Das kleine Pfefferkuchenherz

 

Bei einem Dorfbäcker lebten einst zwei Pfefferkuchenherzen jahrelang zusammen. Sie hatten sich sehr lieb und das eine konnte ohne das andere nicht sein. Eins war groß, dass andere klein. Eines Tages sagte das große Herz zum Kleinen.

„Herzchen, ich muss für ein paar Tage verreisen. Ängstige dich nicht, ich komme bald wieder.“ Aber das große Herz kam nicht zurück. Herzchen wartete geduldig drei Tage, dann fing es an zu weinen und weinte eine Woche lang. Danach machte es sich auf den Weg, um das große Herz zu suchen. Gegen Abend wurde es müde, denn die Stadt, wohin das große Herz verreist war, lag sehr weit, niemand war in Sicht, der es mitnehmen konnte. Endlich traf es einen Hasen mit einem Wägelchen.

„Bitte, liebes Häschen“, sagte das kleine Herz, „lass mich doch ein Stück mitfahren. Das Gehen ist so mühsam, denn ich habe ja keine Beine. „Gern“, sagte der Hase, bis zu meinem Bau kannst du mitfahren.“ Das Herzchen stieg ein und fuhr mit. Als es sich bedanken wollte, sagte der Hase:

„Das habe ich gern getan. Aber lass mich zum Lohn ein Stückchen von dir abbeißen, ich esse Lebkuchen für mein Leben gern!“

„Bitte“, sagte es mutig, und der Hase knabberte an Herzchen, bis es fast um die Hälfte kleiner geworden war. Langsam ging es weiter und dachte nur an das liebe große Herz.

Es kam in einen Wald, da war es kalt und dunkel. Herzchen zitterte vor Kälte und verlor im Dunkeln den Weg. Zum Glück kam ein Fuchs daher.

„Ach, lieber Fuchs“, rief es ängstlich, weißt du hier in der Gegend ein Nachtquartier für mich, ich friere so.“

„Ein Nachtquartier für kleine Lebkuchenherzen gibt es nicht, sagte der Fuchs ein wenig mürrisch. „Aber du kannst bei mir schlafen!“ Unter einem Tannenbaum mit tiefhängenden Zweigen lag Herzchen weich und warm und wachte erst am späten Morgen auf.

„Ich danke dir“, sagte es freundlich. Aber als es fortgehen wollte, baute sich der Fuchs drohend vor Herzchen auf. „Ich hatte noch kein Frühstück. Gib mir ein Stück von dir! Ohne die Antwort abzuwarten, hatte er beinahe die Hälfte abgebissen. Das tat dem Herzchen ein bisschen weh, doch es sagte nichts und ging weiter. Gegen Mittag bekam es Hunger, denn es hatte ja seit gestern selbst nichts mehr gegessen. Da erblickte es über sich in einem Strauch zwei schöne, reife Haselnüsse, aber es kam nicht ran und klettern konnte es nicht.

Also rief es einem vorbeihuschenden Eichhörnchen zu: „Bitte liebes Eichhörnchen, pflück` mir doch die Nüsse ab und knacke sie für mich. Ich bin zu schwach dazu.“

Das Eichhörnchen war wie der Wind oben und warf die geknackten Nusskerne dem Herzchen vor den Bauch. Herzchen aß und ließ sich vom Eichhörnchen noch ein Nussschälchen voll Wasser holen. Dann dankte es dem Tier von ganzem Herzen und wollte weitergehen.

 „Warte doch mal!“, meine Kinder essen gar zu gern Lebkuchenherzen. Darf ich mir ein Stück für sie abbrechen?“

„Aber nicht zu viel“, stotterte Herzchen erschrocken, sonst bleibt ja gar nichts mehr von mir übrig. Ich muss doch mein großes Lebkuchenherz suchen!“

Das Eichhörnchen brach ein Stück ab und huschte mit schnellen Sprüngen davon. Entsetzt ging Herzchen weiter. Nun hatte sie Angst, nach dem Weg zu fragen. Da traf sie eine alte Frau, die Pilze suchte. Und weil sie gehört hatte, dass die Menschen besser waren als die Tiere, fasste sie wieder Mut und fragte unter Tränen nach dem nächsten Weg zur Stadt. Die Frau guckte das Herzchen, das vor lauter Weinen ganz weich geworden war, von oben bis unten an und meinte: „Du bist so schön weich, ich habe keine Zähne mehr. Gib mir ein paar Bröckchen ab, dann zeige ich dir den Weg. Da fing Herzchen bitterlich an zu weinen und rief schluchzend:

„Gibt es denn auf der ganzen Welt niemand, der einem hilft, ohne mich anzuknabbern?!“

Doch weil sie schnell weiter wollte und die Frau hartherzig blieb, brach sich Herzchen selber ihre weichsten Brocken ab, und dann erst zeigte ihr die Frau den richtigen Weg. Es war fast Abend, als sie in die Stadt kam. Gleich in der ersten Straße fand sie eine Bäckerei. Und da sah das aufgeweichte, magere Lebkuchenherzchen ihr geliebtes großes Herz an einem roten Bändchen in der Ladentür hängen, um die Leute anzulocken. Ach, wie gern wäre Herzchen hochgesprungen und hätte sich drücken lassen; doch sie konnte vor Schwäche nicht mehr springen.

„Mach mich los“, schrie das große Herz, ich bin schon ganz hart vor Hitze. Seit Tagen brate ich in der Sonne.“

Aber das kleine Herzchen konnte sich selber kaum helfen. Es war ja nur noch ein kleines, blasses Stummelchen. Da kam eineSchwalbe angeflogen. Glücklich rief Herzchen: „Liebes Schwälbchen, nimm doch bitte das große Lebkuchenherz vom Nagel, die bösen Menschen haben es dort angebunden!“

Das Schwälbchen besah sich die Angelegenheit ganz genau, dann fasst es mit seinem Schnabel das Bändchen und setze das große Herz in Freiheit.

Da stand es nun, das schöne große Lebkuchenherz an der Ladenschwelle und das kleine Herzchen wollte sich mit einem Freudenschrei an das große Herz stürzen, aber oh, weh, die Schwalbe kam zurück, erfasste mit dem Schnabel den letzten, blassen Rest von Herzchen und flog über die Dächer davon. Das große Herz stand noch einen Augenblick vor Schreck und blickte dem kleinen Herzchen nach. Dann griff es ins Regal, nahm sich ein großes, hart gebackenes Herz und wanderte damit heimwärts. Manchmal dachte es noch an das liebe, treue, kleine Herzchen und weinte ein paar Tränen. Aber nur manchmal.