Die Himmelsstraße

Wer stirbt schon gerne in der schönsten Zeit des Jahres, wenn der Flieder blüht und die Rosen duften! Doch der Sensemann fragt nicht danach, wer gehen muss. So holte er zwei Nachbarsleute gleichzeitig. Der Eine reich und dick, der Andere arm und dünn. Gemein zogen sie die Himmelsstraße entlang. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der Weg wurde immer steiler und der reiche Dicke konnte dem armen Dünnen nicht so schnell folgen und blieb zurück. So kam es, dass der Arme einen großen Vorsprung hatte und zuerst an der Himmelspforte ankam. Da er sich aber nicht getraute anzuklopfen, setzte er sich still vor die Pforte und wartete auf den Reichen. Nach langer Zeit erreichte auch der sein Ziel. Er fand die Pforte verschlossen, und weil ihm nicht gleich jemand öffnete, rüttelte er heftig daran und schlug mit der Faust dagegen. Petrus kam schnell angerannt, sah die beiden an und sagte zu dem Reichen:

„Du warst es, der es nicht erwarten kann. Viel Gescheites haben wir von dir hier oben nicht gehört, solange du auf Erden weiltest.“ Da verschluckte der Reiche wütend das, was er sagen wollte und schwieg. Petrus kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern reichte dem Armen die Hand, damit er leichter aufstehen konnte. „Kommt nur herein in den Vorsaal! Alles Weitere wird sich finden!“

Die beiden Wanderer betraten eine große, weite Halle mit vielen Türen und Bänken an den Wänden. Es war noch nicht der Himmel, in den sie eintraten, nur eine große, weite Halle mit vielen Türen und Bänken an den Wänden.

„Ruht euch ein wenig aus“, sagte Petrus und wartet, bis ich zurückkomme! Nutzt die Zeit und überlegt, wie ihr es hier oben haben wollt. Ein jeder soll es so bekommen, wie er es sich wünscht. Und vergesst nichts, denn hinterher ist es zu spät!“ Damit ging er fort. Als er nach geringer Zeit zurückkehrte und fragte, ob sie fertig mit dem Überlegen wären und wie sie sich die Ewigkeit vorstellen würden, sprang der reiche Mann von der Bank auf und sagte: „Ich wünsche mir ein großes, goldenes Schloss und jeden Tag das beste Essen. Morgens heiße Schokolade und mittags ein um den anderen Tag Kalbsbraten mit Knödel, Rotkraut mit Bratwürsten und als Nachspeise rote Grütze. Und abends jeden Tag etwas anderes. Dazu einen weichen Großvaterstuhl und einen grünseidenen Morgenmantel. Ach, ja, und täglich das Tagesblatt, damit ich weiß, was auf Erden, so alles passiert.“

Petrus sah ihn mitleidig an, schwieg lange und fragte endlich: „Weiter wünscht du dir nichts?“ – Oh, doch, Geld, viel Geld, den Keller voll, dass man es gar nicht zählen kann!“

Das sollst du alles haben“, entgegnete Petrus.

„Komm, folge mir!“

Er öffnete eine der vielen Türen und führte den Reichen in ein prachtvolles, goldenes Schloss. Alles war so, wie er es sich gewünscht hatte. Nachdem Petrus ihm alles erklärt hatte, verließ er ihn und schob einen großen, eiserenen Riegel vor das Tor des Schlosses. Der Reiche zog sich den grünseidenen Morgenrock an, setzte sich in den Großvaterstuhl, aß und trank und ließ es sich gutgehen. Jeden Tag einmal stieg er hinab in den Keller und besah sich seinen Reichtum.

Einhundert Jahre vergingen – das ist nur eine winzige Spanne der Ewigkeit – da hatte der Reiche sein prächtiges, goldenes Schloss schon über, dass es kaum noch auszuhalten war. Er saß in seinem Großvaterstuhl und schimpfte vor sich hin:

„Der Kalbsbraten und die Würste werden auch immer schlechter, sie sind kaum noch zu genießen! Das Tagesblatt lese ich schon lange nicht mehr. Es ist mir egal, was da unten auf der Erde geschieht. Ich kenne ja keinen einzigen Menschen mehr.“ Er schwieg und gähnte laut, denn es war sehr langweilig. Nach einer Weile begann er erneut:

„Mit meinem vielen Geld weiß ich auch nichts anzufangen. Wozu hab` ich es eigentlich? Man kann sich hier ja doch nichts kaufen. Wie ein Mensch nur so dumm sein kann und sich Geld im Himmel wünscht!“

Er stand auf, öffnete das Fenster und blickte hinaus. Obwohl es im Schloss überall hell war, draußen war es stockdunkel, man konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Still war es, wie auf einem Friedhof. Er schloss das Fenster wieder und setzte sich in seinen Großvaterstuhl. Jeden Tag stand er ein – bis zweimal auf und blickte durchs Fenster nach draußen, alles war unverändert.

Wieder waren einhundert Jahre vergangen, da klirrte der große, eiserne Riegel am Tor und Petrus trat ein. „Nun“, fragte er, „wie gefällt es dir in deinem Schloss?“ Da wurde der Reiche bitterböse.

„Wie es mir gefällt? Überhaupt nicht. Wie soll es mir gefallen, in so einem nichtswürdigen Schloss. Man sieht und hört nichts, niemand kümmert sich um einen. Nichts wie Lügen. Ihr mit eurem vielgepriesenen Himmel und der Glückseligkeit. Eine ganz erbärmliche Einrichtung ist es!“

Da blickte ihn Petrus verwundert an und sagte: „Mir scheint, du weißt nicht, wo du bist? Du denkst, du bist im Himmel? Du bist in der Hölle. Du hast dich ja selbst in die Hölle gewünscht. Das Schloss gehört dazu!“

„Ich bin in der Hölle?“, wiederholte der Reiche erschrocken. „Wo ist denn der Teufel, das Fegefeuer und der Kessel?“

„Du denkst, dass die Sünder immer noch gebraten werden, wie früher? Das ist schon lange nicht mehr so. Aber in der Hölle bist du, verlass dich drauf, recht tief drin, sodass du einem schon dauern kannst. Mit der Zeit wirst du es schon selber bemerken.“

Da fiel der reiche Mann in den Großvaterstuhl zurück, hielt die Hände vors Gesicht und schluchzte. “Ich armer, unglücklicher Mensch, was soll nur aus mir werden?“

Petrus verließ das Schloss und ging fort. Als er den eisernen Riegel von draußen wieder vorschob, hörte er den Reichen noch immer schluchzen. Wieder vergingen hundert Jahre und die Zeit wurde dem reichen Mann entsetzlich lang, wie keiner es sich vorstellen kann. Da erschien Petrus erneut.

Der Reiche rief ihm entgegen: „Ich habe mich so nach dir gesehnt. Ich bin sehr traurig. Soll es jetzt immer so bleiben? Die ganze Ewigkeit? Sag, Petrus, wie lange ist die Ewigkeit?“

Da antwortete Petrus: Nach zehntausend Jahren fängt sie an.“

Als der Mann dies hörte, sank sein Kopf auf die Brust und er weinte bitterlich. Petrus stand hinter seinem Stuhl und zählte heimlich seine Tränen. Und als er sah, dass es sehr viele waren, sprach er: „Komm, ich will dir etwas sehr Schönes zeigen! Oben auf dem Speicher ist ein Loch in der Wand, da kann man ein wenig in den Himmel schauen.“ Petrus führte ihn die Treppe hoch, durch allerlei Gerümpel bis zu einer kleinen Kammer. Als beide dort eintraten, fiel durch das Loch ein goldener Strahl. Erstaunt darüber sagte der Reiche zitternd: „Der kommt vom wirklichen Himmel!“

„Ja“, erwiderte Petrus, schau einmal durch!“ Aber das Loch war etwas zu hoch, für den reichen Mann, sodass er nicht hinaufreichte.

„Stell dich auf die Zehenspitzen“, befahl Petrus ihm. Und als es ihm schließlich gelang hindurchzuschauen, sah er wirklich in den Himmel hinein. Da saß der liebe Gott auf seinem goldenen Thron, zwischen den Wolken und den Sternen und um ihn herum alle Engel und Heiligen.

„Oh, wie schön! Das kann man sich auf Erden gar nicht vorstellen. Aber sag, wer ist der Mann, der dem lieben Gott zu Füßen sitzt und mir den Rücken zukehrt?“

„Das ist der arme Mann, mit dem du zusammen hier heraufgekommen bist. Er hat sich nur ein Fußbänkchen gewünscht, um dem lieben Gott nahe zu sein. Er hat es bekommen, wie du dein Schloss.“ Nachdem er das gesagt hatte, ging er leise fort. Der Reiche stand auf Zehenspitzen und konnte sich an der Herrlichkeit nicht sattsehen.

Nach abermals hundert Jahren kam Petrus zum letzten Mal. Der Reiche stand noch immer in der Bodenkammer auf Zehenspitzen und blickte unverwandt in den Himmel hinein. Er war so versunken, dass er ihn nicht bemerkte. Da legte Petrus ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

„Komm mit, du hast nun lange genug gestanden! Deine Sünden sind dir vergeben. Ich soll dich in den Himmel holen. – Du hättest es einfacher haben können, wenn du nur gewollt hättest.“