Der hungrige Hase und Fridolins Nase


Es war einmal ein junges Häschen, das kauerte in einer Ackerfurche und wartete auf seine Eltern. Oben in der Luft kreisten zwei Raubvögel, und wenn es über den Rand seines Versteckes blickte, sah es einen Fuchs, der sich hinter einem Gebüsch am Waldesrand duckte.
Der kleine Hase hatte große Angst und ahnte die Gefahren, die auf ihn lauerten. Seine Eltern waren auf Futtersuche gegangen und nicht wieder zurückgekehrt. Seit zwei Tagen hatte er nichts mehr gefressen. Ihm war kalt, denn ein eisiger Wind fegte seit Stunden Schnee über den Acker. Er fühlte sich einsam und verlassen. Niemand war da, der mit ihm kuschelte, ihn wärmte und beschützte.
Gestern, in der Frühe, hatte ihn der Hunger ins nahe Dorf getrieben. In einem Garten hatte er einen steif gefrorenen Kohlkopf gefunden, doch bevor er ihn anknabbern konnte, war ein wütend bellender Hund aufgetaucht und wollte ihn vertreiben. Mutig hatte sich der Hungernde auf die Hinterläufe gestellt, seine Hasenscharte hatte gezittert und er hatte quiekende Laute von sich gegeben. Doch der Hund hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Nur mit Hakenschlagen war es ihm letztendlich gelungen, zu entkommen.
"Ich versuche es heute noch einmal", dachte er und sprang aus seinem Versteck. Er berührte kaum den gefrorenen Boden so schnell eilte er dem Dorf zu. Den Garten fand er gleich, doch der Kohl war nicht mehr zu finden. Irgendeiner war schneller gewesen als er. Vom Hund war nichts zu sehen oder zu hören. Der saß sicher in der guten Stube und wärmte sein Fell.
Traurig, enttäuscht und frierend verkroch der kleine Hase sich unter einer verschneiten Tanne, die im gleichen Garten hinter dem Haus stand. Dort saß er und überlegte, wie er an etwas Futter kommen könnte! Es war dunkel geworden und hatte aufgehört zu schneien. Der frisch gefallene Neuschnee glitzerte im Mondschein und da sah er ihn – einen Schneemann. Der war gut angezogen mit Hut und Schal, zwei schwarzen Augen und einer Möhre im Gesicht, die war so dick und lang, genau das, was sein hungriger Magen so sehnsüchtig begehrte. Das Wasser im Maul lief ihm zusammen. Als das Licht im benachbarten Haus erlosch, reckte und streckte sich der Schneemann, weil er sich nun endlich frei bewegen durfte. Er fühlte sich steif wie ein Brett vom langen stille stehen. Eine wohlige Kälte rieselte durch seinen Körper!
„Ich bin der schönste aller Schneemänner“, sagte er immer wieder vor sich hin.

 „Ach, hätte ich doch einen Spiegel, in dem ich mich betrachten könnte!“, dachte er.
Langsam und vorsichtig rutschte Fridolin, so hatten die Kinder ihn getauft, immer näher an das Haus heran, um sich in der großen Fensterscheibe zu spiegeln. Der Mond warf sein helles Licht auf das Wohnzimmerfenster, sodass er sich in voller Größe betrachten konnte.
„Wirklich, ich bin ein toller Kerl, schön und rund und weiß“, bewunderte er sich selbst.

 "Ich sehe vornehm und klug aus. Wunderbar!" Der Schneemann lächelte vor sich hin.
„Ja, bis auf die Nase“, hörte er neben sich eine Stimme sagen.
„Wieso? Was hast du gegen meine Nase? Wer bist du überhaupt? Komm aus dem Gestrüpp hervor, damit ich dich besser sehen kann!", rief der Schneemann. Mummel, der kleine Hase, kroch vorsichtig aus seinem Versteck, hielt aber genügend Abstand. "Es wäre schön, wenn die Eltern jetzt hier wären“, dachte er, "die wüssten bestimmt, wie man sich gegenüber einem Schneemann zu verhalten hatte!"
„Ich bin der Hase Mummel“, antwortete der kleine Kritiker mutig.
"Und ich bin Fridolin, der Schneemann", stellte dieser sich vor.
„Wieso erlaubst du kleiner Hopser dir ein Urteil über meine Nase?“, wollte er von dem Häschen wissen.
„Sie ist zu lang, zu rot und zu spitz“, sagte Mummel.
Fridolin blickte angestrengt in den Fensterscheibenspiegel!
„Wirklich? Schau meine schwarzen Augen an, ich bin ein wenig kurzsichtig geraten. Ich kann das nicht so genau sehen!“, sagte er.
„Du musst noch näher herangehen“, riet ihm der Hase.
Fridolin bewegte sich vorwärts. Er war aufgeregt und wurde unvorsichtig, geriet ins Rutschen und – knacks – war er mit der Nase angestoßen. Sie brach ab und fiel Mummel genau vor die Füße!
„Ich habe es doch gleich gesagt, sie ist viel zu lang. Mit so einer Nase stößt man überall an“, lachte der Hase und begann schnell und laut die Mohrrübennase  aufzuknabbern.
„Irgendwie hattest du recht“, seufzte der Schneemann. „Nur, wie sehe ich jetzt aus, mit meiner abgebrochen Nase?  Die Kinder werden mich auslachen!“ Mummel tröstete ihn:
„Morgen werden sie dir eine neue Nase anbringen. Eine noch viel Schönere. Ich wünsche es dir, denn du hast mich vor dem Verhungern gerettet. Seit zwei Tagen habe ich nichts mehr gefressen.“
„Jetzt begreife ich, warum du meine Nase so schlecht gemacht hast!“, ärgerte sich Fridolin.
Er ergriff seinen Besen und wollte Mummel eins überbraten. Aber der war schneller als der unförmige Schneemann. Er rannte davon und rief: „Deine Stummelnase steht dir auch so noch gut!“
Einige Tage stand Fridolin traurig und still. Keiner kümmerte sich mehr um ihn. Die Kinder gingen lieber Schlittenfahren und niemand stellte seine Schönheit wieder her.
Kurz darauf setzte Tauwetter ein und der Schneemann zerfloss vor Trauer um seine schöne lange, rote Nase. An diesem Tag tauchte Mummel wieder auf und fraß mit Vergnügen auch noch den letzten Rest der Stummelnase von Friedolin, dem Schneemann.