Florin Buntschuh  Der Schusterlehrling

 

1. Kapitel 

Florin hatte von seiner Mutter nur die blauen Augen und den aufrechten Gang geerbt. Als der Vater starb, hinterließ er dem Sohn etwas mehr  nämlich ein kleines Holzkästchen. Darin lagen sieben bunte Nadeln, jede anders geformt, eine Schere, ein Stückchen Leder, ein Längenmaß aus Holz, eine Garnrolle und ein zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf stand: Dem Tüchtigen gehört die Welt. 

Nächtelang lag Florin wach und grübelte, was diese Dinge zu bedeuten hätten! Er kam nicht dahinter. Eines Nachts aber hatte er einen Traum. Er sah sich in  einer Werkstatt an einem Tisch sitzen und einen Schuh anfertigen

Als er erwachte, atmete er erleichtert auf und dachte: Das ist es! 

Er beschloss Schuhmacher zu werden, packte sein Ränzlein, verstaute darin sorgfältig das seltsame Erbe und machte sich auf den Weg. Aber wo immer er auch anklopfte, kein Meister benötigte einen Lehrjungen. Es herrschten magere Zeiten. Handgefertigte Schuhe trugen nur die Reichen und davon gab es wenige. 

 Florin wanderte also durch das halbe Land. Fast hatte er die Hoffnung aufgegeben, etwas Passendes für sich zu finden, da stieß er hinter einem Wald auf ein einsames Haus. Auf dem Schild über dem Eingang stand, fast unlesbar: 

Jakob Wendelin  Schuhmacher 

Meine Anfrage wird wieder vergebens sein, dachte Florin mutlos, aber vielleicht bekomme ich einen Teller Suppe oder ein Stück Brot. Mutig klopfte er an die Tür. Niemand meldete sich. Er drückte die Klinke nieder: Das Haus war nicht verschlossen. Er betrat den Flur, schaute in jeden Raum  aber keine Menschenseele war zu sehen. Erneut öffnete er eine Tür und da saß vor einem Arbeitstisch ein alter Mann und nähte an einem Schuh. Es war Jakob Wendelin, der Schuhmacher und Besitzer des Hauses. 

Florin trug ihm sein Anliegen vor. Meister Wendelin blickte den Burschen forschend an und dann sagte: Ich benötige eigentlich keinen Lehrjungen. Früher wohnte ich in der Stadt und hatte eine große Werkstatt mit sieben Gesellen. Heute lebe ich hier allein und nähe nur noch meine eigenen Schuhe. Das Schild über der Tür ist noch aus alten Zeiten. Aber du gefällst mir und ich bin des Alleinseins müde. Wenn du möchtest, bleib hier und halte mir das Haus sauber. Als Lohn dafür bringe ich dir alles bei, was ein guter Schuhmacher wissen sollte.

Freudig willigte Florin ein. Jetzt habe ich alles, was ich brauche, dachte er. Einen Lehrmeister, ein Dach über dem Kopf und mein tägliches Brot. 

Drei Jahre lang hielt er dem Meister das Haus sauber, kochte, fütterte das Schaf, die Hühner und Gänse und jede freie Minute verbrachte er in der Werkstatt. Weil er hell im Köpfchen war, lernte er schnell. 

Im dritten Jahr fiel Florin eines Tages plötzlich das Erbe seines Vaters wieder ein, das Holzkästchen. Zu guter Zeit holte er es in seiner Kammer aus dem Schrank und öffnete es. Vorsichtig entnahm er das graue Stück Leder, wählte aus den   gebogenen Nadeln die rote und stach sie versuchsweise in den Flecken. Der  färbte  sich augenblicklich rot. Erschreckt ließ Florin Nadel und Leder fallen und starrte auf den Fußboden, auf dem das Lederstück größer und größer wurde, bis er davon bequem ein paar rote Schuhe hätte anfertigen können. Da hob er es schnell auf und zog die Nadel heraus. Augenblicklich nahm das Leder die ursprüngliche Form und Farbe wieder an. Florians Hände zitterten vor Erregung. Er stach eine bunte Nadel nach der anderen in den Lederrest: Jedes Mal nahm dieser die Farbe der jeweiligen Nadel an und wuchs in seinen Händen. Sobald er sie entfernte, wurden Form und Farbe wieder hergestellt. 

So etwas gibt es doch nur im Märchen, dachte Florin. Woher hatte der Vater das Kästchen samt Inhalt nur? Es muss verhext sein. Ob die Schere auch etwas bewirkt? 

Er kam nicht dazu, sie in die Hand zu nehmen, denn der Meister rief nach ihm.  Florin eilte zurück an seine Arbeit. Am Abend konnte er kaum erwarten, dass der Meister sich in die Schlafkammer zurückzog. Erst als er von dort dessen leises Schnarchen vernahm, schloss er sich in seiner eigenen Kammer ein. Vorsichtig nahm er die Schere aus dem Kästchen, klappte sie auf, klappte sie zu, aber sie blieb, was sie war  eine Schere. 

Ohne Leder kann ja auch nichts geschehen, dachte er schließlich, griff kurz entschlossen nach dem grauen Lederrest und setzte zum Schneiden an. Siehe da! Die Schere in seiner Hand schnitt ohne seine Führung haargenau die Teile für ein Paar Schuhe zurecht. Florin glaubte fast nicht, was er sah.  

Daraus werde ich meinem Meister morgen zum Dank, dass er mir das Handwerk beibrachte, Schuhe anfertigen, nahm er sich vor. Na, der wird staunen! 

Zwei Abende lang saß Florin in seiner Kammer und nähte Schuhe, deren Größe ihm das hölzerne Maß geliefert hatte, mit einem Garn, das auf der Rolle niemals abzunehmen schien. Dann waren sie fertig. Er begutachtete seine Arbeit von allen Seiten und fand, dass ihm ein Meisterwerk gelungen war. Anderntags nahm er die Schuhe mit in die Küche, stellte sie gut sichtbar auf den Tisch und bereitete für den Meister und sich das Frühstück. 

Bald darauf erschien Meister Wendelin in ausgetretenen Latschen und  verblichenem Morgenrock in der Küche. Florin rief bei seinem Eintritt: Schau, Meister! Ich habe ein Geschenk für dich.

Jakob Wendelin blickte auf und rief entsetzt: Ach, Bursche! Schuhe auf dem Tisch bedeuten Abschied. Weißt du das nicht? Nimm sie sofort von dort herunter!

Folgsam stellte Florin die Schuhe auf den Boden. Wie konnte der Meister wissen, dass dieses Geschenk wirklich etwas mit einem Abschied zu tun hatte? Es war ihm selbst doch erst in dieser Nacht in den Sinn gekommen, dass er wandern wollte, wie es einem Handwerksburschen zukam.

Meister Wendelin biss zuerst hungrig ins Brot, ehe er mit vollem Mund fragte:  Woher hast du das gute braune Leder? Soviel ich weiß, besitze ich davon nichts mehr.

Auf diese Frage war Florin nicht vorbereitet. Er stotterte. Meister  ich  sah  ich meine, ich fand  das Leder in  einer Ecke der Werkstatt. 

Wendelin schaute seinen Lehrling zweifelnd an, aber der hielt  wenn auch mit Mühe  dem Blick stand und versicherte: Du hast den Rest gewiss übersehen. Er reichte gerade noch für diese Schuhe. Bitte, probiere, ob sie dir passen! 

Umständlich fuhr der Meister in die Schuhe, lief in ihnen hin und her, murmelte  Unverständliches, nickte anerkennend und bemerkte schließlich: Du hast viel gelernt, Bursche. Die Schuhe sind besser gearbeitet, als ich sie jemals hinbekommen hätte.

Florin strahlte: Gefallen sie dir? 

Ja, bestätigte Wendelin. Sie sind ein Meisterstück. 

Das wollte ich hören, gab Florin zu. Und ich habe auch noch eine Frage, die ...

Ich weiß, was du auf dem Herzen hast, unterbrach ihn der Meister. Die Schuhe auf dem Tisch haben es mir verraten: Es zieht dich in die Welt hinaus. Ich liebe dich wie meinen eigenen Sohn, aber ich lasse dich gehen, so schwer es mir auch fällt. Nur versprich, dass du mich zu dir holst, sobald du irgendwo Fuß gefasst hast.

Meister, das werde ich tun, versicherte Florin.

Wendelin gab ihm nun doch Geld für treue Dienste und der junge Schustergeselle machte sich um die Mittagszeit auf den Weg ins Unbekannte. 

Der Meister schaute ihm nach, bis er um eine Biegung des Weges verschwand.

 

2. Kapitel 

 

Es war ein heißer Sommertag, an dem Florin das Haus am Waldrand verließ. Kein Lüftchen regte sich. Anfangs schritt er guten Mutes voran, aber bald wurde er infolge der drückenden Hitze müde. Vor sich erblickte er einen Wald und beschloss, sich unter den Schatten spendenden Bäumen ein wenig auszuruhen. 

Wie hätte er ahnen sollen, dass dort zwei Riesen ihr Unwesen trieben! 

Ein Baum mit ausladenden Ästen, der auf einem flachen Hügel stand, lud zum Verweilen ein. In seinem Schutz legte Florin sich ins Gras. Die Blätter des Baumes rauschten leise, die Zweige bewegten sich knisternd und ließen hin und wieder einen glitzernden Sonnenstrahl hindurch. Dem Burschen fielen die Augen zu, er schlief ein und träumte, er säße in einer Schusterwerkstatt und fertigte Schuhe an. Viele Menschen standen um ihn herum. Sie klatschten im Takt und riefen: Schneller Florin, schneller! Wir möchten, dass du für uns neue Schuhe nähst! Er arbeitete, so schnell er vermochte, doch sie klatschten immer lauter und ungeduldiger, bis die Wände bebten und  da wachte er auf. 

Noch benommen vom Schlaf, erblickte er rechts neben sich zwei nackte Füße, die waren so groß, dass er dachte, er träume noch immer. Deshalb rollte er träge auf die andere Seite, aber auch dort fiel sein Blick auf zwei nackte Füße, die noch ein Stück größer waren als die ersten. Da rieb er sich eilig den Schlaf aus den Augen, schaute aufwärts und erschrak: Zwei Riesen ragten rechts und links neben ihm auf. 

Jupedihi, dröhnte der Linke. Er hatte langes, rotes Haar und einen roten zottigen Bart. Was haben wir da für einen merkwürdigen Vogel gefunden? 

Jupediho, röhrte der Rechte. Er hatte langes, grünes Haar und einen grünen zottigen Bart. Ob der Vogel auch fliegen kann? Am besten, wir werfen ihn zur Probe in die Luft.

Florin zitterte am ganzen Körper. Verzagt rief er: Bitte, lasst mich laufen. Ich bin nur ein harmloser Schustergeselle.

So, so! Ein Schuster bist du!, stellte der rothaarige Riese nachdenklich fest.

Ja, ja! Ein Schuster, wiederholte Florin eilig. Ich tue keinem etwas zuleide. Ich nähe euch Schuhe, wenn euch das lieb ist, damit ihr im Herbst besser über die Stoppelfelder laufen könnt und im Winter nicht barfuß im Schnee waten müsst. 

Wo willst du denn so viel Leder herbekommen?, fragte der grünhaarige Riese misstrauisch.

Das lass meine Sorge sein, antwortete Florin und fügte hinzu: Legt euch mal der Länge nach hin, damit ich Maßnehmen kann. 

Er hätte die Füße der Riesen auch vermessen können, während sie standen, doch er wollte die beiden in eine für ihn günstige Lage bringen und dies als Gelegenheit zur Flucht nutzen.                                                                                                               

Die Riesen schienen leider zu ahnen, was Florin vorhatte, denn sie blieben stehen. Also stand auch er auf, holte das hölzerne Maß aus dem Kästchen und lief um die beiden herum, um die riesigen Füße auszumessen. 

Und nun lasst mich in Ruhe, damit ich arbeiten kann, verlangte er, sobald er mit der Messung fertig war.

Das würde dir so passen, knurrte der grünhaarige Riese. Sobald wir dir den Rücken kehren, machst du dich aus dem Staub.

Aber das wird dir nicht gelingen, ergänzte der Rothaarige, ergriff Florin samt Ränzel mit seiner riesigen Hand und setzte ihn auf einem nahen Felsen ab. 

Da bleibst du sitzen und nähst unsere Schuhe, befahl er. Wir kommen jeden Tag  und schauen nach, wie weit du damit bist. Wenn du in vier Tagen mit dem Nähen nicht fertig bist, bleibst du da oben sitzen und verhungerst. Verstanden?

Oder du lernst das Fliegen doch noch, höhnte der grünhaarige Riese. 

Florin zitterte wie Espenlaub, denn er war nicht schwindelfrei. Wenn er von seinem Sitz mit halbem Blick nach unten schielte, wurde ihm schwarz vor Augen. Auch bebte er vor Angst bei dem Gedanken, dass das Leder für zwei Paar so gewaltiger Schuhe nicht reichen werde! Was, wenn nicht? Bedeutete es wirklich, dass ihn die Riesen hier oben verhungern ließen? Er hörte ihr dröhnendes Lachen noch lange nachdem sie zwischen den Bäumen verschwunden waren.

Seufzend entnahm er dem Kästchen das Lederstück und die Schere. Was blieb ihm schon anderes übrig? Sobald er die Schere ansetzte, dehnte und reckte sich das Leder, die Abmessungen des Holzes erschienen wie von Zauberhand ... und als er  oder besser die kluge Schere  die Schuhe zugeschnitten hatte, vereinten sich alle Lederreste zu dem ursprünglichen kleinen Flecken.  

Vergnügt pfiff Florin vor sich hin, aß ein Stück Brot, das der Meister ihm mitgegeben hatte, und legte sich, so gut es eben ging, auf dem harten Felsen zum Schlaf nieder. Am nächsten Morgen wurde er durch das Poltern der Riesen geweckt, die durch den Wald stapften, dass das Unterholz krachte und die Tiere Reißaus nahmen.

Staunend stellte der Rothaarige fest: Kleiner, du hattest ja tatsächlich Leder für unsere Schuhe.

Der Grünhaarige spottete: Aber kannst du auch mit Luft nähen?

Lasst mir nur genügend Zeit und vor allem: Holt mich hier runter, verlangte Florin. Ich möchte zum Bach, den ich am Waldrand sah, denn ich habe Durst.

Das könnte dir so passen, knurrte der Grünhaarige. Ich weiß schon, du willst nur lange Beine machen.

Der Rothaarige nickte zustimmend, aber er riss einen Baum eine Mulde in das abgebrochene Stück. Mit Riesenschritten stapfte er zum Bach, schöpfte Wasser und stellte es neben Florin auf den Felsen. Der Grünhaarige legte eine Handvoll gekochte Kartoffeln dazu. Von diesem Berg hätte der Bursche ein Jahr lang leben können. 

Der junge Schustergeselle nähte mit der farblosen Nadel drei Tage an den Schuhen, jeder Schuh so groß wie die Bratpfanne für ein ganzes Wildschwein und an jedem Morgen brachen die Riesen mit Dröhnen durchs Gehölz und betrachteten ungeduldig den Fortschritt der Arbeit. Am vierten Tag waren die Schuhe fertig. 

Sie zogen sie sogleich an, freuten sich wie Kinder, sprangen hier hin und da hin, sodass der Boden und sogar die Felsen erzitterten. Sie sitzen wie angegossen!, riefen sie ein ums andere Mal. Dich behalten wir für immer hier!

Das könnt ihr nicht tun!, empörte sich Florin. Lasst mich vom Felsen runter, ich muss weiter. 

Doch die Riesen lachten nur, trampelten in ihren neuen Schuhen davon und wandten sich nicht um, so laut Florin auch schimpfte, schrie und bettelte. Verzweifelt suchte er darauf jeden Spalt des Felsens ab, fand aber keine Möglichkeit nach unten zu klettern. Zuletzt warf er sich auf das harte Gestein und weinte bittere Tränen. Darüber schlief er vor Erschöpfung ein. 

Als er anderntags die Riesen in ihren neuen grauen Schuhen herantrampeln hörte, kam ihm eine Idee ... Warum hatte er nur nicht eher daran gedacht? Rasch entnahm er dem Kästchen eine rote und eine grüne Nadel und verbarg beide in den Händen. Eure Schuhe gefallen mir noch nicht recht, empfing er die grobschlächtigen Kerle mit listigem Lächeln. Ich sollte sie einfärben.

Was?, staunte der Rothaarige. Färben kannst du auch? Dann wünsche ich mir rote Schuhe, so rot wie mein Bart.

Und meine sollen grün werden, wie meine Haare, ergänzte der Grünhaarige.

Lasst mich zuvor runter, sonst gelingt das Färben nicht, behauptete Florin.

 Nun endlich ergriff ihn der Rothaarige  wieder samt Ranzen  und setze ihn auf den Waldboden. Aber ich beobachte dich genau, warnte er. 

Florin forderte die Riesen auf, sich dicht nebeneinander zu stellen und geradeaus zu blicken. Auf diese Weise war es ihnen nicht möglich, ihm zuzusehen. Dann nahm er die grüne und die rote Nadel und stach mit beiden zur gleichen Zeit in die Schuhe, allerdings vertauschte er die von jedem gewünschte Farbe. Fertig!, rief er dann.

 Als der Rothaarige an sich hinuntersah und bemerkte, dass er grüne, statt roter Schuhe an den Füßen hatte und der Grünhaarige feststellte, dass seine Schuhe rot waren, stritten sich beide lauthals: Du hast meine Schuhe an! Gib sofort meine Schuhe her! Sie stürzten aufeinander los, schlugen aufeinander ein und zogen sich an den Haaren.

 Florin nutzte die gute Gelegenheit, schnappte sich sein Ränzlein und rannte davon, so schnell und soweit ihn die Füße trugen. Schließlich versteckte er sich unter einem Busch und lauschte... 

 Die Riesen hatten die Verfolgung aufgenommen. Der Boden bebte unter ihren Tritten, der Wald war erfüllt von ihrem Gebrüll: Schuster! Schuster! Wir finden dich! Aber sie fanden Florin nicht, denn sie liefen in die falsche Richtung. Schließlich verebbte das Beben, das Gebrüll verstummte  

Noch lange hockte der Bursche zitternd im Gebüsch. Erst bei anbrechender Dämmerung wagte er es, einen Weg zu suchen, der aus dem Wald hinausführte. Er marschierte die ganze Nacht hindurch und weitere vier Tage, bis er eine große Stadt erreichte.

 

3. Kapitel

 

In der Stadt fand er zu seinem Glück eine passende Werkstatt, die für wenig Miete zu haben war. Er kaufte sich vom Geld des Meisters einen großen Tisch, einen Hocker und eine Tafel. Auf die schrieb er:

Florin Buntschuh - Schuhmacher

und stellte sie vor der Tür auf. Neugierig traten die Leute hinzu, lasen, wer sich da niedergelassen hatte, und grüßten Florin freundlich. Er aber dachte: Wenn die alle  meine Kunden werden, kann ich zufrieden sein!

Was Florin nicht wusste: Er war nicht der einzige Schuhmacher in der Stadt. Bereits am nächsten Tag betrat ein gutgekleideter Mann seine Werkstatt und stellte sich als Schuhmachermeister Willard vor. Du bist also der neue Schuster, sagte er sehr von oben herab. Nun, auf deine Schuhe bin ich gespannt!

Dann stell mich doch auf die Probe, schlug Florin vor.

Das hatte ich ohnehin vor, antwortete der Besucher mit bösem Lächeln. Ich schicke morgen einen Schornsteinfeger zu dir. Er braucht neue Schuhe. Wenn sie dir misslingen, jage ich dich mit Schimpf und Schande aus der Stadt. Das kann ich, denn ich bin in dieser Stadt ein angesehener Mann.

Florin erwiderte freundlich: Deine Drohung erschreckt mich nicht. Ich habe bei meinem Meister alles gelernt, was ein Schuhmacher nur lernen kann.

Meister Willard verließ den Laden, wiederum mit einem bösen Grinsen. Er wusste nämlich, dass der Schornsteinfeger sich himmelblaue Schuhe wünschte, die ihm keiner nähen konnte, weil es weit und breit kein himmelblaues Leder gab. 

Der Schornsteinfeger erschien sogar noch am gleichen Tag. Als er die leere Werkstatt sah, fragte er misstrauisch: Woraus willst du mir neue Schuhe nähen? 

Wart es ab, antwortete Florin. Sie werden ganz nach deinen Wünschen geraten.

Hast du denn himmelblaues Leder?, wollte der Schornsteinfeger wissen. 

Leder in allen Farben, versicherte Florin. 

Nachdem er die Füße des Mannes mit dem hölzernen Maß gemessen hatte, sagte er, es werde einige Tage dauern, ehe die Schuhe fertig seien. 

Sobald der Kunde gegangen war, machte er sich an die Arbeit. Er stach mit der gelben Nadel in das Stück Leder, es färbte sich in die gewünschte Farbe, danach ließ er die Schere in seiner Hand das Leder zuschneiden und weil die Sonne schien, stellte er den Arbeitstisch vor die Tür, hockte sich davor und begann zu nähen. 

Die Nachbarn traten hinzu, um mit ihm zu plaudern. Florin hörte ihnen aufmerksam zu und gab kluge Antworten. Als eine Nachbarin ihn bat, die Schuhe ihres Mannes zu flicken, war er sofort dazu bereit und versicherte, sie müsse dafür nichts bezahlen. 

Am nächsten Tag stellten sich deshalb auch andere mit ihren kaputten Schuhen bei ihm ein. Florin reparierte das ziemlich ausgetretene Schuhwerk ebenfalls umsonst. Natürlich sprach es sich schnell herum, dass der neue Schuster keinem etwas abschlagen könne und Florins Kunden mehrten sich. 

Was bin ich für ein Glückspilz, dachte er. Kaum angekommen und schon beliebt und geachtet. 

Für ein Dankeschön bewirtete er jeden Bettler, der hungrig war, und klagte ihm ein Nachbar seine Sorgen, legte er die Nadel aus der Hand und hörte zu. 

Und was war die Folge? Die Arbeit blieb liegen. 

Was macht`s, ob ich heute fertig werde oder morgen, dachte Florin. Ich habe  wundersames Leder, bunte Zaubernadeln und nie endendes Garn. Um Material muss mir nicht bange sein und sobald die Schuhe des Schornsteinfegers fertig sind, bekomme ich Geld, um die Werkstattmiete zu begleichen.

Aber die Schuhe wurden nicht fertig und als der Schornsteinfeger bei ihm erschien und ankündigte: „Übermorgen hole ich meine Schuhe, erschrak Florin. Fieberhaft arbeitete er nun und kaum waren die Schuhe fertig, klopfte der Schornsteinfeger an, um sie abzuholen. Florin fand gerade noch Zeit, mit der himmelblauen Nadel die entscheidenden Stiche zu setzen. Leider vergriff er sich in der Eile und erwischte statt der hellblauen die dunkelblaue. Die Schuhe nahmen die Farbe eines trüben Regentages an. 

Als Florin sie dem Schornsteinfeger überreichte, geriet dieser in Wut, warf die Schuhe auf den Boden und trat auf ihnen herum. Ich wusste gleich, dass du kein richtiger Schuster bist, schrie er. Du hockst den ganzen Tag in der Sonne und hältst Maulaffen feil, statt zu arbeiten. Pack dein Bündel und scher dich fort!

Der Tumult lockte die Nachbarn an. Auch der Schuhmachermeister Willard erschien und verspottete den unglücklichen jungen Schuster. Die Leute um ihn herum lachten und lästerten mit. Das war also der Dank für seine Hilfe und Großzügigkeit! 

Florin floh aus der Werkstatt und während die Menge draußen lachte und grölte, ergriff er in seiner Schlafkammer das Holzkästchen, warf es in den Ranzen und schlich durch die Hintertür aus dem Haus. Er verließ die Stadt und lief blindlings vorwärts, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. 

Auf einem kahlen Acker kam er wieder zu sich und überdachte seine Lage. Der Schornsteinfeger hatte recht: Ein Faulenzer und Tagedieb war aus ihm geworden. Für andere hatte er die Schuhe umsonst geflickt ... und wie sahen seine eigenen Schuhe aus? Er sah an sich hinunter: Die Absätze waren abgetreten, die Sohlen durchgelaufen und an den abgeschabten Spitzen schauten fast die Zehen heraus. Nein, so ging es nicht weiter! Das musste ein Ende finden! Jetzt und gleich!

Also nähte sich Florin am Rande des Ackers ein Paar neue Schuhe und machte sich mit neuem Mut auf in die nächste Stadt. Doch so eifrig er auch suchte, er fand dort keine freie Werkstatt, auch keine neue Anstellung bei einem anderen Schuster. Das wiederholte sich in jeder größeren Ortschaft.

Lange irrte Florin auf dies Weise durchs Land, schlief in der freien Natur und ernährte sich von Wurzeln und Gras. Oft dachte er an Meister Wendelin und das Versprechen, das er ihm gegeben hatte. Was sollte der gute Alte von ihm halten? 

Als der Winter nahte, machte der glücklose junge Schuster sich schweren Herzens auf den Weg, zurück zu seinem Meister. Vielleicht war er barmherzig und nahm ihn wieder auf. Er hatte doch sonst keinen auf der Welt. 

Als Florin den großen Wald erreichte, verbarg er sich am Tag aus Angst vor den Riesen und wanderte erst nachts weiter. Auf seinem weiteren Weg verlief er sich einige Male und brauchte deshalb siebenmal sieben Tage, um sein Ziel zu erreichen. Als er bei dem einsamen Haus am Waldrand ankam, war er nur noch ein magerer Strich, deshalb erkannte Jakob Wendelin ihn nicht. Zudem hatte die Sehkraft des Alten stark nachgelassen.

Komm nur herein, Wanderer, sagte er, als die Jammergestalt an seine Tür klopfte. Du dauerst mich. Wer bist du? 

Florin wagte nicht, seinen Namen zu nennen und wählte einen anderen. Er bekam zu essen und zu trinken und schließlich bot der Meister ihm für den Winter eine Kammer an. Ich bin alt und schwach und brauche Hilfe, sagte er. Lohn kann ich dir nicht zahlen, denn ich besitze nur wenig Geld, aber wenn du fleißig bist, nehme ich dich mit in die Stadt, sobald mein Sohn Florin mich holt.

Florin schossen die Tränen in die Augen. 

Meister Wendelin dachte, sein Gast weine aus Dankbarkeit und weil seine Not jetzt ein Ende habe. Er legte also die Hand beruhigend auf Florins Kopf und tröstete: Alles wird gut. Glaub einem alten Mann. Nur wer die Hoffnung aufgibt, hat verloren. Nun wagte Florin erst recht nicht, den Meister über seine Person aufzuklären. 

Mit der Zeit erholte sich der junge Schuster von den ausgestandenen Strapazen und immer häufiger versicherte Jakob Wendelin: Ich weiß nicht wie es kommt, Bursche, aber du erinnerst mich sehr an meinen Florin.

Schließlich brachte Florin es nicht mehr über sich zu lügen Er warf sich dem Meister an die Brust, gestand, wer er sei und bat inbrünstig um Verzeihung dafür, dass er ihn getäuscht habe.

Du hättest mich nicht belügen müssen, sagte Meister Wendelin gütig. Ich habe dich doch meinen Sohn genannt. Jeder Vater verzeiht seinen Kindern. 

Florin verbrachte den Winter und das Frühjahr bei Meister Wendelin, aber als der Sommer Einzug hielt, zog es ihn wieder in die Ferne. 

Meister, ich will mein Glück noch einmal versuchen, erklärte er. Hier in der Einsamkeit kann ich auf Dauer nicht leben.

Wendelin schüttelte besorgt den Kopf und warnte: Ich lasse dich nur ungern ziehen, denn ich befürchte, es wird dir erneut schlecht ergehen. 

Sei unbesorgt, Meister,  versicherte Florin. Ich weiß ja nun, was ich beim ersten Mal falsch gemacht habe. Also nahm er ein zweites Mal Abschied von dem Alten und brach auf  wieder ins Ungewisse. 

 

 

4. Kapitel

 

Florin hatte über den Winter und das Frühjahr hinweg neue Kraft gesammelt und kam zu Fuß gut voran. Diesmal ließ er sich noch vor dem Wald der Riesen im Sonnenschein auf einer Wiese nieder, nahm die Schere aus dem Kästchen, um zu prüfen, ob sie noch scharf genug war. Aus diesem Grund begann er, das lange Gras zu stutzen. Dabei befahl er der Schere wie einem lebenden Wesen: Alles gleich, alles gleich! Und wirklich! Die Schere entglitt ihm, flitzte hin und her und die Wiese vor ihm sah plötzlich aus, als sei ein Rasenmäher darüber gefahren. 

Wieder war etwas Wundersames geschehen! 

Florin fühlte sich plötzlich sehr stark und seine Angst vor den Riesen verschwand, er wusste nicht zu sagen warum. Hatte er eben noch geplant, den Wald zu umgehen, so schritt er jetzt mutig hinein.  

Es war, als hätten die beiden Unholde ihn erwartet: Kaum hatte er eine kurze Strecke zwischen den Bäumen zurückgelegt, da standen sie vor ihm. 

Nun war ihm doch nicht ganz geheuer.

Jupedihi, dröhnte der rothaarige Riese. Mir scheint, den Vogel kennen wir.

Jupediho, donnerte der grünhaarige Riese. Einmal bist du uns davongelaufen, diesmal entkommst du uns nicht wieder. Wir brauchen neue Schuhe. Unsere großen Zehen schnuppern in den alten bereits frischen Luft und die Absätze sind auch schief gelaufen.

Langsam, langsam, wehrte Florin scheinbar gelassen ab überlegte jedoch fieberhaft, wie er den beiden erneut entkommen könnte.  Eure zerlumpten Schuhe passen ausgezeichnet zu euren zerzausten Bärten. Mal im Ernst! Schämt ihr euch nicht, so ungestutzt herumzulaufen?

Die Riesen strichen sich verunsichert über ihr Bartgestrüpp und fragten: Wie meinst du das, Schuster?                                                                                              

Ich war lange genug in einer großen Stadt, um zu wissen, wie man einen Bart trägt, nämlich ordentlich gestutzt, ein Haar so lang wie das andere, erklärte Florin. Euch würden die Leute mit Schimpf und Schande davon jagen, so verwildert wie ihr ausseht. 

Dann schneide uns den Bart nach der neuesten Stadt-Mode, verlangten die Riesen im Chor. 

Gern, aber nicht umsonst, erwiderte Florin. Ich biete euch eine Wette an: Wenn ihr nach der Rasur auch nur ein Haar findet, das länger ist als die anderen, dann mache ich euch neue Schuhe. Ist das nicht der Fall, müsst ihr mich gehen lassen.

Die Riesen steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. So leise sie nach ihrer Meinung auch flüsterten, Florin verstand jedes Wort.

Willst du ihn wirklich ziehen lassen?, wisperte der Grünhaarige.

Nein, murmelte der Rothaarige. So gleichmäßig kann niemand Haare schneiden, erst recht nicht ein Schuster. Sie wandten sich Florin wieder zu. Wenn dir ein so gleichmäßiges Schneiden gelingt, bist du frei und bekommst dazu noch eine Handvoll Silberlinge, versprach der Rothaarige. Der Grünhaarige zeigte dabei seine Hand vor, auf der ein Pferdewagen Platz gehabt hätte. Wie viele Münzen mochte sie fassen?

Die Wette gilt!, rief Florin. Legt euch hin, damit ich euch die Bärte stutzen kann.

Er nahm die Schere aus dem Kästchen und murmelte: Ein Haar so gleich wie das andere. Und das war nun wirklich so leise gesprochen, dass es nicht einmal ein Mensch gehört hätte. 

Mutig kletterte Florin auf die Brust des rothaarigen Riesen und begann ihm den Bart zu schneiden. Danach kam der grünhaarige an die Reihe. Während der junge Schuster mit diesem beschäftigt war, befühlte der Rothaarige seinen Bart zwischen Daumen und Zeigefinger wieder und wieder. Vorsichtig wandte er den Kopf seinem Kumpan zu, auf dem der Schuster gerade herumturnte, und flüsterte nur drei Worte: Alles gleich! Aber ... 

Für Florin  der es natürlich hörte  klang das Aber besorgniserregend. Er ahnte, die Riesen würden sich nicht an die Abmachung halten. Also steckte er die Schere in die Tasche, zeigte mit allen Anzeichen des Entsetzens in den Wald hinein und rief: Ein Drache! Ein Drache! 

Mit einem Ruck saßen die Riesen aufrecht und Florin stürzte von des Grünhaarigen Brust wie von einem Felsen ab. Aber er fiel weich auf dessen riesigen Oberschenkel und rutschte von dort wie auf einem Hang abwärts auf den Waldboden. Und während die Riesen aufsprangen und in die bezeichnete Richtung davonstürmten, um dem vermeintlichen Drachen den Garaus zu machen, nahm Florin Reißaus und versteckte sich  weit vom Platz der Rasur entfernt  im Unterholz. Diesmal verfolgten die Unholde ihn nicht und durch Zufall fand er noch vor Einbruch der Dämmerung den richtigen Weg aus dem Wald heraus.

Nach längerer Wanderung erreichte der junge Schuster die Stadt. Es war gerade Markttag. Er strich zwischen den Ständen umher und besah sich die ausgestellten Waren. Niemand erkannte ihn wieder, weil er sich während seines Aufenthaltes bei Meister Wendelin einen Bart hatte wachsen lassen.  

Plötzlich hörte er lautes Geschrei. Er sah sich um und erblickte drei Männer, die sich prügelten. Im Handumdrehen liefen die Leute zusammen und Florin erfuhr von einem Alten, der neben ihm stand, die sich da in die Haare gerieten, seien Brüder. Eine Frau wusste auch, warum sie sich prügelten Sie haben von ihrem jüngst verstorbenen Vater eine Kuh geerbt und heute auf dem Markt verkauft. Den Erlös teilten sie an Ort und Stelle unter sich auf. Ein Pfennig blieb übrig und um den geht es bei dem Streit.

Wie kann man sich nur um einen Pfennig raufen, dachte Florin und drängte sich kurz entschlossen nach vorn. Um des Friedens willen hört auf, rief er. Ich teile euch den Pfennig.

Das klang so unglaublich, dass die drei Brüder sofort innehielten Ja, geht das denn?, knurrte einer von ihnen missmutig und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. 

Ja, bei mir geht alles, ich bin ein Schuster, antwortete Florin, nahm die Schere aus dem Kästchen und schnitt den Pfennig in drei gleiche Teile. Da! Jetzt hat jeder so viel wie der andere, sagte er. Und keiner von euch hat etwas davon, denn was ist ein zerschnittener Pfennig noch wert? Lasst es euch eine Lehre sein. 

Die Brüder machten dumme Gesichter und schlichen beschämt davon, jeder mit einem Drittel des Pfennigs. Die Leute, die das Schauspiel mitverfolgt hatte, lachten erheitert. Bald wussten alle auf dem Markt, dass ein Schuster gekommen war, der nicht nur Leder schneiden konnte, sondern auch Geld. 

Es dauerte nicht lange, da wurde Florin von einem Mann angesprochen, der sagte, er habe eine Schusterwerkstatt und fragte, ob der junge Geselle Arbeit suche?

Das ging ja leichter als ich für möglich gehalten hätte, dachte Florin froh.

                                                                                                

Kapitel 5

 

Im Haus des Schusters Sohlenbeck erhielt Florin eine eigene Kammer, reichlich zu essen, auch ein guter Lohn wurde ihm zugesagt. Und noch ein Handel kam zustande. Florian schlug dem Meister vor: Du zahlst mir für das erstklassige Leder, das ich in der Lage bin zu besorgen, einen herabgesetzten Preis und den Gewinn aus den verkauften Schuhen teilen wir. Sohlenbeck war einverstanden, denn Leder war gerade schwierig zu bekommen. 

So betrog Florin um des Geldes willen den Meister, der ja nicht ahnte, dass sein Geselle ein Stück Zauberleder besaß, das sich nicht aufbrauchte, bunte Nadeln, die das Leder so färbten konnten, wie es gewünscht wurde, und eine Schere, die haargenau zuschnitt. Sohlenbeck freute sich sogar darüber, einen geschäftstüchtigen Gesellen gefunden zu haben.

Das Geschäft lief auch gut an. Das erstklassige Schuhwerk hatte einen Preis, den sich auch nicht so Reiche leisten konnten. Florins Geldbeutel füllte sich schnell und er musste sich einen zweiten nähen. Vergnügt rieb er sich die Hände und dachte: Bald bin ich wohlhabend. Dann kaufe mir eine eigene Werkstatt und werde der reichste Schuster im ganzen Land. 

Diesen Plan verriet er natürlich keinem, nicht einmal Röschen, dem Töchterlein des Meisters, das oft bei ihm in der Werkstatt saß. Mit dem Mädchen, das fast noch ein Kind war, unterhielt Florin sich gern. Wenn jedoch ein Kunde mit ihm ein Gespräch führen wollte, knurrte er: Hab keine Zeit, muss arbeiten.

Abends schloss Florin sich in seiner Kammer ein und zählte Geld und jede Nacht hatte er den gleichen Traum: Er nahm eine reiche Königstochter zur Frau. Wenn er erwachte und merkte, dass er in einer Dachkammer mit einem einfachen Lager hauste, befühlte er zum Trost seinen prallen Geldbeutel und dachte: Kommt Zeit, kommt noch mehr Geld. 

An Jakob Wendelin, seinen alten Meister, verschwendete er keinen einzigen Gedanken. 

Unglücklicherweise suchte eine schlimme Krankheit die Stadt heim und viele Menschen starben, auch Meister Sohlenbeck und seine Frau. Auf dem Sterbebett  hatte er Florin zu sich gerufen und gesagt: Du bist ein fleißiger und sparsamer Mensch. Ich setze dich zu meinem Erben ein. Dafür sollst du dich um meine Tochter kümmern. 

Nun war Florin also ein Meister mit eigener Werkstatt. Die Kunden des alten Schusters blieben ihm treu, obwohl er nicht eben freundlich zu den Leuten war. Doch  er arbeitete schneller und besser als alle anderen Schuster. Freilich! Er hatte ja nichts anderes im Sinn als schnell reich zu werden! Weil es ihm jedoch damit zu langsam ging, wurde er immer geiziger. 

Zuerst entließ Florin die Hilfe im Haushalt, deren Arbeit musste nun Röschen erledigen. Aber auch dem Mädchen teilte er das Brot und den Belag in nur geringen Mengen zu. Bald darauf jagte er den Hund und die Katze aus dem Haus und schließlich ließ er auch den Wellensittich der Kleinen davonfliegen. 

Unnötige Fresser brauchen wir nicht!, sagte er. 

Das Mädchen durfte den Bettlern nichts mehr zu essen geben. 

Wir haben nichts zu verschenken!, entschied er. Wer schenkt uns etwas? 

Die Bettler zeichneten schließlich drei weiße Kreuze an seine Hauswand. Das bedeutete: Geizhals, anklopfen sinnlos.

 Eines Tages wagte ein Bettler es dennoch, denn er litt große Not. Florin jagte ihn mit groben Worten davon. Da rief der Mann: Möge das Schicksal dir gnädig sein und dich davor bewahren, jemals an fremde Türen klopfen zu müssen. 

Ein andermal bat eine Nachbarin Florin, für ihre beiden Kinder Schuhe zu nähen und gestand, dass sie im Moment nur wenig Geld besitze. Er müsse auf die Bezahlung noch ein wenig warten. 

Umsonst ist der Tod, erwiderte Florin. 

Da gab sie ihm die letzten Pfennige, die sie besaß und sagte traurig: Möge dir nie Gleiches mit Gleichem vergolten werden.

Bald nannte man Florin in der Stadt nur noch Schuster Geizhals

Wieder einmal klopfte eine arme Frau an seine Tür. Sie hatte drei Kinder bei sich und bat um ein Stück Brot. Röschen überwand ihre Furcht vor Florin und gab den Hungrigen die restliche Mittagssuppe und ein Stück Brot. Wütend schoss Florin aus der Werkstatt heraus, die Schere in der Hand und brüllte: Warte, dumme Göre! Jetzt sollst du mich kennenlernen! 

Er griff nach Röschen, um ihr die Zöpfe abzuschneiden, doch das Mädchen war schneller. Es entriss ihm geschickt die Schere und rannte auf die Straße. Florin verfolgte sie und schrie: Gib sie sofort zurück! Röschen aber beugte sich über den  Straßenbrunnen, rief: Die soll der Teufel holen! und ließ die Schere in die Tiefe fallen. 

Dann soll er dich auch holen!, schrie Florin und wollte das Mädchen ebenfalls in den Brunnen stoßen. Aber die Leute auf der Straße, die alles mit angesehen hatten, bewahrten ihn davor, zum Mörder zu werden, indem sie das Mädchen aus seiner Reichweite rissen! 

Die Schere lag nun im Brunnen. Das Kästchen mit dem kostbaren Inhalt war für Florin auch verloren, denn man ließ ihn nicht mehr ins Haus hinein, sondern jagte ihn mit Schimpf und Schande aus der Stadt. Nur die Geschwindigkeit, mit der er rannte, rettete ihm das Leben. Endlich wagte er, eine Verschnaufpause einzulegen und wischte sich mit einem Zipfel seiner Arbeitsschürze den Schweiß von der Stirn. Da glitt etwas aus der Schürzentasche heraus  das hölzerne Maß für die Schuhe.   Anfangs wollte Florin es in hohen Bogen wegwerfen, doch etwas hielt ihn zurück. 

Schließlich legte er sich unter einem Gebüsch zur Ruhe, verfluchte Gott und alle Welt und schlief darüber ein. Als er am nächsten Morgen die Augen öffnete, arbeitete sein Verstand wieder klar. Er starrte in den blauen Himmel und gestand sich ein, dass er sein Glück zum zweiten Mal verspielt hatte. Nach langer Zeit dachte auch wieder an Meister Wendelin, an das, was er ihm versprochen hatte und wie sehr der alte Mann auf ihn gewartet haben musste. 

Was ist nur aus mir geworden?, rief Florin verzweifelt in den Himmel hinauf. Er fühlte sich elend und schämte sich so sehr, dass er glaubte, keinem mehr in die Augen blicken zu können. Schließlich raffte er sich auf uns setzte ziellos seinen Weg fort. In einer Scheune entdeckte er eine Vogelscheuche, deren Mantel noch brauchbar war. Den zog er an, um gegen Nachtkälte und Regen ein wenig geschützt zu sein. 

Wohin er auch kam, er wagte nicht, um Arbeit zu bitten, sondern zog um Brot bettelnd durchs Land. Wurde er an einer Tür abgewiesen, dachte er: Recht geschieht mir; jetzt wird Gleiches mit Gleichem vergolten.

Schließlich nahte der Winter. Eines Nachts wäre Florin unter freiem Himmel beinahe erfroren. Da beschloss er, wiederum zurück zu Meister Wendelin zu gehen. Vielleicht war der Gute barmherzig und nahm ihn ein drittes Mal auf. 

Als er endlich den Wald der Riesen erreichte, war er so matt, dass er nicht einmal mehr die Angst vor den beiden Unholden aufbrachte. Die aber zeigten sich zum Glück nicht. Sie hatten sich in ihrer Höhle verkrochen, denn sie fürchteten nichts so sehr wie die Winterkälte.  

Das Haus des Meisters war arg verfallen: Durch das löchrige Dach pfiff der Wind und die meisten Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Es dauerte lange, ehe ihm auf sein Klopfen die Tür geöffnet wurde. 

Wer ist da?, fragte Jakob Wendelin. Sein Haar war weiß geworden und seine Augen waren fast erloschen. 

Auch diesmal gab Florin sich nicht zu erkennen, antwortete aber, der Wahrheit entsprechend: Ein Bettler, der im Leben alles verkehrt gemacht hat.

Komm herein und wärm dich, lud der alte Mann ihn ein. Viel kann ich dir nicht bieten, nur ein schadhaftes Dach über dem Kopf und ein paar gekochte Kartoffeln. Aber vielleicht hat die Not bald ein Ende, denn Florin, mein Sohn, ist in die Stadt gezogen und kommt mich sicher bald holen. Wenn du bei mir bleiben und mir helfen willst, nehmen wir dich mit, sobald die Zeit heran ist. 

Florin schämte sich in Grund und Boden: Es war ihm unmöglich, dem Alten die Hoffnung zu rauben. Aber er blieb bei ihm, flickte das Dach, erneuerte die Fenster, säuberte das Haus, holte Holz aus dem Wald und als die Kartoffeln zu Ende gingen, grub er unter dem Schnee nach Wurzeln. So kamen beide über den Winter. Sobald jedoch der Meister von seinem Sohn sprach, ging Florin leise hinaus, um den alten Mann nicht weinen zu hören. Endlich, endlich fasste er Mut und gab sich zu erkennen. 

Ich weiß es schon lange. Jakob Wendelin seufzte kummervoll. Deine Stimme hat dich verraten. Ich wollte nur, dass du selbst mir sagst, wer du bist.

Florin erzählte nun alles, was sein Gemüt belastete und schonte sich nicht. Als er seine Beichte beendet hatte, sagte er: Nun werde ich gehen. Jetzt, da du weißt, was für ein schrecklicher Mensch ich geworden bin, wirst du mich ohnehin davonjagen und das geschieht mir  recht.

Du warst ehrlich und hast nichts verschwiegen, erwiderte Jakob Wendelin. Deshalb verzeihe ich dir, mein Sohn. 

Florin umschlang die Hände seines Meisters und flüsterte zum ersten Mal und unter Tränen: Ich danke dir, Vater.

 

Kapitel 6

 

Als der Schnee geschmolzen und die Wege wieder passierbar waren, schlug Florin vor: Vater Jakob, lass uns weggehen aus dieser Einöde. Ich werde für uns schon einen Platz finden, an dem wir wohnen können.

Jakob Wendelin schüttelte den Kopf und erwiderte: Geh allein, Florin. Warum willst du dich mit einem fast blinden, alten Mann belasten? 

Es gelang Florin jedoch, den Alten zu überreden mitzukommen. 

An einem warmen Frühlingstag machten sich beide auf den Weg. Der junge Schuster hatte einen Ranzen geschultert, Meister Wendelin jedoch führte nicht mehr als einen Beutel mit dem Notwendigsten mit sich. Sie kamen nur langsam voran, denn der alte Mann stützte sich auf einen Stock und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. 

Florin hatte eigentlich nicht vor, den Wald zu durchqueren, um den Riesen nicht zu begegnen. Aber als er sah, wie schwer dem Alten das Laufen fiel, änderte er seinen Plan und wanderte mit ihm  nach einer langen Rast  nachts durch den Wald. Als sie ihn fast passiert hatten und auf einer Lichtung eine kurze Pause einlegten, schien der Mond auf das silberweiße Haar Wendelins, sodass es wie ein Spiegel aufleuchtete. Kurz darauf standen die beiden Riesen vor ihnen und ihre Mienen verhießen nichts Gutes. 

Haben wir dich endlich, du bunter Vogel!, grunzte der rothaarige Riese.

Und diesmal ist es für immer! Der grünhaarige Riese drückte Florin mit dem Daumen fest gegen einen Baumstamm. Mach uns neue Schuhe!, befahl er.

Wenn es ... sein  muss, keuchte Florin und rang nach Atem. Zum Glück ließ der Grünhaarige von ihm ab und er konnte normal weitersprechen. Aber ich habe eine Bitte: Lasst mich meinen alten Vater ins nächste Dorf führen. Er ist blind und kommt ohne Hilfe nicht zurecht.

Die soll er haben, knurrte der Rothaarige. Wir wollen dem Alten nichts Böses. Doch ich bringe ihn dorthin. Du hast uns schon zweimal ein Schnippchen geschlagen.

Was blieb Florin übrig? Er willigte ein. 

Warte auf mich!, flüsterte er Vater Jakob zu. Mir fällt schon was zu meiner Rettung ein. Den Ohren der Riesen entging das leise Flüstergeräusch.

Der rothaarige Riese öffnete die Hand und griff nach dem Alten. Als er sie schloss, waren Jakob Wendelin nur noch Kopf und Beine zu sehen. In kürzester Zeit  erreichte er das Dorf, wo er den  Alten vor einem Haus unerwartet behutsam auf die Füße stellte.  Direkt vor dir ist eine Tür, brummte er, bemüht, leise zu sprechen. Du musst nur klopfen. Dann stapfte er in den Wald zurück.

Florin  bewacht von dem Grünhaarigen  überlegte derweil fieberhaft, was er zu seiner Rettung tun könne. Woraus sollte er den Unholden denn Schuhe anfertigen? Die Schere lag im Stadtbrunnen, das Leder, die bunten Nadeln und die unerschöpfliche Garnrolle waren bestenfalls in Röschens Besitz, falls man das Kästchen nicht auch in den Brunnen geworfen hatte.  

Als der Grünhaarige ihn hochheben und zu dem bekannten Felsen tragen wollte, schrie er: Nein, du nicht! Der Rothaarige soll es tun!

Warum?, fragte der Riese verwundert.

Weil seine Hand größer ist als deine, behauptete Florin. Darauf sitzt es sich bequemer.

Seine Hand ist nicht größer, murrte der Grünhaarige.

Lass mich mal messen, schlug  Florin vor. 

Und weil Nachdenken nicht gerade eine Stärke des Riesen war, legte der Grünhaarige tatsächlich seine Hand auf den Boden. Florin holte das hölzerne Maß  aus seinem Ränzel und ließ sich sehr viel Zeit beim Messen.

Während er noch mit dieser Arbeit beschäftigt war, kehrte der Rothaarige zurück und beobachtete misstrauisch das Geschehen. Was soll das?, grollte er. Schuhe sollst du nähen, nicht Fäustlinge.

Er behauptet, deine Hand sei größer und bequemer als meine. Deshalb wollte er sich nicht von mir zum Felsen tragen lassen, klärte ihn der Kumpan auf.

Der Rothaarige war um keinen Deut heller im Kopf als der Grünhaarige. Es schmeichelte ihm, dass er den anderen in irgendeiner Sache übertraf. Also legte auch er seine Hand auf den Boden und sah dem jungen Schuster beim Messen zu.

Merkwürdig, sagte Florin zum rothaarigen Riesen und schüttelte scheinbar verwundert den Kopf. Ich hätte geschworen, dass deine Hand die größere ist. Man sieht doch auf den ersten Blick, dass du ein ganzes Stück länger bist als dein Kumpan.

Bin ich das?, fragte der Rothaarige, reckte sich stolz und trommelte mit den Fäusten  auf seine Brust wie ein ungeheurer Affe.

Kein Stück bist du größer als ich!, schrie der Grünhaarige wütend.

Doch, widersprach Florin listig. Mindestens einen halben Meter überragt er dich. Soll ich euch genau vermessen?

Wozu? Der rothaarige Riese beäugte seinen Kumpan mit geringschätzigem Blick. Ich bin der Größte! Das wusste ich schon immer!

Du bist der größte Dummkopf!, schrie der Grünhaarige höhnisch. Das ist die Wahrheit! Er reckte sich ebenfalls und maß den Rothaarigen kampfbereit.

Jetzt scheint es mir plötzlich, als wärst doch du der Größere! Florin zeigte auf den Grünhaarigen.

Da hörst dus, triumphierte der und boxte seinen Konkurrenten vor die Brust.

Das war des Unerträglichen zu viel! Der Rothaarige packte den Grünhaarigen beim Bart, holte aus und schlug ihm  ebenfalls mit der Faust  auf den Schädel.  

Im Nu war die Schlägerei im Gange. Die beiden Kampfhähne taumelten unter den gegenseitigen Schlägen gegen die Bäume, deren Stämme wie Streichhölzer abknickten.  Keinem gelang es, den anderen zu überwinden und schließlich stürzten beide betäubt zu Boden und blieben regungslos liegen. 

Genau darauf hatte Florin gewartet und rannte nun wie ein Gejagter mit Ränzel und Holzmaß  davon.   

Jakob Wendelin befand sich noch dort, wo der Riese ihn abgesetzt hatte. Die Tür war ihm zwar geöffnet worden, aber er hatte nur um einen Becher Wasser und einen Schemel gebeten, auf dem er sich vor dem Haus niederlassen konnte. Keinesfalls wollte er den Augenblick verpassen, in dem Florin das Dorf erreichte.  

Der junge Schuster war froh, als er Vater Jakob in guter Verfassung vorfand. Unverzüglich setzten beide ihre Wanderung fort, übernachteten im nächsten Dorf in einer Scheune im Stroh und an anderen Tagen bei freundlichen Leuten, die ihnen eine Unterkunft anboten.

Schließlich gelangten sie in eine kleine Stadt, in der gerade ein Schuster gesucht wurde. Dort blieben sie und Jakob Wendelin opferte sein letztes Geld für den Einkauf von Leder und notwendigem Werkzeug.  Weil Florin fleißig war und auch ohne seine Wunderwerkzeuge gutes Schuhwerk herstellte, erhielt er bald viele Aufträge und gewann unter seinen Kunden sogar Freunde. Nicht lange und er war er im Städtchen gut angesehen, vor allem wegen seines Sinnes für Gerechtigkeit. Er hatte nämlich das hölzernes Maß, das ihm als einziges Stück aus dem Holzkästchen geblieben war, in seiner Werkstatt über der Tür aufgehängt und sobald er einen Preis für seine Arbeit nennen musste, murmelte er leise: Bitte, Maß, zeig mir was. Blieb es gerade, nahm er den üblichen Preis, krümmte es sich, verlangte er weniger. 

Wann war Florin diese Fähigkeit des Maßes aufgefallen? 

Als er dem Grünhaarigen damals im Wald die Hand vermessen wollte, hatte er in seiner Verzweiflung genau diese Worte vor sich hin geflüstert und siehe da: Das Holz hatte sich gekrümmt und ein schwarzer Strich war auf der glatten Fläche erschienen. Als er darauf dem Rothaarigen die Hand vermessen hatte, blieb das Holz gerade und es zeigte sich ein schwarzes Kreuz; dies waren die Zeichen für mehr und weniger. Nur so hatte Florin herausgefunden, welche Riesenhand wirklich die größere war. Auch jetzt sah er jedes Mal eines dieser Zeichen auf dem Band und so kam es, dass alle Kunden nach ihren Möglichkeiten zahlten, die Wohlhabenden mehr, die Ärmeren weniger. Bald nannte man ihn den gerechten Schuhmacher, ab und an auch den barmherzigen, denn Florin gab an Bedürftige ab, was er entbehren konnte.

Jakob Wendelin war zufrieden mit seinem Sohn. Endlich hast du gelernt, das richtige Maß zu finden, sagte er und schaute dabei nicht nur zufällig auf das Maß über der Werkstatttür.

Florin entdeckte noch eine weitere Fähigkeit des hölzernen Maßes: Es vermittelte nicht nur exakte Abmessungen für Schuhe, zeigte nicht allein ein Mehr oder Weniger an, es krümmte sich auch, wenn jemand log und blieb gerade, wenn einer die Wahrheit sagte. 

 

Kapitel 7

 

Eines Tages trat ein Mann in Florins Werkstatt ein, gekleidet wie ein Jäger. Ich hörte, du seist ein Mensch, der immer die Wahrheit herausfindet, sagte er. Das kann ich fast nicht glauben.

Du musst es ebenso wenig glauben, wie ich dir glaube, dass du ein Jäger bist, antwortete Florin und lächelte, denn das Maß über dem Türrahmen hatte sich gekrümmt, als der Mann eintrat: Er war also ein Lügner. 

Laut erklärte der junge Schuster: Deine Hände sehen nicht so aus, als verdientest  du dein Brot mit ihnen. Bist du ein Graf?                                                                                        

Vielleicht, erwiderte der Fremde, aber das Maß hinter seinem Rücken blieb krumm.

Du könntest auch ein Herzog seinüberlegte Florin.

Möglicherweise, antwortete der sonderbare Besucher. 

Immer noch blieb das Maß krumm. Dann seid Ihr der König selbst, entschied Florin und das Maß über der Tür wurde gerade. Der junge Schumacher erhob sich von seinem Schemel, verbeugte sich zeremoniell und blieb vor dem Herrscher stehen.

Es scheint zu stimmen, was man über dich berichtet, stellte der König erstaunt fest. Du verstehst es tatsächlich, die Wahrheit herauszufinden. Ich will dich auf eine weitere Probe stellen. Bestehst du sie, hast du einen Wunsch frei und ich nehme dich  als meinen Ratgeber mit auf mein Schloss. Bestehst du die Probe nicht, ordne ich an, dass man dich als Schwindler an den Pranger stellt und öffentlich auspeitscht.

Leider stand der König nun direkt vor den Werktisch und verdeckte so den Blick auf das Maß über der Tür. 

Ach, ich armes Schusterlein!, dachte Florin. Wie ich es auch anstelle, es wird mir schlecht ergehen. Weder hatte er Lust, am Pranger zu stehen, noch gelüstete es ihm, am königlichen Hof Ratgeber zu werden. Es war bekannt, dass es bei Hofe von Lügnern und Heuchlern nur so wimmelte, weil mehr als ein Edler dafür bestraft worden war, dass er gewagt hatte, dem König die Wahrheit zu sagen. Der Herrscher  verlangte zwar, sie zu hören, doch sollte sie für ihn stets angenehm klingen. 

Hier helfen nur Witz und Verstandüberlegte Florin. Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn und er verbarg die Hände hinter dem Rücken, damit der König deren Zittern nicht bemerkte. 

Vernimm deine Aufgabe, sagte der König. Verrate mir eine Wahrheit, die mich betrifft, die ich jedoch noch nicht kenne.

Florin wusste, das Maß würde ihm jetzt nicht helfen, also betrachtete er den König von oben bis unten. Sein Blick blieb an den Stiefeln des Herrschers hängen  

Er lächelte und stellte fest: Euer rechter Fuß ist länger als der linke.

Der König musterte seine Stiefel  sie waren gleich groß.

Ich sprach von Füßen, erinnerte Florin. 

Der König setzte sich auf den Schemel, zog die Stiefel aus und verglich seine Füße. Siehe da! Der rechte Fuß war tatsächlich um eine Kleinigkeit länger.

Das hast du geraten!, behauptete der König. 

Nein, entgegnete Florin. Ich kann Euch auch noch versichern, dass Euer linkes Ohr kürzer ist als das rechte. Wir können es ausmessen, wenn es Euch beliebt. 

Der König schüttelte den Kopf. Er glaubte Florin aufs Wort. 

Der verriet ihm natürlich nicht, woran er die Ungleichheit der königlichen Füße erkannt hatte. Dabei war es so einfach gewesen: Die Stiefel hatten schon manche Jagd mitgemacht und zeigten an den Kappen deutliche Falten, rechts ein wenig mehr als links. Der linke Fuß füllte den Stiefel also nicht ganz aus! Mit den Ohren verhielt es sich ähnlich. Nur wusste eben nicht jeder, dass bei fast allen Menschen die eine Seite ein wenig größer war als die andere. Wenn also des Königs linker Fuß etwas kürzer war, galt das auch für dessen Ohr.

Noch eine Aufgabe, sagte der König. 

Florin wollte einwenden, dass der Herrscher nicht von weiteren Proben gesprochen habe, aber der platzte schon mit der Frage heraus: Wie viele Teufel hat die Hölle?

Neun-und-neunzigtausend-neunhundert-neun-und-neunzig, antwortete Florin, ohne nachzudenken. 

Warum eine so ungleiche Zahl?, fragte der König misstrauisch.

Diesmal würde die Antwort kritisch sein, aber die Wahrheit musste einfach gesagt werden. Florin atmete tief durch. Nun, jeder weiß, dass in der Hölle hunderttausend Teufel leben; einer aber befindet sich  seit Jahren in Eurem Schloss und ist Minister. 

 wegen seiner Grausamkeit auch überall als Teufel verschrien.

Fünfhundert-fünf-und-fünfzig und eine halbe, gab Florin nach kurzem Bedenken Auskunft.

Des Königs Blick wurde wachsam. Warum diese Zahl?

Florian erklärte: Ihr habt fünfhundert Bedienstete und jeden Tag empfangt Ihr fünfzig Gäste oder Bittsteller, fünf Mitglieder zählt Eure Familie. Über alle wollt Ihr die Wahrheit wissen, über Euch selbst aber nur die halbe und zwar die Hälfte, die Euch schmeichelt und angenehm in den Ohren klingt. 

Wieder lachte der König schallend. Gut gesprochen, Schuster, lobte er dann. Du hast Witz und das gefällt mir. Welchen Wunsch soll ich dir erfüllen?

Das ist schnell gesagt, antwortete Florin. Ich möchte weiterhin in dieser Stadt wohnen bleiben.

Der Wunsch schien dem Herrscher nicht sehr zu behagen, aber er wollte seine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, also forderte er: Nenne mir einen ernsthaften Grund für  deine Entscheidung. Ich habe der Königin nämlich versprochen, einen Ratgeber mitzubringen. 

Versteht mich recht, mein König, antwortete Florin. Ich bin ein unbedeutender Schuster und passe nicht in Euren vornehmen Hofstaat. Was habt Ihr zudem von einem Mann, der Euch nicht freiwillig folgt?

Das letzte ist leider wahr, gab der König nachdenklich zu. Der Mann würde kein guter Berater für mich sein. Er wandte sich um und verließ die Werkstatt. Draußen fuhr  eine Kutsche vor, in die er einstieg. Sobald der Hufschlag verhallt war, eilte Florin zu Vater Jakob, um ihm zu erzählen, was er gerade erlebt hatte.

Ich weiß es schon, versicherte der Alte. Die Tür zum Wohnraum war ja nur angelehnt, ich konnte jedes Wort verstehen und hatte schrecklich Angst um deine Sicherheit! 

Ging mir auch so, gestand Florin. Zumal ich das Maß nicht sehen konnte, das mir angezeigt hätte, wie es um des Königs wirkliche Meinung stand!

Immerhin machte der seltsame Besuch Florin um eine Erfahrung reicher: Von nun an befragte er das Maß über der Tür nur noch selten darüber, wer log und wer die Wahrheit sagte. Meist erkannte beides von selbst.

 

Kapitel 8

 

Jahre waren vergangen. Meister Jakob Wendelin lag längst in kühler Erde und das  Röschen war in der großen Stadt zu einer jungen hübschen Rose erblüht. Mancher Bursche hätte sie gern zur Frau genommen, aber sie lebte sehr zurückgezogen. 

Die Werkstatt ihres Vaters hatte sie verpachtet. Aus Florins Zeit war ihr nur ein kleines Kästchen mit ein paar seltsam geformten bunten Nadeln, einem Stückchen Leder und einer Garnrolle geblieben. Und obwohl der junge Schuster sie damals fast in den Brunnen gestoßen hätte, dachte sie oft an ihn.   

Eines Tages kam ihr zu Ohren, dass eben dieser Brunnen ausgetrocknet und zugeschüttet werden sollte. Da fiel ihr die Schere ein, die seit vielen Jahren auf dem  Grund des Schachtes lag. Als die Arbeiter den angesammelten Schlamm Eimer um Eimer von unten ans Tageslicht brachten, befand sich darin so mancher verrostete Gegenstand, den die Leute im Brunnen versenkt hatten. Aufmerksam prüfte Rose alle verrosteten Teile, die gesondert aufgehäuft wurden, und fand zu ihrer Freude darunter auch Florins Schere, ebenfalls dicht mit Rost überzogen.  

Tagelang schmirgelte sie das Metall, bis es endlich glänzend und neu geschärft in ihrer Hand lag. Sie würde Florin sein Eigentum zurückbringen. 

Aber wo hielt er sich auf? Er hatte Rose oft von einem großen Wald erzählt, den er durchwandern musste, um das Haus seines Meisters zu erreichen; auch von den beiden Riesen, die so wild darauf waren, ihn einzufangen. In dieser Richtung würde sie ihre Suche zuerst beginnen. 

Vor den Riesen hatte Rose keine Furcht, da sorgte sie vor! Aus verschiedenen Kräutern bereitete sie einen wohlschmeckenden Schlaftrunk zu und mischte den Saft der Schlingpflanze darunter. Das entstandene Gemisch füllte sie in eine große Blechkanne. Die Riesen würde das Gift zwar nicht umbringen, aber es reichte aus, sie zu betäuben. 

Tags darauf bat Rose den Pächter, auf ihr Haus und Eigentum acht zu geben schnürte ihr Reisebündel, nahm die große Blechkanne auf den Rücken und machte sich auf den Weg. Sie wanderte den ganzen Tag, fand in einem Dorf bei Bauern ein warmes Plätzchen für die Nacht und wurde am darauffolgenden Morgen von einem Fuhrwerk ein ganzes Stück mitgenommen. Nach einer weiteren Übernachtung lief sie zu Fuß weiter und sah am dritten Tag den berüchtigten Wald auftauchen. Ein Blick zum Himmel sagte ihr, dass es bald dunkel sein werde. Was sollte sie tun? Es wagen hindurchzuwandern oder warten bis zum nächsten Morgen? 

Sie entschied sich für ersteres. 

Anfangs sah sie noch ausreichend, aber bald schluckten die dicht stehenden Bäume das letzte Dämmerlicht und um sie herum wurde es Nacht. Als sie wiederholt gegen Baumstämme lief, wusste Rose, dass es keinen Zweck hatte weiterzugehen. Sie legte sich an Ort und Stelle auf den bemoosten Platz unter einem Baum, dessen Zweige bis zum Boden reichten und so einen gewissen Schutz boten, umschlang ihr Bündel und schlief ein. 

 Vogelgezwitscher weckte sie. Verwirrt öffnete Rose die Augen und erschrak im ersten Moment heftig. Durch die Zweige hindurch bemerkte sie vier riesenhafte, kaputte Schuhe, aus denen beeindruckend große Zehen lugten. Da wurde ihr klar, wer sie in aller Herrgottsfrühe aufgespürt hatte. 

Na, wartet, ihr Kerle!, dachte sie. Mir macht ihr keine Angst, so riesig ihr auch seid, ich werde euch um den kleinen Finger wickeln. Beinahe hätte sie laut gelacht, als sie sich dieses Bild vorstellte. Energisch schob sie die Zweige beiseite, sprang auf die Beine und rief, noch ehe einer der Riesen den Mund öffnen konnte: Guckedida! Was seid ihr denn für lustige Gesellen?

Guckedidu, grummelte der grünhaarige Riese verlegen. 

Der Rothaarige aber rief entzückt: Was ist uns denn da für ein hübsches Vögelchen ins Netz geflattert? Du kommst uns gerade recht. Er rülpste vor Freude so stark, dass die Tannennadeln durch den Luftstoß wie Regen von den Bäumen fielen. Du bleibst bei uns, bestimmte er. Reinigst unsere Höhle, kochst und leistest uns Gesellschaft.                                                                                   

Rose befreite sich von den Tannennadeln und erwiderte gelassen: Du bist nicht gerade bescheiden! Müssen muss ich gar nichts! Aber vielleicht bleibe ich freiwillig bei euch, wenn ihr mir sagt, wo ich den Schuster Florin finde.

Die Riesen lachten so laut, dass die Wipfel der Bäume rauschten, als bewege sie der Sturm. 

Das wüssten wir auch gern, röhrte der grünhaarige Riese. Wir verfolgten einen Drachen in dieser Richtung, er zeigte nach links, und das Schusterlein entwischte uns in der anderen Richtung. Er zeigte nach rechts.

Es war nicht gerade viel, was Rose da erfuhr, aber besser als nichts.

Der Rothaarige packte sie unversehens mit Daumen und Zeigefinger und setzte sie sich in die hohle Hand. Sie benahm sich, als sei dies das natürlichste von der Welt, verlangte nur ihr Bündelchen und die Blechkanne. Der Grünhaarige nahm beides vom Boden auf und warf es Rose zu, als seien es kleine Steinchen. Sie achtete darauf, nicht von der Kanne getroffen zu werden, denn die war schwer und durfte vor allem keinen Schaden nehmen. 

Die Riesen stapften zu einem über dem Wald aufragenden Berg, der mit Tannen bewachsen war. Im Inneren des Berges befand sich ihre Höhle. Aus der Öffnung strömte ein unangenehmer Geruch  ja  es stank geradezu zum Himmel. Rose würde auf keinen Fall auch nur einen Fuß in dieses grässliche Loch setzen.

Halt!, rief sie. Ich bleibe gern bei euch, aber zuvor trinken wir auf gute Freundschaft! Habt ihr Becher? Für den schmackhaften Trank habe ich gesorgt. Sie klopfte auf die Blechkanne. 

Der Rothaarige setzte sie samt Bündel und Kanne vorsichtig auf dem Boden ab und der Grünhaarige verschwand in der Höhle. Nach einer Weile kehrte er zurück und stellte zwei Becher auf die Erde. Sie hatten die Größe kleiner Wassereimer. Wenn Rose den Trank gleichmäßig in ihnen verteilte, würde der Inhalt der großen Kanne nur wenig mehr als die Böden bedecken. Für sich selbst holte sie einen Becher aus der Tasche ihres Kleides.

Mit gierigem Blick verfolgten die Riesen die Aufteilung des Trankes. Der würzige Geruch des Kräutersuds stieg ihnen angenehm in die Nase. Es fiel ihnen nicht auf, dass Rose sich selbst nur ein paar Tropfen eingegossen hatte.

Als sie nun ausrief: Lasst es euch schmecken!, griffen sie augenblicklich nach den eimerartigen Gefäßen und stürzten das Gebräu hinunter. Für sie war es nur ein Schluck, aber  der hatte es in sich. An betäubende Säfte und vor allem an Gift nicht gewöhnt, wurden den grobschlächtigen Kerlen nach wenigen Minuten die Augenlider schwer, sie setzten zum Sprechen an, doch die Zunge gehorchte ihnen nicht, die Knie knickten ihnen ein und dann fielen sie wie riesige Käfer auf den Rücken. Bald darauf begannen sie zu schnarchen. Es war, als arbeiteten zwei Sägewerke auf einmal.  

Das war der Moment, in dem Rose ihr Bündel ergriff und sich eiligst davon machte. Sie blickte sich nicht ein einziges Mal um.

Nach einigem Umherirren, fand sie den Weg aus dem Wald, den vermutlich auch Florin bei seiner Flucht genommen hatte. Im nächsten Dorf fand sie eine Unterkunft für die Nacht und wanderte am folgenden Tag weiter, immer der Nase nach.  Irgendwann landete sie vor dem Tor einer kleineren Stadt.  

Ein Gefühl sagte ihr, dass sie Florin hier finden werde, doch erst einmal fragte sie sich bis zum Marktplatz durch. Es würde hier kaum anders sein als in ihrer Heimatstadt: Die besten Auskünfte erhielt man von den Händlern. Die wussten einfach alles. 

Eine rundliche Händlerin wurde auf das junge Mädchen aufmerksam, das sie hier noch nie gesehen hatte. Ich habe süße frische Kirschen, lockte sie. Willst du sie  probieren?

Ein andermal vielleicht, antwortete Rose. Heute bin ich auf der Suche nach einem Menschen, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe.

Wohnt er denn hier?, erkundigte sich die Händlerin neugierig.

Das weiß ich leider nicht, erwiderte Rose. Aber vielleicht könnt Ihr mir helfen. Der Mann heißt Florin Buntschuh und ist Schumacher.

Ein breites Lächeln überzog das Gesicht der Händlerin, Und ob ich das kann, Mädchen! Ich habe mir von ihm gerade erst Schuhe anfertigen lassen. Schau her! Sie reckte Rose ein strammes Bein entgegen, das in einem stabilen Stiefel mit Verschnürung steckte. Dann beschrieb sie ihr den Weg zur Werkstatt des jungen Schusters und schenkte ihr obendrein eine Handvoll Kirschen. 

Die Beschreibung war zutreffend  Rose fand das Haus neben dem Brunnen auf Anhieb. 

Florin Buntschuh  Schuhmacher 

stand über dem Eingang zur Werkstatt. Sie zögerte jedoch die Tür zu öffnen und einzutreten. Was für einen Florin würde sie antreffen? Den freundlichen jungen Gesellen, den ihr Vater einst vom Markt mit nach Hause gebracht, der ihr von den Riesen und seinem Meister im Haus am Wald erzählt hatte oder den bösartigen Geizhals, der die Bettler verjagt, ihre Haustiere vertrieben und sie beinahe ermordet hatte?  

Der Werkstatt gegenüber befand sich ein Gasthaus mit einem Vorgarten, in dem Tische aufgestellt waren. Es saßen dort kaum Gäste. Die Wirtin brachte der müden Wanderin auf Verlangen ein Glas frisches Wasser.

Von ihrem Platz aus hatte Rose einen guten Blick auf die die Werkstatt. Sie musste nicht lange warten, da öffnete sich die Tür und Florin trat heraus. Er hatte sich kaum verändert, war nur älter geworden. Die Vorübergehenden grüßten ihn freundlich, der eine oder andere wechselte sogar einige Worte mit ihm. 

Das freute Rose ungemein: Von Bösartigkeit konnte bei Florin wohl nicht mehr die Rede sein. Im Inneren der Werkstatt vernahm sie Hundegebell und aus der offenen Tür schoss eine Katze heraus, gefolgt von einem Hündchen, das ihrem alten Hausgenossen, den Florin vertrieben hatte, sehr ähnlich sah. Die beiden Tiere spielten fröhlich miteinander und jagten sich um den Brunnen herum. 

Florin verschwand in der Werkstatt und trat gleich darauf mit einem Käfig wieder heraus, in dem ein Wellensittich saß. Er stellte den Käfig auf den Brunnenrand, öffnete das Türchen, der Kleine hüpfte geschwind heraus und flatterte auf die   Käfigspitze.

Nun wusste Rose, dass sich bei Florin alles zum Guten gewendet hatte. Wie war es sonst zu verstehen, dass er gerade die Art Tiere in seinem Haus hielt, denen er einst so übel mitgespielt hatte?

Ich wage es!, dachte Rose und stand entschlossen auf, überquerte die Straße und grüßte den jungen Schuhmacher freundlich. 

Florins Blick glitt unsicher über Gesicht und Gestalt des jungen Mädchens und ein ungläubiger Ausdruck zeigte sich auf seinem Gesicht. Röschen?, fragte er leise und wiederholte verlegen: Rose, bist du das wirklich?

Sie nickte heftig und weil ihr nichts Besseres einfiel sagte sie: Ich bringe dir deine Schere. Sie ist wieder so gut wie neu! Und setzte hinzu: Ich bin ja so froh, dass ich dich gefunden habe.

Verzeih mir Rose, bitte verzeih mir, was ich …“, begann Florin, aber sie ließ ihn nicht ausreden, sondern fiel ihm erleichtert um den Hals. Alles gut! Alles gut!, murmelte sie. Das ist längst vergessen.

Als begriffen Hund und Katze, was hier geschah, stellten sie ihr Spiel ein und gesellten sich zu den beiden. Die Katze strich Rose um die Waden, als habe sie das junge Mädchen schon immer gekannt und der Wellensittich krächzte fröhlich.

Florin führte Rose in die Werkstatt. Und wenn er, als er Rose eintreten ließ, auf das hölzerne Maß geschaut hätte, wäre ihm aufgegangen, dass sie ihm wirklich längst verziehen hatte.

Ach, es gab so viel zu erzählen und zu berichten. Freilich war Florins Geschichte wesentlich länger als Roses, aber für ihn wurde sie aufregend, als das junge Mädchen aus dem Bündel nicht nur die Schere, sondern auch das Kästchen samt wundersamem Inhalt hervorholte. 

Es ist nicht verloren gegangen!, rief er freudig aus.

Ich habe es gerettet, als der neue Mieter die Werkstatt reinigte, obwohl es ja nichts Besonderes enthält, sagte Rose.

Oh, da irrst du dich!, widersprach Florin. Und zum ersten Mal erzählte er einem anderen Menschen, welch bedeutsames Erbe sein Vater ihm hinterlassen und wie falsch er es in seiner Gier nach Reichtum benutzt hatte. 

Rose hörte aufmerksam zu, hätte am Ende etwas dazu sagen können, aber es war Florins Sache, wie er in Zukunft mit den Wunderwerkzeugen umgehen wollte. Viel wichtiger war im Augenblick, wie sie wieder nach Hause kommen sollte. Ihr graute vor der langen Wanderung, selbst wenn ein Fuhrwerk sie hin und wieder mitnehmen sollte. Als sie Florin diese Sorge mitteilte, verschwand der glückliche Ausdruck auf seinem Gesicht. 

Du willst nicht bei mir bleiben?, fragte er enttäuscht. Dann aber hellte sich seine traurige Miene auf und er erklärte: Das wirst du aber müssen! Ich versprach deinem Vater, auf dich aufzupassen. Schlecht genug habe ich diese Aufgabe bisher erfüllt und muss deshalb viel nachholen. Ich bitte dich, meine Frau zu werden, dann kann ich dich für immer beschützen.

Rose bedachte sich keinen Augenblick, sondern willigte ein. Ich hatte dich schon als kleines Mädchen sehr gern und war so traurig über deine Veränderung. Nun bist du wieder so, wie ich dich kennenlernte, versicherte sie.

Diesmal schaute Florin auf das Maß über der Tür und ihm schien, es habe noch nie so gerade gehangen wie jetzt.

 

Was gibt es noch zu erzählen?

Die beiden heirateten. Vielleicht hatte Rose nicht das schönste aller Brautkleider, die schönsten Brautschuhe, die man sich denken konnte, trug sie jedenfalls!

Natürlich waren sie von Florin mit der Wunderschere zugeschnitten, mit Wundergarn genäht und diesmal mit der richtigen Nadel himmelblau eingefärbt worden.

        Aber das war eine Ausnahme, denn der junge Schuhmacher hatte in zwischen den Satz Dem Tüchtigen gehört die Welt, der auf dem unscheinbaren Zettel im Kästchen geschrieben stand, richtig verstanden: Tüchtig war nicht der, der sich auf Wunder verließ, sondern einer, der durch eigene Kraft Wunderbares leistete.

Also nähte er Schuhe aus herkömmlichem Leder wie alle anderen Leute seines Handwerks auch und dies mit der gleichen Kunstfertigkeit, als hätte die Schere die Form geschnitten. Nur manchmal, ja, manchmal wich er von dieser Gewohnheit ab: Immer dann, wenn ein besonders Bedürftiger um Schuhwerk bat.

Eins  war außerdem gewiss  in seinem ganzen Leben nähte Florin Buntschuh nie wieder Schuhe für einen rothaarigen und einen grünhaarigen Riesen.

 

ENDE

 

                     

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach oben