Freundschaft zwischen Hund und Igel

 

Eines Morgens war er plötzlich da. Er tippelte mit seinen dünnen

Beinen durch die Katzenklappe der Haustüre in den Flur, legte sich zu

Purzel, dem Spitz, auf das Schaffell, rollte sich zu einer Kugel

zusammen und schlief ein.

Purzel, machte wuff, wuff, legte seine Schnauze auf die Vorderpfoten

und beäugte den seltsamen Gast.

Magda, Purzels Besitzerin, war sichtlich erstaunt. Sie stellte einen

zweiten Fressnapf neben Purzel seinem und taufte den neuen Gast

Felix.

Von nun an waren Purzel, der Hund, und Felix, der Igel, dicke

Freunde. Abends, wenn Purzel schlafen wollte, zog er energisch an

einer Ecke seines Schaffells und Felix verschwand durch die

Katzenklappe hinaus in die Dunkelheit. Jeden Morgen kehrte Felix,

der brave Schädlingsvertilger, nach seiner nächtlichen Jagd auf sein

Lager zurück, das der Hund so schön vorgewärmt hatte. So ging es

den ganzen Sommer lang. Im Winter blieb er ganz da. Dann rumorte

er nachts oft im Flur herum, so dass Purzel manchmal wütend knurrte.

Lange wäre es wohl so weiter gegangen, aber Purzel wurde krank und

starb.

Magda hätte sich gefreut, wenn der kleine, zutrauliche Igel auch

weiterhin den Weg durch die Katzenklappe gefunden hätte, doch Felix

bezog still eine neue Wohnung. Er suchte sich eine Ecke in der alten

Scheune zwischen Stroh und Gerümpel. Alles Locken mit

freundlichen Worten und guten Bissen half nichts, er nahm die

Speisen nur, wenn Magda sie ihm in den Garten stellte. Einige

Wochen führte er ein geruhsames, ungestörtes Einsiedlerleben, bis

sich das wieder änderte.

Eines Tages kam in die verträumte Stille, dem Haus mit seinem

wettermüden Dach, eine junge Schäferhündin. Sie hatte viel

Temperament. Alles an ihr war beweglich, spitz, scharf. Nichts

entging ihren blitzenden Augen und - den Zähnen. Von Magda wieder

Purzel genannt.

Abends kam, wie alltäglich, Felix aus der Scheune, um sich in den

Garten zu begeben. So leise er auch war und so gut ihn seine graue

Farbe tarnte, die Augen des Hundes hatten ihn schon längst erspäht.

Der Igel, obwohl er sonst so zahm und zutraulich war und im Hund

bisher nicht den Feind kennen gelernt hatte, ahnte die Gefahr und

rollte sich zusammen. In rasendem Tempo kam der neue Purzel

angerannt, um das sich bewegende Etwas mit seinen wundervollen

Zähnen zu zermalmen. Aufjaulend, Blut und Geifer speiend, wich er

im selben Augenblick zurück.

Von da an waren Purzel und Felix erbitterte Feinde.

Abends, wenn der Igel in den Garten wollte, lauerte Purzel vor dem

Scheunentor. Dann ließ Felix sein zorniges Schnaufen hören, und es

klang wie eine kleine Lokomotive. Wenn dem Igel das Warten zu

lange dauerte, lief er quer durch die Scheune nach hinten, wo er einen

zweiten Ausgang hatte. Purzel bemerkte die List und versperrte ihm

auch dort den Weg. War er erst mal draußen, war Waffenruhe. Purzel

wagte sich nicht mehr an ihn heran.

Die Zeit verging. Es wurde Frühling. Hinterm Haus blühten die

Schneeglöckchen. Die Stare sangen in den Birken. Purzel wurde

Mutter, aber die fünf Jungen waren nicht lebensfähig. Einer nach dem

anderen starb.

Purzel war in ihrer Trauer erstarrt. Sie verweigerte tagelang das Futter,

auch der Igel war ihr egal geworden. Das nutze Felix sofort aus. Er

wagte sich immer näher und ohne Angst an die Trauernde heran.

Magda freute sich, als sie eines Tages sah, wie beide aus einer Schale

fraßen.

Mittlerweile blühten schon die Rosen, da fiel ihr auf, dass Purzel oft

und lange verschwunden war und erst nach längerem Rufen

auftauchte.

Magda saß auf der Bank und blickte in die untergehende Abendsonne.

Sie rief nach Purzel und diesmal kam sie sofort um die Scheunenecke.

Freudig bewegt trug sie etwas zwischen ihren Zähnen. Vorsichtig

legte sie einen kleinen Gegenstand behutsam in ihren Schoß. Es war

eine winzige, weiß rosa Kugel, mit kleinen Stoppeln übersät. Mitten in

der kleinen Kugel kam ein kleines Schnäuzchen zum Vorschein und

ein herzhaftes Gähnen folgte.

„Aber Purzel“, sagte Magda, „wo hast du das denn her?“

Purzel schaute sie mit glänzenden Augen an, packte die kleine Kugel

vorsichtig, lief um die Scheune herum, blickte aber immer wieder

zurück, um sich zu vergewissern, ob ihr Frauchen auch folgte. Und

dann lagen beide, Magda und der Hund bäuchlings vor den

aufgestapelten Holzstämmen und schauten in die Kinderstube, die sich

Felix eingerichtet hatte.

Mit ihren schönen Augen schaute die Hündin Magda an, und die

Sprache dieser Augen war deutlich.

„Siehst du“, sagten die Augen, „auch wir leiden, auch wir lieben, auch

wir können Feindschaften vergessen im stärksten Gefühl aller Zeiten,

der Mutterliebe.

Behutsam erhob sich Magda und ließ die Tiere allein.