Der Grenzstein

 

Der Grenzstein steckte zornig und verbissen seit vielen Jahren in der Erde.

"Alles bewegt sich“, grübelte er. „Die Lerchen steigen in die Lüfte. Die Hasen

springen vergnügt über die Felder. Die Schmetterlinge flattern von Rain zu Rain. Die

Käfer rennen wie besessen umher. Sogar der erbärmlichste Wurm kriecht beharrlich

einen Erdhügel herunter und einen anderen hinauf. Nur ich ganz allein, ich, die

wichtigste Person von allen, stecke hier fest und komme nicht los. Ich möchte auch

einmal so fliegen, hüpfen, rennen oder so kriechen können.“

"Wünsch dir das nicht!“, warnte ein Grasbüschel, der neben ihm wuchs.

Du redest daher, wie nur ein dummer Grasbüschel reden kann“, knurrte der

Grenzstein verächtlich. „Warum soll ich nicht auch einmal loskommen? Das müsste

doch meinen Wert und Ansehen ungemein erhöhen! Ich bin schon ganz kreuzlahm

und fast ohnmächtig vor lauter Stehen. Ich würde mehr gelten, wenn ich dröhnend

durch die Lüfte sause oder gewaltig über den Weg poltern täte!“

"Wünsch dir das nicht!“, warnte erneut der Grasbüschel.

Aber der Grenzstein fuhr fort, sich`s zu wünschen – so lange, bis eines Tages ein toll

gewordener Stier über das Feld rannte, der ihn mit ein paar wütenden Stößen aus dem

Boden riss, sodass er abbrach und kopfüber kullerte, bis er liegen blieb.

"Gottseidank!“, seufzte er da stolz und glücklich. „Jetzt bin ich endlich frei!“

Da gingen ein paar Leute vorüber.

"Schau!“, sagte der eine. „Ein Grenzstein!“

"Nein!“, lachte der andere. „Das ist keiner mehr. Ein Grenzstein ist ein Künder von

Dein und Mein. Ein Meister des Rechts war er, solange er fest im Boden stand. Jetzt

ist es nur noch ein dummer, schädlicher Steinbrocken, der einem den Weg versperrt.

"He, weg da!“

Er stieß ihn derb mit dem Fuß, dass sein Hochmut verblüfft zum Schlamm in den

Straßengraben fiel.