Der Geldbeutel

 

Irene hatte vor Wochen ihren Geldbeutel verloren und nicht wieder bekommen,

obwohl man sie leicht als Besitzerin hätte ausmachen können. In diesen besagten

Wochen fielen die Ängste wie schwarze Raben über sie her. Die Sorge saß

täglich mit am Tisch und schnitt das Brot dünner. Damals schwor sie sich: Sollte

ich jemals eine fremde Geldbörse finden, werde ich sie behalten.

Und nun lag eine vor ihr, und weit und breit war kein Mensch zu sehen.

Langsam ging sie näher, hob die Börse auf und schaute verstohlen hinein. Was sie

sah, ließ ihr Herz höher schlagen.

Irene blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um, steckte den Fund in ihre

Jackentasche und schlenderte weiter. Unterwegs überlegte sie, was sie sich für

das gefundene Geld leisten sollte. Sie wollte es für etwas Besonderes ausgeben.

Für etwas, was sie sich sonst nicht leisten konnte. Ein hübsches Seidentuch

vielleicht, dachte sie, oder beim Chinesen essen gehen. Ein Theaterbesuch, auf

einen besonders guten Platz und danach in ein hübsches Weinlokal.

Oder – noch besser – sie könnte sich das blaue Kaffeeservice anschaffen, das ihr

bisher immer zu teuer war. Ja, etwas Bleibendes sollte es sein, das sie ständig an

ihren erfreulichen Fund erinnern sollte. Bei diesem schönen Gedanken wurde ihr

Schritt unwillkürlich schneller.

Doch plötzlich blieb sie stehen, ihre Hand griff in die Jackentasche. Ihre Finger

tasteten behutsam die Börse ab. Es war ein unscheinbares Geldtäschchen, das

war ihr gleich aufgefallen, als sie es aufgehoben hatte. Ein schmales

Geldbeutelchen, von armseligem, abgegriffenem Aussehen. Es musste oft

angefasst und benutzt worden sein –das erkannte man deutlich. Das einstmals

glänzende Leder war grau und schmutzig geworden. Die Person war

offensichtlich das Geldausgeben nicht gewohnt. Sie hatte wohl jedes Mal ihre

Geldbörse lange in der Hand gehalten, gedreht und gewendet, bevor sie einen

Cent ausgab.

Langsam schob sie die Börse in die Tasche zurück.

Irene setzte sich ins nächste Cafè und stierte sinnend durchs Fenster. Wenn

das Geld nun einer armen Rentnerin gehörte, die nun nicht wusste, wie sie diesen

Monat überbrücken sollte! Wie war dir damals zumute beim Verlust deines

Haushaltsgeldes für den ganzen Monat? Elendig, nicht wahr! Aber was ist, wenn

das Geld ein reicher Pinkel verloren hat, für den die paar hundert Euro nur

Peanuts waren? - Aber dazu passte das armselige Aussehen der Börse nicht! -

Angenommen, du kaufst dir das gewünschte Service? Es würde dich zwar immer

an deinen erfreulichen Fund erinnern, aber jeder Schluck Kaffee ließe dein

schlechtes Gewissen schlagen! Ihre zwei Seelen stritten sich auch noch beim

zweiten Kaffee. Soll ich? - Soll ich nicht? - "Ach, was soll`s!" sagte sie laut und

die Bedienung lächelte mitleidig, als sie ging. Irene lenkte ihre Schritte zur

nächsten Polizeistation.

Als sie wieder auf die Straße trat, war ihr Schritt fest und elastisch, ihr

Gesicht heiter und zufrieden. All ihre schönen Pläne, vom Seidentuch bis zum

Kaffeegeschirr, waren vergessen und abgehakt.

Sie trauerte ihnen nicht nach – im Gegenteil.