Zu spät - Ein bitteres Wort

 

Michael Becker saß in einem billigen Quartier und fror.

Hunger quälte ihn, und er litt unsagbar unter dieser

schrecklichen Umgebung, in die ihn selbstverschuldete

Armut getrieben hatte. Das Zimmer war so abstoßend,

dass ihm jeder Bissen im Munde quoll.

Arbeit – wenn er nur bald Arbeit finden würde! Nie hätte

er, der Sohn aus wohlhabendem Hause, jemals gedacht,

dass er einmal treppauf, treppab laufen würde, um Arbeit

zu suchen. Früher – ja früher war es ihm gut gegangen.

Verwöhnt und verhätschelt von seinen Eltern, verzieh man

ihm, wenn er das Geld für seine nicht immer einwandfreien

Vergnügungen ausgab.

Dann starben seine Eltern und er blieb alleine zurück. Sein

Erbe trug Zinsen, er brauchte nur auszugeben. Aber das

Geld schwand so schnell, dass er es gar nicht fassen

konnte. Langsam nur gewöhnte er sich an den Gedanken:

„Ich bin arm wie eine Kirchenmaus.“ Was hätte er drum

gegeben, die Zeit noch einmal zurück drehen zu können!

Auch hatte er damals eine große Schuld auf sich geladen.

Das wusste er genau. Besonders einer Frau gegenüber-

Anne.

Was für ein anständiges Mädchen war doch diese Anne

Wagner gewesen! Sie hatte ihn geliebt, rein und selbstlos.

Und er? – Als er sah, dass er nicht erreichte, was er

erreichen wollte, wandte er sich von ihr ab. Ihr

fassungsloser Schmerz kümmerte ihn nicht.

Und doch – jetzt erst war ihm klar geworden: Anne

Wagner wäre die einzige Frau gewesen, die ihn auf die

rechte Bahn hätte bringen können.

Zu spät. Ein bitteres Wort.

Vor dem halbblinden, zerbrochenen Spiegel machte

Michael Becker sich zurecht, so gut es ging. Aus dem Haus

– nur aus dem Haus wollte er. Die streitenden Männer, die

zu jeder Tages – und Nachtzeiten alkoholisiert waren, die

keifenden Frauen, bei denen die Beleidigungen nur zu

Dutzenden hin und her flogen – es war einfach nicht mehr

auszuhalten. Ziellos schlenderte er durch die Straßen. Vor

einem Anzeigenbüro standen zahllose Menschen. Sie

studierten die Annoncen, notierten dies oder jenes. Auch

er drängte sich in die Reihe. Halb gedankenlos überflog er

die gedruckten Worte. Eine Anzeige erreichte plötzlich

seine Aufmerksamkeit.

Arbeitsamer Mann gesucht. Gute Manieren erwünscht.

Ehrlichkeit -Bedingung. Vorzustellen: Im Cafè am

Marktplatz drei. Michael setzte automatisch einen Fuß vor

den anderen. Er war nicht der Einzige in dem Raum, in den

man ihn wies.

„Die Chefin wird Sie gleich empfangen“, hieß es kurz.

Stumpf starrte er vor sich hin. Keine Hoffnung im Herzen,

saß er inmitten der anderen. Endlich, kam die Reihe an ihn.

„Ich bitte“, begann er, doch dann versagte ihm die Stimme.

Vor ihm stand Anne Wagner. Er erkannte sie sofort, wie

auch sie gleich wusste, wer der Mann war, der müde und

vom Schicksal gezeichnet vor ihr stand.

„Setzten Sie…Setz Dich bitte“, bat sie ihn. Er starrte sie

nur an. Auch Anne musste sich erst wieder finden, so tief

hatte sie das Wiedersehen mit dem einstigen Geliebten

getroffen. Sie hatte ihn in Glanz und Reichtum, in

unbekümmerter Heiterkeit und Lebensfreude gekannt und

nun, saß er, einem Bettler gleich, vor ihr. Als sie merkte,

dass er sich wieder gefangen hatte, bat sie: „Erzähl mir

bitte, wie es Dir in den letzten Jahren ergangen ist!“

Nichts verschwieg er, nichts beschönigte er, auch die

Schuld ihr gegenüber nicht. Weil er dabei den Blick

gesenkt hatte, bemerkte Michael nicht, wie feine Röte ihr

Gesicht überzog. Als er schwieg, erzählte sie von sich,

aber so, dass es nicht wie Eigenlob klang. Wie sie das

ererbte Cafè wieder auf die Beine gebracht hatte, wie

schwer es war und das es ihr jetzt gut ginge. Bitterkeit

überfiel ihn. Welch ein Idiot war er doch gewesen! Alles

hatte er sich verscherzt.

„Du bist sicher verheiratet?"

Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick.

„Nein!“ Kurz und knapp klang das Wort und doch lag eine

Welt in ihm. Schmerz um betrogene Liebe.

Michael erhob sich. Schwer lagen die Schatten der

Vergangenheit auf seinen Schultern.

„Leb wohl, Anne!“, sagte er leise. „Die Stelle, die hier frei

ist, habe ich nicht verdient!“

„Nein!“, sagte Anne Wagner laut und vertrat ihm den Weg.

„Ich lasse Dich nicht fort!“

„Was willst Du? Mir am Ende doch die Arbeit

anvertrauen?“

„Nein!“, sagte sie noch einmal.

Michael lachte bitter auf. “Willst Du dich an meiner Qual

weiden? Ich stehe vor einem Rätsel. Was soll ich noch

hier?"

„Bleiben!,“ entgegnete sie. Nicht so, wie Du jetzt

vermutest.“

„Wie denn?“

„Du hast sicher gehört, dass die Leute mich mit Chefin

anreden. Hier fehlt ein Chef. Willst Du diesen Platz, den

mein Herz Dir anbietet?“

„Ja!“ sagte Michael glücklich und nahm sie in seine Arme.