Ein reizendes Paar

 

Schneeweiße Wolken zogen über den Abendhimmel. Im „Lokal

unter den Palmen“ war es brechend voll. Internationale Wortfetzen

schlugen Irmgard und Norbert Weber entgegen, lautes Geklapper

von Besteck und fremdländische Musik. Gerüche unbekannter

Gewürze, von Sonnenschutzmitteln durchtränkt.

Nur mit Mühe fanden sie zwei Plätze an einem Tisch, an dem ein

Pärchen ihretwegen zusammen rückte.

Im Urlaub traf man nur fröhliche, aufgeschlossene Menschen –

Menschen, die vom Alltag, seinen Sorgen und ihrer gewohnten

Umgebung eine Weile nichts wissen wollten; koste es, was es

wolle. Die Urlaubslaune steckte an. Die Vier kamen sich schnell

näher.

Irmgard und Norbert Weber waren um etliche Jahre älter als das

Pärchen gegenüber. Sie hatten drei Kinder großgezogen, ein Haus

abbezahlt und viele Jahre auf Urlaub verzichtet. Auch sie hatten

ihre kleinen Macken und sie wirkten nicht so glatt und schön wie

das Pärchen ihnen gegenüber. Aber dafür waren sie umwerfend

ehrlich!

Ala und Hans Hauser waren gut aussehend, Mitte vierzig,

kinderlos, unabhängig und lagen mit ihrer teuren Yacht draußen im

Hafen. Irmgard schien es, als frischten die Zwei ihre

eingeschlafene Liebe auf, denn nach jedem Satz, den Ala sagte,

stützte Hans Hauser seinen Ellenbogen auf den Tisch, öffnete seine

riesige Pranke, und Ala stieß ihre winzige Faust mit den Worten

hinein:

„Nicht wahr, Schatzilein?“

Irmgard fand das Gehabe albern. Es war ihr, als suche Ala nach

einem Funken Glut in der erloschenen Asche. Ala las wohl

Irmgards Gedanken

„Sagt ihre Frau denn nie Schatzilein?“, wollte sie von Norbert

wissen.

„Nicht so oft und nicht so laut“, dachte Irmgard und verpasste

ihrem Mann unter dem Tisch einen Tritt vors Schienbein. Ihre

Augen befahlen: Untersteh` dich!

„Aua“, sagte Norbert und lachte.

„Oh doch! Manchmal! Wenn das Haushaltsgeld nicht reicht!“

Damit haben wir keine Probleme“, lachte Ala ebenfalls.

„Nicht wahr, Schatzilein?“ Und wieder dieses alberne Spiel mit dem

Ellenbogen und der Faust. Irmgard war verärgert. Sicher, sie

waren nicht auf Rosen gebettet, mussten sich auch heute noch

alles zusammen sparen. Auch diesen Urlaub. Was ging das Fremde

an? Musste Norbert das so freimütig erzählen?

„Trinken wir noch etwas?“, lenkte Irmgard schnell ab.

„Wir nicht! Schatzilein musste gestern Abend auf dem Weg zur

Yacht schon die Palmen gießen. Nicht wahr, Schatzilein?“

Trotz des störenden Schatzileins, konnte Ala Hauser spannend

erzählen. Sie lenkte ihre Worte geschickt auf ihr Lieblingsthema –

die teure Yacht. Im Nu waren alle in Gedanken auf hoher See.

Plätschernd schlugen die Bugwellen gegen die Planken des

Schiffes.

Die Yacht nahm Kurs auf die Kykladen. Im leisen, melodischen

Rauschen ahnte man etwas von der griechischen Mythologie,

Poseidon, Tritonen, Nereiden und Najaden, schaummähnige

Seerosen und der weißen, rettenden Schleier der Leukothea –

erinnerte sich der alten, klagenden Schifferlieder. Irmgard dachte

an ein Lied von Schubert: Dioskuren, Zwillingssterne, die ihr

leuchtet meinem Nachen, mich beruhigt auf dem Meere eure Milde,

euer Wachen…

Eine helle Kinderstimme machte dem Träumen abrupt ein Ende.

Im tiefsten sächsisch und direkt vor ihrem Tisch:

„Ich hab` einen Puller. Willste mal sehen?“

Vorbei war es mit der Romantik, dem silbernen Mond, dem blauen

Meer.

Ala hatte schon wieder ihre Faust geballt, Hans Hauser seinen

Ellenbogen aufgestützt.

„Nein“, sagte Ala. Wollen wir nicht. Nicht wahr, Schatzilein?“

Nach und nach begann verhaltenes Gekicher. Dann lautes Lachen.

Eine junge Mutti zerrte mit hochrotem Kopf den kleinen Knirps

vom Tisch weg und schimpfte:

„Sag deinem Puller endlich, wo die Toilette ist!“ Sie verabreichte

ihrem Sprössling einen Klaps auf dem nassen Hosenboden.

Norbert Weber hob sein Glas.

„Ich glaube, ich bin seekrank. Mir ist schwindelig“.

„Aber bestimmt nicht von der Reise“, sagte Ala.

„Nicht wahr…!“ Gottseidank bremste sie im letzten Augenblick. Die

Stimmung war dahin. Es war spät geworden. Gemeinsam verließen

sie das Lokal, schüttelten sich draußen die Hände.

„Ein reizendes Paar!“, sagte Norbert, als Die Beiden weit genug

weg waren.

Irmgard konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Vergiss bloß nicht

die Palmen zu gießen, Schatzilein!“

Und oben in den Palmen, saß der Mond und lachte.

Am nächsten Morgen war der Himmel bedeckt. Die Sonne hatte

sich in den Wolken verkrochen. Es war das richtige Wetter um den

Yachthafen in Augenschein zu nehmen. Irmgard hoffte im

Geheimen, Ala und Hans Hausers Schiff zu sehen, bevor sie wieder

in See stachen! Sie hatten die Hafenmole fast erreicht, als plötzlich

von allen Seiten die Inselpolizei auftauchte. Sie stürmten gezielt

auf eine Yacht zu, die leicht schaukelnd auf dem Wasser ruhte. Die

Menschen blieben neugierig stehen und verfolgten die Szene.

"Was mag da wohl passiert sein?", wollte Irmgard wissen.

"Keine Ahnung", sagte Norbert, "etwas wird schon sein. Umsonst

machen die nicht solchen Aufstand!"

Und dann sahen sie, was war.

Die Polizisten führten ein Pärchen ab. Es waren Ala und Hans

Hauser, die mit dem albernen Ellenbogenspiel, die mit der teuren

Yacht, die über die Weltmeere schipperten und keine Geldsorgen

hatten.

Irmgard konnte nicht glauben, was sie sah. Sie wühlte sich durch

die Menschen, um näher heran zu kommen.

Ala und Hans Hauser gingen mit gesenkten Köpfen an ihnen

vorbei.

Abends, im Hotel, wurde die Ungewissheit zur Gewissheit.

Die Polizei hatte ein lang gesuchtes Betrügerpärchen dingfest

gemacht.

"Wie man sich doch in Menschen täuschen kann", sagte Norbert.

Eigentlich war es doch ein reizendes Paar!"

"Ja", antwortete Irmgard - Schatzilein!"