Florin Buntschuh –Der Schusterlehrling

Kapitel 1

Florin hatte von seiner Mutter nichts geerbt als ihre blauen Augen und den aufrechten Gang, und als sein Vater starb, hinterließ er ihm ein kleines Holzkästchen. Darin befanden sich sieben bunte Nadeln, jede anders geformt. Eine Schere, ein Stückchen Leder, ein Bandmaß aus Holz und ein zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf stand geschrieben: „Dem Tüchtigen gehört die Welt.“ Nächtelang lag Florin wach und grübelte darüber nach, was diese Dinge zu bedeuten hätten! Doch er kam nicht dahinter. Eines Nachts jedoch hatte er einen seltsamen Traum. Er sah sich an einem Tisch sitzen und einen Schuh anfertigen. „Das ist es“, atmete er erleichtert auf und er beschloss, Schuhmacher zu werden. Sofort packte er sein Ränzlein, verstaute sein Erbe sorgfältig und machte sich auf den Weg. Doch kein Meister wollte einen Lehrjungen annehmen. Es herrschten schlechte Zeiten. Handgefertigte Schuhe konnten sich nur Reiche leisten und davon gab es nur wenige. Auf der Suche nach einer Lehrstelle wanderte Florin durch das ganze Land. Er wollte schon aufgeben, da stieß er hinter einem großen, dunklen Wald auf ein einsames Haus. Auf dem Schild über dem Eingang stand: Jakob Wendelin – Schuhmachermeister.

„Meine Anfrage wird auch wieder vergebens sein“, dachte Florin, aber vielleicht bekomme ich einen Teller Suppe oder ein Stück Brot. Also klopfte er, aber niemand meldete sich. Er drückte auf die Klinke. Das Haus war nicht verschlossen. Er betrat den Flur. Ging von einem Zimmer ins andere. Keine Menschenseele war zu sehen. Erneut öffnete er eine weitere Tür. Dort saß ein Mann vor einem großen Tisch und nähte an einem Schuh. Es war Jakob Wendelin, der Schuhmachermeister.

Florin trug ihm sein Anliegen vor. Meister Wendelin blickte ihm recht lange in die Augen, dann sagte er: „Ich brauche eigentlich keinen Lehrjungen. Ja, früher wohnte ich in der Stadt, hatte eine große Werkstatt mit sieben Gesellen, aber heute lebe ich hier allein und nähe nur noch meine eigenen Schuhe. Aber du gefällst mir, und ich bin des Alleinseins müde. Wenn du mir das Haus sauber hältst, kannst du bleiben. Als Lohn will ich dir alles Beibringen, was ein Schuhmacher wissen muss.

Freudig willigte Florin ein. „Nun habe ich alles, was ich brauche“, dachte er, “einen Lehrmeister, ein Dach über dem Kopf und mein tägliches Brot. Florin blieb drei Jahre, hielt dem Meister das Haus sauber, kochte Essen und fütterte die Kuh, das Schaf, die Hühner und Gänse. Jede freie Minute verbrachte er in der Werkstatt. Und weil Florin klug war, lernte er schnell.

Es war im dritten Lehrjahr, als ihm sein Erbe, das Holzkästchen mit den bunten Nadeln, einfiel. Er holte es aus dem Schrank und öffnete es. Vorsichtig nahm er das graue Stück Leder in die Hand, als habe er Angst, es könnte zerbrechen. Dann griff er nach einer halbgebogenen, roten Nadel und stach hinein. Augenblicklich verfärbte sich das Leder rot. Vor Schreck ließ er es fallen und starrte sekundenlang das Leder auf dem Fußboden an. Das rote Stück Leder wurde größer und größer, so groß, er hätte bequem ein paar rote Schuhe davon anfertigen können. Schnell hob er es auf und zog die Nadel heraus. Augenblicklich wurde das Leder wieder grau. Florians Hände begannen zu zittern. Eine bunte Nadel nach der anderen stach er in das Leder. Und jedes Mal nahm es die Farbe der jeweiligen Nähnadel an und das Leder wuchs in seinen Händen. Sobald er die Nadel entfernte, wurde das Leder wieder grau und schrumpfte in seinen Händen auf die vorherige Größe. „So etwas gibt es nur im Märchen“, sagte sich Florin. „Ich besitze einen ungeheuren Schatz und wusste es nicht. Das Kästchen samt Inhalt ist verhext.

Was aber bedeutet die Schere?“, fragte er sich immer wieder. Die hatte er bisher noch nicht in seinen Händen gehalten.

Florin konnte den Abend kaum erwarten, bis der Meister zu Bett ging. Erst als er im Nebenzimmer sein Schnarchen vernahm, schloss er sich in seinem Zimmer ein. Vorsichtig nahm er die Schere aus dem Kästchen. Klappte auf, klappte zu, doch nichts geschah. „Kann ja nichts geschehen ohne Leder“, dachte er. Ohne viel zu überlegen, nahm er eine braune Nadel aus dem Kästchen, dazu das Stückchen Leder und stach hinein. Das Leder wurde groß und färbte sich braun. Nun nahm er die Schere zur Hand und setzte zum Schneiden an. Und siehe da, die Schere schnitt wie mit Zauberhand das Leder für ein paar Schuhe zurecht. Haargenau und ohne Abfall. Florin war so verdattert, dass seine Hand zu zittern begann. „Morgen werde ich als Abschiedsgeschenk meinem Meister ein paar Schuhe anfertigen! Na, der wird staunen!“

Zwei Abende saß Florin in seinem Zimmer und arbeitete an den Schuhen, dann waren sie fertig.

Er war sehr stolz auf sein Werk. Ihm war ein Meisterwerk gelungen, fand er. Anderntags band er die Schnürsenkel zusammen, hängte sich die Schuhe über die Schulter, lief in die Küche und bereitete das Frühstück für seinen Meister und sich.

 

Wie jeden Morgen betrat Meister Wendelin in seinen ausgetretenen Latschen und dem verblichenen Morgenrock die Küche. Die Schuhe hatte Florin zur Begutachtung auf den Tisch gestellt. „Schau, Meister, ich habe ein Geschenk für dich.“

Der Meister sprang entsetzt vom Stuhl hoch und rief: „Nimm sofort die Schuhe vom Tisch! Schuhe auf dem Tisch bedeuten Abschied. Weißt du das denn nicht?“

Irritiert zog Florin die Schuhe vom Tisch und legte sie auf den Fußboden. Dass sein Meister abergläubisch war, hatte er in der langen Zeit, die er hier war, noch nie bemerkt. Er war sichtlich enttäuscht, dass sein Meister den Schuhen so wenig Beachtung schenkte und dabei seelenruhig in sein Brot biss.

„Woher hast du das braune Leder“, wollte er wissen. „Soviel ich weiß, besitzen wir nichts mehr davon.“

Auf diese Frage war Florin nicht vorbereitet. Er begann zu stottern. „Doch Meister … ich … fand … das Leder in der Werkstatt in einer Ecke. Du hast es sicher übersehen“, redete sich Florin um Kopf und Kragen, „es reichte haargenau für diese Schuhe, schwindelte er.“

Zweifelnd blickte Meister Wendelin ihm in die Augen.

„Bitte probiere sie an. Ich möchte wissen, ob sie dir passen!“, bat Florin. Nach einigen bangen Minuten schlüpfte sein Meister in die Schuhe. Er lief damit hin und her, murmelte vor sich hin, nickte wiederholt mit dem Kopf und begann zu strahlen.

„Du hast viel gelernt“, mein Sohn, „die sind besser, als ich es jemals konnte.“

Florin strahlte: „Also gefallen sie dir?“ „Ja, ja“, lachte Schuster Wendelin, sie sind ein Meisterstück.“ Genau das, wollte Florin hören.

„Meister darf ich was fragen?“

„Ich weiß, was du fragen willst. Du hast mir treu gedient, und ich habe dich liebgewonnen, wie meinen eigenen Sohn. Ich merke schon seit Tagen, es zieht dich in die Welt hinaus. So lass uns Abschied nehmen. Versprich mir, sobald du in der großen Stadt Fuß gefasst hast, dass du mich zu dir holst.“

„Ja, Meister, ich verspreche es“, gelobte Florin.

Er bekam seinen Lohn und machte sich auf den Weg.

 

Kapitel 2

 

Es war ein heißer Sommertag, als Florin das Haus am Waldrand verließ. Jakob Wendelin, sein Meister, blickte ihm lange nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Frohen Mutes schritt Florin voran. Kein Lüftchen regte sich und nach kurzer Zeit schon wurde er müde. Da erblickte er vor sich einen großen, dunklen Wald, in dem zwei Riesen ihr Unwesen trieben. Weil Florin aber davon nichts wusste, wollte er erst ein wenig ausruhen, bevor er den Wald durchschritt. Er sah einen großen Baum mit einem grünen Rasenhügel davor. Und da der Baum nur wenige Schritte vom Wegesrand stand, legte er sich auf den Grashügel, um eine Pause einzulegen. Die Blätter des Baumes rauschten sehr seltsam. Seine Zweige bewegten sich leise und ließen bald hier, bald da einen feinen glitzernden Sonnenstrahl auf den Rasenhügel fallen. Die Augen fielen ihm zu und er schlief ein.

Er träumte, er säße in einer Schusterwerkstatt und fertigte Schuhe an. Um ihn herum standen viele Menschen und sahen ihm zu. Sie begannen im Takt in die Hände zu klatschen und riefen: “Schneller, Florin, schneller! Wir wollen, dass du auch für uns neue Schuhe nähst!“

Florin arbeitete, so schnell er nur konnte, aber sie klatschten immer schneller, immer lauter, bis die Wände zu beben begannen; da wachte er auf.

Florin erblickte neben sich zwei nackte Füße, die waren so groß, dass er dachte, er träume noch. Als er sich auf die andere Seite drehte, sah er auch dort zwei nackte Füße, die noch ein Stück größer waren.

Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, und als er zwei Riesen über sich aufragen sah, erschrak er.

„Jupedihi“, sagte der eine Riese, er hatte langes, rotes Haar und einen roten zottigen Bart, „was haben wir denn da für einen merkwürdigen Vogel gefunden?“

„Jupediho“, sagte der andere Riese, der hatte grünes Haar und einen grünen Bart, „ob er fliegen kann? Wollen wir ihn in die Luft werfen oder gleich auf den Regenbogen?“

Florin zitterte am ganzen Körper. Aber mutig rief er: „Bitte tut mir nichts, ich bin nur ein armer Schuster.“

„So, so, ein Schuster bist du?“, sagte der grünhaarige Riese.“

Ja, ein Schuster. Ich tue niemanden etwas zuleide. Lass mich in Frieden ziehen. Ich mache euch auch neue Schuhe, damit ihr im Winter nicht an den Füßen friert und im Herbst besser über die Stoppelfelder laufen könnt.“

„Aber wo willst du das Leder dafür herbekommen?“

„Das lass mal meine Sorge sein“, antwortete Florin.

„Legt euch mal gerade hin, damit ich Maß nehmen kann. Er hätte ja auch die Füße der zwei Riesen im Stehen messen können, doch Florin wollte die Gelegenheit zur Flucht nutzen.“

Aber die Riesen passten auf. Sie blieben stehen. Deshalb musste er um sie herum laufen, um die riesigen Füße auszumessen.

„So, nun lasst mich in Ruhe, damit ich arbeiten kann.“

„Das würde dir so passen“, sagte der rothaarige Riese. Und sobald wir dir den Rücken ein Schuster bist du?“, sagte der grünhaarige Riese.“kehren, machst du dich aus dem Staub!“

„Das wird dir nicht gelingen“, meinte der grünhaarige Riese. Er nahm Florin in seine große Hand und setzte ihn auf einen Felsen ab.

„Da bleibst du sitzen und nähst unsere Schuhe. Wir kommen jeden Tag wieder, und schauen nach, wie weit du bist. Wenn du das in vier Tagen nicht schaffst, bleibst du für immer da oben sitzen. Verstanden?“

„Oder du lernst doch noch das Fliegen“, lachte der andere Riese. Florin zitterte wie Espenlaub, denn er war nicht schwindelfrei. Wenn er von seinem Sitz nach unten blickte, wurde ihm schwarz vor Augen, so tief war der Abgrund. Außerdem zitterte er vor Angst, das Leder würde ihm für die großen Schuhe nicht reichen und was dann? Musste er dann sein junges Leben hier oben auf dem Felsen lassen! Sobald er aber die Schere ansetzte, dehnte und reckte sich das Leder, und als er die Schuhe zugeschnitten hatte, war es wieder so klein wie zuvor. Da pfiff Florin vergnügt vor sich hin, aß ein Stück Brot und legte sich schlafen.

Er wurde von dem Poltern der Riesen geweckt, die durch den Wald stapften, dass sie Bäume krachten und die Tiere Reißaus nahmen.

Einer der Riesen sagte: „Der Kleine hat tatsächlich Leder für unsere Schuhe. Ob er am Ende zaubern kann?“

Der andere Riese tat, als fürchte er sich, „aber kann er auch nähen?“

„Lasst mir Zeit“, antwortete Florin und holt mich hier runter, ich möchte an den Fluss, ich habe Durst.“

„Das könnte dir so passen“, sagte der Grünhaarige, „du willst nur verschwinden.“

Der Rothaarige riss einen Baum aus, brach ihn durch und nagte mit seinen Riesenzähnen ein Loch in den Stamm. Damit lief er zum Fluss, schöpfte Wasser und stellte ihn zu Florin auf den Felsen. Der Grünhaarige legte ihm eine Handvoll Kartoffeln dazu, davon hätte er ein Jahr lang leben können. Der Schustergeselle nähte drei Tage, und jeden Morgen kamen die Riesen und sahen nach ihm. Am vierten Tag waren die Schuhe fertig. Die Riesen zogen sie gleich an und freuten sich wie die kleinen Kinder.

„Sie sitzen wie angegossen“, sagten beide wie aus einem Mund, „dich behalten wir hier.“

„Das könnt ihr doch nicht tun!“, empörte sich Florin.

„Lasst mich hinunter, ich muss in die Stadt.“ Doch die Riesen lachten nur, sodass die Erde rundum erzitterte. Sie stapften mit ihren neuen Schuhen an den Füßen davon und drehten sich nicht um, so laut Florin auch schimpfte und schrie. Verzweifelt suchte Florin jeden Spalt des Felsens ab, er fand aber keinen Weg. Da warf er sich auf den Fels und weinte bittere Tränen, bis er darüber einschlief. Als er anderntags die Riesen in ihren neuen Schuhen sah, kam ihm eine Idee. Er schlug sich an die Stirn, warum er nicht eher daran gedacht hatte.

„Eure Schuhe gefallen mir nicht“, sagte er. „Soll ich sie euch einfärben?“

„Was“, sagte der eine Riese, „färben kannst du auch? Dann will ich rote Schuhe haben, so rot wie mein Bart.“

„Und meine sollen so grün sein, wie meine Haare.“

„Lasst mich runter. Sonst geht es nicht.“ Der Rothaarige setze ihn ins Gras.

„Aber ich passe auf dich auf“, sagte er. Florin verlangte von ihnen, sie sollten sich dicht nebeneinanderstellen. Ungesehen von den Riesen griff er in sein Holzkästchen und nahm eine grüne und eine rote Nadel zur Hand. Damit stach er unbemerkt in die Schuhe, ohne dass die beiden es bemerkten. Dabei vertauschte er die Nadeln, und wie der Rothaarige bemerkte, dass er grüne Schuhe an den Füßen und der Grünhaarige rote Schuhe trug, rissen sie den Mund auf und schrien sich an: „Du hast meine Schuhe an. Gib sofort meine Schuhe her!“ Sie gingen aufeinander los und zogen sich gegenseitig an den Haaren. Die Gelegenheit benutzte Florin. Er schnappte sich sein Holzkäschen und rannte davon, so schnell und soweit er konnte. Er versteckte sich unter einen Busch und lauschte. Die Riesen brüllten: „Schuster! Schuster! Sie stampften mit den Füßen auf, dass die Erde erzitterte. Florin bemerkte erleichtert, dass sie in die falsche Richtung liefen, um ihn wieder einzufangen. Er marschierte dreiunddreißig Tage, bis er die Stadt erreichte.

 

Kapitel 3

 

Bald fand er einen passenden Laden. Er kaufte sich einen großen Tisch, dazu einen Hocker und eine Tafel, auf die schrieb er: `Florin Buntschuh - Schuhmacher`.

Neugierig traten die Nachbarn hinzu und erwiderten freundlich seinen Gruß.

Florin dachte: “Wenn das alles meine Kunden werden, bin ich zufrieden!“

Was Florin aber nicht wusste, er war nicht der einzige Schuhmacher in der Stadt. Am nächsten Tag schon betrat ein Mann seine Werkstatt. Er stellte sich als Schuhmachermeister Willard vor.

„Du bist also der neue Schuhmacher in der Stadt“, sagte er ziemlich hochnäsig. Na, dann zeig mal, was du kannst.“

„Du kannst mich ja auf die Probe stellen“, sagte Florin frohen Mutes.“

„Ich schicke dir morgen einen Kunden. Er ist Schornsteinfeger und braucht neue Schuhe. Wenn die dir misslingen, jage ich dich mit Schimpf und Schande aus der Stadt.“

Florin lachte: „Das schreckt mich nicht. Ich habe bei meinem Meister alles gelernt, was einer nur lernen kann.“

Meister Willard drehte sich um. Er verließ den Laden, damit Florin sein böses Lachen nicht sah. Er wusste nämlich, dass der Schornsteinfeger sich himmelblaue Schuhe wünschte, die ihm keiner nähen konnte, weil es weit und breit kein himmelblaues Leder gab. Noch am gleichen Tag erschien der Schornsteinfeger, und als er den leeren Laden sah, wollte er gleich wieder gehen.

„Du willst mir neue Schuhe nähen?“, fragte er misstrauisch.

„Ja“, antwortete Florin, „und sie sollen so gut werden, wie du noch nie welche hattest.“

„Hast du denn auch himmelblaues Leder?“, wollte er wissen.

„Leder in allen Farben, die du dir nur denken kannst“, sagte Florin. Nachdem er die Füße vom Schornsteinfeger gemessen hatte, machte er sich an die Arbeit, schnitt das Leder zu, und weil die Sonne schien, stellte er seinen Tisch vor die Türe, hockte sich davor und begann zu nähen. Die Nachbarn kamen, um sich mit ihm bekannt zu machen und zu plaudern. Florin hörte gut zu, er gab kluge Antworten, deshalb wurde er bald um Rat in dieser oder jener Angelegenheit gefragt.

Als eine Nachbarin bat, die Schuhe ihres Mannes zu flicken, tat er es umsonst. Bald brachten auch andere ihre kaputten Schuhe und Florin reparierte alle umsonst. War jemand in der Mittagszeit in seiner Werkstatt, stellte er Brot, Wurst und Wein auf den Tisch. Schnell sprach es sich in der Stadt herum, dass der neue Schuster keinem etwas abschlagen konnte, und so kamen immer mehr.

„Was bin ich doch für ein Glückspilz, dachte Florin, kaum angekommen und schon so beliebt und geachtet. Er bewirtete jeden für ein Dankeschön, und sprach jemand von seinen Sorgen, legte er die Nadel aus der Hand und hörte zu. Doch das war das Schlimmste, die Arbeit blieb liegen und er kam nicht weiter. Nichts wurde fertig.

„Was macht`s“, dachte er, „ich bin noch jung, ob ich heute fertig werde oder morgen. Warum soll ich nicht helfen! Ich habe meine Zaubernadeln und das Leder.“

„Und wenn die Schuhe vom Schornsteinfeger fertig sind, bekomme ich mein Geld.“

Aber die Schuhe wurden nicht fertig und als der Schornsteinfeger vorbeiging und ihm zurief:

„Übermorgen hole ich meine Schuhe“, erschrak Florin. Er schloss sich ein und öffnete nicht, sooft auch an seine Tür geklopft wurde. Er arbeitete Tag und Nacht, um den Auftrag zu erfüllen. Kaum waren die Schuhe fertig, kam der Schornsteinfeger, um sie abzuholen. Er hatte gerade noch Zeit, um mit der himmelblauen Nadel den letzten Stich zu machen. Florin hatte sich aber vergriffen. Statt der hellblauen Nadel hatte er die Dunkelblaue genommen. Die Schuhe waren dunkelblau wie ein trüber Regentag. Der Schornsteinfeger tobte, er warf die Schuhe auf den Fußboden und trat darauf herum.“

„Ich wusste gleich, dass du kein richtiger Schuster bist“, rief er wütend, „sitzt den ganzen Tag in der Sonne und hältst Maulaffen feil, statt zu arbeiten. Pack dein Bündel und scher dich fort!“

Immer mehr Menschen kamen, sie grölten und lachten ihn aus. Das war also der Dank für seine Hilfe und Großzügigkeit! Florin ergriff sein Holzkästchen mit der Schere, dem Leder und den bunten Nadeln und stürzt er aus dem Haus. Er lief und lief, bis er vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Auf einem kahlen Acker kam er wieder zu sich und holte tief Luft.

 

„Der Schornsteinfeger hat recht“, sagte sich Florin, ein Faulenzer und Tagedieb bin ich geworden. Aber das hat jetzt ein Ende! Er besah sich von unten bis oben. „Ich sehe wahrlich nicht wie ein Schuhmacher aus. Für andere habe ich die Schuhe umsonst geflickt. Und wie sehen meine Schuhe aus? Die Absätze abgetreten, die Sohlen durchgelaufen und vorne schauen die Zehen raus.“

Also setzte sich Florin am Rande des Ackers hin, nähte sich ein Paar neue Schuhe und machte sich auf, in die nächste Stadt. Soviel er auch suchte, er fand keinen Laden, auch keine neue Anstellung bei einem anderen Schuster. Lange irrte er durch das Land. Er schlief in der freien Natur und ernährte sich von Wurzeln und Gras. Oft dachte er an seinen Meister Jakob Wendelin.

„Was wird er von mir denken? Ich habe ihm versprochen ihn in die Stadt zu holen – und nun – klagte Florin?“

 

Als der Winter kam, machte er sich schweren Herzens auf den Weg zurück zu seinem Meister.

„Vielleicht ist mein er barmherzig und nimmt mich wieder auf. Ich habe doch sonst niemanden auf der Welt. Als Florin den großen Wald erreichte, verbarg er sich am Tage und wanderte nur noch nachts aus Angst vor den Riesen. Deshalb brauchte er siebenmal sieben Tage, um den Wald zu durchqueren. Als er ankam, war er nur noch ein Strich in der Natur, deshalb erkannte ihn Jakob Wendelin nicht.

„Komm nur herein“, sagte er. „Du dauerst mich. Wer bist du?“

Florin getraute sich nicht zu verraten, wer er war. Er bekam zu essen und zu trinken und schließlich bot ihm der Meister an, bei ihm zu bleiben.

„Ich bin alt und schwach“, sagte er und brauche Hilfe. Lohn kann ich dir nicht zahlen, denn ich besitze kein Geld, aber wenn du fleißig bist, nehme ich dich mit in die Stadt, wenn mein Sohn Florin mich holt.“

Da schossen Florin die Tränen in die Augen. Meister Wendelin dachte, sein Gast würde aus Dankbarkeit weinen und weil seine Not jetzt ein Ende hat. Er legte seine Hand auf Florins Kopf und sagte: „Alles wird gut. Glaub einem alten Mann. Nur wer die Hoffnung aufgibt, hat verloren.“

Da getraute sich Florin erst recht nicht, dem Meister die Wahrheit zu erzählen. Je länger er blieb und sich von den Strapazen erholte, desto öfter sagte Jakob Wendelin: „Ich weiß nicht, du erinnerst mich an meinen Florin.“

Eines Tages brachte er es nicht mehr über sich. Er warf sich dem Meister zu Füßen und gestand, wer er ist und bat inbrünstig um Verzeihung.

„Wie sollte ich dir nicht verzeihen“, sagte Meister Wendelin“, ich habe dich doch liebgewonnen, wie meinen eigenen Sohn. Florin blieb. Es dauerte aber nicht lange, da zog es ihn wieder hinaus.

„Meister, ich will es noch einmal versuchen. Hier in der Einsamkeit kann ich nicht auf Dauer leben!“

„Ich lass dich nicht gerne ziehen, denn ich befürchte, es wird dir wieder schlecht ergehen.“

„Sei unbesorgt“, sagte Florin, „ich weiß ja jetzt, was ich falsch gemacht habe.“ Er nahm Abschied und brach auf.

 

Kapitel 4

 

Florin hatte viel zu überdenken. Er setzte sich auf eine Wiese, nahm zum Spaß die Schere aus dem Kästchen und begann damit Gras zu stutzen. Dabei sprach er: „Alles gleich, alles gleich!“ Als er sah, dass das Gras geschnitten war, als wäre ein Rasenmäher darüber gefahren, ein Halm wie das andere, war er frohen Mutes. Plötzlich hatte er keine Angst mehr vor den Riesen, warum wusste er nicht zu sagen. Aber als sie vor ihm standen, war ihm doch nicht ganz geheuer.

„Jupedihie“, sagte der rothaarige Riese, „mir scheint, den Vogel hier kennen wir.“

„Jupediho“, meinte der grünhaarige Riese, „warum bist du davongelaufen. Diesmal entwischt du uns nicht wieder. Wir brauchen neue Schuhe. Unsere großen Zehen schnuppern an der frischen Luft und die Absätze sind abgelaufen.“

„Langsam, langsam“, sagte Florin und überlegte, wie er ihnen entkommen könnte.

„Zu euren zerzausten Bärten sind die Schuhe gerade gut genug. Schämt ihr euch nicht, so herumzulaufen?“, sagte Florin mit mutiger Stimme.

Da fassten sich die Riesen verwundert an ihre Bärte und sagten: „Wieso, was meinst du denn Schuster?“

„Ich war lange in der Hauptstadt und weiß, wie man einen Bart trägt. Fein gestutzt, ein Haar so lang wie das andere.“

„Dann schneide uns den Bart nach der neuesten Mode“, sagten beide wie aus einem Mund.

„Aber nicht umsonst“, erwiderte Florin, „umsonst ist der Tod. Ich biete euch eine Wette an: Wenn ihr nur ein Haar findet, das länger ist als die anderen, dann mache ich euch neue Schuhe. Gewinne ich, müsst ihr mich gehen lassen.

Da steckten die Riesen die Köpfe zusammen und tuschelten. So leise sie auch flüsterten, Florin verstand jedes Wort.

„Willst du ihn wirklich ziehen lassen“, flüsterte der Grünhaarige.

„Keine Angst“, flüsterte der Rothaarige zurück.

„So gleichmäßig kann kein Mensch schneiden.“

„Wenn dir das gelingt, bekommst du noch eine Handvoll Silberlinge von uns“, bekräftigten beide. Der Eine zeigte seine Hand, die war so groß, dass ein Pferdewagen samt Pferd darauf Platz gehabt hätte.

„Die Wette gilt. Legt euch hin, damit ich euch die Bärte stutzen kann.“

Florin nahm die Schere und murmelte in Gedanken: „Ein Haar so gleich wie das andere.“

Er kletterte auf die Brust des rothaarigen Riesen und begann zu schneiden. Danach kam der andere dran. Inzwischen befühlte der Rothaarige seinen Bart zwischen Daumen und Zeigefinger und bekam große Augen. Schließlich drehte er sich zu seinem Kumpan und flüsterte ihm ins Ohr: „Der Schuster schafft es tatsächlich, dass wir die Wette verlieren. Ein Haar ist so lang wie das andere. Aber wir lassen ihn nicht gehen!“

Florin hatte trotz Flüstern alles gehört und bekam es mit der Angst. Da zeigte er in den Wald und rief: „Ein Drache! Ein Drache! Und während die Riesen sich nach dem angeblichen Drachen umsahen, nahm Florin Reißaus und versteckte sich im Unterholz.

 

Nach drei Wochen erreichte er die Stadt. Niemand erkannte ihn, weil er sich bei seinem Meister, Jakob Wendelin, einen Bart hatte wachsen lassen.

Es war gerade Markttag. Florin strich zwischen den Ständen umher, besah sich die ausgestellten Waren und überlegte, wie er es am klügsten anstellen könnte, Arbeit zu finden. Da sah er drei Männer, die sich prügelten. Es waren Brüder. Sie hatten von ihrem Vater eine Kuh geerbt und auf dem Markt verkauft. Den Erlös teilten sie an Ort und Stelle unter sich auf. Ein Pfennig blieb übrig und darüber bekamen sie Streit.

„Wie kann man sich nur um einen Pfennig raufen“, mischte sich Florin ein. „Um des Friedens willen hört auf, ich teile euch den Pfennig.“

„Ja, geht das denn?“, fragten sie verwundert. „Ja, ich bin Schuster, bei mir geht alles“, antwortete Florin. Er nahm seine Schere und schnitt den Pfennig in drei gleiche Teile.

„Jetzt hat jeder so viel wie der andere“, sagte er, „und keiner etwas davon, „denn was ist ein zerschnittener Pfennig noch wert. Das soll euch eine Lehre sein.“ Da vertrugen sich die drei Brüder und zogen beschämt davon. Die Menschen, die das alles mitangesehen hatte, staunten. Bald wussten alle auf dem Markt, dass ein Schuster gekommen war, der nicht nur Leder schneiden konnte, sondern auch Geld.

Er dauerte auch nicht lange, da sprach ihn ein Mann an und sagte, er habe eine Schusterwerkstatt und ob er Arbeit suche?

 

Kapitel 5

„Das ging ja leichter als ich gedacht habe“, lachte sich Florin ins Fäustchen. So landete er in der Werkstatt beim Schuster Sohlenbeck. Er bekam eine eigene Kammer, reichlich zu essen, und Lohn. Und noch ein Handel wurde beschlossen.

„Du bezahlst das Leder, das ich in Zukunft besorge“, forderte Florin und der Gewinn, der verkauften Schuhe, wird geteilt.“ So betrog Florin von Anfang an seinen Meister, der ja nicht ahnte, dass sein Geselle ein Stück Zauberleder besaß, das nicht endete, bunte Nadeln, die das Leder so färben konnten, wie es gewünscht wurde und eine Schere, die haargenau zuschnitt, ohne Abfall. Da sein Meister alt und krank war, willigte er ein. Ja, er freute sich, so einen geschäftstüchtigen Gesellen gefunden zu haben!

Bald füllte sich sein Geldbeutel, und er musste sich einen Zweiten nähen. Mehrmals am Tag rieb sich Florin die Hände und dachte: „Bald bin ich reich, kaufe mir eine eigene Werkstatt und werde der reichste Schuster im ganzen Land.“

Das jedoch verriet er niemanden, nicht einmal Röschen, des Meisters Töchterlein, die oft bei ihm saß und spielte und die Einzige war, mit der er ab und zu erzählte. Wenn sonst jemand mit ihm reden wollte, murrte er: „Ich hab` keine Zeit.“

Jeden Abend schloss Florin sich in seine Kammer ein und zählte sein Geld, und jede Nacht hatte er den gleichen Traum: Er träumte von einer reichen Königstochter, die er zur Frau nahm. Wenn er erwachte und erkannte, dass er nur in seiner Dachkammer saß, streichelte er seinen Geldbeutel und dachte: „Kommt Zeit, kommt Geld. An Meister Jakob Wendelin dachte er nicht mehr.

Nach einiger Zeit kam eine schlimme Krankheit über die Stadt und raffte viele Menschen dahin. Auch seinen Meister und dessen Frau. Vorher aber rief er Florin zu sich und sagte: „Du bist ein fließiger und sparsamer Mann. Ich will dich zu meinen Erben einsetzen, dafür sollst du dich um meine Tochter kümmern. Nun war Florin der Meister mit eigener Werkstatt. Die Kunden blieben Florin treu, obwohl er wortkarg und nicht freundlich war. Denn er arbeitete schneller und besser als alle anderen, denn er hatte ja nichts anderes im Sinn, als schnell reich zu werden. Weil es ihm aber zu langsam ging, wurde er immer geiziger. Zuerst entließ er die Hilfe im Haushalt, das musste nun das kleine Röschen tun. Er schnitt ihr mit seiner Schere, das Brot und den Belag zu. Danach jagte er den Hund und die Katze davon und schließlich Röschens Wellensittich. “Unnötige Fresser brauchen wir nicht!“, sagte er. Röschen, die oft einem Bettler Essen gab, durfte es nicht mehr. „Wir haben nichts zu verschenken!“, schrie er. „Wer schenkt mir etwas?“ Wenn jetzt ein Bettler an die Tür klopfte, wurden sie abgewiesen. Da machten sie drei weiße Kreuze an sein Haus. Das bedeutete: Geizhals, Anklopfen sinnlos. Eines Tages wagte es ein Bettler anzuklopfen, denn seine Not war groß. Florin jagte ihn davon. Da sagte der Bettler: „Möge das Schicksal dir gnädig sein und dich davor bewahren, jemals an fremde Türen klopfen zu müssen.“ Ein andermal kam eine Nachbarin zu Florin. Sie bat ihn, für ihre zwei Kinder neue Schuhe zu machen. Geld besitze sie im Moment nicht. Er müsse auf die Bezahlung noch ein wenig warten.

„Umsonst ist der Tod“, erwiderte Florin. Da gab sie ihm ihren letzten Pfennig, den sie besaß. Als sie ging, sagte sie: „Möge dir nie Gleiches mit Gleichem vergolten werden.“ Bald nannte man Florin nur noch den geizigen Schuster. Wie treffend das war, wusste nur Florin selbst.

Eines Tages klopfte eine arme Frau an die Tür. Sie hatte drei Kinder bei sich und bat um ein Stück Brot. Da überwand Röschen ihre Furcht und gab ihnen den Rest Suppe vom Mittag und ein Stück Brot. Im gleichen Moment kam Florin aus der Schusterwerkstatt.

„Warte!“, brüllte er, „jetzt sollst du mich kennenlernen!“ Er griff nach seiner Schere, mit der er Röschen schon oft gedroht hatte, ihr die Haare abzuschneiden, doch das Mädchen war schneller als er. Sie packte die Schere und rannte auf die Straße; Florin immer hinter ihr her.

„Gib mir sofort die Schere!“, brüllte er. Röschen war aber schneller. Sie kletterte auf den Brunnen und rief:

„Die soll der Teufel holen!“, und ließ sie fallen.

„Dann soll er dich auch holen!“, schrie Florin und wollte das Mädchen vor Wut in den Brunnen stoßen. Beinahe hätte er das auch getan, wenn die Leute, die alles mit angesehen und mitangehört hatten, ihn nicht davor bewahrt hätten! Die Schere lag leider im Brunnen. An seine wertvollen Utensilien kam er auch nicht mehr ran, da waren sie auch schon da und jagten ihn mit Schimpf und Schande aus der Stadt. Und nur, weil er vor Angst schneller laufen konnte, rettete ihm das Leben.

Als Florin am Morgen die Augen öffnete und den blauen Himmel über sich sah, musste er daran denken, dass er zum zweiten Mal sein Glück verspielt hatte. Er dachte an seinen Meister Jakob Wendelin, an das, was er ihm versprochen hatte und wie der auf ihn gewartet haben musste.

„Was ist nur aus mir geworden?“, rief Florin verzweifelt. Er fühlte sich elend und schwach und schämte sich so, dass er niemanden mehr in die Augen blicken konnte. Er traute sich auch nicht irgendwo um Arbeit oder Obdach zu bitten, sondern zog bettelnd durchs Land. Wurde er an einer Tür abgewiesen, dachte er: „Recht geschieht mir; jetzt wird Gleiches mit Gleichem vergolten!“

Schließlich kam der Winter. Als Florin eines Nachts unter einem Strauch beinahe erfroren wäre, beschloss er, zurück zu Meister Jakob Wendelin zu gehen. Vielleicht ist er barmherzig und nimmt mich ein drittes Mal auf. Er war so matt und innerlich fertig, dass er nicht einmal mehr Angst vor den Riesen hatte. Die hatten sich in ihre Höhle verkrochen und fürchteten nichts so sehr als den Winter mit seiner Kälte.

Das Haus seines Meisters war arg verfallen, durch das Dach pfiff der Wind und die Fenster waren zugenagelt. Es dauerte endlos, bis ihm die Türe geöffnet wurde.

„Wer ist da?“, fragte Jakob Wendelin. Sein Haar war weiß geworden und seine Augen fast erloschen. Florin gab sich nicht zu erkennen und antwortete: „Ein armer Bettler, der im Leben alles verkehrt gemacht hat.“

„Komm herein und wärm dich. Viel kann ich dir nicht bieten, nur ein Dach über dem Kopf und ein paar Kartoffeln. Aber vielleicht hat alle Not bald ein Ende, denn Florin, mein Sohn ist in die Stadt gezogen und kommt mich sicher bald holen. Wenn du bei mir bleiben willst und mir helfen willst, nehmen wir dich mit.“

Florin schämte sich in Grund und Boden, es war ihm unmöglich dem Alten die Hoffnung zu rauben. Aber er blieb. Er flickte das Dach, säuberte das Haus, holte Holz aus dem Wald, und als die Kartoffeln zu Ende gingen, grub er unter dem Schnee nach Wurzeln. So kamen sie über den Winter. Wenn aber sein Meister von seinem Sohn Florin sprach, ging er hinaus, um seinen Meister nicht weinen zu hören. Und er war froh, dass der Alte fast blind war und ihn nicht erkennen konnte. Lange hielt Florin das nicht aus und gab sich zu erkennen.

„Ich weiß es schon lange“, antwortete Jakob Wendelin. Deine Stimme hat dich verraten. Ich wollte aber, dass du selbst es mir sagst.“

Florin erzählte ihm alles und schonte sich nicht. Als er alles gebeichtet hatte, sagte er:

„Und nun will ich gehen. Jetzt wo du weißt, was für ein schrecklicher Mensch ich geworden bin, wirst du mich davonjagen wie einen Hund, und recht geschieht mir.“

„Du bist ehrlich gewesen und hast nichts verschwiegen“, meinte Jakob Wendelin. „So will ich dir verzeihen, mein Sohn.“

Florin umschlang die Hände seines Meisters und sagte: „Ich danke dir, Vater.“

 

Kapitel 6

 

Als der Schnee schmolz und die Wege wieder passierbar waren, sagte Florin: „Vater, lass uns weggehen aus dieser Einöde. Ich werde für uns schon einen Platz finden.“

„Geh` allein. Was willst du dich mit einem fast blinden, alten Mann belasten! Es gelang Florin, seinen Meister zu überreden. Sie machten sich auf den Weg und hatten nicht mehr zu tragen, als sie in einer Hand halten konnten. Florin schlug vor, nur nachts zu wandern, um den Riesen nicht zu begegnen. Es half ihnen aber nichts. Als sie den Wald fast passiert hatten und auf das freie Feld traten, schien der Mond auf das silberweiße Haar von Meister Wendelin, dass es wie ein Spiegel leuchtete. Kurz darauf standen die beiden Riesen vor ihnen und ihre Mienen verhießen

nichts Gutes.

„Haben wir dich endlich!“, grunzte der rothaarige Riese.

„Und diesmal für immer“, lachte der grünhaarige Riese und drückte Tobias mit dem Daumen an einen Baumstamm. „Mach uns neue Schuhe!“, befahlen sie.

„Wenn es denn sein muss“, seufzte Tobias, „aber ich habe noch eine Bitte: Lasst mich meinen alten Vater ins nächste Dorf führen, er ist blind und käme ohne Hilfe nicht zurecht.“

„Das soll er nicht“, sagte der Rothaarige, „wir wollen dem Alten nichts Böses. Doch bringe ich ihn lieber selbst hin. Du hast uns schon zweimal ein Schnippchen geschlagen.“

Tobias nickte ergeben.

„Warte dort auf mich!“, flüsterte Tobias seinem Vater zu, „irgendetwas wird mir schon einfallen, den Riesen zu entkommen! Vielleicht hilft mir diesmal mein Holzmaß, obwohl ich nicht viel Hoffnung habe.“

Der rothaarige Riese packte Meister Wendelin und machte einen Schritt, da war seine Hand schon über dem Dorf. Behutsam setzte er den Alten auf die Erde.

„Direkt vor dir“, sagte er, „ist eine Tür. „Du brauchst nur anklopfen.“

Florin überlegte derweil fieberhaft, was er tun könne.

Als der Grünhaarige ihn hochheben und zu dem Felsen tragen wollte, schrie er: nein, du nicht! Dein Kumpan soll mich tragen.“

„Warum?“, fragte der Riese verwundert.

„Weil seine Hand größer ist“, sagte Florin, „da sitzt es sich bequemer.“

„Seine Hand ist nicht größer“, murrte der Grünhaarige.

„Lass mich mal messen“, sagte Florin, und bevor der Riese nachdenken konnte, nahm er sein Maß und legte es an die Hand des Grünhaarigen.

„Und nun deine Hand“, sprach er zu dem Rothaarigen.

„Merkwürdig“, sagte Florin und schüttelte den Kopf, „ich hätte geschworen, dass deine Hand größer ist. Wo man doch auf den ersten Blick sieht, dass du ein ganzes Stück länger bist.“

„Bin ich das?“, fragte der Rothaarige stolz und warf sich in die Brust.

„Kein Stück“, schrie der Grünhaarige.

„Doch“, meinte Florin, „mindestens einen halben Meter. Soll ich euch genau ausmessen.

„Wozu?, antwortete der rothaarige Riese. „Ich glaube dir auch so. Ja, ich bin der Größte!“

„Du“, erwiderte der Grünhaarige höhnisch. „Dass ich nicht lache.“

„Jetzt scheint es mir plötzlich so, als wärst du größer“, grinste Florin zu dem Grünhaarigen.

„Hörst du“, meinte der darauf zu seinem Kumpan, „ich bin der Größte.

„Nein, ich!“

Sie packten sich gegenseitig am Bart, holten aus und schlugen mit ihren Riesenfäusten auf ihre Schädel ein, dann sanken sie beide betäubt zu Boden und sagten nicht mehr muh und nicht näh.

Die Gelegenheit nutzte Florin und rannte davon.

Meister Seidenreich stand noch da, wo ihn der Riese abgesetzt hatte. Florin nahm ihn an die Hand, und als die Riesen wieder zu sich kamen, waren zwei Tage vergangen und beide längst über alle Berge.

 

Und sie hatten Glück. Beide gelangten ungehindert in eine kleine Stadt, in der wurde ein Schuster gesucht, weil der Alte gerade gestorben war. So blieben sie. Und weil Florin fleißig war, fand er bald Freunde und war gut angesehen. Vor allem hatte er etwas gelernt. Ehrlich und gerecht zu sein, auch ohne seine bunten Nadeln, dem Holzmaß, der Schere und dem Stück Leder. Die Dinge hatte er längst in den Holzkasten gepackt und in die hinterste Ecke seines Ladens verstaut.