Fräulein Spargut

 

Alina war ein sparsames, junges Mädchen. Jede Münze, die sie

entbehren konnte, steckte sie in ihre Spardose. Heute war es

wieder so weit. Sie ging an ihren Schreibtisch, auf dem die

Spardose stand und stecke einige Münzen in den Schlitz.

„Hoppla“, sagte Fräulein Spargut, die Spardose, denn sie war nicht

mehr die Jüngste und verlor manchmal das Gleichgewicht wenn

Alina das Geld einwarf.

„Hoppla“, sagte sie noch einmal und versuchte ihre Standfestigkeit

wieder zu erlangen.

Herr Schreibschön, der lange Bleistift, der neben ihr in einem

offenen Döschen stand, sprang jedes Mal hinzu und half ihr wieder

auf die Beine. Fräulein Spargut, wurde

bei dieser Gelegenheiten rot vor Verlegenheit, denn sie war sehr

schüchtern.

„Lehn dich ruhig an mich“, sagte Herr Schreibschön, denn er liebte

dieses runde Sparfräulein von ganzem Herzen. Sie hielt das Geld

schön zusammen. Das gefiel ihm. Wenn er für Alina schrieb oder

rechnete stand Fräulein Spargut schon mit strahlendem Gesicht

daneben und passte auf, das alles, was übrig war auch in ihrem

Bauch landete.

„Ach“, sagte das schlanke, blanke Fräulein Schnippschnapp, die

Schere, die auch auf dem Schreibtisch lag und das verliebte Getue

neidvoll mit ansah zu Herrn Schreibgut: „Deine Freundin ist aber

nicht sehr hübsch. Ich finde, sie ist zu dick und zu plump. Schau

mich an. Schmal und schlank bin ich gebaut. Pass mal auf, wenn

die Sonne scheint, dann glänze ich wie Silber!“

Sie drehte sich kokett im Kreis und machte Herrn Schreibschön

verliebte Augen, klappte auseinander und klappte wieder zu. Aber

das machte auf ihn, überhaupt keinen Eindruck.

„Du bist mir viel zu spitz und zu scharf“, sagte er, „man schneidet

und sticht sich an dir. Außerdem ist dein Glanz, nur äußerlich.

„Nein“, ich mag dich nicht!“ Dabei drückte er das Fräulein Spargut

wieder an sich. Alina kam noch einmal zurück zum Schreibtisch.

Sie hob Fräulein Spargut hoch und klapperte heftig mit ihr. Herr

Schreibschön lachte über das ganze Gesicht als er das hörte. Er

lachte so sehr, dass er sich verrenkte und beinahe in der Mitte

durchbrach. Er spürte einen stechenden Schmerz im Rücken.

Schnell schielte er zur Seite, ob Fräulein Spargut von seinen

Beschwerden auch nichts bemerkt hatte. Aber die tanzte in Alinas

Hand und klapperte in der Luft herum, dass die Schnippschnapp

vor Ärger, immer länger und spitzer wurde.

„Hör nur“, sagte sie zu dem Kanarienvogel, der in seinem Käfig

saß, und sich mit Fräulein Spargut freute.

„Findest du nicht, dass die Töne, die sie von sich gibt, sehr

blechern klingen?“

Darauf gab der Vogel keine Antwort, er hielt sich lieber raus. Er

meinte nur, mit Herrn Schreibschön könne man nichts anfangen.

Der tauge nicht mal zum Anknabbern und fliegen könne er auch

nicht.

„Hör endlich auf mit den Geklappere. Du machst mich ganz nervös

damit“, rief Fräulein Schnippschnapp der Spardose zu. Als Alina

Fräulein Spargut endlich wieder auf den Schreibtisch stellte, war

sie ganz außer Puste, und verlor sofort wieder das Gleichgewicht.

„Hoppla“, sagte sie atemlos zu Herrn Schreibschön und ließ sich

gegen seine Schulter fallen. Diesmal nahm er sie in seine Arme,

und drückte sie fest und lange an sein Herz.

„Ich finde das einfach lächerlich“, schimpfte Fräulein

Schnippschnapp zu dem Kanarienvogel. Aber der drehte ihr nur

den Rücken zu und wippte gleichgültig mit den Schwanzfedern.

Das Jahr ging zu Ende. Fräulein Spargut wurde immer voller und

schwerer. Eines Abends vergaß Alina die Gardine vor das Fenster

zu ziehen und den Griff zu schließen.

Seit Tagen schon schlich Max, der Dieb, durch die Gegend. Der

Mond schien ins Zimmer. Er beleuchtete den Schreibtisch samt

seinen Bewohnern. Das war die Gelegenheit für Max! Das Fräulein

Spargut lockte ihn an. Er drückte den Fensterflügel auf, schlich an

den Schreibtisch und wollte nach ihr greifen.

Ein kalter Luftzug vom Fenster her weckte den Kanarienvogel. Er

begann ein lautes Gezeter. Vor Schreck wurden alle wach. Fräulein

Sparschön ließ sich zur Seite fallen. Herr Schreibschön schlug dem

Dieb kräftig auf die Hand, so dass er zurück zuckte. Fräulein

Schnippschnapp drehte sich gähnend auf die andere Seite. Sie

wollte weiter schlafen. „Was geht mich das an“, dachte sie.

Als der Kanarienvogel das bemerkte, schrie er sie an:

„Nun tu doch was! Du hast die schärfsten Waffen. Oder willst du,

dass Alina ihr mühsam Erspartes geklaut wird? Oder noch besser,

mach den Käfig auf. Ich will auch mit helfen!“

„Das täte dir so passen!“, rief die Schere, „ich mach den Käfig auf,

du schwingst die Flügel und ab durchs Fenster. Oh nein! Nicht mit

mir!“

Obwohl sie die dicke Spardose nicht besonders leiden mochte,

stach und pikste sie den Dieb so heftig in die Hand und in den

Hintern, dass er blutete. Schnell sprang er aus dem Fenster und

suchte das Weite. Nachdem sie den Dieb vertrieben hatten, sahen

sie sich alle voller Hochachtung an.

Da ging die Spardose auf die Schere zu und sagte: "Danke!

Ohne dich hätten wir das nicht geschafft!"

Sie nahm das Fräulein Schnippschnapp in ihre Arme und drückte

sie ganz fest. Die Schere wurde ganz blank und glänzend vor Stolz

und fand das Fräulein Spargut eigentlich ganz nett.

Alina hatte von alledem nichts bemerkt. Sie lag im Nebenzimmer

und schlummerte friedlich.

Zwei Tage später stellte sie das Fräulein Spargut auf den Kopf.

Einen Schlüssel gab es schon lange nicht mehr, um die Spardose

zu öffnen. Alina schüttelte sie so lange bis ihr das Blut in den Kopf

schoss und alles Geld heraus fiel.

Fräulein Spargut bebte und ächzte. Das Schlimmste in ihrem

Spardosenleben war das Schütteln. Es erschreckte sie jedes Jahr

aufs Neue. Aber danach fühlte sie sich doch sehr erleichtert.