v.Jutta Schröder

 

Die goldene Zwiebel

 

Vor langer, langer Zeit lebte König Mahendra. Umgeben von Wiesen und

Wäldern stand auf einem Berg sein Schloss. Dessen Kammern waren

reich gefüllt mit Gold und Edelsteinen. Der junge König lebte jedoch

einsam und zurückgezogen. Es gab weder eine Königin noch hörte man

Kinderlachen. Viermal im Jahr hielt er vom Balkon seines Schlosses eine

Rede an sein Volk. Vorher wurden Barrieren und Wachen aufgestellt,

denn niemandem war es gestattet, Mahendra aus der Nähe zu sehen. Er

schämte sich vor seinem Volk. Auf seiner Nase prangte eine riesige

Warze. Alles, was seine Leibärzte bisher empfohlen und angewandt

hatten, war umsonst. Sein Volk wusste davon, doch helfen konnte

keiner. Deshalb ließ er in seinem Königreich verkünden, er würde sein

Schloss demjenigen schenken, der diesen Auswuchs für immer

verschwinden lassen könnte!

Eines Tages kam ein fahrender Händler in die Königsstadt. Sein Gaul

hatte ein Hufeisen verloren und an der Karre war die Deichsel

gebrochen. Also musste er den nächsten Schmied aufsuchen, der recht

redselig war und bei der Arbeit von der Not des Königs und auch der

Belohnung erzählte.

„Dem Manne kann geholfen werden“, sagte der Händler, zahlte den

verwunderten Schmied aus und zog zum Schloss. Als er sein Anliegen

vortrug, wurde ihm sofort Einlass gewährt. König Mahendra saß im

Thronsaal hinter einer spanischen Wand und hörte aufmerksam zu, was

der fahrende Händler zu berichten hatte: „Majestät! Ich habe von

einer goldenen Zwiebel gehört. Sie wächst am Rande Eures Reiches. Ein

paar Tropfen ihres Saftes würden genügen, um Euer Übel zu beseitigen.

Es wird nicht leicht sein, dieser Kostbarkeit habhaft zu werden, da sie

streng von einem bösartigen Gewitter behütet wird. Aber ich werde es

schaffen und verspreche, schon bald mit dem Heilmittel

zurückzukommen!“

„Warum sollte ich deinen Worten glauben?“, grollte der König

verbittert. „Ich habe schon viele Mittelchen versucht, keines hat

bisher geholfen! Sicher hast du gehört, was ich verkündet habe!“

„Ja, das habe ich. Mich interessiert Euer Schloss jedoch nicht. Ich bin

nicht sesshaft, fahre lieber durch die Lande und biete meine Ware

feil!", beteuerte der Händler.

„Dann will ich dir glauben“, lenkte König Mahendra freundlicher

gestimmt ein, „denn, so wie ich aussehe, kann ich meinem Volk nicht von

Angesicht zu Angesicht gegenübertreten!“

Der fahrende Händler erbat sich einen kleinen Henkelkrug, ließ Pferd

und Wagen unterbringen und machte sich zu Fuß auf den Weg. Nach

einiger Zeit blickte er sich um. Da sah er ein junges Huhn, das ihm

folgte wie ein Hündchen. Er ließ es näherkommen. "Warum läufst du mir

nach?"

"Nimm mich bitte mit!", bettelte das Hühnchen. "Ich möchte die weite

Welt kennenlernen! Vielleicht kann ich dir sogar helfen! Ich weiß, was

du suchst!"

Der Händler schüttelte seinen Kopf. "Da, wo ich hingehe, ist nicht die

weite Welt sondern ein furchtbares Gewitter. Was willst du da

ausrichten? Oder bist du vielleicht lebensmüde? Trifft dich ein Blitz,

ist es aus mit dir! Also bleib zurück, du dummes Huhn!" Der Mann eilte

weiter. Er kümmerte sich nicht mehr um das Hühnchen. Aber es lief ihm

weiterhin nach - wenn auch mit Abstand. Der fahrende Händler gönnte

sich weder Rast noch Ruhe. Er wanderte durch Wiesen und den großen,

alten Wald.

Am siebenten Tage fand er das Feld, auf dem die goldene Zwiebel

wuchs. Sie war groß wie eine Melone und innen so saftig, dass man sie

nur anstechen musste. Er brach von einem Strauch ein spitzes Hölzchen

ab, rammte es in die Zwiebel und sofort tropfte der Saft aus dem

Einstich in den Henkelkrug. Ein ungutes Gefühl kroch ihm den Rücken

hinauf, wusste er doch, was jeden Moment passieren würde. Kaum, dass

er einige Tropfen erhascht hatte, brach ein fürchterliches Gewitter

los. Der Hüter der goldenen Zwiebel verfinsterte den Himmel. Grelle

Blitze zuckten gefährlich. Donner grollte wütend. Der Händler glaubte,

die Hölle hätte sich aufgetan. Angstvoll rannte er in den angrenzenden

Wald zurück und verkroch sich unter einem Reisighaufen. Erleichtert

umklammerte der Mann das Krüglein. Nun, da er die goldene Zwiebel

gefunden hatte und dem Gewitter ohne Schaden entronnen war, fühlte

er eine bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen und schlief auf der Stelle

tief und fest ein. Sein Schlaf dauerte lange. Viel zu lange. Er machte

sich große Vorwürfe, als er erwachte. Hatte er doch dem König

versprochen, so schnell wie möglich zurückzukehren. Da erblickte er

einen wunderschönen, bunten Vogel, der neben ihm in aller Ruhe

Heidelbeeren von einem Strauch pickte. „Na, ausgeschlafen? Was

macht denn einer wie du hier so allein im Wald? Und was hast du in dem

Krüglein?“, fragte der Vogel den gähnenden Mann.

„Schau einer an! So einen Schönen wie dich, hab ich noch nie gesehen“,

lächelte der Händler.

„Ich bin ein Phönix“, antwortete der Gefiederte. „Aber du hast meine

Frage noch nicht beantwortet!“

„Ja, das kam so!“ Der Händler erzählte von der Pein des Königs, der

Gefahr, als er dem Hüter der Zwiebel entronnen war und dass er viel zu

lang geschlafen habe. Da kam er auf eine Idee: „Sag mal, Phönix!

Könntest du nicht dem König das Krüglein übergeben? Fliegen geht nun

mal schneller als laufen. Der Vogel nickte, nahm den Krug in seinen

Schnabel und flog pfeilschnell davon. Aber bald wurde auch der Vogel

müde, denn das Gefäß war recht schwer. Er flog auf eine Tanne, um

auszuruhen. Aber das Gewitter hatte die Suche nicht aufgegeben,

verfolgte grollend den Vogel und stand plötzlich vor ihm. Es

verwandelte sich in ein schemenhaftes Wesen und sprach listig: „Ich

habe mir schon immer gewünscht, dich, den schönsten Vogel unter der

Sonne, von Nahem zu sehen! Noch schöner wäre es, wenn ich einmal

deine herrliche Stimme hören dürfte!“

Der Vogel fühlte sich über die Maßen geschmeichelt. Ohne Überlegung

öffnete er seinen Schnabel, um ein Lied anzustimmen. Da fiel der Krug

auf einen Tannenzweig und zerschellte. Der kostbare Saft tropfte zäh

nach unten. Mit Blitz und Donner verzog sich das Gewitter. Sein Lachen

hallte grauenvoll gleich einem Echo durchs Land. Angstvoll schwang sich

der bunte Vogel in die Lüfte und verschwand.

Unter jener Tanne saß das junge Huhn, welches dem Händler

nachgelaufen war. Es hatte sich unbemerkt ebenfalls im Wald

versteckt, als das Getöse losging und der Händler in den Wald

zurückrannte. Scherben fielen nun rechts und links am Hühnchen vorbei

und eine Flüssigkeit tropfte genau auf den Kopf. Aufgeschreckt begann

es zu gackern und legte sein erstes Ei, welches zerbrach. Flink ergriff

es mit dem Schnabel eine Schalenhälfte, leerte sie und ließ Tropfen für

Tropfen hineinlaufen, wusste es doch um die Kraft dieses

übelriechenden Saftes.

Endlich kam der Händler zu dieser Tanne, sah die Scherben des

Henkelkruges auf dem Waldboden liegen und begann verzweifelt zu

jammern: „Oh je! Was soll ich nur König Mahendra erzählen? Ich kann

ihm nie mehr unter die Augen treten! Hat doch der Vogel das Krüglein

fallenlassen und ist auf und davon. Alles umsonst! Der weite Weg und

die Angst! Ach, hätte ich doch dem König nie von der goldenen Zwiebel

erzählt!“

Das Huhn kroch unter der Tanne hervor, als es die Stimme erkannte.

"Du schon wieder!", begehrte der Händler auf und wischte sich die

Tränen aus dem Gesicht.

"Ja, ich schon wieder! Ich habe auf dich gewartet! Habe genug von der

weiten Welt!", gackerte das Huhn und plapperte weiter: "Erst kam

dieser bunte Vogel, der sich auf die Tanne setzte, dann das

schreckliche Gewitter. Eigentlich gab es gar keinen Streit. Doch mit

einem Mal fielen Scherben vom Himmel und dazu die stinkige

Flüssigkeit, die mir direkt auf den Kopf tropfte. Aber gut! Wenn du

mich von nun an nicht mehr allein lässt, kannst du sie haben! Ich weiß ja,

dass es sich um den berühmten Zwiebelsaft handelt. So viel übrigens

zum dummen Huhn. So will ich nie wieder genannt werden, verstanden!“

„Entschuldige bitte! Aber, soll das etwa heißen, du konntest von der

Flüssigkeit ein paar Tropfen retten?“

„Bevor ich antworte, versprich mir, dass ich nie im Kochtopf ende!",

forderte das Huhn.

Der Händler verzog das Gesicht, er lachte: „Du bist mir viel zu mager!“

Das Huhn schlüpfte unter die Tanne und kam mit der halben Eierschale

im Schnabel zurück. „Nun greif schon zu“, ächzte es, „ich kann ja mit

der Schale im Schnabel kaum reden."

Der Händler nahm die kostbaren Tropfen entgegen und küsste das Huhn

überglücklich mitten auf den Schnabel. „Weißt du überhaupt, was die

Tropfen für König Mahendra bedeuten?“

„Natürlich weiß ich das, bin doch nicht dumm“, plapperte das Huhn und

pickte nebenbei nach einem Würmchen.

Die Beiden machten sich nun gemeinsam auf den Weg ins Schloss. Als

das Huhn mit hinein wollte, meinte der Händler: „Das geht nicht!

Versteck dich und pass auf, dass du nicht in einer hochherrschaftlichen

Suppe landest!“

Mahendra, der König, hatte den fahrenden Händler nicht mehr

zurückerwartet. Zu viele Tage waren vergangen. Er saß auf seinem

Thron hinter der spanischen Wand und las in einem Buch, als der Mann

doch noch angekündigt wurde.

„Es hat lange gedauert!“, sprach der König vorwurfsvoll.

„Verzeiht! Ihr habt recht! Doch ich bin froh, dass ich mit dem Leben

davongekommen bin. Wie versprochen, bringe ich Euch Heilung“,

antwortete der Händler und verneigte sich tief. Zum ersten Mal

erblickte der Händler die große Warze des Königs, übergab die

Eierschale mit den Tropfen und sagte: „Trinkt in einem Zuge und Eure

Pein hat ein Ende!“

Der König tat wie ihm geheißen und von Moment an war das Übel

verschwunden wie nie dagewesen. Überglücklich nahm Mahendra den

Mann in seine Arme und fragte mit Tränen in den Augen: „Womit kann

ich dich belohnen?“

„Gebt mir einen Wagen, dazu ein starkes Pferd und meinem alten,

schwachen Gaul das Gnadenbrot. Mehr verlange ich nicht. Auf mich

wartet eine kleine Freundin, der ich alles zu verdanken habe. Ach, wenn

sie doch meine Braut sein könnte, so sehr ist sie mir ans Herz

gewachsen! Euch, König Mahendra, wünsche ich bald eine Königin an

Eurer Seite und viele Prinzlein.“

Der König nickte zufrieden und sagte: „Sollte du jemals wieder in meine

Stadt kommen, würde ich mich freuen, wenn du mich besuchen würdest.

Du sollst mir willkommen sein wie ein guter Freund!"

Der fahrende Händler bekam, was er sich wünschte. Doch auf dem

Kutschbock saß nicht sein Huhn sondern eine liebevoll dreinblickende,

junge Frau. Der Mann war so verblüfft, dass er kaum ein Wort

hervorbrachte. Sie streckte ihm die Arme entgegen: „Ich bin Anna!

Komm, mein Lieber! Du hast mich mit deinem Wunsche aus meinem

Dasein als Huhn erlöst. Schon vielen bin ich nachgelaufen, doch wurde

ich immer nur als dummes Huhn verspottet und verjagt. Du hast mich

mit dir genommen. An deiner Seite will ich nun leben und alt werden,

wenn du es auch willst.“

Der Händler konnte so viel Glück kaum fassen, nahm seine Braut in die

Arme, küsste sie und wollte gar nicht wissen, warum sie verzaubert

wurde.

Beide verließen Königsstadt. Nur einmal noch blickten sie sich um. Das

Schloss von König Mahendra schien aus der Ferne wie ein Spielzeug,

jedoch erhaben schön.