Der Maler und der Bettler

Felix war Künstler. Ein Maler und bekannt wie ein bunter Hund. Die Menschen in seiner Umgebung belächelten ihn ein wenig, wenn er mit seinem Schlapphut, den ausgebeulten Hosen und einem Blick immer auf der Suche nach neuen Motiven durch die Straßen schlenderte. Sein Freund Max besuchte ihn oft in seinem Atelier. Eigentlich war es nur ein altes Haus mit einem kaputten Dach. Wenn es regnete, konnte er nur ein einziges Zimmer benutzen. Dort stand sein Bett und dort lagerten auch seine Bilder, die kein Mensch kaufen wollte. Aber Felix hatte seine Träume. Die ließ er sich vom Regen nicht vermiesen.
„Ich habe ein neues Bild gemalt“, sagte er zu Max, „möchtest du es sehen?“
Er stellte das Bild so hin, dass helles Licht darauf fiel. Sein Freund stand mit gerunzelter Stirn davor.
„Sehr schön“, sagte Max schließlich, "niemand wird es kaufen und keiner wird es verstehen. Sehr schön.“
Max war eine unstete Natur. Alles fing er an und nichts brachte er zu Ende. Im Moment schrieb er Gedichte, die kein Verlag gebrauchen konnte.
Einige Tage später lief Max missmutig durch die Straßen. Da schlug ihn jemand von hinten auf die Schulter.
„Gut, dass ich dich treffe", sagte Felix zu Max, "ist es nicht ein herrlicher Tag heute?“
"Herrlicher Tag? Es regnet seit drei Tagen und ich weiß nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll", antwortete Max bedrückt.
„Da kann ich dir auch nicht helfen. Aber den Regen finde ich schön. Schau nur, wie das Pflaster glänzt, wie ein silberner Spiegel.“
Wenn die Zwei nicht gerade ihrer Leidenschaft nachgingen, hielten sie sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Aber im Moment war nichts zu finden.
„Machs gut“, sagte Felix nach einer Weile, „mir fällt soeben ein neues Motiv ein.“
„Ja, ja“, meinte Max gelassen, „und mir ein neues Gedicht.“

Es war Winter geworden. Max schrieb noch immer an seinen Gedichten, die keiner haben wollte. Da fiel ihm sein Freund Felix ein und er beschloss, ihn wieder einmal zu besuchen.
Der saß im Wintermantel und Schal im Atelier und fror. Der Regen und der Schnee liefen durchs Gemäuer und der Wind pfiff durch alle Ritzen. In der Ecke stand ein wackeliger Ofen, der nicht brannte, sondern nur qualmte.
„Hast du neue Bilder gemalt?“, wollte Max wissen.
„Ja, aber ich male nur noch Schwarz-Weiß. Ich habe kein Geld mehr, um Farben zu kaufen. Jetzt ist Winter, da ist die Welt sowieso weiß und mit ein paar schwarzen Strichen kann man wunderbare Kontraste erzielen.
„Siehst du“, sagte Max mitleidig, „so ist das Leben! Alles ist sinnlos.“

„Das dachte ich vor einigen Wochen auch“, nickte Felix, „ich war verzweifelt. Da ging ich zu der großen Brücke und wollte meinem Leben ein Ende setzen. Es war ein dunkler, regnerischer Tag, der Wind pfiff unheimlich durch die riesigen Stahlträger. Ich hatte schon ein Bein über das Geländer gehoben und starrte in die aufgewühlten, bleigrauen Fluten, da hörte ich plötzlich Geigentöne. Ganz in meiner Nähe saß ein Bettler. Es kümmerte ihn nicht, dass niemand zu hörte. Die Geige war schrecklich verstimmt und er spielte grottenschlecht. Ich dachte, bevor ich mich ins Wasser stürze, würde ich gerne wissen, was der alte Bettler so inbrünstig spielt. Ich ging zu ihm hin und sagte:
„Ein schönes Stück, was du da spielst, Alter.“
Er setzte den Bogen ab und machte ein erschrockenes Gesicht.
„Herrlich, nicht wahr?“, stotterte er, „es ist ein Stück von Mozart. Ich spiele es immer, wenn ich alleine und traurig bin. Nur dieses eine Stück!“
„Aber es gibt doch noch so viele andere Stücke!“, sagte ich zu ihm.
„Viele, … viele, so viele, dass man ganz klein wird, wenn man daran denkt. Aber ich brauche nur dieses eine Stück, um glücklich zu sein.“
Ich hörte ihm noch eine Weile zu und vergaß, dass ich ... na..., du weißt schon. Schließlich warf ich ihm meine letzten Cent in die Mütze und ging nach Hause."
„Du gingst zurück“, fragte Max, zurück in deine kalte, windige, nasse Bude?“
„Ja“, sagte Felix, „hätte ich mich nicht in den Fluss stürzen wollen, hätte ich den Geigenspieler nicht gehört. Dann würde ich nicht mehr …“
„… hier in dieser elenden Bude sitzen und frieren“, unterbrach ihn Max.
„Nein“, sagte Felix ernst, „dann würde ich nicht mehr leben.“
„Leben?“, fragte Max und fuhr sich über die Stirn. Er erhob sich von seinem wackeligen Stuhl und reichte seinem Freund die Hand.
Machs gut", sagte er, "mir ist eine neue Idee für ein Buch gekommen. Titel: „Über den Unsinn des Lebens.“
"Ja“, sagte Felix munter, "geh nur und schreibe."
Er nahm seine Palette und Pinsel zur Hand und dachte, „ich werde jetzt malen, malen, malen.“