Das Glück kommt unverhofft

 

Doris Breuer griff mit geschlossenen Augen nach ihrer Brille, die neben ihrem Bett auf dem Nachtschränkchen lag, und setzte sie umständlich auf ihre Stupsnase. Sie verschränkte beide Arme hinter dem Nacken. Die Augen hielt sie noch immer geschlossen trotz aufgesetzter Brille. Wieder ein Tag!

„Fang bloß am frühen Morgen nicht an zu grübeln“, ermahnte sie sich. Langsam öffnete sie die Augen. Vereinzelte Sonnenstrahlen fielen durch die Rolladenritzen. Sie erhob sich ohne Eile, denn sie hatte ja Zeit!

Leise, um ihre Nachbarschaft nicht zu stören, öffnete sie im Esszimmer das Fenster. Ihre Blicke schweiften durch den Vorgarten. Gestern waren die Osterglocken in voller Pracht aufgegangen. Eine gelbe Fläche mit ein paar bunten Tulpen dazwischen, die sich noch Zeit ließen.

Bei einer Tasse duftendem Kaffee und einer Scheibe Toast saß sie wenig später in der Essecke, die ihr in letzter Zeit besonders groß erschien, seit ihre zwei Mädchen das Nest verlassen hatten. Vom Kirchturm schlug es acht Uhr.

„Erst acht? Oh Gott, so früh noch?!

Auf der Anrichte stand ein Bild ihres all zu früh verstorbenen Mannes Walter. Doris betrachtete es lange. Er sah sie mir dunklen Augen und lächelndem Blick an.

„Du fehlst mir noch immer“, dachte sie mit wehem Herzen. „Ihr alle fehlt mir! Michaela und Andrea ebenso!“

Seit die beiden eine eigene Bude im Schwesternwohnheim hatten, hörte und sah sie ihre Töchter höchst selten. Ab und zu fand sie ein schmutziges Wäschebündel, auf der Treppe zum Waschraum liegen. Nach näherem Hinsehen wusste sie dann, wer von ihnen zwischenzeitlich eine Stippvisite gemacht hatte. Anfangs lag nach dem Abholen der sauberen Wäsche ein Zettel auf dem Tisch.

„Danke!“ Oder: „Bis bald!“

Seit einiger Zeit jedoch ging das ohne große Worte, allerdings wurden die Bündel immer kleiner.

„Sicher ein Zeichen fürs Erwachsenwerden“, dachte sie. Doris wusste nicht, ob sie darüber glücklich oder traurig sein sollte.

Während sie sich Badewasser einlaufen ließ, räumte sie das wenige Geschirr in die Küche. Danach aalte sie sich lange im Wasser und dachte daran, wie die Zeit sich doch geändert hatte. Jetzt war das Haus still und leer, so still, wie sie es sich oft gewünscht hatte, als die Kinder noch klein waren. Kein Lachen oder Streiten hallte mehr durchs Haus, keine Berge von Geschirr waren zu bewältigen, und der Wäschekorb sah sie auch nicht mehr im Vorbeigehen vorwurfsvoll an.

Ach, wie gerne würde sie die Zeit noch einmal zurückdrehen! Doris Breuer war erst 42 Jahre alt. Sie hatte hübsche braune Augen, genauso braun, wie ihr Haar, das sie nun sorgsam hochzustecken begann. Lange blickte sie in den Spiegel.

„Wie lange noch?“, fragte sie unwillkürlich ihr Spiegelbild und hielt in der Bewegung inne. Was meinte sie damit? Wie lange sie noch jung war? Großer Gott! Fing sie etwa an, eitel zu werden? Das war das Letzte, was sie sich in ihrer jetzigen Stimmung leisten konnte. Entschlossen verließ sie das Badezimmer.

„Ich werde den beiden schreiben“, dachte sie, jetzt sofort. Doch als sie vor ihrem Schreibblock saß, stockte ihre Hand schon beim ersten Satz.

„Liebe Michaela“, schrieb sie. „Ich schreibe dir, weil ich so …!“

Gott im Himmel! Hatte sie wirklich schreiben wollen, dass sie sich einsam fühlte! Das konnte sie doch nicht tun! Die Mädchen würden das nicht verstehen. Sie hörte in Gedanken Michaela vorwurfsvoll sagen: „Mutti, wie soll ich denn erwachsen werden, wenn du mich ewig am Bändel hältst! Und Andrea würde ihre großen Augen noch größer machen, nach oben verdrehen, und ihre Worte würden nicht weniger vorwurfsvoll klingen: „ Du warst auch erst achtzehn Jahre alt, als du in die Welt gezogen bist. Hat es dir geschadet?“

 

Damals war alles anders“, sagte Doris laut und erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Sie hatten ja so recht! Was war damals denn so anders? Die Jungen gingen und ließen die Alten allein, damals wie heute.

Plötzlich hatte sie eine Idee. Wer hindert mich daran, sie zu besuchen, einfach zu überraschen. Wir könnten zusammen eine Kleinigkeit essen gehen, dann wären wir wieder einmal vereint, so wie früher!

Nur wenige Autofahrer waren unterwegs, als Doris nach einer kurzen Autobahnstrecke auf das große Klinikgelände einbog. Das Schwesternwohnheim lag etwas abseits, versteckt hinter riesigen Pappeln. Der Kies knirschte e ihren Füßen, als sie, als sie zum Haus ging. Sie drückte auf den Klingelknopf. Aus der Sprechanlage ertönte verzerrt Michaelas Stimme.

„Wer ist da bitte?“

Freude war durch die Anlage zu hören, als Doris sich zu erkennen gab. Als Michaela oben ihrer Mutter die Türe ihres Apartments öffnete, meinte sie ein bisschen vorwurfsvoll:

„Mutti, du hättest vorher anrufen sollen!“

„Tut mir leid, Kind“, log Doris, „ich komme rein zufällig vorbei. Wollte nur mal hören, wie es dir geht!“

„Sehr gut, Mutti! Ich koche uns schnell Kaffee, für mehr habe ich leider keine Zeit. Ich vertrete eine Kollegin und anschließend bin ich mit Hans verabredet. Du kennst ihn noch nicht. Wenn ich geahnt hätte …!“

Michaela stand verlegen vor ihrer Mutter. Ein hübsches, schlankes Mädchen in verwaschenen Jeans und einem Herrenhemd, mindestens fünf Nummern zu groß.

 

„Schon gut“, sagte Doris und verbarg ihre Enttäuschung. „Ich wollte wirklich nicht lange bleiben!“

Michaela verschwand in der winzigen Kochnische. Doris sah sich in dem Appartement ihrer 19-jährigen Tochter um. Überall Unordnung! Es juckte sie in den Händen, aufzuräumen. Doch sie ließ es lieber. Ihre Tochter kam mit einem Tablett aus der Küche zurück. Kaffeeduft breitete sich aus. Sie goss ihrer Mutter ein und schob ihr ein Schüsselchen mit Gebäck zu, dabei gab sie sich die größte Mühe, zu verbergen, dass sie in Eile war. Es entging Doris trotzdem nicht“Mutti! Ich wollte dich schon immer etwas fragen!“ Dabei war sie sichtlich verlegen. „Warum hast du eigentlich Norbert Meißner nicht geheiratet? Er war doch ein netter Mann!“

Doris stellte ihre Tasse so hastig auf den Tisch, dass es klirrte und der Kaffee überschwappte.

„Das fragst du mich? Ausgerechnet du!“ Michaela bekam einen roten Kopf.

„Ich versteh` nicht“, sagte sie betroffen.

„Du wirst gleich verstehen“, erwiderte Doris, dabei blickte sie auf ihre Armbanduhr.

„Hast du denn noch Zeit? Dann lass dir erzählen!“

Michaela nickte stumm. Erwartungsvoll blickte sie auf ihre Mutter, die sich bequem in ihrem Sessel zurücklehnte.

„Erinnerst du dich noch an einem Abend vor fünf Jahren? Norbert Meißner und ich hatten einen wunderbaren Abend miteinander verbracht. Auch hatten wir über unsere gemeinsame Zukunft gesprochen. Zum Abschied wollten wir bei uns noch ein Glas Wein trinken. Als ich am Kinderzimmer vorbeikam, hörte ich leises Weinen. Ich ging näher und horchte. Zwischen Schluchzen und Schneuzen batest du den lieben Gott, ich möge doch Norbert Meißner niemals heiraten. – Ich hatte vorher nie bemerkt, dass du ihn nicht mochtest! Ja, und das Ende vom Lied kennst du ja!“

Eine Weile war es still im Raum. Beide hingen ihren Gedanken nach.“Aber Mutti! Wie alt war ich denn damals? Du hättest nicht auf mich hören dürfen! Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern. Du wärst jetzt nicht so einsam. – Nicht wahr, Mutti, du bist doch einsam?“

Doris sah ihre Tochter an. Sie kam ihr plötzlich sehr erwachsen vor.

„Na, ja! Ich wollte dir das eigentlich nicht erzählen, aber jetzt, wo du gefragt hast …!“

Doris erhob sich. „Es war nett, dich gesehen zu haben. Danke für den Kaffee!“

Nach zwei flüchtigen Küsschen saß Doris wieder in ihrem Wagen.

 

Einen Katzensprung weiter, wiederholte sich fast die gleiche Szene. Doris stand vor dem Appartement ihres siebzehnjährigen Nesthäkchens. Es dauerte eine Weile, bis ihr geöffnet wurde. Wenigstens versuchte Andrea nicht so zu tun, als wäre sie nicht zu Hause. Sie sah aus, wie der junge Frühling. Ein langer Schlabberrock baumelte um ihre nackten Beine. Der rote, selbst gestrickte Pullover passte gut zu ihrem gebräunten Taint. Ihre schwarzen Haare waren ein einziger Wuschelkopf. Sie sah aus, als käme sie direkt aus dem Bett. Auf dem rechten Nasenflügel prangte ein kleiner Diamant. Wohl die neueste Mode!

„Ist der echt?“, fragte Doris zur Begrüßung und zeigte auf Andreas Nase.

„Leider nicht!“, meinte sie und lächelte ein wenig verlegen. „Aber schön, dass du mich besuchen kommst. Kannst du meine schmutzige Wäsche mitnehmen? Ich kann leider nächste Woche nicht kommen!“

Doris stand noch immer. Andrea hatte ihr noch keinen Platz angeboten. Plötzlich öffnete sich die Tür zur Dusche. Ein Hüne von einem Mann, eingewickelt in ein klitzekleines Badetuch, tapste mit nassen Füßen durch den Wohnraum.

„Hey“, sagte er im Vorbeigehen. Er war kein bisschen verlegen. Andrea bekam einen roten Kopf.

„Verpitsch dich ins Bad und zieh dich an. – Mensch, das ist meine Mutter!“ Der Herkules gehorchte aufs Wort.

„Hey, grüßte er erneut, stoppte, drehte sich um und verschwand. Doris schluckte.

„Nun weißt du es“, sagte Andrea zu ihrer verblüfften Mutter. „Ich hätte es dir gern noch eine Weile erspart“, gestand ihre Tochter vor der Tür. Doris streichelte ihr die Wange. „Schon gut. Tut mir leid, dass ich so hereingeschneit bin!“

Andreas Küsschen war noch flüchtiger als sonst.

Doris bemerkte das kleine Mädchen erst, als es im Park vor ihrer Bank stand, auf der sie Platz genommen hatte, so tief war sie in Gedanken versunken.

„Guten Tag!“, sagte das Kind freundlich.

„Guten Tag!“, erwiderte Doris den Gruß. Sie sah der Kleinen zu, wie sie ihren Puppenwagen neben die Bank in die Sonne stellte. Es dauerte lange, bis sie damit zufrieden war. Ihre kurzen Beinchen fingen sofort an, zu schlenkern. Ein bunter Schmetterling flog mit aufgeregtem Flügelschlag vorbei. Doris und die Kleine blickten ihm nach, bis er verschwunden war. Dann entlud sich ein tiefer Seufzer aus der Brust des Kindes.

„Die Welt ist langweilig“, sagte die Kleine plötzlich, „so langweilig, die längste Bandnudel in der Milchsuppe!“ Doris lachte hell auf und das Mädchen stimmte mit ein. Mit Blick auf Doris stellte es fest: „Ich hab `dich hier noch nie gesehen.“ Seine wasserblauen Augen blickten vertrauensvoll auf Doris.

„Nun, ich war auch noch nie hier!“, erklärte Doris.

„Wie heißt du denn?“, wollte Doris von der Kleinen wissen.

„Sabine!“

„Und du?“, wollte Sabine wissen.

„Ich heiße Doris!“

Sabine rutschte von der Bank. Mit dem Fuß zertrat sie einige Ameisen, die sich in der Sonne tummelten. „Warum tust du das?“ Doris` Stimme klang empört. Erstaunt hob Sabine ihren Kopf.

„Weil ich wütend bin!“

„Und warum bist du wütend?“ Das verstehst du ja doch nicht“, sagte Sabine altklug. Sie winkte mit ihrer kleinen Hand ab, ganz wie es Erwachsene tun.

„Mein Vater hat nie Zeit für mich“, beklagte sie sich. „Und Frau Bauer meint, ich sei eine Plage, und die Monteure spielen nur mit mir, wenn mein Vater nicht in der Werkstatt ist!“

Und deine Mutti? Hat die auch keine Zeit für dich?“

„Mutti …?“, kam es lang gezogen, „die ist doch tot!“ Es klang fast ein wenig beleidigt, so, als müsse das jeder längst wissen.

Doris wollte der Kleinen sagen, wie leid ihr das tat, da streckte sie ihre kleine Hand in die Richtung, aus der, der Straßenlärm herüberschallte.

„Da drüben wohne ich“, sagte sie. „jetzt muss ich aber gehen, sonst schimpft Frau Bauer wieder mit mir!“ Doris ergriff die ihr gereichte Kinderhand. „Es war nett, dich kennengelernt zu haben, Sabine“, sagte sie freundlich. Das Mädchen schob ihren Puppenwagen auf den Gehweg. „Auf Wiedersehen, Tante Doris“, rief sie. Ihre blonden Zöpfe wippten bei jedem Schritt, als sie um die nächste Wegbiegung verschwand.

Doris Breuer konnte sich nicht entschließen, die Bank zu verlassen. Die Sonne wärmte so angenehm. Es tat richtig gut. Mittag musste längst vorbei sein! Ihr Magen machte sich bereits bemerkbar. Nun ja, sie konnte nicht ewig hier sitzen bleiben. Langsam erhob sie sich und trat den Heimweg an. Bei einer halbhohen Hecke, die einen kleinen Teich verdeckte, schrak sie plötzlich zusammen. Dort lag ein umgekippter Puppenwagen, genau vor der Böschung, die zum Teich führte. Ob Sabine wieder zurückgekommen war? Eine innere Ahnung sagte ihr, dass das Kind die Anlage noch nicht verlassen hatte. Doris rannte los, als ginge es um ihr eigenes Leben.

„Sabine“, schrie sie laut. „Sabine …!“

Hinter der Böschung hörte sie leises Weinen.

„Sabine“, rief sie noch einmal.

„Ich kann nicht mehr aufstehen, Tante Doris!“ Schluchzend machte sich das Kind bemerkbar.

Doris kraxelte die Böschung hinunter, was mit Stöckelschuhen nicht einfach war.

„Ich helfe dir beim Aufstehen“, sprach sie beruhigend auf die Kleine ein. Sabine begann jetzt, jämmerlich zu weinen.

„Es geht nicht, Tante Doris. Mein Bein tut so weh!“

Doris hob die Verletzte vorsichtig hoch. Zwei nackte Ärmchen schlangen sich um ihren Hals. Ein nasses, verschmutztes Gesicht drückte sich wohlig an ihre weiße Bluse. In Doris stieg ein lange nicht mehr empfundenes Glücksgefühl auf. Das war es, was sie entbehrte! Hier genossen zwei Menschen für kurze Zeit das wunderbare Gefühl des Geborgenseins, jeder auf seine Art

Kurz entschlossen legte sie Sabine vorsichtig in den Puppenwagen.

„Drück` die Daumen, dass er dich aushält“, sagte sie augenzwinkernd zu dem Kind. Die Kleine ließ alles mit sich geschehen. Dank Doris` Fürsorglichkeit waren die Tränen inzwischen versiegt.

 

„Besondere Vorkommnisse?“, fragte Schwester Edelgard, als sie das Schwesternzimmer auf der Kinderstation betrat.

„Nichts Besonderes“, bekam sie von Schwester Michaela zu hören. “Alles ist ruhig. Nur die Ambulanz hat angerufen. Ein kleines Gipsbein ist noch hochzuholen. Soll auf Zimmer 514.

„Bitte Michaela kannst du das nicht machen? Ich brauche jetzt unbedingt einen Kaffee!“

„War er so anstrengend?“, fragte Michaela verschmitzt lächelnd und huschte nach draußen. Sie war in Hochstimmung. Gleich würde sie Hans sehen! Sie freute sich schon auf ihn. Umso erstaunter war sie, als sie ihre Mutter im Gipsraum bei einem etwa sechsjährigen Mädchen sitzen sah.

„Mutti … du bist noch hier?“

Michaela war sprachlos, und Doris fühlte sich ertappt.

„Schwester Michaela“, sagte sie deshalb betont burschikos, „machen Sie den Mund zu. Ich hatte leider noch keine Zeit heimzufahren.“ Sabine lag auf der Trage und nuckelte an ihrem Daumen, und mit der freien Hand hielt sie Doris ganz fest.

„Tante Doris, bleibst du noch ein bisschen bei mir?“

„Tante Doris …?

Michaela verstand nun überhaupt nichts mehr. Typisch Mutti! Michaela wechselte mit ihrer Mutter einen fragenden Blick. Gemeinsam brachten sie Sabine auf ihr Zimmer. Plötzlich weinte das Mädchen wieder.

„Frau Bauer wird schimpfen!“

„Ganz bestimmt nicht!“ Doris streichelte die Kleine, als wäre es ihr eigenes Kind.

„Die Ambulanz hat deinen Papi verständigt. Sicher kommt er bald!“

Michaela machte sich am Bett zu schaffen, um das Kind richtig zu lagern.

„So, Binchen“, sagte Doris, damit du mich bis morgen nicht vergisst, schreibe ich noch meinen Namen auf deinen wunderschönen, feuchten Gips.“ Dann erhob sie sich. „Jetzt wird es aber höchste Zeit für mich. So, ihr Lieben! Bis morgen!“

„Ganz bestimmt?“, fragte sie unsicher.

„Ganz bestimmt“, bestätigte Doris.

Schwester Michaela brachte ihre Mutter zum Fahrstuhl. Dort fiel sie ihr spontan um den Hals und gab ihr einen Kuss. Doris war glücklich. Mit einem sonderbaren Gefühl im Herzen und leuchtenden Augen prallte sie unten in der Halle mit einem Mann zusammen. Beide entschuldigten sich, beide sahen sich verwirrt in die Augen, beide drehten sich noch einmal um und verschwanden. Doris nach draußen, der Fremde in Richtung Aufzug.

„Donnerwetter, was für eine Frau!“, dachte Jochen Cremer. Wenn ich nicht so besorgt um Sabine wäre, würde ich glatt …!

Am nächsten Morgen sprang Doris heiter und beschwingt aus dem Bett. Sie hatte Sabine versprochen, sie zu besuchen. Doris freute sich auf die Kleine. Beim Frühstück fiel ihr Blick wie jeden Morgen auf das Bild ihres verstorbenen Mannes. Ihr war, als sehe er sie heute anklagend an. Sie lief zur Anrichte und drehte das Bild um. Warum tat sie das? Hatte sie ein schlechtes Gewissen? Wegen Sabine? Nein, bestimmt nicht. Doris war ehrlich genug, sich einzugestehen, dass ihre Gedanken verbotene Wege gingen.

 

Doris rückte sich einen Stuhl nahe an Sabines Bett.

„Na, mein Schatz! Hat dein Papi geschimpft?“, fragte sie.

„N, er war ganz lieb!“ Nun erfuhr Doris auch, wie es dazu gekommen war, dass Sabine sich das Bein gebrochen hatte!

„Tante Doris, ich will nie wieder einen Schmetterling fangen und Ameisen töten, auch nicht mehr“, fügt sie hinzu.

Fast zwei Stunden saß Doris bei Sabine am Bett. Sie erzählte ihr ein Märchen und Sabine lauschte mit müden Augen. Ihre Tochter Michaela sah sie nicht, die hatte sicher frei. Die Zeit verging wie im Fluge. Als Doris sich verabschiedete, schlang Sabine beide Arme um ihren Hals.

„Ich hab` dich ganz, ganz lieb, Tante Doris. Kommst du morgen wieder?“

“Aber ja mein Schatz“, sagte Doris an der Tür. Als sie aus dem Aufzug stieg, stand der Fremde davor. Diesmal trafen sich ihre Blicke intensiver. Beide lächelten, als seien sie alte Bekannte.

Zum Abendbrot meldeten sich unverhofft beide Töchter an. Doris freute sich darüber und versprach ihnen ein leckeres Abendessen.

Sie hantierte noch in der Küche, als Michaela aus dem Esszimmer rief:

„Warum hast du Vatis Bild umgedreht? Hat das etwas zu bedeuten?“

„Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit!“, bekam Michaela zur Antwort.

“Und wer hat gewonnen?“, wollte Andrea scherzhaft wissen. Ihr schwarzer Wuschelkopf erschien im Türrahmen.

„Das steht noch nicht fest. Bitte stellt das Bild wieder ordentlich hin.“

Ihre Töchter sahen sich verwundert an …

Doris fuhr nun täglich zu Sabine. Den Gedanken, das alles könnte plötzlich ein Ende haben, schob sie immer vor sich her. Sie wusste schon längst, dass Sabine nicht mehr der einzige Grund für ihre Besuche im Krankenhaus waren. Dann war es soweit. Eines Morgens rief Michaela sie an und sagte: „Heute kannst du dir die Fahrt sparen. Sabine durfte unverhofft nach Hause. Ich soll dich ganz lieb grüßen!“

Doris schwieg.

„Mutti bist du noch dran?“

„Aber ja! Ich freue mich für Sabine.“

Doris lauschte ihren eigenen Worten. Freute sie sich wirklich? Oder war sie darüber enttäuscht. Von diesem Tag an hatte die Einsamkeit sie wieder fest im Griff. Sie schalt sich einfältig. Was hatte sie denn erwartet? Mit Gewalt zwang sie sich zur inneren Ruhe. Ein wenig gelang es ihr.

 

Sabine polterte mit ihrem Gehgips durchs Haus. Sie tyrannisierte ihren Vater, aber noch mehr Frau Bauer.

„Da Kind ist unausstehlich“, wandte sie sich schließlich Hilfe suchend an Sabines Vater. „Sie will unbedingt diese Doris suchen.“

Jochen Cremer blickte amüsiert von seiner Zeitung hoch.

„Ich weiß! Leider gibt es da ein unüberwindliches Problem. Keiner hat diese Doris nach ihrem Nachnamen gefragt. Weder in der Ambulanz noch auf Station. Und ich war nie da, wenn sie Sabine besucht hat.“

Sabine hatte sich in einen weichen Sessel fallen lassen.

„Sie sitzt bestimmt auf unserer Bank im Park!“, meinte sie altklug zu ihrem Vater.

„Sei nicht albern, Sabine. Schau einmal durchs Fenster. Es regnet in Strömen!“

„Dann frag doch mal die Schwester Michaela, die weiß bestimmt, wo Doris wohnt.“

Jochen Cremer faltete seine Zeitung zusammen.

„Gut, du Quälgeist. Diese Doris muss ja etwas ganz Besonderes sein, wenn du nur noch an sie denkst. Außerdem müsste man ihr auch mal danken!“

Sabine nickte. Sekundenlang tauchte auch vor seinem Gesicht eine Frauengestalt auf. Sollten diese beiden identisch sein …? Er ging zum Telefon. Sabine humpelte polternd hinterher.

 

„Hast du etwas dagegen, wenn ich am Sonntag zum Kaffee komme und Besuch mitbringe?“, fragte Michaela telefonisch bei ihrer Mutter an.

„Im Gegenteil. Ich freue mich!“

Am Sonntagmorgen buk Doris einen herrlichen Käsekuchen, weil ihre Große den am liebsten mochte. Nachmittags zog sie sich sehr sorgfältig an. Schließlich wollte sie ja einen guten Eindruck machen, wenn sie ihren Hans endlich vorstellte!

Die Sonne meinte es gut, deshalb deckte sie im Garten den Tisch. Sie kurbelte das Sonnenrollo herunter, trennte sich sogar, wenn auch schweren Herzens, von einigen Tulpen, mit denen sie den Kaffeetisch schmückte.

Plötzlich hörte sie ein Auto vorfahren und kurz danach klingelte es an der Haustür. Als sie öffnete, sah sie nur einen riesigen Blumenstrauß und ein Gipsbein.

„Sabine“, rief sie überrascht. Sie kniete nieder und drückte das Kind an sich.

„Dich hat Michaela mitgebracht? So eine Überraschung!“

„Wir sind auch noch da“, kam Michaelas Stimme aus dem Hintergrund. Doris blickte auf – und wurde blass.

„Sie sind Hans …?, stotterte sie verlegen.

„Aber nein, Mutti! Darf ich dir Jochen Cremer vorstellen? Sabines Vater!“

Er verneigte sich leicht und lächelte Doris freundlich an.

„Schwester Michaela, ich meine, Ihre Tochter, war so freundlich, uns für heute einzuladen. Ich hoffe, wir stören nicht?“

 Doris war plötzlich heiter und beschwingt. Alles war mit einem Male so einfach. Sie riss Sabine in ihre Arme, drehte sich mit ihr im Kreis und rief glücklich.

„Ganz im Gegenteil! Herzlich willkommen!“