Kalte Weihnacht

 

Wer in diesem Haus wohnte, war ganz unten angekommen und suchte sein Brot in der Tiefe des Meeres, wie die Taucher nach den Perlen. Tim Berger und seine Eltern wohnten schon eine ganze Weile hier. Das Haus war alt, es hielt sich nur mühsam aufrecht, damit die Bewohner einen Platz in der Welt hatten. Manchmal hörte man nachts ein Stöhnen und Knarren, das nicht von menschlichen Stimmen kam. Es war das Haus; es seufzte ein wenig. Vor Einbruch des Winters waren neue Leute eingezogen. Sie besaßen nicht mehr als andere vor ihnen. Die Werners sahen, wie sie mit ihren wenigen Habseligkeiten an ihrer Türe vorbei zogen. Ein Junge zog mit ein. Er hieß Juri, war zwölf, dunkelhaarig und sagte nie ein Wort. Er spielte nie mit anderen Kindern des Hauses, sondern saß immer im Zimmer, allein in stummer Gesellschaft von Tisch, Stuhl und Bett. Seine Eltern waren selten zu Hause, wovon sie lebten; keiner wusste es. Oft hörte man ihre Stimmen. Sie stritten sich in einer fremden Sprache. Selten wurde gelacht. An manchen Tagen spielte Juri auf seiner Mundharmonika, traurige, wehmütige, von Fernweh durchtränkte Lieder. Der Winter kam schnell und mit großer Härte. Herr Berger war arbeitslos. Er saß zu Hause am kleinen Ofen und starrte auf seine Hände. Tim war im ersten Lehrjahr und brachte nur seinen Hunger mit heim. Frau Berger hatte zwei Putzstellen. Ab und zu brachte sie Essen mit, das reichte dann für einen Abend. Das Haus ächzte vor Kälte. Die Zimmer waren ohne Wärme, ihre eisige Luft erdrückte die Glut in den Öfen. Der Frost hockte auf der Treppe, sprengte die Wasserleitungen, trieb die Menschen zueinander. Warm wurde es ihnen nur, wenn sie Schnee schippten. Die Nächte waren eingeengt vom finsteren Tag und der Furcht vor dem Kommenden. Von Weihnachtsstimmung fehlte jede Spur. Herr Berger wollte auch keinen Baum. Er konnte ja nur seine leeren Hände als Geschenk auf den Gabentisch legen. Frau Berger bestand auf einen kleinen Tannenbaum, also holte Tim heimlich einen in der Abenddämmerung aus dem Stadtwald. Der Heilige Abend wurde schöner als sie gedacht hatten! Frau Berger brachte von ihren Putzstellen Geschenke mit: eine warme Mahlzeit, für ihren Mann ein paar warme Socken, für Tim Plätzchen und eine Strickjacke mit zu kurzen Ärmeln. Für sich selbst einen kuscheligen Schal. Sie begannen den kleinen Baum zu schmücken. Der Ofen bullerte und verströmte seine wohlige Wärme. Alle hatten ein Lächeln im Gesicht.

Plötzlich polterten Schritte durchs Treppenhaus nach oben, vorbei an ihrer Tür. Tim war aufgesprungen und guckte durchs Schlüsselloch. „Die Polizei!“, flüsterte er und sein Herz verkroch sich. „Ich habe es kommen sehen! Da oben stimmt etwas nicht“,sagte sein Vater. Sie lauschten. Das ganze Haus war zum Ohr geworden. Sie hörten die ruhigen Stimmen der Polizisten, die schnelle Stimme von Juris Vater, dazwischen das hohe, spöttische Lachen seiner Frau. Sie haben sie abgeführt“, flüsterte Tim. „Was haben die wohl verbrochen?“

„Wer weiß, mein Junge“, sagte sein Vater. Was kümmerte es sie! Sie hatten nichts verbrochen. Sie waren arm aber ehrlich, vom Tannenbaum abgesehen. Frau Berger brachte die Geschenke und mehr als ein paar Worte redeten sie nicht mehr darüber. Sie wollten den Heiligen Abend feiern und einmal ihre Armut vergessen. Sie hatten einen Baum, Kerzen brannten und es war warm. Sie setzten sich an den Tisch und aßen. Plötzlich sagte Frau Berger: „Ist der Juri auch geholt worden?“ – „Nein“, sagte ihr Mann, „nur seine Eltern!“

Über ihnen war es still. „Geh hinauf und hole ihn runter. Er soll mit uns essen. Es schmeckt mir nicht, wenn ich dran denke, dass der Junge oben alleine ist!“, sagte Frau Berger.“ Tim tastete sich durch die kalte Finsternis nach oben. Die Kälte hockte in den Ecken und fiel ihn an wie ein Hund. Oben spähte er durchs Schlüsselloch. Zum ersten Mal sah er, wie es ist, wenn jemand allein ist, so allein, dass es außer ihm selbst auf der ganzen Welt nichts gibt als Finsternis und Kälte. Tim sah eine Kerze auf dem Tisch stehen, und in ihrem Schein Juris Gesicht. Er starrte in das Licht, den Kopf in die Hände gestützt. Leise klopfte er und trat ein. „Juri“, sagte Tim. „du sollst runter kommen und mit uns essen!“ Juri rührte sich nicht. Er war ganz blass. „Komm mit! Meine Mutter schickt mich. Du sollst mitessen!“ Als Juri nicht reagierte, ging Tim durch die Dunkelheit zurück. Wohlige Wärme schlug ihm entgegen. „Er kommt nicht, Mama“, sagte Tim. „Er starrt in die Kerze und sagt kein Wort!“

Frau Werner erhob sich. „Er kann da oben nicht alleine bleiben!“ Tim und sein Vater saßen am Tisch und warteten. Schweigen verwandelte sich in Stille. Tim verstand seine Mutter sehr gut. Sie musste einfach aufstehen und durch die Finsternis nach oben gehen. Sie war eine Frau, die nicht viel Worte machte, aber sie hatte ein großes Herz.

Bald darauf ging die Tür auf. Frau Berger hatte den Arm um

Juris Schulter gelegt und führte ihn an den Tisch. Seine Mundharmonika hielt er in der Hand, fest umschlossen. „Setz dich, mein Junge“, sagte Herr Berger, „und iss mit uns!“ „Du musst heute hier unten bleiben“, sagte Frau Berger zu Juri und zu Tim „Ihr könnt zusammen schlafen! Das Bett ist breit genug.“ Nach dem Essen tranken sie Tee und aßen Gebäck. „Juri würdest du uns bitte etwas vorspielen?“, bat Frau Berger.

Er sah sie an und lächelte. Es war ein zartes, schüchternes Lächeln. Er nahm die Harmonika an seinen Mund und spielte. Erst zaghaft, dann etwas lauter, und dabei blickte er zu Boden.