Die Spatzen, der Schnee und die Weihnachtsbescherung

 

„Heute Abend ist Weihnachten“, zwitscherten die Spatzen sich im Garten zu und flogen zu den Bäumen und Sträuchern hin, um es ihnen zu erzählen.

Doch die wussten es schon.

„Wir haben gesehen, wie der Christbaum ins Haus getragen wurde“, sagten sie.

Die Spatzen hatten aber noch viel mehr gesehen, denn sie hatten sich den ganzen Nachmittag auf dem Fenstersims herumgetrieben und in das Zimmer geschaut, wo der Baum stand und die Weihnachtsbescherung stattfinden sollte.

„Den Christbaum“, piepsten sie, hätten wir kaum wiedererkannt, so schön war er geschmückt mit Äpfeln und Nüssen, Gold und Silber und silbrig glänzenden Papierketten.

„Wie schön“, sagten die Bäume und Sträucher und blickten traurig auf ihre kahlen Äste nieder. Da waren nicht einmal mehr Blätter dran. Und der große Apfelbaum mitten auf dem Rasen dachte wehmütig an die schöne Zeit, in der er voll schöner, roter Äpfel gehangen hatte.

„Vielleicht sind es meine Äpfel, die jetzt an dem Christbaum hängen“, sagte er. Das wussten die Spatzen allerdings nicht, aber noch viel anderes wussten sie zu erzählen.

„Der Junge, der bekommt eine Pudelmütze und eine Eisenbahn, das Mädchen einen roten Mantel und ein Märchenbuch. Für die Großmutter lag eine warme Decke auf dem Tisch, damit sie nicht friert. Aber das Schönste kommt erst noch, wenn heute Abend die vielen Lichter brennen. Das muss man gesehen haben!“

Ihr habt`s“ gut“, brummte die dicke, alte Gartenpumpe, die nicht weit vom Apfelbaum stand. Wir bekommen keine Geschenke und sehen nichts vom Christbaum und den Lichtern.

Ach, wenn ich doch auch fliegen könnte!“ Darüber lachten die Spatzen, denn der Gedanke war zu komisch, die alte, dicke Gartenpumpe fliegen zu sehen. Die anderen im Garten gaben der Pumpe recht.

„Wenn man wenigstens eine Mütze geschenkt bekäme“, meldete sich der Gartenzaun.

„Oder einen schönen Mantel“, meinte das Dach der Laube. Der Rasen wollte lieber eine warme Decke für seine Grashälmchen, damit sie schön warm gehalten wurden und nicht so froren.

„Ein schönes Märchenbuch wäre mir auch recht“, verkündeten die Sträucher. Es ist doch oft sehr langweilig im Winter, wenn keine Schmetterlinge und Vögel kommen, mit denen man ein Schwätzchen halten kann.“

So hatten alle im Garten ihre Wünsche, aber wer sollte die erfüllen! Das Christkind etwa? Nein, das hatte genug mit den Menschen zu tun. Traurig blickten alle zum Himmel hinauf, der war plötzlich ganz grau geworden.

„Besser ist`s wir schlafen ein, denn zu sehen bekommen wir ja doch nichts von all den Herrlichkeiten. All die anderen dachten das auch und bald darauf, war es im ganzen Garten mäuschenstill. Alles schlief.

 

Aber plötzlich fielen vom Himmel lauter kleine, weiße Flöckchen. Sie kamen so leise, dass man sie nicht hörte.

„Wie kalt es doch ist“, flüsterten sie, „es ist nur gut, dass uns Mutter Wolke unsere weißen Sternmäntelchen angezogen hat. Und vor Freude schlugen die Kleinsten von ihnen Purzelbäume in der Luft. Große Flocken waren auch dabei, die flogen schön langsam und vernünftig. Sie hielten die Kleineren zur Ordnung an.

„Nun macht eure Arbeit gut“, flüsterten sie. „Und vergesst nichts und seid leise, damit niemand im Garten aufwacht, sonst ist es mit der Überraschung vorbei.“

Die Schneeflocken nickten stumm. Die ersten waren im Garten angelangt. Nichts rührte sich und regte sich darin, alles schlief. Das war den Schneeflöckchen recht. Leise wanderten sie zu den schlafenden Sträuchern und Bäumen und legten sich sachte auf jedes Zweiglein. Sie waren flink und sehr leise. Es war gut, dass sie so viele waren, denn es gab viel zu tun. Das Dach der Laube sollte einen Mantel bekommen, so wie sie sich einen gewünscht hatte. Das war nicht leicht, denn die Laube war alt und hatte keinen tiefen Schlaf. Sie knackste manchmal laut und die Flöckchen hatten Angst, sie könne aufwachen. Die meiste Arbeit machte die Decke für den Rasen. Dafür mussten sie sogar ihre eigenen Sternenmäntel hergeben. Aber noch immer war die Decke nicht dick genug und warm. Zum Glück fielen noch immer neue Schneeflöckchen vom Himmel. Aber endlich war sie fertig. Nun lagen die Grashälmchen schön warm zugedeckt und froren nicht mehr.

„Seid ihr nun fertig?“, fragte eine besonders dicke Flocke.

„Nein, kam ein Flüstern aus allen Ecken.

„Noch lange nicht! Der Gartenzaun bekommt noch seine weißen Mützchen aufgesetzt und die alte Pumpe ist auch noch dran.“

Endlich war alles fertig. Im Garten kehrte wieder Ruhe ein.

 

Aber dann anderen Morgen. Das war ein Staunen, ein Jubel und eine Freude, als alle nach und nach erwachten und die Bescherung sahen. Die Sträucher wagten sich nicht zu bewegen aus Angst, sie könnten etwas von dem herrlichen Schmuck verlieren. Der Rasen war glücklich über die schöne, warme Decke. Die alte Laube, die sonst immer am Ersten erwachte, schlief am längsten, so gut hatte sie unter ihrem warmen Mantel geschlafen. Der Gartenzaun freute sich am meisten:

„Dürfen wir die Mützen jetzt immer behalten?“, fragten sie. Der Morgenwind, der gerade vorbei kam, gab den Zaunpfählen gleich die richtige Antwort:

„Wo denkt ihr hin“, sagte er, „wartet nur, bis die Sonne kommt, die wird euch die Mützen schon von den Ohren ziehen. Pff!, machte er und blies im Vorbeisausen einem Strauch ein bisschen von seinem Schmuck herunter. Nun kam noch ein anderer Besuch in den Garten. Ein Rabe, ganz feierlich, im schwarzen Anzug.

„Ich habe von eurer Bescherung gehört“, krächzte er und nahm auf der alten Pumpe Platz. Dabei hob er das eine Bein und strich der Pumpe die schöne, neue Mütze vom Kopf.

„Mach, das du wegkommst“, sagte sie und drohte ihm mit dem Schwengel, sodass der Rabe Angst bekam und fortflog und auf dem neuen Rasen landete.

„Ich will nur mal probieren, wie es sich auf der neuen Decke läuft“, meinte er.

„Die Decke ist langweilig, so ohne Muster. Er hüpfte drauf herum und hinterließ überall Striche von seinen Füßen. Da stürmten auch schon die Kinder herbei und bauten vor der Laube einen schönen Schneemann. Als es ihnen kalt wurde und sie zurück ins Haus liefen, sagte der Schneemann:

„Guten Morgen!“

„Guten Morgen!“, antwortete es von allen Seiten.

„Schönes Wetter heute“, sagte der Schneemann. Was anderes fiel ihm im Moment nicht ein.

„Ja“, sagte die Pumpe. Heute Nacht hat es geschneit!“

„Natürlich hat es geschneit. Stände ich sonst hier?“

Oh“, sagten die Sträucher, „du hast bestimmt schon schöne Reisen gemacht! Möchtest du uns nicht davon erzählen?“

„Gern“, sagte der Schneemann.

„Neulich war ich mit einer Schneewolke im ewigen Eis“, begann er zu erzählen. Dort ist es bitterkalt. Die Menschen haben immer dicke Pelze an. Sie wohnen in Schneehütten, die sind aus gefrorenem Eis, haben Fenster und Türen und sogar einen Schornstein. In ihren Hütten ist es immer warm. Er erzählte so viel von den Menschen und ihrem Leben und alle lauschten seinen Worten.

 

In diesem Augenblick kam die Sonne hinter den Wolken hervor.

„Uff“, machte der Schneemann besorgt. Erstaunt blickten alle in die Runde. Sie sahen, wie der viele Schnee wunderschön in der Sonne glitzerte. Es war eine wahre Pracht, die die Sonne hervorzauberte.

„Traut ihr nicht“, meinte der Schneemann, „die Herrlichkeit wird gleich zu Ende sein. Ach wäre ich doch mit der Wolke, weiter zu den hohen Bergen, wo es so herrlich kalt ist, wo die Schneeflocken nicht in der Sonne sterben müssen, sondern in Eis verwandelt werden und ewig leben.

Plötzlich fing der ganze Garten zu weinen an. Von jedem Strauch, von jedem Zaunpfahl, von der Laube und der Pumpe fielen große Tropfen in den Schnee und jeder Tropfen machte ein Loch hinein. Weinten sie etwa, weil der Schneemann vom Sterben sprach, er, der ihnen so schön erzählt hatte? Aber nein, Tauwetter hatte eingesetzt. Immer mehr Sonnenstrahlen kamen und jeder schmolz ein wenig vom Schnee weg. Jeder ließ ein Stückchen Herrlichkeit zerfließen.

Aber so ist es ja immer.