Der alte Wichtel Hutzelwutz   gemalt v. Jutta Schröder

 

 

Es war ein eiskalter Januartag im Wichtelland. Der Schnee knirschte

unter den Füßen, als Fritz, ein alter, schrulliger Wichtel mit Josefine,

seiner Dackeldame spazieren ging. Dass er Fritz hieß, wussten nur

noch die älteren Wichtel, die Jüngeren nannten ihn Hutzelwutz. Er

war ein Einzelgänger, misstrauisch gegen alles und jeden.

Josefine begleitete ihn auf seinen Spaziergängen, bei denen ihm stets

ein paar alte Turnschuhe, zusammengebunden mit gelbfarbenen

Schnürsenkeln, lässig über seine Schulter baumelten.

Warum er die Schuhe täglich mit sich schleppte? Keiner wusste es!

Im Wichtelland standen viele schöne Häuschen mit grünen

Fensterläden. Wenn man sie aber von Nahem betrachtete, sah man,

dass sie alle einen Anstrich nötig hatten; aber es fehlte das Geld.

Hutzelwutz selbst besaß kein Haus. Er wohnte als Einziger zwischen

den Wurzeln einer alten, knorrigen Eiche. Dort fühlte er sich wohl und

geborgen. Schon im Herbst kleidete er seinen Schlafplatz mit frischem

Laub aus, sodass er auch im strengsten Winter nicht fror.

In den Zweigen der alten Eiche lungerte schon seit Wochen Loredana,

eine neugierige Krähe herum. Sie wunderte sich über Hutzelwutz,

denn allabendlich, wenn alle Wichtel in ihren Häusern waren, begann

es unten in der Eiche zu rumoren und zu hämmern!

„Was macht er nur?“, fragte sich die neugierige Krähe und fing an, ihn

zu beobachten.

Eines Abends sah sie, wie Hutzelwutz etwas in die Turnschuhe

stopfte. Mit größter Anstrengung zog der Wichtel die Schuhe zu,

sodass nichts herausfallen konnte.

Anderntags ging der alte Wichtel, wie gewohnt, mit Josefine

spazieren. Gespannt stolzierte Loredana hinterher. Wenn der Wichtel

sich umdrehte, pickte die Krähe mal hier mal dort und tat völlig

uninteressiert. Auf seinem täglichen Weg kam Hutzelwutz auch an

einer Bank vorbei, auf der er sich oft ausruhte, während Josefine sich

in der Gegend austobte.

Die Sonne schickte ein paar warme Strahlen auf die Erde und wärmte

die Bank.

Der Wichtel setzte sich, legte die Turnschuhe neben sich und schlief

ein.

Das war die Gelegenheit für Loredana.

Leise hüpfte sie näher an die Bank heran, schnappte sich die

geheimnisvollen Turnschuhe an den Schnürsenkeln, zog sie von der

Bank weg und verbuddelte sie im tiefen Schnee.

Als der Wichtel wach wurde, wollte er nach den Schuhen greifen, aber

oh Schreck, die waren verschwunden. Er pfiff nach Josefine und

machte sich wütend auf den Weg zurück ins Dorf. Ohne anzuklopfen,

stürmte Hutzelwutz in die Amtsstube des Bürgermeisters Fitzlibutzli.

Der schreckte aus seinem Mittagsschläfchen hoch und blickte

verschlafen auf den Störenfried.

„Wir haben einen Dieb in Wichtelhausen“, schrie Hutzelwutz

aufgeregt.

„Nun mal langsam“, sagte der Bürgermeister, „was ist dir denn

gestohlen worden?“

Behäbig nahm er Papier und einen Stift aus seinem Schreibtisch.

„So, noch einmal, was ist dir denn nun gestohlen worden?“, begann

Fitzlibutzli. „Deine Geldbörse?“

Hutzelwutz schüttelte seinen Kopf.

„Eine Tasche?“ Wieder Kopfschütteln. Der Bürgermeister wurde

ungeduldig. „Also, keine Geldbörse, keine Tasche. Nun rede schon.

Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“

„Meine Turnschuhe“, sagte Hutzelwutz kleinlaut.

Fitzlibutzli sprang von seinem Stuhl auf und schrie: „Was?

Turnschuhe? Ja, glaubst du denn, ich hätte nichts Besseres zu tun, als

deine alten Schuhe zu suchen! Dann geh` und kauf dir wieder

welche!“

„Geht nicht“, sagte der Wichtel, „in den Turnschuhen war alles, was

ich besaß.“

Kopfschüttelnd schickte der Bürgermeister ihn fort. „Komm in drei

Tagen wieder“, sagte er, „vielleicht sind sie bis dahin wieder

aufgetaucht!“

In der Zwischenzeit war Loredana, die Krähe, zum Versteck der

Turnschuhe geflogen. Den Schneehügel fand sie gleich. Sie biss und

zerrte an den Schnürsenkeln, bis sie endlich in einen Schuh hinein

schauen konnte. Plötzlich fand sie den Inhalt überhaupt nicht mehr

interessant. Vor Wut kippte sie alles in den Schnee. Nur ein paar

kleine Münzen kullerten heraus, ein paar Geldscheine flatterten

daneben und ein paar Klumpen, die wie die Sonne am Himmel

glänzten!

„Nichts für mich“, maulte Loredana und stopfte alles wieder in den

Schuh zurück. „Was mach ich nun damit?"

Sie zerrte die Schuhe hinter sich her und legte sie dem Bürgermeister

Fitzlibutzli auf die Treppe.

Dann flog sie vor das Fenster der Amtsstube, pickte an die Scheibe

und rief: „Bürgermeister, ich hab` da was gefunden. Sieht aus, wie ein

Paar Turnschuhe!“

Loredana war neugierig, aber Fitzlibutzli auch. Er untersuchte sofort

das Innenleben des Fundes und seine Augen wurden immer größer.

Schnurstracks eilte er mit den Turnschuhen zur alten Eiche. Dort warf

er dem Wichtel seine Turnschuhe auf den wackligen Tisch und rief:

„Du hinterhältiger, alter Hutzelwutz! Wir denken, du bist der Ärmste

hier im Wichtelland, lebst in den Wurzeln der alten Eiche und dabei

besitzt du einen Goldschatz und könntest dir hundert Häuser davon

bauen. Wo hast du das Gold gefunden?“

„Gold …?“ Hutzelwutz verstand überhaupt nicht, wovon der

Bürgermeister sprach. „Meinst du die Steine, die so schön glänzen?“

Die habe ich hier unter den Wurzeln, tief in der Erde gefunden. Du

kannst sie haben. Aber lass mir mein Geld und meine Turnschuhe.“

Da merkte der Bürgermeister, dass Hutzelwutz keine Ahnung hatte,

was er da besaß. "Deine Steine sind wertvolle Goldbrocken, mein

Alter!", sagte er nun etwas freundlicher gestimmt.

Hutzelwutz drückte seine Turnschuhe fest an sein Herz.

"Weißt du was, ich schenke dir die Steine. Die sind mir schon seit

Tagen zu schwer. Wenn sie wirklich so wertvoll sind, wie du sagst,

dann mach damit, was du willst!", forderte er den Bürgermeister auf.

Fitzlibutzli nahm das Gold an sich und in Gedanken baute er schon ein

Häuschen für den Wichtel und um den Anstrich der anderen Häuser,

brauchte er sich jetzt auch keine Sorgen mehr zu machen.