt

„Wie willst du das machen?“, fragte Elli zweifelnd und schob sich auf seinen Rücken. „

Willst du zur Klingel hinaufspringen und läuten?“

„Deine Idee ist gut“, lobte der Frosch. „Genau das werde ich tun.“ Eilig kraxelte er die

Leiter hinab und entfernte sich in großen Sprüngen vom Baumhaus.

Überall lagen dicht bei dicht Hagelkörner. Wo sie zu tauen begannen, war der Boden

matschig und kalt. Karl fühlte seine eisigen Schenkel nicht mehr, aber er sprang tapfer

weiter.

Vor dem Haus schüttelte er Elli eilig vom Rücken. Dann wagte er einen gewaltigen

Satz nach oben, um an die Klingel zu gelangen. Aber er hatte seine Sprungkraft

überschätzt: Er erreichte den Klingelknopf nicht.

„Ich helfe dir“, schlug Elli vor. „Nimm mich in dein Maul. Dann spring noch mal und

spuck mich zur Klingel hinauf.“

Karl tat, was sie vorgeschlagen hatte und zielte ziemlich gut. Elli zog sich noch ein

kleines Stück an der Wand empor und setzte sich genau auf die Klingel. Der schrille

Ton erschreckte sie maßlos, aber sie blieb tapfer sitzen.

Eine Frau riss die Tür auf. Vorsichtig griff sie nach dem Schneckenhäuschen und sagte

erstaunt: „Na, so etwas! Bei uns klingeln die Schnecken.“ Dann sah sie Karl auf dem

Boden sitzen und rief: „Und die Frösche besuchen uns auch!“ Sie setzte Elli neben

Karl, der aus Leibeskräften zu quaken anfing. Da endlich roch die Frau den Rauch,

blickte um sich, dann zum Dach hinauf  und entdeckte die Flammen.

Eilig rief sie die Feuerwehr und die traf auch im Nu ein.

„Steig auf!“, sagte Karl zu Elli. „Wir müssen hier weg, sonst zertrampeln sie uns.

Gemeinsam waren wir heute ziemlich stark.“

Er hüpfte mit der Kleinen über matschigen Boden zurück in die Sicherheit. Auf der

Wurzel des Baumes setzte er Elli ab und quakte: „Wenn du wieder einmal  Angst vor

Gewitter oder Hagel hast, dann komm hierher und ruf mich. Du wirst mich im

Baumhaus finden. Das ist jetzt mein neues Zuhause.“