Tobias und die Rettung der Sonne/ 8
 

Tobias erwachte. Draußen war es noch stockdunkel. In der Nacht hatte er lange Zeit nicht einschlafen können, denn Sami, der kleine Elefant, schnarchte furchtbar laut. Irgendwann war Ruhe eingekehrt und Tobias war eingeschlafen.
„Sami“, flüsterte er morgens und rekelte sich unter seiner Decke, „bist du auch schon wach?“
Keine Antwort. Kein Geräusch kam aus dem Dunkeln.
Flugs sprang er aus dem Bett und machte Licht. Sami war fort. Erleichtert atmete er auf.
Hurtig schlüpfte er zurück in sein Bett und schlief beruhigt wieder ein.
Wenn Tobias aber glaubte, er würde seinen Freund Sami nach dem gestrigen Besuch auf dem Mond ein paar Tage nicht mehr sehen, so hatte er sich getäuscht.
Bereits am späten Nachmittag war Sami wieder da. Er hatte ein Fernrohr dabei und zog Tobias schnell ins Freie.
„Stell dir vor, ich habe einen Kometen entdeckt“, rief er aufgeregt.

 „Schau mal durch. Siehst du ihn dort oben am Himmel? Er steuert direkt auf unsere Erde zu. Oh, oh, ob das gut geht?"
„Woher willst du das wissen!“, fragte Tobias. Du siehst wohl Gespenster!“
"Nun guck doch erst mal hin. Kannst du ihn sehen?", wollte Sami ungeduldig wissen. „Ja, ja, da ist er. Was für einen wunderschönen Schweif er hat. Gleich stürzt er auf die Erde, reißt einen tiefen Krater und landet beim Teufel in der Hölle!“, neckte Tobias ihn. „Was hast du nur für eine Fantasie, Sami. Komm, lass uns hinein gehen und Karten spielen. Oder fällt dir etwas Besseres ein?“
Nur widerwillig folgte Sami ins Haus. Immer wieder blickte er zum Himmel. Sobald sie im Zimmer waren, lief er ans Fenster und sah angestrengt hinaus.
Kaum hatte Tobias die Karten gemischt, wurde es am helllichten Tag plötzlich Nacht. Erschrocken liefen beide ans offene Fenster, stumm vor Angst. Aus der Dunkelheit krachten dicke Eisbrocken auf Straßen und Dächer.
Im Nu war alles vom Eisregen übersät.
Tobias wollte gerade das Fenster schließen, da entdeckte er ein weißes Taubenpärchen, das sich ängstlich und Schutz suchend in die Fensternische duckte.
„Kommt schnell herein!“, rief er ihnen zu. „Ihr seid ja patschnass!“ Das ließen sie sich nicht zweimal sagen und flatterten ins trockene Zimmer. Tobias schloss eilig das Fenster. Die Täubchen schüttelten die Nässe aus ihrem Gefieder, niesten dreimal hintereinander und gurrten:
„Wir suchen Sami, den kleinen Elefanten. Ist er bei dir?“
"Was wollt ihr von mir?“, fragte Sami und betrachtete neugierig die Täubchen.
"Uns schickt die Hexe Chalun. Sie sagt, ihr sollt ihr helfen!“
"Wobei sollen wir ihr helfen?“, fragte Sami überrascht.
„Das werdet ihr sehen, wenn wir dort sind. Wir fliegen voraus und zeigen euch den Weg.“
Der Eisregen hatte aufgehört, aber es war draußen noch immer dunkel. Wo war die Sonne geblieben, warum schien sie nicht? Was war mit ihr geschehen?
Tobias beeil` dich! Zieh` Gummistiefel an vergiss die Taschenlampe nicht. Wenn die Hexe nach dem letzten bösen Abenteuer uns bittet, muss etwas Schreckliches geschehen!“

 

Tobias setzte sich auf Samis Rücken und leuchtete mit der Taschenlampe, so gut es ging. Und los ging der Flug. Die weißen Tauben flogen voraus.
Nach einer halben Stunde Flugzeit wurde der Himmel heller. Noch bevor Sami landete, stieß Tobias einen Schreckensruf aus. Das, was er vorher als Samis Fantasie abgetan hatte, war eingetreten. Unter ihnen öffnete sich ein riesengroßer Krater. Dicht daneben lag ein See, der leuchtete so hell wie die Sonne. Fische schwammen aufgeregt an der Oberfläche und schnappten nach Luft. Die Hitze schien unerträglich.
Nur die Seerosen hatten ihre Blüten geöffnet und genossen die Wärme.
„Wir sind am Ziel“, sagten die Täubchen und flogen davon. Sie hatten ihre Aufgabe erledigt.
Am Kraterrand saß der Teufel und jammerte der Hexe die Ohren voll. Mit rot glühenden Augen betrachtete er die beiden Ankömmlinge.
Die Hexe kam ihnen entgegen.
"Nanu, liebe Chalun" schmeichelte Sami, "du siehst ja aus wie immer! Hast du deinen Flugbesen doch wieder gefunden? Als wir uns das letzte Mal sahen ...!“

 „Sei bloß still", unterbrach sie ihn böse, "sonst verwandle ich mich wieder in ein Ungeheuer und fresse deine großen Ohren samt Rüssel!"
Ihre Stimme überschlug sich vor Wut.
"Schau dich lieber mal um! So ein Unglück habe ich seit tausend Jahren nicht erlebt! Stellt euch vor, ein Komet hat die Sonne gestreift und in einen See gerissen. Wahrscheinlich liegt sie auf dem Grund. Sami, wir müssen die Sonne aus dem Wasser holen und an ihren gewohnten Platz zurückbringen. Die Erde wird sonst sterben, denn ohne Licht können wir nicht überleben.“
"Und was hat der Teufel damit zu tun?“, fragte Sami.
„Ach, beachte ihn nicht“, grinste die Hexe hämisch. Hihihi, der Komet hat direkt die Hölle getroffen und durch den Druck wurde das Höllenfeuer gelöscht! Also kommt, um den brauchen wir uns nicht zu kümmern. Aber der Sonne müssen wir helfen!
Wenn wir ein wenig warten, kühlt sie sich ab, dann können wir sie greifen. Schaut, ihr Licht wird schwächer. Sie schrumpft bereits und wird klein wie eine Kugel. Bevor ihr Licht ganz erlischt, tauchst du und holst sie aus dem Wasser. Dann muss es schnell gehen. Du fliegst mit ihr in den Himmel und bringst sie an ihren gewohnten Platz. Dort wird sie sich wieder zur vollen Größe entfalten und in wenigen Stunden hat sie den Absturz vergessen. Dann können wir wieder ihr Licht und ihre Wärme genießen!“
Nun hieß es abwarten. Sie saßen nun am Rande des Sees und starrten mit großen Augen und klopfenden Herzen auf jede Veränderung der Sonne. Es kam, wie die Hexe es vorausgesagt hatte. Ihr Licht wurde schwächer und sie schrumpfte, wurde kleiner und kleiner.
„Es ist soweit“, jubelte der kleine Elefant. Er holte tief Luft, sprang in den See, tauchte und griff nach der schon fast kalten Sonne. Tobias nahm sie ihm eilends ab, schwang sich auf Samis Rücken und schon flogen sie dem Himmel entgegen.
Unterwegs passierte fast noch ein schreckliches Missgeschick. Sami bekam einen schweren Hustenanfall. Er hatte beim Tauchen wohl zu viel Wasser geschluckt.
Sein Körper wurde durchgeschüttelt und Tobias rutschte die Sonnenkugel aus den Händen. Fassungslos blickte er ihr nach, wie sie zur Erde trudelte.
Doch plötzlich tauchte Chalun auf ihrem Besen auf. Geschickt fing sie die Kugel auf und flog damit neben Sami her.
"Euch kann man wirklich nichts alleine machen lassen!“, schimpfte sie laut. Gemeinsam stellten sie die Sonne wieder an ihren Platz. Als sie oben ankamen, war noch alles dunkel, doch als sie zurückflogen lachte ihnen die Sonne strahlend hell hinterher.
„Puh, das ist uns wieder einmal gut gelungen“, lachte Sami vergnügt. "Was mich aber noch interessieren würde, wo ist bloß der Teufel geblieben?

Dem statten wir beim nächsten Mal einen Besuch ab!"
„Kommt nicht infrage! Nein, Saaaami!"