Chalun bittet um Hilfe/5

 

Wenige Tage später beschlossen die beiden Freunde, Schlitten zu fahren. Sie holten den großen Schlitten aus dem Schuppen, als ein kleiner, grauer Piepmatz mit knallrotem Köpfchen auf dem Rücken von Sami landete und zwitscherte:

 „Den braucht ihr heute nicht mehr. Chalun, die Hexe schickt mich. Ihr sollt schnell zum See kommen. Ihr wüsstet schon wo!“ Der Vogel erhob sich und flatterte davon.

„Nicht schon wieder Chalun“, ereiferte sich Sami. Tobias beruhigte ihn. „Sie ruft uns nicht umsonst. Vergiss nicht, sie hat uns auch immer geholfen, wenn wir in Not waren.“

„Also lebt sie jetzt auch in unserer Welt“, stellte Sami laut fest. Wer weiß, wen sie noch alles …

„Komm, mein Freund, lass mich aufsteigen!“, lachte Tobias.

Die Hexe saß am Ufer des Sees. Sie starrte in das dunkle, tiefe Wasser.

„Was ist passiert Chalun?“, fragte Sami. Das Gesicht der Hexe färbte sich rot vor Zorn. „Dieser Teufel! Dieser Satan! Dieses krummbeinige Ungeheuer hat meinen Hexenbesen samt Hexenbuch in den See geworfen, nur weil ich gestern auf dem Hexenball nicht mit ihm getanzt habe! Ich brauche beides sehr dringend, Sami.

Ohne diese zwei Dinge, bin ich keine Hexe“, jammerte Chalun.

„Also doch“, flüsterte Tobias leise, sodass es nur Sami hören konnte“,

der Teufel ist auch hier in der Menschenwelt. Das gefällt mir gar nicht!“

„Warum steigst du nicht selbst ins Wasser und suchst danach?“, fragte Sami.

„Warum, warum“, geiferte sie, „weil Hexen zu leicht sind und nicht untergehen. Aber du bist schwer genug und rechtzeitig zu uns zurückgekehrt. Ich möchte, dass du auf den Grund des Sees tauchst und ihn suchst. Zum Glück ist er noch nicht zugefroren.“ Tobias wollte seinen Freund zurückhalten, doch Sami ging sofort ins Wasser und blieb eine Viertelstunde verschwunden. Schließlich tauchte er wieder auf.

„Tut mir leid, Chalun! Ich war ziemlich weit unten, aber den Grund des Sees habe ich nicht erreicht“, bedauerte der kleine Elefant.

„Papperlapapp! Jedes Gewässer hat einen Grund, Sami“, fauchte sie ihn an. „Versuch`s noch mal!“

Sami stieg erneut ins Wasser. Diesmal blieb er eine halbe Stunde im tiefen Wasser.

Und wieder tauchte er auf.

„Den Grund des Sees habe ich immer noch nicht gefunden. Es ist zu dunkel und kalt, wie in einem Grab. Die Hexe neigte ihren Kopf nach hinten und knurrte wie ein zahnloser Hund. Eine Taschenlampe kam angeflogen. Sie ergriff sie und überreichte sie Sami.

„Los“, feuerte sie ihn an, „sieh noch mal nach!“ Sami verschwand noch einmal in dem trüben Wasser. Die Dämmerung brach schon herein, da tauchte er wieder auf. Er hatte den Hexenbesen und das, vor Nässe triefende Hexenbuch, endlich gefunden.

Chalun wollte danach greifen, aber Sami hielt beides mit dem Rüssel fest.

„Bekomme ich eine Belohnung Chalun?“, wollte er wissen.

„Die bekommst du, Sami. Schon sehr bald wirst du meine Hilfe brauchen! Dann rufe dreimal meinen Namen!“, versprach sie.

„Was ist das für eine Antwort“, dachte beunruhigt Sami und übergab ihr den geliebten Besen und das Buch, ohne diese beiden Dinge sie angeblich keine richtige Hexe war.

Sami hatte sich beim Tauchen im See erkältet. Als Mama Lisa sein Husten und Poltern oben im Kinderzimmer hörte, stürmte sie sofort die Treppe hoch.

„Auweia, dich hat es aber erwischt! Wo hast du dich wieder herumgetrieben? Ich mache dir schnell einen heißen Tee, danach wird es dir sofort wieder besser gehen, bevor ihr in den Zirkus marschiert.“

„Zirkus?“, fragten beide verwundert.

 „Überraschung!“, rief sie freudestrahlend, „ich habe Zirkuskarten für euch!“

 Sami bekam große Augen.

 „Wieso Zirkuskarten? Ich denke, den gibt es nicht mehr?“

Mama Lisa blickte ihn verwundert an.

„Ja, in deiner Märchenwelt nicht mehr. Dort lebst du aber nicht mehr, hast du das vergessen?“

„Na, ja“, meinte Mama Lisa, „es ist nur ein kleiner Wanderzirkus, so wie im richtigen Leben, nicht so einer, wie in deinem Märchenbuch. Ich dachte, ich mache euch eine Freude damit!“

Sami griff mit dem Rüssel nach den Karten, er stutzte und las.

„Der Zirkus Sarino präsentiert heute einen tanzenden Bären!“

„Oh, ich freue mich ja so sehr! Sieh doch nur“, sagte er dann erstaunt zu Tobias.

„Pako tritt heute im Wanderzirkus auf. Er hat mir nichts davon erzählt. Erinnerst du dich an Pako, den wir damals vor diesem schrecklichen Mann gerettet haben?“

„Natürlich erinnere ich mich daran. Vielleicht hat der Zoo ihn heute nur ausgeliehen, weil ihr eigener Bär erkrankt ist!“ „Findet es heraus, Sami“, lächelte Mama Lisa, „dann wisst ihr es.“

 Die beiden waren sehr aufgeregt und konnten nicht schnell genug aus dem Haus kommen.

 

Kurz darauf standen sie vor dem hellerleuchteten Zirkuszelt. Samis kleines Herz klopfte zum Zerspringen. Er atmete seit Langem wieder mal Zirkusluft. Und sein Herz wurde schwer. Wie alle anderen nahmen sie ihre Plätze ein und warteten ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung.

Zwei Reihen hinter ihnen hörten sie eine Kinderstimme sagen: „Guck doch mal, Mami, dort vorne sitzt Sami, der fliegende Elefant aus dem Zoo!“

„Ach was, wie sollte der hierherkommen?“, antwortete eine Frauenstimme.

„Der da vorne gehört sicher zum Zirkus!“

„Aber er sieht genauso aus“, beharrte die Kinderstimme.

Tobias und Sami blickten sich an und grinsten.

Unter der Kuppel der Manege gingen die Lichter an. Laute Musik dröhnte in ihren Ohren. Die Vorstellung begann mit lustigen Clowns, die mit dem Publikum ihre Späße trieben. Affen auf Rollschuhen drehten ihre Kreise, kleine Hunde sprangen durch brennende Reifen und junge Mädchen turnten, auf dahin trabenden Pferden.

Sami flüsterte: “Wann kommt endlich der tanzende Bär? Ich will endlich wissen, ob es Pako ist!“

„Er ist am Schluss dran“, sagte Tobias ebenso leise. „Hast du das schon vergessen? Der Höhepunkt kommt doch immer zum Schluss.“

Dann endlich war es so weit. Ein dicker Dompteur führte an der Kette einen braunen Bären in die Manege. An seinem rechten Bein klirrte eine Kette, durch seine Nase war ein Ring gezogen, ebenfalls mit einer Kette verbunden. Das Bein blutete und tropfte in den Sand.

Sami fragte entsetzt: „Warum wird er an einer Kette gehalten?“

„Weil ein Bär gefährlich werden kann“, erklärte Tobias.

Sami war empört.

„Aber der da vorne ist nicht gefährlich! Ich kenne ihn. Es ist wirklich Pako. Als ich bei ihm war, habe ich von einer Kette nichts bemerkt und er hat auch nichts davon erzählt. Allerdings war es da schon dunkel.“

Der Bär sollte nach der Musik tanzen, doch er folgte dem Befehl nicht. Stattdessen reckte er die Nase in die Luft. Er witterte Sami, den Freund, aus früheren Tagen, der nun wieder zurückgekommen war.

Roh zog der Dompteur an der Kette, die durch Pakos Nasenring lief, holte mit der Peitsche aus und drosch wütend auf ihn ein.

Sami war nicht mehr zu halten. Er sprang von seinem Sitz auf. Laut trompetend bahnte er sich den Weg zur Manege. Dort packte er den Dompteur mit dem Rüssel und drückte ihn in eine Ecke zu Boden. Die Zuschauer sprangen entsetzt von ihren Sitzen auf. Einige begannen zu klatschen, weil auch ihnen das Tier leidtat, andere begriffen nicht, was da vor sich ging. Sami ergriff die Kette von Pako und führte ihn zum Ausgang hinaus. Niemand wagte, sich ihnen entgegen zu stellen.

Tobias verließ in der allgemeinen Aufregung unbemerkt das Zirkuszelt. Draußen sah er Sami und Pako zwischen den Wagen verschwinden. Sicher wollten sie zur alten Scheune, dem Lieblingsversteck des kleinen Elefanten.

Da tauchte der dicke Dompteur auf. Mit einer Schnelligkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, rannte er hinter den Fliehenden her. Schon griffen seine Hände grob nach Pakos Nasenkette, doch Sami war schneller. Mit einem Schwung beförderte er den Bären auf seinen Rücken, breitete die Flügel aus und schwang sich in die Luft.

Tobias rannte schnurstracks zur alten Scheune. Pako und Sami waren schon dort, als er eintraf.

Der Bär saß auf einem Bündel Stroh und leckte sein verletztes Bein. Als er den Jungen gewahrte, hob er den Kopf und blickte ihn mit furchtsamen Augen an.

„Das ist Tobias, du kennst ihn doch von früher. Hab keine Angst, mein Freund“, beruhigte ihn Sami. „Wir werden versuchen, dir zu helfen!“

Der Bär bewegte vorsichtig den Kopf. Tobias sah, dass auch Pakos Nase blutete.

 „Bitte bringt mich in den Zoo zurück“, brummte der Bär bittend. „Ich bin zu alt zum Tanzen. Die Ketten scheuern mich wund und der Nasenring tut weh!“

„Ich weiß genau, wie du dich fühlst“, tröstete Sami den Bären. „Vor vielen Jahren bin ich auch geschlagen worden. Das hörte erst auf, als der Zirkusdirektor bemerkte, dass ich fliegen konnte. Du kamst erst später dazu, nachdem wir dich auf dem alten Marktplatz von deinem Peiniger befreit hatten. Erinnerst du dich? Ich hoffte immer, im Zoo ginge es dir besser. Und nun finde ich dich in solch jammervollen Zustand! Warum leihen sie dich an den Zirkus aus?“, fragte Sami.

Dem Bären fiel es schwer zu reden.

„Wahrscheinlich, weil es dem Zoo auch an Geld fehlt. Warte nur, irgendwann ketten sie dich auch an, so wie mich. Bitte befreit mich davon“, bat Pako und zwei dicke Tränen rollten aus seinen Augen.

Sami überlegte. Dann griff er nach der Zauberfeder hinter seinem Ohr, gab sie Tobias.

„Geh` damit vor die Scheune, Tobias. Halte die Feder Richtung Norden und rufe dreimal den Namen der Hexe. Wir brauchen ihre Hilfe. Allein schaffen wir das nicht, die Kette und den Ring zu lösen, ohne Pako wehzutun.“

Tobias führte Samis Auftrag gewissenhaft aus. Es dauerte auch nicht lange, da hörte er ein Rauschen und Chalun landete mit ihrem Hexenbesen genau vor seinen Füßen.

„Hab ich mir doch gedacht, dass ihr es seid, die mich in meiner Ruhe stören. Was habt ihr nun schon wieder ausgefressen?“, wollte sie wissen.

„Gar nichts“, verteidigte sich Tobias. „Sami hat seinen Freund Pako vor den Schlägen des Dompteurs gerettet. Aber da ist etwas, dass wir nicht ohne deine Hilfe schaffen können. Komm in die Scheune, dann siehst du es selbst.“

Ein kurzer Blick auf Pako genügte der Hexe.

Ich soll den Bären von seinen Ketten befreien“, stimmt`s? Und dann schimpfte sie: „Wie soll`s dann weitergehen? Man wird euren Freund suchen, finden und wieder in den Zirkus zurückbringen wollen, damit die Vorstellung weitergehen kann. Was hast du dir dabei gedacht, Sami! Ein Versteck in der Scheune ist auf Dauer keine Lösung!“

„Nimm ihm erst mal das viele Eisenzeug ab, dann sehen wir weiter. Seine Stimme klang zuversichtlich.

Chalun schloss ihre Augen, atmete tief durch und ließ die Luft langsam durch die Nase entweichen. Wie von Geisterhand löste sich die Kette, fiel klirrend auf den Boden und der Nasenring rollte Tobias vor die Füße. Pako wollte sich erheben, doch im gleichen Moment hörten sie das Geräusch eines Wagens. Chalun ahnte, was das zu bedeuten hatte! Schnell murmelte sie einen Zauberspruch und augenblicklich waren sie und der Bär verschwunden. Rasch schob Tobias den Ring zu der Kette und warf ein Bündel Stroh darüber. Da wurde auch schon die Türe aufgerissen.

Der dicke Dompteur war aufgetaucht und forderte seinen tanzenden Bären zurück.

„Wo ist er?“, schrie er die beiden an.

Sami ließ unschuldig den Rüssel baumeln.

„Tut mir leid! Bei uns nicht. Ich habe ihn im Wald abgesetzt.“ Tobias trat mutig einen Schritt vor und blickte den Mann streng an. „Sie sollten die Tiere besser behandeln, besonders, wenn sie vom Zoo ausgeliehen sind, damit so etwas, wie heute, nicht noch einmal passiert.“

„Das werdet ihr mir büßen“, schrie der Dompteur wütend, machte kehrt und schlug die Türe mit einem lauten Knall hinter sich zu. In der Ecke, unterm Stroh, kicherten leise zwei kleine Mäuschen. Es war Pako, der Bär und Chalun, die Hexe.

 

Zwei Tage später wurde im Zoo ein großes Fest veranstaltet. Mama Lisa hatte für Gebäck und Getränke gesorgt. Chalun und Sami flogen mit den Kindern ihre Runden und Pako, der Bär, zeigte den Kindern noch einmal seine Tanzkunst, doch diesmal mit Freude und ohne Ketten. Gerne spendeten alle ihr Taschengeld. Mama Lisa legte noch etwas darauf und Chalun hexte alles zu einem großen Betrag. Mit dieser Summe wurde Pako vom Verleihen an den Wanderzirkus freigekauft und wurde nie wieder an einen Zirkus verliehen. Wie gut, wenn jemand solche Freunde hatte, wie Sami, Tobias, Mama Lisa, die Kinder und sogar die Hexe Chalun.