Morgen ist auch noch ein Tag

 

„Ein Unfall ist auf dem Weg zu uns“, raunte Petrus

dem Herrn zu, „und nebenbei gesagt, er war der

dümmste Kerl, der auf deiner Erde herumlief!“

Der Herr lächelte und streckte sich wohlig auf

seiner himmlisch weichen Wolkenbank aus.“

„Habe ich ihn etwa schon abgerufen?“, wollte er

wissen. „Nein Herr. Er kam von selbst!“

„Und deshalb nennst du ihn den Dümmsten…?“

„Deshalb nicht, Herr! Aber lass dir erzählen.“

Hans Fröhlich, so heißt unser Neuankömmling,

musste schon mit sechzehn Jahren seine kranke

Mutter und den kleinen Bruder ernähren. Schon

damals hatte er all seine Wünsche und Hoffnungen

begraben. Der schwere Schreibtisch aus Eiche, der

einmal im Büro seines Luftschlosses stehen sollte,

der Bücherschrank, auf dessen in Leder gebundenen

Bänden die Sonne mit goldenen Beinen tanzen sollte,

ach, das alles würde nun niemals Wirklichkeit

werden.

„Studieren kannst du noch immer“, meinte sein

Onkel, „du bist ja noch jung, und morgen ist auch

noch ein Tag!“

Ja morgen!

Das Handwerk, das er ausübte, war zwar kein

Philosophenberuf, aber singen konnte man dabei,

und das tat er auch. Über dieses „Morgen“ war

Hans Fröhlich zwanzig Jahre geworden, seine

Mutter gab es nicht mehr, und sein Bruder

verdiente sich längst seinen Unterhalt selbst.

Endlich wollte er sich etwas gönnen. Als Erstes

wollte er seinen Onkel besuchen, aber der schrieb

zurück.

„Spare dein Geld, du bist noch so jung – und morgen

ist auch noch ein Tag.“

Ja, morgen!

Hans Fröhlich sparte und sparte. Er sparte sich

dies und jenes vom Munde ab und schluckte selbst

die kleinsten Wünsche hinunter. Eines Tages stand

sein Bruder mit verzweifeltem Gesicht vor ihm und

bat um Geld. Hans Fröhlich tröstete ihn, plünderte

sein Sparbuch und gab ihm alles, was er besaß.

Morgen konnte er ja wieder sparen.

Ja, morgen!

So verging sein Leben. Er verlernte allmählich sein

Lachen, ging kaum noch unter Menschen und sah

auch nicht mehr die Sonne mit goldenen Beinen

tanzen.

Eines Tages aber sollte das Glück doch noch zu ihm

kommen. Er hatte sich verliebt und schmiedete

Heiratsplane. Seine Freundin war genauso lustig,

wie er einmal war. Deshalb ging er zu seinem Chef

und bat um ein besseres Gehalt. Sein Arbeitgeber

machte ein süßsaures Gesicht.

„Morgen, mein Lieber, morgen!

Über so viel Undankbarkeit wurde Hans Fröhlich

krank. Nach vier Wochen schrieb ihm sein Chef,

dass er ihn nicht mehr gebrauchen könne.

Was nun? Sein Sparbuch war leer, der letzte Lohn

verbraucht. Er schrieb an seinen Bruder. Tagelang

wartete er auf Antwort. Sein Bruder ließ nichts von

sich hören – und schickte auch kein Geld. Schließlich

kam ein Brief.

Es tut mir leid, aber es ist mir im Moment nicht

möglich, vielleicht morgen…!

Er schickte ein Telegram an seinen Onkel und bat

um Hilfe.

„Onkel verreist“, lautete die Antwort.

Hans Fröhlich hielt es nicht mehr aus. Er kaufte von

seinem letzten Geld einen Strauß roter Rosen, zog

seinen besten Anzug an und machte sich auf den

Weg zu seiner Liebsten. Im Hochzeitskleid, an der

Seite ihres zukünftigen Mannes, war sie auf dem

Weg zur Kirche.

Hans Fröhlich setzte sich enttäuscht und

verbittert in seine alte Klapperkiste und gab Gas…

Als man ihn fand, stopfte man ihn in einen

schwarzen Kasten und klappte den Deckel zu – so

fest, dass ihm aber auch sein letztes Lachen

verging. Kurz darauf klopfte es zaghaft an die

Himmelspforte. Petrus öffnete und lachte. Und

auch der Herrgott lachte – und Hans Fröhlich

stimmte mit ein. Er hatte sein Lachen wieder

gefunden, denn im Himmel, da gab es kein Morgen,

da war ein ewiges Heute.